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Die Apfelbäume sind dank dem Hagelnetz gut geschützt. (Alle Fotos: Jenny Bargetzi)

Stadtzürcher Bauernhöfe: Zu Besuch im Wein- und Obsthaus Wegmann

Für unseren Fokusmonat «Stadt-Landwirtschaft» im September haben wir vorab vier städtische Bauernhöfe besucht. Den Anfang macht das Wein- und Obsthaus Wegmann in Höngg. Die Landwirt:innen erzählen, wie sie mit Extremsituationen umgehen und wieso sie kein Biohof sind.
06. August 2021
Praktikantin Redaktion

Es ist heiss, die Sonne brennt an diesem Tag ungewohnt fest vom Himmel. Der Frankentalerstrasse entlang in Richtung Rütihof hinauf, liegt der Hof auf der rechten Seite. «Wein- und Obsthaus Wegmann» steht in grossen Buchstaben über dem Eingang zum Hoflädeli. Drinnen ist es angenehm kühl. Herzlich wird man von den zwei Mitarbeiterinnen empfangen. Der Laden überraschend gross, die Produkte sorgfältig platziert. Die liebevoll verpackten Einmachgläser stehen perfekt geordnet im Regal, als ob ihre Position täglich neu geprüft wird. Die farbigen Früchte verführen beinahe zum Probieren, das frische Gemüse ist sorgfältig arrangiert. Die Stimmung im Lädeli ist familiär, man scheint sich zu kennen, grüsst sich und kommt ins Plaudern.

Vor der Pandemie durften die Gäste im Hofladen jeden Samstag hofeigene Produkte degustieren.

Nach kurzer Zeit betritt Zarina Wegmann, die Mitinhaberin des Wein- und Obsthaus den Laden. Sie winkt beim Herankommen und trotz Maske ist zu erkennen, dass sie lächelt. Sie sprüht förmlich vor Energie. Etwas später kommt ihr Mann Daniel Wegmann dazu. Ein grosser Mann mit kräftigen Händen, bei denen die tägliche Arbeit ihre Spuren hinterlassen haben. Zarina und Daniel Wegmann haben vor rund 17 Jahren den Hof von Daniel Wegmanns Eltern übernommen. Mit der Übernahme wurde auch das Ladenkonzept aufgefrischt. Neu sollten sich die Kund:innen nicht mehr selbst an mit den Produkten bedienen können, sondern werden von einem:r Angestellten begleitet, welche:r die begehrten Produkte ins Körbli legt. Ein geschätzter Service, der zu Beginn jedoch bei vielen Kund:innen Skepsis hervorgerufen habe, so Zarina Wegmann.

Ein Grund für den Entscheid sei eine Untersuchung im Rahmen der Ausbildung von Daniel Wegmann gewesen, in der Äpfel in der Selbstbedienung auf die Anzahl Handcremes untersucht wurden. Daraus liess sich ungefähr schliessen, wie viele Personen die Äpfel angefasst hatten. Am Ende eines Tages konnten rund 12 verschiedene Cremes auf einem Apfel festgestellt werden. Die Dunkelziffer sei deutlich höher, meint Zarina Wegmann. Denn nicht jede Person trage schliesslich Handcreme. Darauf hätten sie reagiert: Seit da dürfen die Frischeprodukte nur noch von Angestellten angefasst werden. Der anfängliche Vorbehalt wandelte sich laut den Landwirt:innen schnell in Zustimmung um, besonders seit dem Start der Pandemie. Das Konzept werde mittlerweile sehr geschätzt, erzählt Zarina Wegmann weiter.

Im Lädeli helfen während den Sommerferien Studierende aus. Draussen unterstütze eine weitere Person die beiden: Achteinhalb Hektaren Fläche gilt es zu bewirtschaften.

Zarina und Daniel Wegmann haben vor 17 Jahren den Hof übernommen.

An den Grenzen des Machbaren

Draussen in der Hitze, direkt hinter dem Hof, stehen mehrere hundert Birnenbäume. Sie sind mit einem riesigen Netz überdeckt; ein Witterungsschutz. «Das hat uns einiges erspart», meint Daniel Wegmann. «Wir wurden nicht ganz so stark vom Hagel getroffen wie andere und der Rest wurde vom Netz aufgehalten. Sonst sähe es deutlich schlechter aus», erklärt er. Auch die Kirschen seien dank Heizkerzen dem Kältetod davon gekommen. Diese Massnahmen habe dazu geführt, dass sie von den Unwettern im Juli mehrheitlich verschont geblieben. «Solche Extremsituationen sind natürlich immer schwierig. Einige Äpfel weisen Frostschäden auf, haben kleine Risse in der Haut. Einige haben Dellen, was auf einen Hagelsturm hinweist. Aber im Grossen und Ganzen sind wir glimpflich davongekommen.»

