Von Isabel Brun

(Klima-)Redaktorin

emailwebsite

9. September 2022 um 04:00

«Wollen wir professionelle Betreuung oder einen Kinderhütedienst?»

Verbringen Kinder und Jugendliche mehr Zeit in der Schule, kann das ihre Bildungschancen erhöhen. Damit wirbt die Stadt Zürich für die Tagesschule. Doch nicht alle Lehrpersonen und Eltern sprechen sich für das neue Modell aus: Zu gross ist die Befürchtung, dass die Qualität der Volksschule unter den neuen Bedingungen leidet. Weshalb die Bildungsforscherin Patricia Schuler Braunschweig trotzdem an der Reform festhält.

Illustration: ogercartoon.ch

Isabel Brun: Warum brauchen wir Tagesschulen?

Patricia Schuler Braunschweig: Aus sozialpolitischer Sicht fördert es die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – was auch der Wirtschaft zugutekommt, da dadurch mehr Eltern, vor allem auch die gut ausgebildeten Mütter, arbeiten gehen können.

Ausserdem führt die jetzige Trennung von Betreuung und Unterricht zu einem sehr instabilen Alltag – für alle, aber vor allem für die Kinder. Jeder Tag ist anders. Das Modell Tagesschule vereint die beiden in der Schweiz noch sehr getrennten Institutionen, was im besten Fall auch die Zusammenarbeit erleichtert. Zudem kann es die Bildungsgerechtigkeit erhöhen. 

Ist letzteres durch das jetzige Schulsystem nicht schon gegeben?

Nein, im Gegenteil. Studien zeigen, dass in der obligatorischen Schulzeit die Schere der Ungerechtigkeit weiter aufgeht. Wir haben ein Bildungssystem, das früh Weichen stellt. Zwar ist es durchlässig, aber in der Praxis sind es wenige, die von den tieferen in die höhere Stufe wechseln. So wie unsere Volksschule aufgebaut ist, werden privilegierte Kinder und Jugendliche stärker gefördert als solche aus bildungsschwachen Familien.

Weshalb ist das so?

Ausserunterrichtliche Förderung ist in der Schweiz Privatsache. Das heisst, dass die Eltern die Zeit ausserhalb des Unterrichts gestalten. Zum Problem wird es dann, wenn sie den Bedürfnissen ihrer Kinder nicht gerecht werden und kaum oder nur sehr wenig Unterstützung anbieten können. Aus finanziellen Gründen, fehlender Zeit aufgrund ihres Berufs oder weil sie nicht genügend darüber wissen, wie sie ihre Kinder fördern können. 

Kinder, die unter solchen Umständen aufwachsen, haben einen massiven Nachteil gegenüber solchen, bei denen es völlig selbstverständlich ist, dass sie Zugang zu einer Bibliothek haben, eine Nachhilfe besuchen oder ein Instrument erlernen.

Die Abstimmung im Überblick

Zur Abstimmung stehen zwei Tagesschule-Vorlagen: Eine günstige vom Stadtrat, eine teurere vom Gemeinderat. Die günstigere Variante kostet 75 Millionen Franken pro Jahr, die teurere 126 Millionen. Die Mehrkosten in der Gemeinderats-Variante entstehen, weil die Eltern weniger fürs Mittagessen bezahlen sollen (6 statt 9 Franken), die Stadt höhere Betreuungskosten finanzieren und längere Betreuungszeiten anbieten soll. Ausser der SVP sind alle Parteien grundsätzlich für die Einführung der Tagesschule. AL, EVP, GLP, Grüne und SP sprechen sich für die Variante Gemeinderat aus. FDP und Die Mitte für die Variante Stadtrat. 

Eine Zusammenfassung aller Abstimmungen findest du hier

Diesen Nachteil könnte die Tagesschule beheben?

Zumindest zu einem gewissen Teil. Verstehen Sie mich nicht falsch: Tagesschulen sind kein Allheilmittel für Bildungsgerechtigkeit. Aber dadurch, dass Kinder mehr Zeit in der Schule verbringen, können sie von mehr Lerngelegenheiten profitieren. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf ihre Kompetenzen. 

