Von Coraline Celiker

Praktikantin Redaktion

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14. September 2022 um 10:30

Zukunft der Triemli-Türme ungewiss: Junge Architekt:innen werden aktiv

Die Triemli-Personaltürme standen kurz vor dem Abriss. Im Mai wurde einer weiteren Zwischennutzung zugestimmt. Doch wie diese aussieht, steht noch in den Sternen. Die ZAS*, eine Gruppe junger Architekt:innen, lanciert deswegen in Eigeninitiative einen spekulativen Ideenwettbewerb, der über die Zukunft der Türme fabulieren lassen soll.

Die drei Triemli-Türme erhalten ein paar weitere Lebensjahre: Doch wie sollen diese aussehen? (Foto: Coraline Celiker)

Bis Anfang 2023 hätten sie abgerissen werden sollen. Nun kommt es doch anders: Die drei ehemaligen Personal-Türme des Triemli-Spitals dürfen bis auf weiteres bestehen bleiben. Durch ein Postulat von Marco Denoth (SP) und Walter Angst (AL) im Mai 2022 wurde die weitere zehnjährige Zwischennutzung von allen Parteien, bis auf die FDP, gutgeheissen

«Uns geht es vor allem darum einen politischen und einen Ideen-Diskurs anzustossen.»

ZAS*

Die ZAS*, ein Zusammenschluss junger Architekturschaffender, die für Tsüri.ch regelmässig Kolumnen schreiben, hat im Zuge der ungewissen Zukunft der städtischen Gebäude die Initiative ergriffen und einen Ideenwettbewerb lanciert, der «nach zukunftsweisenden Vorschlägen für die Um- und Weiternutzung der Anlage» sucht. Dies um zu zeigen, dass es an kreativen Möglichkeiten, die Türme originell zu nutzen, nicht mangelt. «Uns geht es vor allem darum einen politischen und einen Ideen-Diskurs anzustossen», erklären die Mitglieder der ZAS*. Ganz unabhängig davon, ob die Türme rückgebaut werden oder nicht, möchte sich die ZAS* mit diesen beschäftigen und das Potential der Bauten aufzeigen.


Am 1. Dezember soll der Ideenwettbewerb öffentlich mit einer Jurierung der eingereichten Projekte seinen Höhepunkt feiern. Die ZAS* wünscht sich besonders auch Eingaben von interdisziplinären Teams: «Es haben sich jetzt auch schon einige angemeldet. Wir sind gespannt, wie viele es bis zum Anmeldeschluss am 7. Oktober sein werden.»

Durch Erzählungen und Aktionen denkt ZAS* die bestehende Stadt weiter und und eröffnet aktiv imaginative Räume, um Debatten über die Zukunft unserer Städte anzustossen und diese neu zu denken. (Foto: Elio Donauer)

Gebäudeabrisse: Keine zeitgenössische Antwort

Normalerweise werden Architekturwettbewerbe offiziell ausgeschrieben und daraufhin das Projekt der Gewinner:innen realisiert. In diesem Fall nicht. Die ZAS* bezeichnet ihren Wettbewerb deshalb als «spekulativ». «Aus verfahrenstechnischen Gründen, da die ZAS* weder Eigentümer:in ist und weil noch unklar ist, was danach mit den Ideen passieren wird», erklären sie. Das Vorpreschen durch einen Wettbewerb hat laut Aussage der Architekt:innen einen konkreten Grund: Es sei sehr schwierig, gegen die etablierte Baukultur, die eher einem «Tabula rasa» gleicht, vorzugehen. «Unter den gesetzten Rahmenbedingungen ist es in der Stadt Zürich bisher so, dass man sich meistens darauf einigt, etwas zu ersetzen, weil bestimmte Gründe gegen eine Bewahrung sprechen», erörtert ein Mitglied. Oft würden «saubere und einfache Lösungen» bevorzugt, was mit einem Abriss einhergeht. 

Die Betonbauten gegenüber dem frisch gebauten Bettenhauses des Stadtspitals Triemli. (Foto: Coraline Celiker)


Mit ihrem Projekt will die ZAS* nun einen Rahmen schaffen, in dem die Teilnehmenden aufgrund der bereits vorhandenen Baustrukturen weiterdenken können. Dadurch könne aufgezeigt werden, dass auch bestehende Gebäude trotz Mängel, in diesem Fall zum Beispiel aufgrund neuer Brandschutzverordnungen, nachhaltig umgestaltet und kreative Lösungen geschaffen werden können. «Es ist wichtig, pragmatisch zu sein, doch es ist nicht unbedingt pragmatisch, bestehende, alte Strukturen alle in ein Normenschema pressen zu wollen», verdeutlichen die ZAS*-Mitglieder.

