Zürich West – Geschichte einer gescheiterten Urbanität

18. September 2016

Die Quartierentwicklung in Zürich West ist ein Drama in drei Akten: Von der toten Brache entwickelte es sich zum Trendquartier und wieder zurück. Über die Ausbreitung urbaner Sterilität.

Im Zuge der Desindustrialisierung der Schweiz entstanden ab den späten 70er Jahren im Gebiet rund um den Escher-Wyss Platz grosse industrielle Leerflächen. In den 80er Jahren waren von den vielen Industriefirmen nur noch eine Handvoll übrig, die ihre industrielle Produktion noch in diesem Gebiet betrieben. Lange Zeit blieb dieses Areal relativ unangetastet, von den industriellen Brachen mal abgesehen, gab es keinen Grund, sich hier aufzuhalten.

Wer erkennt das „Nagelhaus“? Zürich West in einer Luftnahme von Eduard Speltirini aus dem Jahre 1898. Quelle: Wikipedia

Von der Industriebrache zum „Trendquartier“

Dies änderte sich ziemlich schnell, als gegen Ende der 80er Jahre vermehrt alternative Szenen begannen, sich dort einzunisten. So zum Beispiel auf dem Schoeller Areal an der Limmat oder auf dem Steinfels-Areal, wo sich während zehn Jahren Künstler, Idealisten und Architekten austoben konnten. Auch der in der alten Seifenfabrik erstmals eröffnete Klub „Rohstofflager“ bezog hier erstmals seine Räumlichkeiten. 2003 öffnete dann der Klub „Dachkantine“ auf dem Toni-Areal seine Pforten und sorgte bis zu dessen Schliessung im Jahre 2006 für die legendärsten Partys der Stadt. Einst als der anti-urbanste Ort schlechthin verschrien, mutierte „Züri-West“ so zu einem lebendigen Trendquartier, das für hunderte von Kleinunternehmen und Kreative aller Art Räumlichkeiten bot.

Parallel dazu rückte Zürich-West in den Fokus der Stadtplanung. Um der anhaltenden Stadtflucht Einhalt zu gebieten, sollte die Stadt politisch gestärkt und attraktiver gestaltet werden. Unter der Ägide von Ursula Koch, der damaligen Vorsteherin des Hochbaudepartements, schwebte der Stadt eine langfristige Aufwertung des ehemaligen Industriequartiers vor, indem bestehende Bausubstanz nicht einfach abgerissen, sondern umgenutzt werden sollte. Die Heilformel war dabei stets die der „Mischnutzung“: Forschung, innovatives Unternehmertum, Hotellerie, Urbanes Wohnen all dies sollte zu einem schmackhaften Cocktail einer attraktiven Urbanität gemixt werden. Mit dem Gestaltungsplan glaubte man über ein geeignetes Tool zu verfügen, um die Interessen der Öffentlichkeit mit denen der Grundstückseigentümer in Einklang zu bringen.

Schnell witterten auch Investoren das Potential der grossen, noch relativ ungeplanten Leerflächen dieses Stadtteils. Während nämlich 1970 ein Quadratmeter unbebautes Land 500 Franken kostete, hatte sich dieser zu beginn der Entwicklung von Zürich West 1990 bereits verdoppelt. Viele der ehemaligen Industriebetriebe stiegen in das Immobiliengeschäft um und operieren in Zürich-West nunmehr vorwiegend als Liegenschaftsverwalter. Entweder wurden die Grundstücke an private Investoren verkauft oder man betrieb in eigener Sache Prokjektentwicklung. Das Renditedenken stand dabei stets im Vordergrund – maximaler Profit zu möglichst geringem Aufwand. In der Folge wurden viele der ehemaligen Gebäudesubstanzen niedergerissen, an deren Stelle vor allem Wohn- und Büroräume im obersten Preissegment getreten sind. Dieser Entwicklung fielen auch die zahlreichen Zwischennutzungen zum Opfer, darunter auch jene auf dem Schoeller-Areal, wo heute die Überbauung Limmatwest steht.

