Zürcher Nähatelier kämpft mit Geflüchteten gegen die schmutzige Textilindustrie

In der Binz läuft ein erfolgreiches Experiment: Wie kann man Kleider möglichst sozial und ökologisch nähen? «Social Fabric» arbeitet mit Flüchtlingen und experimentiert mit neuen nachhaltigen Textilien.
13. September 2017

Das Bügeleisen in der Elfenbeinküste hat Cisse Sekou zumal mit Kohle erhitzt. Heute bügelt er im hellen Nähatelier in Zürich Binz. Cisse ist aus seiner Heimat in die Schweiz geflohen. «In der Elfenbeinküste habe ich in etwa immer die gleichen Kleider genäht: Männerkleider. Hier mache ich von Frauenkleider über Rucksäcke alles.» Das war eine grössere Umstellung für den gelernten Schneider. Cisse hätte es wohl kaum geschafft, hier einen Job als Schneider zu bekommen, wäre da nicht Social Fabric. Heute ist er vom Projekt angestellt, seinen Lohn hat Social Fabric zuerst über ein Crowdfunding finanziert.

In farbigen afrikanischen Gewändern sitzen die Schneiderinnen an den Nähmaschinen. Hier wird Französisch gesprochen, am Nachbartisch verständigen sich zwei mit Handzeichen. Bald vergisst man, dass man in einem sterilen Zürcher Bürogebäude ist. Hier im Atelier wird genäht, gelacht und diskutiert, überall liegen bunte Stoffballen. Heute Morgen ist das offene Nähatelier. Flüchtlinge dürfen gratis kommen und nähen, Cisse ist da, wenn es Hilfe braucht.

Es sind vor allem Frauen da, mit Kopftuch, mit afrikanischen Kleidern. Wie genau man das Schnittmuster jetzt platzieren soll, darüber diskutiert eine Helferin und eine Geflüchtete. Clarissa Hurst hilft manchmal freiwillig mit.

Neben dem Nähen geht es hier aber noch um viel mehr: Das Nähatelier ist ein Integrationsprojekt, wie sich unschwer erkennen lässt. Menschen mit Fluchthintergrund bekommen Arbeit, etwas zu tun und je nach Aufenthaltsstatus einen Lohn. Die genähten Kleider werden online auf refugees-welcome.ch verkauft. Die T-Shirts sind von Flüchtlingen mitdesignt. Refugees Welcome, dieses Statement zieht sich durch die ganze Social Fabric.

Heather Kirk ist die Gründerin vom Projekt. Warum sie mit Flüchtlingen arbeitet? Das liege doch auf der Hand: Flüchtlinge finden oft keinen Job in der Schweiz. Und da hier Handarbeit anstehe, fallen Sprachdefizite nicht so ins Gewicht. Daneben organisiert sie Workshops über die Arbeitserwartungen und Feedbackkultur in der Schweiz. «Wir sind ein so international zusammengewürfeltes Team, wir unterscheiden bei der Arbeit nicht, ob jetzt jemand Fluchthintergrund hat oder nicht.»

Die Textilproduktion und -verarbeitung gehöre sozial wie ökologisch zu den schmutzigsten Branchen. Darum arbeitet Social Fabric ausschliesslich mit nachhaltigen Textilien. Längerfristig sollen diese auch möglichst regional produziert werden. Die Kanadierin Heather kommt eigentlich aus dem Umweltbereich: Sie hat als Pflanzenbiologin an der ETH Zürich gearbeitet und liebäugelt mit innovativen Stoffen aus Orangenabfällen oder Milchfasern.

Wie so oft bei ideologisch getriebenen Projekten stellt sich die Frage der Finanzierung am Schluss. Eigentlich ein hoffnungsvolles Zeichen, denn es bedeutet, dass es nicht nur um Geld geht. Ein T-Shirt für 9,90 Franken wird vermutlich von Minderjährigen in Bangladesch genäht, die Baumwollfelder in Indien werden mit Flugzeugen überflogen, welche Pestizide auf die Pflanzen und die Baumwollpflücker sprühen. Mit nachhaltigen Textilien und in der Schweiz genäht, kostet ein T-Shirt bei Refugees-Welcome 50 Franken. Immer noch zu wenig für eine selbsttragende Produktion. Deshalb wird Social Fabric auch von Stiftungen und Spender*innen unterstützt.

Mit dem insgesamt dritten Crowdfunding möchte Social Fabric nun den guten Weg bekannter machen: «Better Way» heisst die geplante Kampagne. Man möchte das Konzept der Sozialen und Ökologischen Nachhaltigkeit in der Textilbranche verbreiten. Denn Heather ist überzeugt: Wenn das Konzept in Zürich funktioniert, dann geht das in anderen Ländern bestimmt auch.

Das Crowdfunding von Social Fabric hat am 7. September gestartet.

Auf der Webseite von Social Fabric findest du weitere Infos zum Projekt.

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