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Zürich Moves: Chronik der Entschleunigung

30. März 2016


Und plötzlich sass ich an einem Tisch im Atelier des Migros Museum für Gegenwartskunst, griff mir innerlich an den Kopf und dachte: «Oh jemine!». Es war bereits der dritte Patzer, der mir während der Vorbereitung für meine Rezension über das Performance-Festival Zürich Moves passierte. Zuerst hatte ich die falschen Daten in meinen Kalender eingetragen, darauf ging meine Akkreditierung vergessen und nun fand ich mich in einem Vermittlungsprogramm wieder, obwohl ich eine gewöhnliche Festival-Eröffnung mit Ansprache erwartet hatte. Mein Grundsatz mich vorab nie zu informieren, trug reichlich Früchte – das Unbekannte durfte endlich zum Abenteuer werden.

Meinem unangekündigten Erscheinen zum Trotz, empfingen mich der Organisator und Kurator Marc Streit sowie die Tanzwissenschaftlerin und Leiterin des Vermittlungsprogrammes Mona de Weerdt herzlich. Da aber nach wie vor keine Anmeldung meiner Person bestand, wurde mir kurzerhand eine neue Identität zugesprochen und ich durfte das Festival als Laura W. vollumfänglich besuchen.

Dass ich die 78 Stunden von parallel laufenden Performances – deren die kürzeste 4.5 und die längste 24 Stunden dauerte – und Vorträge nicht würde abdecken können, war rasch klar. Während ich die Chronologie der Möglichkeiten erforschte, dabei zeitgebundene Entscheidungen traf, fragte ich mich, wie mein Alter Ego Laura das Beste aus meinem unzulänglichem Verständnis von Zeitmanagement machen würde. Denn wenn es mir an etwas mangelte, dann genau an jenem knappen Gut, welches das Leitthema des diesjährigen Zürich Moves bildete – der Zeit

I. Bewegung Vortragssaal. Dr. Christine Thurner, Tanzwissenschaftlerin der Universität Bern, referierte über Zeit und Zeitlichkeit im Tanz. Etwas voreingenommen konzentrierte ich mich auf den Vortrag; während meines Dramaturgiestudiums wie auch während meiner Tätigkeit als Theaterkritiker hatte ich eine Auseinandersetzung mit Tanz stets verweigert, da dieser die Geste dem Wort vorzog.

Thurner begann mit Erläuterungen zum Divertissement – ein tänzerisches Zwischenspiel im Theater des 18. Jh. – und führte darauf den performativen Gebrauch von zeitliche Unterbrechungen in der Darstellenden Kunst sowie die Ausprägungen des Zeitverständnisses in der Tanzgeschichte aus. Eine Initialzündung. Thurners weitreichende Ausführungen begannen mein Interesse zu wecken und ich spürte eine nie geahnte Lust, mehr über Tanz zu erfahren.

Während die Uhren nach meinem neu entdeckten Interesse begannen anders zu ticken, neigte sich der Vortrag bereits dem Ende. Kaum waren die letzten Fragen aus dem Publikum beantwortet worden, musste ich mich bereits aufmachen, um rechtzeitig zum Tanzhaus zu gelangen. Eifrig und redselig marschierte ich in einer Traube von leichtfüssigen Performance-Künstlern mit. Unsere angeregte Diskussion drehte sich pirouettenhaft – der theoretische Input hinterliess seine Spuren.

II. Bewegung Beinahe beschwingt betrat ich den ausladenden Saal des Tanzhauses. Mårten Spångbergs La Substance but in english stand auf dem Programm. Höflich begrüssten einen die Performer, die dem Bühnenbild entsprechend, mit schrillen, satten Farben geschminkt waren und bunte Kostüme trugen. Ich setzte mich auf den Boden. Popmusik erklang aus den Lautsprechern, einer der Performer begann mitzusingen, die acht Tänzerinnen und Tänzer gaben sich mit langsamen Bewegungen der minuziös getakteten Choreographie, auf der in Farbe getränkten Bühne, hin.

Plötzlich Stille. Dieselben behutsamen, zielgerichteten Bewegungen. Im Loop wiederholte sich die Struktur: Popmusik, Tanz, Stille, darin ein präziser und doch verspielter Umgang mit der unüberschaubaren Vielfalt der Requisiten. Ich erlag mit Vergnügen der malerischen Reizlawine und mir schien, als würde die tanzbegeisterte Laura in mir voll auf ihre Kosten kommen.

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Ich wunderte mich, wie wohl die Herangehensweise von Spångberg sei. Zeitgleich dachte ich über Perfektionismus, Konsumkritik, Populärkultur und Entschleunigung nach, bis hin zum Entscheid, dass in dieser Performance das sinnliche Erleben über der geistigen Analyse stand.

