Bullshit-Job? 💩

Wie werden wir in Zukunft arbeiten? – 8 Perspektiven

In Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung ist die Zukunft der Arbeit ein viel diskutiertes Thema. Im Rahmen der Tsüri.ch Pitch-Night vergangenen Dienstagabend zeigten acht Persönlichkeiten ihre Perspektiven zur Thematik auf.
09. Oktober 2019

Es war ein erfolgreicher Auftakt zum Fokusmonat Zukunft der Arbeit, der von Tsüri.ch und dem Verein Dein Grundeinkommen organisiert wird, am vergangenen Dienstagabend. Mehr als 250 Personen versammelten sich im geschichtsträchtigen Saal an der Universität Zürich, in dem einst Winston Churchill eine Rede hielt, um den eingeladenen Persönlichkeiten zu lauschen.

Acht Menschen präsentierten ihre Perspektiven zur Zukunft der Arbeit– jede*r aus einem anderen Blickwinkel. Dazu hatten sie jeweils nur sieben Minuten Zeit.

Wir haben euch die acht Betrachtungsweisen zusammengefasst:

1. Nadja Schnetzler - Generation Purpose

Den Start der Vortragsreihe macht die Unternehmerin Nadja Schnetzler. Als Gründerin des Netzwerks Generation Purpose plädiert sie dafür, dass Individuen ihren Purpose suchen und finden sollen – egal, ob in der Arbeitswelt oder ausserhalb. Es gehe darum, hinter Aktionen und Entscheidungen einen Sinn und Zweck erkennen zu können, so Schnetzler. Dieser Sinn, oder Purpose, müsse nicht gross sein, er müsse nicht die Welt verändern: «Aber er soll einen Menschen in Bewegung setzen und ihn herausfordern», sagt die 46-Jährige. Wichtig sei, dass der Purpose eigens definiert und zwar bei dem Prozess von Aussenstehenden unterstützt, aber nicht beeinflusst werde.

Du benötigst Hilfe bei der Definition deines eigenen Purposes? Ab Januar kannst du dich beim Non-Profit-Netzwerk Generation Purpose coachen lassen und danach selber als Coach anderen Menschen bei der Suche nach ihrem Sinn im (Arbeits-)Leben helfen.

Hier geht's zum Pitch von Nadja Schnetzler.

(Aufgrund technischer Schwierigkeiten wurde von Nadja Schnetzler leider nicht der ganze Pitch aufgezeichnet.)

2. Simon Wey - Chefökonom Arbeitgeberverband

Bei Simon Wey’s Pitch wird es zahlenintensiv. Drei Fragen führen durch die siebenminütige Präsentation: «1. Haben wir in Zukunft noch Jobs?», «2. Welche Qualifikationen werden erwartet?» und «3. Wie flexibel sind wir in Bezug auf Arbeitsformen?». Um die Fragen zur Zukunft beantworten zu können, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit:

Laut Statistik ist die Anzahl der Berufsmöglichkeiten im Dienstleistungssektor seit den 60er-Jahren bemerklich gestiegen. Soziale Berufe im 3. Sektor kompensierten in den letzten Jahrzehnten die Abnahme der Arbeitsplätze im 2. Sektor, der alle industriellen Berufe beinhaltet. Weiter erklärt Wey, dass es in den letzten 20 Jahren eine starke Zunahme von hochqualifizierten Arbeitnehmer*innen gegeben habe. Wobei nicht genau ausgemacht werden könne, ob sich die Berufe in der Schweiz den höheren Ausbildungsstandards der Arbeitnehmer*innen oder sich die Arbeitnehmer*innen den Stellenprofilen anpassen würden.

Eine weitere Grafik verrät, dass sich Schweizer*innen mit dem Weg in die Selbstständigkeit schwerer tun als auch schon. Der Ökonom macht dafür die fehlende soziale Sicherheit, wie Arbeitslosengeld oder AHV-Rente, verantwortlich.

Hier geht's zum Pitch von Simon Wey.