Es gehe darum, den festgefahrenen Blick zu lösen und auch auf die sehr robuste Betonstruktur dieser Bauten zu lenken, die laut einer Studie auch statisch gesehen immer noch gut in Schuss sei. Auch wenn die Bauten schwierig im Umgang scheinen, würden sie doch immer noch einen Nutzen haben. Das sieht auch eine Anwohnerin des umliegenden Quartiers so: «Es ist doch blödsinnig für etwas, das noch gut funktioniert, Geld aus dem Fenster zu werfen. Die Gebäude sehen doch noch ganz gut aus.»

Die Personaltürme aus der Vogelperspektive, anno 1981, als sie noch durch Krankenpfleger:innen bewohnt wurden. (Foto: e-pics; 1981, Swissair Photo AG)

«Es geht auch um eine Stadterinnerung. Es geht um soziale Aspekte.»

ZAS*


Auch wenn die Initiant:innen der Finanzfrage, die sich stets in den Vordergrund drängt, kritisch gegenüberstehen, sind nicht allein nachhaltige Motive ihr Antrieb: «Für uns geht es nicht nur um die Ökologie, um graue Energien und um Werte, die in diesen Gebäuden in einer energetischen Form gebunden sind, sondern auch um eine Stadterinnerung. Um soziale Aspekte.»

Denn auch wenn der betonlastige Baustil der 60er- und 70er-Jahre eher als karg und lieblos gilt: Die drei Personal-Türme des Triemli-Spitals prägen seit Jahren das Zürcher Stadtbild und sind schwer wegzudenken. «Viele Leute sagen, die Betonbauten aus den Nachkriegsjahren seien hässlich. Das ist aber immer eine Aussenwahrnehmung. Es geht auch darum, eine Innenperspektive einzunehmen. Der Blick von den Türmen auf die Stadt ist zum Beispiel fantastisch. Wie auch zu merken, wie viele Geschichten in diesen Gebäuden schon passiert sind und das zu spüren», sagt ein Mitglied der ZAS*.

Eine Bleibe für jede:n

Abgesehen davon, dass der Wohnraum in der Stadt Zürich knapp ist und alternative Lösungen zur Ersatzbau-Philosophie gefragt sind, beherbergen diese hohen Betonwände laut der ZAS* «viele Schichten in einer Geschichte einer Stadt, die einen Wert haben». Seit ihrer Fertigstellung im Jahr 1970 bewohnten schon Krankenschwestern die 750 Zimmer der drei Hochhäuser; Studierenden haben sie ein Zuhause geboten; sie wurden 15 Jahre als temporäres Alterszentrum genutzt und heute bieten sie Geflüchteten aus der Ukraine eine vorübergehende Bleibe.

Das temporäre Alterszentrum Triemli steht heute leer. (Foto: Coraline Celiker)

Eine der derzeitigen Bewohner:innen ist Diana. Zusammen mit ihren Kindern und weiteren Familienmitgliedern ist sie nach Kriegsbeginn in der Ukraine in die Schweiz geflüchtet und wohnt nun zusammen mit rund 200 geflüchteten Menschen aufgeteilt auf 70 Wohneinheiten im Haus A: Der Nummer eins der drei Türme. Vor dem Betonbau, auf einer Bank sitzend, erzählt sie über den erschütternden Krieg und ihre Erfahrungen. Für sie soll der Aufenthalt im Triemli-Turm nur ein Zwischenstopp werden. Sie sei auf der Suche nach einer eigenen Wohnung für sich und ihre Familie, erzählt Diana. Trotz allem ist sie froh, ein eigenes Zimmer, einen sicheren Ort für sich und ihre Kinder zu haben und fühlt sich aufgehoben.

Diana sitzt draussen vor ihrem derzeitigen Wohnort, trinkt ihren Kaffee und erzählt über ihre Erlebnisse. (Foto: Coraline Celiker)

Aus diesem Gedanken an die Vergangenheit und die Gegenwart der Türme ergab sich auch das Konzept eines Stadthotels für die Zukunft, das den Ideenwettbewerb der ZAS* rahmt. Die Triemli-Türme sollen in ihrer Vision ein Ort bleiben, wo jede:r ein Zuhause finden kann, über kurz oder lang. Bald hoffentlich auch in einem neuen Gewand.