Kurz liess ich meinen Blick über die Zuschauer schweifen. Einige schliefen, ein paar klebten am Handy, einer ass Pizza. Unweigerlich musste ich an den Artikel von Bernd Noack Über das Benehmen im Theater denken. Noack hätte hier wohl den absoluten Kulturpessimismus entdeckt. Aber zu unrecht. Denn die Organisatoren hatten von Anfang an die uneingeschränkte Freiheit des Publikums versprochen. Man durfte, was sonst verpönt war; eine zeitgenössische und perfekt synchronisierte Symbiose autarker Performances mit einem gleichermassen unabhängigen Publikum.

Während ich mich einer Entspanntheit von äusserster Seltenheit hingab, stellte mich die Zeit, die wie Sand durch meine Finger floss, auf Probe. Es war bald Mitternacht und ich musste entscheiden, ob ich bis zum Ende bleiben und den Tänzern meinen Applaus schenken oder ob ich mein letztes Tram nehmen sollte – schliesslich musste ich ans andere Ende der Stadt. Gleich der Snooze-Taste meines Weckers zögerte ich den Moment der Entscheidung hinaus und dachte mir: «Nur noch ein Lied, nur noch eines.»

III. Bewegung Der nächste Tag. Tino Sehgal This Variation. Natürlich kam ich zu spät. «Bist du wirklich Laura?» «Wir sind Laura.» Meine kesse Antwort genügte und die Dame an der Kasse liess mich passieren. Ich ging Richtung Studio A und wurde abrupt in absolute Dunkelheit getaucht. Tappend verschwand ich in dem scheinbar ins Nichts führenden Gang, tastete mit den Fingern der Wand entlang und wartete darauf, dass sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Schliesslich gelangte ich ins Studio und blieb so blind wie zuvor. Alles was ich vernahm waren die Körper anderer Menschen und diverse Geräusche. Ich stand einige Momente verloren im Raum, bis eine Hand in meine fuhr. Eine Performerin manövrierte mich in die Mitte. Auch dort stand ich abermals verstockt, während sich die Gestalt des Raumes durch dessen Akustik erahnen liess.

Um mich tanzten mehrere Performer und gaben Klänge von sich, die eine harmonische Komposition formten. Langsam bewegte ich mich auf eine Wand zu; ich vermochte immer noch nicht irgendwelche Kontraste zu sehen. Ich liess ich mich zu Boden sinken. Es wurde still. Einer der Performerin erzählt eine Anekdote über Dilemmas in ihrem Liebesleben. Darauf wieder kurze Stille, bis diese von einer Acapella-Version von The Way I Are beendet wurde. Ich war völlig im Moment versunken, bis ein Zuschauer mit erleuchtetem Handy eintrat und kurz den Bann brach indem er meinen Augen verriet, was sie zuvor nur erahnen konnten. Trotz dieser kurzen Intervention, verlor ich abermals das Zeitgefühl – auch hier hatte die Repetition von Gesang, Anekdote und Tanz eine arretierende Kraft.




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Plötzlich nahm eine Performerin neben mir Platz. Regelmässige Zisch-Geräusche. Meine gesamte Aufmerksamkeit widmete ich ihr. Sie rückte näher, kam mit ihrem Mund nah an mein Ohr und legte ihren Arm um meine Schulter. Ich erwiderte die Geste und eine feste Umarmung formte sich. Für mich – den eben noch gleichermassen skeptischen wie zeitknappen Rezensionisten – gab es für einen Augenblick die Zeit nicht mehr und doch verging sie. Als ich das Studio verliess und vom Licht gereizt ins Foyer taumelte, war es bereits kurz vor 19:00 Uhr und ich hatte einen Termin verpasst: Fast fünf Stunden hatte mich This Variation in Bann gehalten – flüchtig gab es einen grauen Herren weniger.

IV. Bewegung Ich rannte zum Migros Museum. Vortragssaal, Lecture AA Bronson [backPid]
=836">Queer Spirits. Ich kam nur wenig zur Ruhe während Bronson sein Leben und sein Schaffen als Künstler schilderte, denn der nächste Termin ausserhalb des Festivals erwartete mich bereits und zwang mich wohl oder übel frühzeitig zu gehen. Dies bedeute auch das Abschiednehmen von Laura. Kurz war unsere gemeinsame Zeit, besonders waren die gemeinsamen Unterbrechungen der Überbeanspruchung.

Bronson zeigte ein Foto: Hanged man. Bronson selbst hängt nackt von der Decke, das Seil um seine Füsse geschlungen, die Hände ebenfalls verschnürt. Ein Bild, das Unmöglichkeit zusammenfasst. Ich merkte wie sehr es mich wurmt, mich von allem losreissen zu müssen, um mich der Suche nach der verloren Zeit wieder widmen zu können. Jemand hatte wieder an der Uhr gedreht. Ich verliess auf ärgerliche aber vertraute Weise endgültig das Festival mit dem einzigen Wunsch mir nächstes Jahr genügend Zeit zu nehmen.

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