3. Ondine Riesen - Betroffene Burnout

Ondine Riesen beginnt ihren Vortrag mit den Worten: «Ich muss jetzt schnell reden, um euch die 12 Phasen eines Burnouts in sieben Minuten zu erklären.» Ein Burnout trete häufiger auf als viele meinen, erzählt sie weiter: «Und glaubt nicht, dass es euch nicht auch treffen kann.» Denn genau das, habe sie auch gedacht. Während ihres Praktikums vor sechs Jahren erkrankte Riesen an einem Burnout.

Im Schnelldurchlauf erläutert die junge Betroffene die ersten Phasen der psychischen Erkrankung, die oft noch nicht als das erkennt werden. Phase vier zeichne sich beispielsweise dadurch aus, dass man sich im Job zwar gestresst fühle, die Freude und der Stolz über die geleistete Arbeit jedoch überwiege. Während Phase neun hätte Riesen keinen grossen Sinn mehr in banalen Tätigkeiten gesehen: «Ich wollte einfach nur essen, schlafen und Serien schauen.» Sie habe nicht mehr gewusst, wer sie sei und was sie wolle. Den Peak der Erkrankung erreichte Riesen, als sie nicht mehr aufstehen konnte. Einfache Entscheidungen seien zur Qual geworden, so die Bielerin.

Während des Vortrags wird Riesen zunehmend emotionaler und das Publikum scheint mit ihr mitzufühlen. Wenn also über die Zukunft der Arbeit gesprochen wird, muss der Aspekt der chronischen Überarbeitung zwingend einbezogen werden.

Hier geht's zum Pitch von Ondine Riesen.

4. Martina Zürcher - Digitale Nomadin

Pitch Nummer vier hält die Digitale Nomadin Martina Zürcher. Angereist mit ihrem VW-Bus, erzählt die 39-Jährige von ihren Erfahrungen als Freischaffende und Herumreisende. Vor fast vier Jahren entschied sie sich zusammen mit ihrem Partner dazu, ihre Festanstellung gegen die Selbstständigkeit einzutauschen. Dies habe viel Selbstbestimmung, aber auch viel Verantwortung mit sich gebracht, erinnert sich Zürcher. Die Angst, am Ende vom Monat zu wenig Geld auf dem Konto zu haben, sei unbegründet gewesen, erzählt sie weiter: «Durch das Leben im Bus haben wir auch weniger Platz – und dadurch weniger Konsum, was auch weniger Ausgaben bedeutet.»

Unbedingt mitgeben möchte die Digitale Nomadin vor allem eins: «Folgt eurem Herzen und hört auf, euch für Stellenprofile zu verbiegen!»

Hier geht's zum Pitch von Martina Zürcher.

5. Sabrina Schenardi - Lead Community Building Innovation - SIX Innovation Homebase

Etwas ganz anderes thematisierte Sabrina Schenardi von SIX in den sieben Minuten, die ihr zur Verfügung standen. Die energetische Geschäftsfrau steht für ihre Anfangsfrage, die dem Publikum gestellt wird, gar auf die Kanzel: «Wer ist mit der Gestaltung seines Arbeitsplatzes nicht zufrieden?» Viele Hände schnellen hoch – abgesehen die von der Tsüri.ch-Redaktion.

Schenardi betont in ihrem Pitch zur Zukunft der Arbeit die Wichtigkeit der Atmosphäre am Arbeitsplatz: «Niemand will einfach einen Tisch, einen Stuhl und eine Lampe.» Arbeitnehmer*innen würden sich am Ort, wo sie immerhin einige Stunden am Tag verbringen, wohlfühlen wollen. Dabei gehe es nicht darum, dass der Arbeitsplatz mit Luxus ausgestattet, sondern dass er nutzerdefiniert und zielorientiert designt sei.

Auf die Frage aus dem Publikum, ob sich der Powernap bereits durchgesetzt habe, antwortet Schenardi mit einem bedauernden: «Nein.»

Hier geht's zum Pitch von Sabrina Schenardi.