Aber nur, wenn es qualitativ hochwertige Lerngelegenheiten sind.

Das ist die Grundvoraussetzung einer erfolgreichen Tagesschule. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist, ob wir in der Zeit neben dem Unterricht eine professionelle Betreuung, welche zielgerichtete Lerngelegenheiten schafft, oder einen «Kinderhütedienst» wollen. 

Genau diese Frage scheinen sich einige Lehrpersonen wie auch Eltern zu stellen. Sie fürchten, dass die Stadt nach der Einführung von Tagesschulen diesen zu wenig Ressourcen zur Verfügung stellt, die für eine gute und professionelle Betreuung notwendig wären.

Ich verstehe ihre Sorgen. Bildung kostet und Tagesschulen sind teurer als das jetzige Schulsystem. Nach den Erfahrungen in den bereits überführten Tagesschulen der Stadt Zürich bin ich aber optimistisch, dass die Stadt die Reform gut umsetzen wird. 

War Lehrerin, bevor sie sich voll und ganz der Forschung widmete: Die Erziehungswissenschaftlerin Patricia Schuler Braunschweig. (Foto: Isabel Brun)

«Wird»? Sind Sie sich so sicher, dass die Abstimmung angenommen wird?

Nein, ganz und gar nicht. Auch in meinem Umfeld gibt es Personen, die sich dagegen aussprechen. Das irritiert mich, denn das jetzige Schulsystem ist längst nicht mehr zukunftsfähig. Es stammt aus einer Zeit, in der traditionelle Familienmodelle die Regel waren. Das ist heute – vor allem in urbanen Regionen – nicht mehr der Fall.

Trotzdem wird gerade über die Länge der Mittagszeit viel diskutiert. Warum wollen wir unbedingt, dass unsere Kinder zuhause essen?

Da fragen Sie die falsche Person. Für mich als berufstätige Mutter war es immer ein riesiger Stress, alles unter einen Hut zu bringen. Die Mittagszeit wird sehr stark idealisiert: Die wenigsten Eltern haben Zeit, um ein gesundes Mittagessen zu kochen und je nach Familien- oder Wohnsituation haben auch die Kinder nicht viel vom Mittag zuhause.

Aber es geht auch anders. Schliesslich gibt es auch heute noch Familien, die sich bewusst dafür entschieden haben, dass die Mutter Hausfrau ist und der Vater arbeiten geht. 

Da würden mich die Beweggründe interessieren. Traditionalisieren sich Familien entgegen ihrer ursprünglichen Planung? Und machen sie es, weil sie sonst die Kosten für einen Hortplatz übernehmen müssten oder weil sie ein traditionelles Familienbild aufrechterhalten wollen? Es ist die typische Huhn-Ei-Frage. 

Sie meinen, ob das konservative Familienmodell schuld an den Vorbehalten gegen Tagesschulen ist und ob das jetzige Schulsystem alte Rollenbilder fördert?  

Ja. In Schweden beispielsweise hat das Modell Tagesschule eine hundertjährige Tradition. Mit der Konsequenz, dass es gang und gäbe ist, dass Frauen arbeiten gehen – egal, ob sie Mütter sind oder nicht. Dort geht es nicht mehr um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern um das Recht von Kindern auf Bildung. Ein solcher Anspruch kann jedoch erst erhoben werden, wenn Tagesschulen von der Gesellschaft mehrheitlich akzeptiert werden. Das ist in Skandinavien aufgrund der dortigen Bildungskultur der Fall.

«Wenn wir den Wechsel in die Tagesschulen erfolgreich schaffen wollen, müssen wir unser Bildungssystem hinterfragen.»

Sind schwedische Schulen gerechter als Schweizer Schulen?

