💌 1159 Member 💌

Bild: Erik Mclean/Unsplash

«Keep it Kraus» – wie sich zwei Zürcherinnen für die Natural Hair-Bewegung einsetzen

Während in den USA immer mehr dunkelhäutige Schüler*innen aufgrund ihrer Haare sanktioniert werden, führen Tina und Hanna in Zürich mit ganz viel «Afro-Liebe» einen Coiffeur-Salon nur für Locken. Uns haben sie – kurz vor dem Lockdown – ihre ganz persönlichen (Haar)-Geschichte erzählt und weshalb sie verhindern wollen, dass Afro-Haar weiterhin als ungepflegt gilt.
07. April 2020
Redaktorin

Ein sich bedrohlich erhebender Berg dunkler Locken und ein mit Kamm und Bürste bewaffneter Vater, bereit, gegen die Haarpracht in den Ring zu steigen – eine Szene des Kurzfilms «Hair Love», der knapp vor dem globalen Lockdown an der diesjährigen Oscar-Verleihung als bester animierter Kurzfilm ausgezeichnet wurde. Der Regisseur der Geschichte, in der es dem Vater am Ende doch gelingt, den widerspenstigen Afro seiner Tochter auf natürliche Weise zu zähmen, hatte an jenem Abend einen ganz besonderen Gast ins Dolby Theatre in Los Angeles eingeladen: Den Schüler DeAndre Arnold aus Mont Belvieu, Texas.

Der 18-Jährige erlangte kurz zuvor traurige Berühmtheit, als ihm die Leitung seiner Schule die Weisung erteilte, er müsse seine Dreadlocks aufgrund der offiziellen Kleiderordnung abschneiden, wenn er denn an seiner Abschlussfeier teilnehmen möchte. DeAndre hat sich – erfolgreich – gewehrt und dabei prominente Unterstützung etwa von US-Comedian Ellen DeGeneres oder der Sängerin Alicia Keys erhalten. Seine Geschichte steht symbolisch für die zunehmende Zahl von Fällen, in denen dunkelhäutige Schüler*innen aus den USA für die Art und Weise wie sie ihre Haare tragen sanktioniert worden sind.

Ihnen wird so vermittelt, dass die Art und Weise, wie sie und ihre Familie sich kleiden, wie sie ihr Haar tragen, falsch ist
Lily Eskelsen García, Präsidentin der grössten Lehrergewerkschaft der USA

Das Problem liegt nach Ansicht von Expert*innen in der Politik beziehungsweise den Schulordnungen, die keine Rücksicht auf die immer durchmischter werdende Schülerschaft legt. «Ihnen wird so vermittelt, dass die Art und Weise, wie sie und ihre Familie sich kleiden, wie sie ihr Haar tragen, falsch ist», so Lily Eskelsen García, Präsidentin der grössten Lehrergewerkschaft des Landes, gegenüber dem US-News Sender CNN.

Trotz oder gerade deswegen findet die sogenannte «Natural Hair»-Bewegung seit Jahren mehr und mehr Anhänger*innen. Nach dem Vorbild vieler US-Amerikanerinnen haben mittlerweile dunkelhäutige Frauen auf dem ganzen Globus damit begonnen, sich ihre Haare nicht mehr mit giftiger Chemie zu glätten und ihre krausen Locken mit Stolz zu tragen – Afros und Dreadlocks sind so populär wie schon lange nicht mehr.

«Und was um Himmels Willen hat Zürich damit zu tun?» – wirst du dich nun vielleicht fragen. Tina und Hanna von «Curlish» haben die Antwort darauf. Wir von Tsüri.ch haben die beiden nur wenige Tage vor dem landesweiten Lockdown, der ihr Geschäft zum Stillstand gebracht hat, getroffen.

Das «Curlish»-Team mit den Gründerinnen Tina (links), Hanna (oben) und Mitarbeiterin Sara (rechts).

Eine komplexe (Locken)-Welt

Auf den schwarz lackierten Tischen ihres Haar-Salons in Zürich Oerlikon, den die beiden Freundinnen Ende 2018 eröffnet haben, liegen Hefte und Bücher mit Titeln wie «Curly Girl», «Grow it!», «Gurlz with Curlz» oder «Keep it Kraus». Ihren Instagram-Feed füttern die beiden nicht nur mit Impressionen der Haarschnitte und Frisuren, die sie ihrer gelockten Kundschaft verpasst haben, sondern vor allem auch mit ermutigenden Worten wie «Afro Love», die unter Bildern von aufwendigen Flechtfrisuren, anmutigen dunkelhäutigen Frauen, deren Haarpracht ihnen bis zu den Fussknöcheln reicht oder lachenden Kindern mit rund geschnittenem Afro prangen.