6. Stefanie Holenweg - eSports-Expertin, Streamerin

Was hat e-Sports mit Zukunft der Arbeit gemeinsam? Mehr als wir uns vielleicht denken, sagt Stefanie Holenweg. Die junge Bernerin ist Expertin auf dem Gebiet des kompetitiven Gamens und zeigt in ihrem Pitch auf, warum eSports nur noch bedingt Zukunftsmusik ist. «Das höchstdatierte Turnier ist das TI – mit 35 Millionen Dollar Preisgeld.» Gamen als Beruf ist mehr als nur «ein bisschen Finger bewegen», stellt Holenweg klar. Die Anforderungen der Gamer*innen seien mit solchen eines Hochleistungssportlers vergleichbar: Trainings- und Ernährungsplan inbegriffen.

Der Sport schafft auch neue Berufe, die es vor einigen Jahren in dieser Form noch nicht gegeben hat. Beispielsweise brauche es neben Mental-Coaches auch Organisator*innen, die Game-Events planen und durchführen, Moderator*innen, Kommentator*innen, Analytiker*innen oder Streamer*innen – wie Holenweg selber eine ist. Gelernt habe sie dies «learning by doing», wie sie selber sagt. Eine Fähigkeit, die in Zukunft an Wichtigkeit gewinnen wird.

Hier geht's zum Pitch von Stefanie Holenweg.

7. Pascal Sutter - Universität Zürich

Im Vortrag vom Forscher Pascal Sutter wird der wissenschaftliche Aspekt der Thematik nochmal aufgegriffen. Gemäss Studien werden 47 Prozent aller Berufe durch die Digitalisierung verschwinden. Allerdings gleiche es einer Prophezeiung, zu berechnen, ob technologische Veränderungen diesen Effekt mit neuen Jobs ausgleichen könne. «Insbesondere deshalb, weil sich der Fokus bisher auf kopflastige Jobs verlagerte und nun genau diese Tätigkeiten von künstlicher Intelligenz immer besser ausgeübt werden können», so Sutter.

Grundsätzlich hätten wir mit drei grundlegen Veränderungen zu rechnen:

  • Erstens dem Skill Mismatch. Das bedeutet, dass wir zum einen nicht die passende Ausbildung auf die passende Stelle haben – Überqualifizierung oder Unterqualifizierung – und zum anderen heute nicht wissen, was morgen für Fähigkeiten von uns erwartet werden.
  • Zweitens nennt Sutter die Polarisierung auf dem Arbeitsmarkt. Die Zustände für Niedriglohnarbeitende würden noch prekärer werden. Menschen würden mehrere Vollzeit-Jobs annehmen müssen, um über die Runden zu kommen.
  • Die Lohnquote sei die dritte Veränderung in der Arbeitswelt: «Die Produktivität wächst, während der Lohn stagniert», so Sutter. In vielen europäischen Ländern ist dies bereits der Fall – ab 2020 wird gemäss wissenschaftlichen Berechnungen auch die Schweiz davon betroffen sein.

Hier geht's zum Pitch von Pascal Sutter.

8. Guy Standing - Co-Founder Basic Income Earth Network

Last but not least betritt der Mitgründer des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) die Bühne. Guy Standing ist der krönende Abschluss der Tsüri.ch Pitch-Night und macht wohl auch dem letzten Menschen, der an dem BGE zweifelt, klar, weshalb ein Grundeinkommen für alle Sinn macht. «Ich glaube, dass jedes Individuum in einer guten Gesellschaft ein Recht auf ein Grundeinkommen haben sollte», beginnt der 71-jährige Professor.

Standing nennt acht sogenannte «Giants» – oder Probleme – die mit dem BGE gelöst werden könnten:

  1. Ungleichheit
  2. Unsicherheit
  3. Private Schulden
  4. Stress
  5. Rutsch in prekäre Verhältnisse
  6. Automatisierung
  7. Auslöschung/ökologischer Kollaps
  8. Neo-Faschismus und Populismus

Ein BGE könne alle diese «Giants» überwinden oder zumindest abschwächen, ist sich Standing sicher.

Hier geht's zum Pitch von Guy Standing.

Und hier zum Interview mit ihm.


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