Teilweise sei dies auch dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu verdanken, erklärt Daniel Wegmann. Ein breit diskutiertes Thema, das in den vergangenen Abstimmungen immer wieder zu hitzigen Diskussionen geführt hatte. «Nein, natürlich verwenden wir keine chemischen Mittel, wo es nicht nötig ist», erklärt der Landwirt. «Ich vergleiche es immer so: Wenn man Kater-Kopfschmerzen hat, ist man selber schuld, da braucht es auch keine Medikamente. Wenn eine Person aber hohes Fieber hat, ist sie froh um ein Mittel. Ähnlich ist es auf dem Hof, es braucht ein guter Mix», sagt er. Folglich seien sie kein Biohof.

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Schwierig werde es dann, wenn synthetische Behandlungsmittel nicht erlaubt seien und keine alternativen Methoden bestünden. Da würden sie schon an die Grenzen des Machbaren kommen. Er nennt das Beispiel der Marmorierten Baumwanze, im Volksmund bekannt als «Stinkkäfer», die im Jahr 2004 das erste Mal in Zürich ihr Unwesen trieb. Der Schädling ist keine einheimische Art, sondern wurde in Kisten mit Dachziegeln in den Zürcher Chinagarten importiert. Die Wanzen sind enorm robust gegen Pflanzenschutzmittel oder andere Bekämpfungsstrategien. «Der Einsatz solcher Pestiziden, die tatsächlich etwas bewirken, war in der Schweiz nicht zugelassen. Es gab damals keine Lösung. Es braucht eine gute Balance zwischen dem Bösen und Guten», meint Daniel Wegmann. Mittlerweile hat man mit einer speziellen Wespenart namens Samurai-Wespe einen Teil der Lösung gefunden. Doch auch mit dieser Methode habe sich der Bund lange schwer getan.

Inwiefern Bäuer:innen chemische Substanzen verwenden dürfen, um ihre Ernte zu schützen, und wie stark der Boden und die umliegenden Gewässer dadurch verschmutzt wird, bleibt umstritten. Der Landwirt meint dazu: «Ich verstehe die Argumente derjenigen, die keine Pestizide wollen, gleichzeitig frage mich aber, ob andere Methoden tatsächlich besser sind.» Als Beispiel zu Herbiziden als Unterart von Pestiziden, nennt er eine alternative Regulierunsstrategie, bei der 100 Grad heisses Wasser mit 180 Bar Druck in den Boden gespritzt wird, um Unkraut zu entfernen. «Durchaus biologisch», meint er, die Bodenlebewesen würden jedoch bei lebendigem Leib verbrannt werden. «Ist das wirklich besser als Herbizid? Ich weiss es nicht, aber ich wüsste es gerne», meint er.

Es ist pure Handarbeit, egal ob Trauben ernten oder Äpfel pflücken. Das alles schlägt sich im Preis nieder. Logisch, bekommt man keinen Schweizer Weisswein in top Qualität für 3.50 Franken.
Daniel Wegmann, Landwirt

Ein anderes Beispiel betreffe die Rebberge. Durch den vielen Regen würden auch diese von einem Pilz, dem Mehltau befallen werden. Wegmann befürchtet, dass viele Biobäuer:innen diese Saison leer ausgehen würden: «In manchen Betrieben sieht man keine grüne Traube mehr! Es ist alles zerstört.» Mit einem synthetischen Mittel hätte man immerhin eine Chance gegen den Pilz. Dank dem Pflanzenschutz blieben die Pflanzen gesünder und so würde wenigstens ein Teil der Ernte übrigbleiben.

«Es ist schwierig und viele ungeklärten Fragen stehen nach wie vor im Raum», meint er. «Es gibt keine grossen Studien darüber, was jetzt tatsächlich mehr Sinn macht, für beide Seiten. Vielleicht liegt es daran, dass nicht die Resultate herauskämen, die man sich wünscht. Aber das ist nur eine Vermutung», so Wegmann. Es sei ein Problemfeld, in dem sich Bäuer:innen bewegen.