Zumindest haben schulpflichtige Kinder in Schweden alle dieselben Möglichkeiten. Sie haben einen erleichterten Zugang zu einer Bibliothek, können niederschwellig einen Sport oder ein Instrument ausprobieren und von verschiedenen Lernangeboten profitieren. Unabhängig von ihrer Herkunft und der Berufstätigkeit der Eltern. Man darf aber nicht vergessen, dass das Bildungssystem in Schweden anders aufgebaut ist und auch die Tagesschulen einen Schritt weiter gehen.

Wie meinen Sie das?

In Schweden wird nicht nur sehr viel in die Volksschulen, sondern auch die frühkindliche Förderung investiert. Bedeutet: Kindertagesstätten für Kinder zwischen null und vier Jahren werden vom Staat finanziell mitgetragen und sind somit sehr gut ausgebaut. Im Kleinkindalter sind Kinder ausgesprochen lernfähig. Darum ist es wichtig, Kinder so früh wie möglich zu fördern. Nur so können wir die Bildungschancen in einer Gesellschaft erhöhen. In den schwedischen Tagesschulen gibt es den gesunden Znüni – für alle denselben.

Wie damals in der DDR.

Eine Ähnlichkeit lässt sich nicht abstreiten. Man könnte es aber auch als Revival der Reformschulen sehen: Und wenn die Kinder davon profitieren können, ist doch irrelevant, woher die Idee stammt. Zumal das Tagesschul-Modell seine Ursprünge nicht im Kommunismus, sondern im angelsächsischen Raum hat: In England gab es schon im 17. Jahrhundert Bildungswissenschaftler, welche die Schule als ganzheitliches System gesehen haben.

Die Schweiz versteht die Schule auch heute noch als einen Ort, wo vor allem akademisches Wissen gelehrt wird. Soziale Kompetenzen werden wenig explizit gefördert. Wenn wir den Wechsel in die Tagesschulen erfolgreich schaffen wollen, müssen wir unser Bildungssystem hinterfragen.

Ist ein Umdenken realistisch?

Ich glaube fest daran. Die Überführung vom jetzigen System ins Tagesschul-Modell wird eine Herausforderung: Für Lehr- und Betreuungspersonen, für Eltern und Kinder. Aber auch wenn es eine Eingewöhnungszeit für alle brauchen wird, sehe ich viele Chancen in der Reform.

Auch wenn Fachpersonen fehlen?

Der Lehrpersonenmangel wird uns noch eine Weile beschäftigen. Ich will das Problem nicht kleinreden, denn ja, wir brauchen gut qualifizierte Fachkräfte. Jedoch ist die hohe berufliche Belastung eine grosse Herausforderung für Lehrpersonen. Werden die Tagesschulen so gut umgesetzt, wie beim Zürcher Pilotprojekt, stehen die Zeichen gut, dass die Zusammenarbeit eine Ressource für beide Professionen darstellt. 

Und wenn nicht?

Tja, dann werden wir vermutlich immer mehr Kinder aus Volksschulen an Privatschulen verlieren – und das wäre denkbar schlecht für die Chancengerechtigkeit der Übriggebliebenen. Denn private Schulen können sich nur privilegierte Familien leisten. 

Hört sich ein bisschen nach Klassentrennung an.

Ja, dabei zeigen Studien, dass eine hohe Durchmischung von unterschiedlichen Kulturen, Bildungsniveaus und sozioökonomischen Hintergründen an Schulen die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen erhöht. Wir dürfen nicht vergessen, dass Kinder nicht nur von Erwachsenen, sondern auch von anderen Kindern lernen. 

Kann man also abschliessend sagen, dass Tagesschulen die Bildungschancen erhöhen, sofern sie gut umgesetzt sind?

Es ist die Hoffnung. Aber es darf nicht gespart und keine Kompromisse eingegangen werden. Fakt ist: Will die Stadt Zürich das Tagesschul-Modell flächendeckend einführen, muss sie Geld in die Hand nehmen. Denn wenn man jemanden für 20 Franken pro Stunde und ohne pädagogische Ausbildung für die Aufsicht von 30 Kindern anstellt, wird das die Bildungschancen nicht erhöhen.