Ihre Mission: Die «Natural Hair»-Bewegung auch in der Schweiz und ganz speziell an ihrem Wohnort Zürich zu fördern. Nicht nur als gelernte Friseurinnen, sondern auch mittels Kursen, in denen die beiden ihre Kundschaft in die komplexe Welt der unzähligen Lockentypen und deren Bedürfnisse einführen. «Hier ist noch ganz viel möglich», erzählt Hanna, deren Mutter aus Äthiopien stammt, wo auch sie geboren und eine lange Zeit gelebt hat.

Habe mich stets geweigert, irgendwelche Chemie an mich ranzulassen
Hanna von Curlish

«Meine Mutter wollte damals, dass ich mir wie viele andere Äthiopierinnen meine Haare glätten lasse. Ich sollte als Tochter eines weissen Vaters nicht noch mehr auffallen und es leichter haben, dazuzugehören. Ich fand natürliche Haare aber schon immer am Schönsten und habe mich stets geweigert, irgendwelche Chemie an mich ranzulassen.» Sie ziehe auch heute noch die Blicke auf sich, musste sich auch schon doofe Sprüche anhören, erzählt die 37-Jährige, deren perfekt definierte Locken ihr bis über die Schultern reichen.

member ad

«Habe meine Haare nur noch zusammengebunden getragen»

Dass es ihrer Tochter einst anders ergehen wird, ist Hannas Geschäftspartnerin Tina umso wichtiger. Die 39-Jährige hat die ersten elf Jahre ihres Lebens in Nigeria, der Heimat ihres Vaters, verbracht. «Weil meine Schweizer Mama mit meinen wilden Curls nicht klargekommen ist, haben mir damals stets meine Tanten die Haare geflochten. Sie waren es auch, denen ich das Handwerk abgeschaut habe.»

Kaum in der Schweiz, fiel der haar-technische Support der Familie sogleich weg. «In unserem Dorf waren wir damals die einzige dunkelhäutige Familie – und das hat man uns auch spüren lassen. Weil ich nicht noch mehr auffallen wollte, trug ich meine Haare nur noch zusammengebunden», erinnert sich Tina.

Zopffrisuren und Afros, mit Selbstbewusstsein getragen – Tina hat die Zeit in London geprägt. Bild: Derek Torsani/Unsplash

Und dann kam London. Mit einer Freundin reiste sie im Alter von 19 Jahren in die Metropole. Und plötzlich waren da Afros, ausgefallene Zopf-Kreationen, Frauen, die ihre Lockenmähne mit Stolz trugen. Tina: «Das hat mir damals unglaublichen Mut gemacht.» Es folgten die Nullerjahre und mit ihnen die Zeit der Cornrows, feine am Kopf anliegenden Zöpfe, die Tina zuerst nur ihren Freund*innen und später einer immer grösser werdenden Kundschaft geflochten hat.

Kleine Mädchen sind stolz darauf und sagen sich: Hey, mein Haar ist schön
Tina von «Curlish»

Etwa zur gleichen Zeit absolvierte Hanna eine Lehre zur Coiffeuse. Sie realisierte schnell: «Es gibt so viele verschiedene Locken-Strukturen, um mit jeder einzelnen musst du anders umgehen. Das wird dir hier aber nicht beigebracht.» Kurz vor der Eröffnung von «Curlish» reiste Hanna deshalb nach New York, um den «Deva Cut», eine besondere Technik, gelockte Haare zu schneiden, von den Meistern des Fachs zu erlernen. In Europa seien solche Weiterbildungen noch immer rar, sagt sie.

Verhindern, dass Afro-Haar weiterhin als ungepflegt gilt

Das Engagement hat sich offenbar gelohnt: Die Kund*innen von Curlish – Männer wie Frauen jeglicher Herkunft, Mütter, Väter, Kinder – mussten sich bis vor dem Ausbruch des Coronavirus und den damit verhängten Massnahmen auf monatelange Wartelisten setzen lassen. «So toll, dass es euch gibt», lautete der Tenor. Tina und Hanna wollen Vorbild sein, dem «Strubelhaar»-Image, oftmals von der Werbung gefördert, den Garaus machen. Zeigen, dass nicht nur glattes Haar, sondern auch Locken Schönheitsideal verkörpern können. Verhindern, dass Afro-Haar weiterhin als ungepflegt gilt, als etwas, das nichts in der Schul- und Arbeitswelt zu suchen hat.

Kurz nach der Oscar-Verleihung poppte auf dem «Curlish»-Instagram-Feed ein Screenshot von «Hair-Love» auf. Tina: «Seht euch die Reaktionen auf diesen Film an! Kleine Mädchen fertigen Zeichnungen von sich und ihren Haaren an, sie sind stolz darauf und sagen sich: Hey, mein Haar ist schön.»

www.curlish.ch
Regensbergstrasse 301
8050 Zürich

Kommentare

Nöd Jetzt!