Die Diskussion ist stets die gleiche; wie viel ist der Mensch tatsächlich bereit, für Qualität zu bezahlen.
Daniel Wegmann, Landwirt

Miteinander statt nebeneinander

Ähnlich sei es beim Mindestlohn, an den sie gesetzlich gebunden sind: «Die Arbeit ist schön und macht viel Freude. Aber es ist pure Handarbeit, egal ob Trauben ernten oder Äpfel pflücken. Das alles schlägt sich im Preis nieder. Logisch, bekommt man keinen Schweizer Weisswein in top Qualität für 3.50 Franken», so Wegmann. Deutlich werde das auch bei den Kirschen, erzählt er, als wir uns unter zwei Netzen und einer Plastikschicht hindurchzwängen, welche die über 20 Jahre alten Bäume vor Tieren, Hagel und Nässe schützen. Eine solche Anlage kostet laut Wegmann pro Hektare mehr als 150'000 Franken. «Aus diesem Grund kosten auch die Kriesi nicht mehr nur fünf Franken pro Kilo, sondern 15.»

Wie ein Bericht der NZZ zeigt, gibt es viele Faktoren, warum Schweizer Lebensmittel, ob bio oder nicht, deutlich teurer sind als im Ausland. Auch andere Produktionsfaktoren wie der Bodenpreis oder die grundsätzlich kleineren Betriebsgrössen tragen gemäss der Recherche zu dem deutlichen höheren Preisniveau bei. Vergleicht man den Apfel-Verkaufsschlager der Sorte «Gala», zeigen sich deutliche Preisunterschiede: Im Inland kostet ein Kilo der Äpfel mehr als das Eineinhalbfache.

Frisch gepflückte Kirschen, die später im Hofladen verkauft werden.

Leider sei das noch nicht in allen Köpfen angekommen, bemerkt Wegmann. Die Diskussion sei stets die gleiche; wie viel ist der Mensch tatsächlich bereit, für Qualität zu bezahlen.

Was es dazu brauche, sei ein Miteinbeziehen der Leute. Den Bewohner:innen zeigen, was dahintersteckt. Deshalb würde das Wein- und Obsthaus Wegmann ausserhalb der Pandemie auch immer wieder Führungen, Tag der offenen Tür oder Feste anbieten. «So sehen die Besucher:innen, welche Arbeit dahintersteckt. Sie sehen, dass die Früchte und der Wein das Stadtgebiet nie verlassen. Alles wird lokal verarbeitet und die Qualität stimmt», sagt der Bauer. Dazu brauche man auch kein spezielles Label, ergänzt er. «Für unsere Produktion stehen wir mit unserem Namen hin», so Wegmann, während wir wieder zurück zum Laden spazieren, wo seine Frau bereits auf uns wartet. Wegmann bemerkt: «Es gibt immer mehr Labels, die Menschen sind überfordert und kommen im ganzen Wirrwarr nicht zurecht.» Dazu kämen noch weitere Interessengruppen der Stadt Zürich, die mit verschiedenen Projekten mitmischen möchten. Kein Wunder, würden da verschiedene Meinungen über die Arbeit der Bäuer:innen entstehen.

«Was wir uns aber wünschen, ist, im ganzen Entscheidungsprozess miteinbezogen zu werden. Mit uns reden, statt über unsere Köpfe hinweg diskutieren», sagt sie. Bis dahin würden die Wegmanns weiterhin versuchen, mit Aufklärungsarbeit für mehr Transparenz zu sorgen. Für ein besseres Miteinander.

Fokusmonat «Stadt-Landwirtschaft»: Stadtzürcher Bauernhöfe
Ob solidarische Landwirtschaft oder vertikale High-Tech-Farm – Zürich übernimmt in der Landwirtschaft immer wieder eine Pionierrolle. Auf Zürcher Stadtgebiet gibt es unzählige Beispiele von innovativen und nachhaltigen Landwirtschafts- und Gartenprojekten. Aber auch traditionelle Bauernbetriebe, Rebberge und Bienenhäuser tragen ihren Teil zur Zürcher Stadt-Landwirtschaft und zur Biodiversität bei. Als Vorgeschmack auf unseren Fokusmonat «Stadt-Landwirtschaft» im September, haben wir bereits jetzt vier städtische Bauernhöfe besucht. Dabei gaben uns die Landwirt:innen einen Einblick in ihre Arbeit und sprachen mit uns über die Zukunft der Landwirtschaft, die Ausrichtung der Agrarpolitik und die Bedingungen für Produzent:innen.

1. Zu Besuch im Wein- und Obsthaus Wegmann

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