Schickes Wohnen in Zürich West

Die meisten der im Zuge dessen entstandenen Wohnbauten richten sich ausschliesslich an Gutverdienende. Laut einem Bericht des Tagesanzeiger kostet im Hochhaus „Escher-Terrassen“ eine Attikawohnung stolze 12'735 Franken im Monat! Auch in den umliegenden Neubauten sind die Mietpreise nicht gerade niedrig: Im Hochhaus auf dem Toni-Areal kostet eine 2.5 Zimmerwohnung über 3'000 Franken und an der Naphtastrasse wird eine 2.5 Zimmer Attikawohnung für stolze 4'030 Franken im Monat angeboten, um nur einige Beispiele zu nennen. Dazu kommen etliche Eigentumswohnungen, die meist mehrere Millionen Franken kosten. Interessant ist auch, dass obwohl die verschiedenen Wohnprojekte in Zürich-West eine hohe bauliche Dichte aufweisen, die Belegungsdichte im Vergleich zu anderen Quartieren relativ niedrig ist. In den neuen Wohnbauten beträgt die durchschnittliche Wohnungsgrösse 115 m2, mit durchschnittlich 80 m2 Wohnfläche pro Person beträgt diese somit das Doppelte des städtischen Durchschnitts. Von nachhaltigem Wohnen ist man in Zürich-West noch weit entfernt.

In pompös inszenierten und bis ins Lächerliche übertriebenen Werbevideos wird der urbane Charakter des Viertels inszeniert. Ein amüsantes Beispiel findet sich auf der Seite des Mobimo Towers (http://www.mobimotower.ch/en). Zielgruppe ist der gutverdienende Teil der Gesellschaft, dem die urbane Umgebung als Konsumspektakel verkauft wird: Abends mit dem Porsche in die Tiefgarage, im hauseigenen Fitnesscenter ein bisschen schwitzen und danach im um die Ecke gelegenen Restaurant einen “salade equilibre“ runterschlingen. Vermittelt wird stets das Image eines urbanen Trendviertels. Hochhausflair und der Industrielle Charme werden als szenische Kulisse verkauft, die man Abends, ein Glas Sekt in der Hand, vom zwanzigsten Stockwerk, hinter doppelverglasten Fenstern verschanzt, geniessen kann. Bei der Vermarktung dieser Wohnobjekte steht neben dem Wohnen an sich, ein damit verbundener Lifestyle, der in eine urbane Fantasiewelt eingebettet ist, im Vordergrund.

Urbane Sterilität

Paradox ist allerdings gerade, dass dieser „Charme“ gleichsam zu verschwinden droht, und dass sich diese Fantasiewelt als äusserst steril und langweilig entpuppt. Denn Zürich-West gleicht vermehrt einem monotonen Wohn- und Arbeitsquartier. Die vielen neuen Hochhäuser wirken hermetisch abgeschlossen und aufgrund der in die Höhe schiessenden Mietzinsen droht ferner eine soziale Monokultur zu entstehen – Endstation ist, wie so oft, die Gentrifizierung. Viele der kleineren Unternehmen und die meisten Zwischennutzungen mussten im Zuge der von den Immobilienfirmen angetriebenen Bau- und Umnutzungsprojekten weichen.

In gleicher Weise widersprüchlich ist die Tatsache, dass diese teuren, grossflächigen Wohnsiedlungen, mit ihren gegen Gebrauch immunisierten Aussenbereichen, eher einer Agglosiedlung gleichen als einem „Trendviertel“. Beispielhaft lässt sich dies anhand der Überbauung auf dem Maag-Areal hinter dem Prime Tower zeigen. Die teils grossen Flächen zwischen den einzelnen Gebäuden wirken menschenleer und sind von einer gesäuberten, aseptischen Oberfläche überzogen. Von Quartierstimmung keine Spur.

Dass diese Aussenräume schlecht funktionieren, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass sie beinahe nahtlos in die Vorgärten der Wohnungen im Erdgeschoss übergehen. Dies ist vor allem bei der Überbauung Maaghof West der Fall.

Obwohl ein Teil der EG-Flächen für Ateliers oder halböffentliche Räume, zum Beispiel Kaffees zur Verfügung stehen sollte, konnte man für viele dieser Räume keine Mieter finden, weshalb sie zu Wohnungen transformiert werden mussten. Beim Gang durch das Quartier kann man sich so an vielen Stellen regelrecht vor das Schlafzimmer einer Wohnung pflanzen und das Interieur begutachten.

Blick vom Weg in eine EG Wohnung auf dem Maaghof West.

Peinlich ist auch die Lage beim Zölly-Turm: Hinter hohen Glasfronten befinden sich kein Restaurant oder sonstige halböffentliche Räume, die das Hochhaus im Erdgeschoss mit der Umgebung verbinden würden, sondern der Velokeller und Eigentumswohnungen. Auch der danebenliegende Pfingstweidpark ändert an dieser Situation nichts. Als ich an einem Donnerstag um halb 5 Uhr nachmittags daran vorbeilaufe, ist er menschenleer. Bis auf einige Büroangestellte und ein paar Anwohner, wirkt das Ganze wie eine Geisterstadt.

Der Pfingstweidpark an einem sommerlichen Samstagnachmittag. Gähnende Leere.

Den beiden Stadtforschern Joris Van Wezemael und Christoph Craviolini zufolge bilden solche Wohnquartiere wie jene auf dem Maag-Areal Inseln einer gebändigten und vollständig kontrollierten Urbanität, die von fremden Elementen und chaotischen Aspekten städtischen Lebens losgelöst ist. Anstatt eine Urbanisierung voranzutreiben, wird dadurch eher eine Suburbanisierung des Quartiers in Gang gesetzt. Die Personen, die diese Quartiere bewohnen, bilden geschlossene, einkommenshomogene Gruppierungen, die wenig zur urbanen Qualität beitragen. Der städtische Rummel, der für diese Yuppies so trendig ist, bildet lediglich die szenische Hintergrundkulisse ihres “ach so urbanen“ Lifestyles - letztlich geht es aber um den Komfort eines suburbanen Einfamilienhauses mitten in der Stadt.

Es ist nun wenig erstaunlich, dass diese Tendenz immer wieder kritisiert wird. Schon vor einigen Jahren konstatierte der an der ETH tätige Soziologe Christian Schmid in einem Interview mit dem Tagesanzeiger: „Zürich-West ist ein teures und ziemlich langweiliges Cityquartier geworden, mit wenig Offenheit und kaum noch Experimentierräumen. Das starke Renditedenken, eine hohe Ausnutzung und wenig Kooperationsbereitschaft vonseiten der privaten Investoren haben zu diesem Ergebnis geführt.“ Vor einigen Monaten äusserte er sich gegenüber der NZZ in noch schärferem Ton: Die Stadt, so Schmid, habe Zürich West zu Tode entwickelt und es dominiere nun eine „für die Schweiz typische Biederkeit.“

Von dieser Entwicklung profitiert haben vor allem Investoren und die grossen Immobiliengesellschaften, es herrschte unter diesen eine regelrechte Goldgräberstimmung. Zürich West, so Philipp Klaus, Autor einer vom Mieterverband 2013 in Auftrag gegebenen Studie, war eine Art „Immo Dorado“: „Ohne Eigenleistung haben die ursprünglichen Eigentümer und die Investoren auf den Arealen enorme Aufwertungsgewinne realisiert – ohne Abschöpfung durch eine Mehrwertabgabe. Und wo es zu Übernahmen und Verkäufen kam, konnte die Grundstückgewinnsteuer dank legalen Steueroptimierungen zum Teil umgangen werden.“ Angesichts möglicher Alternativen, die durchaus im Umlauf waren, von der Stadt jedoch abgelehnt wurden, müsse Zürich West „als Stadtteil der verpassten Chancen“ bezeichnet werden, so lautet Klaus’ abschliessende Bilanz.

RIP „Nagelhaus“

Dieser Tendenz konnte sich bis anhin einzig das Nagelhaus widersetzen. Die etwas heruntergekommene Fassade, der hübsche, leicht verwachsene Vorgarten, umgeben von einzelnen Bäumen - – gerade wegen der vielen Gebrauchsspuren, die sich über ein Jahrhundert hinweg hier niedergelegt haben, wirkt das berühmte an der Turbinenstrasse gelegene Haus einladend, eine Oase, umzingelt von einer Wüste kahlen Betons. Nun fällt auch dieses schöne Relikt der sich ausbreitenden Dürre zum Opfer. Am 30. Juni 2016 wurde das Grundstück zum Abriss freigeräumt. Das Gebäude wurde mittlerweile dem Erdboden gleichgemacht. Der Grund: Eine neue Zufahrtstrasse muss her.

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