🍹🎉Tsüri Fäscht🎉🍹

Zarina Friedli, Jenny Cara, Zinet Hassan und Luisa Ricard. (v.l.n.r.) Bild: Elio Donauer

Frauen im Nachtleben: «Es geht um Gleichberechtigung und keine Quote»

Frauen hinter den Mischpults oder in leitenden Funktionen von Clubs sind noch immer eine Seltenheit. Nachdem DJ und Bookerin Jenny Cara öffentlich Kritik gegenüber Zürcher Clubbetreibern geübt hat, haben wir sie und drei weitere Akteur:innen des Zürcher Nachtlebens zum Gespräch getroffen. Zarina Friedli, Jenny Cara, Luisa Ricar und Zinet Hassan über Frauenquoten in Clubs und Sexismus in der Branche.
07. August 2021
Redaktionsleiterin

«I’m exhausted» – ich bin erschöpft – postete die Zürcher DJ und Bookerin Jenny Cara vor wenigen Wochen auf Instagram. Erschöpft als «Woman of Color» und weil vor allem Männer ihre Positionen als DJs, Promoter oder Clubbesitzer ausnutzen würden. Erschöpft, weil nicht zugehört werde und die Line-ups in Clubs und an Konzerten noch immer zu 80 Prozent aus Männern bestehen. Das Thema ist schon lange präsent, gebessert hat sich offenbar nicht viel. Das Magazin «Vice» schrieb vor fünf Jahren über das Berliner Nachtleben: «Wer sich das DJ-Line-up von Berliner Clubs und Festivals anschaut, stellt fest: Musik hat eben doch ein Geschlecht – sie ist männlich.» Ein Jahr später hiess es im «Tages-Anzeiger»: «In den Zürcher Clubs gibt es praktisch keine Frauen in leitenden Funktionen. Und eine Änderung ist nicht in Sicht.»

Vielleicht war das der Grund, weshalb Jennys Post viral ging und zahlreiche Akteur:innen des Nachtlebens die Zeilen teilten. Gefordert wurden einmal mehr eine grössere Zahl Frauen hinter den Desks aber auch in Managementpositionen. Bereits vor einem Jahr haben wir auf tsüri.ch in der Serie «Frauen des Nachtlebens» aufgezeigt, dass in der männerdominierten Branche immer mehr Frauen mitmischen möchten. Einen Sommer später haben wir nun mit Jenny Cara, Luisa Ricar (Filmemacherin und Türsteherin), Zarina Friedli (organisiert «Restaurants auf Zeit», legt in Clubs auf und handelt mit Wein) und Zinet Hassan alias DJ Verycozy gesprochen. Darüber, weshalb Frauen in der Musik- und Clubbranche noch immer unterrepräsentiert sind. Ob diese Ungleichheit ausschliesslich durch Buchungsentscheidungen gelöst werden kann oder ob das Problem viel tiefer liegt – und was für Erfahrungen jede Einzelne von ihnen in der Zürcher Clubwelt gemacht hat.

Rahel, Tsüri.ch: Ich habe vor einigen Tagen verschiedene Zürcher Clubbetreiber zum Thema «Frauen im Nachtleben» befragt. Auf die von Männern dominierten Line-ups in Clubs angesprochen sagte einer davon: «Ach, die Diskussion» und blockte ab, ein anderer bezeichnete die Thematik als «delikat». In seinem Club, in dem elektronische Musik gespielt wird, stelle man ein Booking in erster Linie nicht aufgrund von Gender oder sexueller Ausrichtung, sondern nach dem Kriterium Musik zusammen. «Wir sind musikalisch enger gestrickt als andere Clubs in der Stadt. Seit dem Beginn verfolgen wir das Groovige, Repetitive, Hypnotische. Das zelebrieren und leben wir, das ist unser Markenzeichen. Da muss ein:e Künstler:in einfach reinpassen.»

Bei Co-Veranstalter:innen sei man offen, auch was den musikalischen Rahmen angehe. Man buche «null genderspezifisch», die Musik stehe im Vordergrund. «Und ja: Wir kommen nicht auf einen 50/50-Prozent-Frauen- und Männeranteil. Wir fördern Frauen, die in unserem Bereich was drauf haben sehr gerne, genauso wie andere gute DJs, egal ob Mann oder Frau.» Man habe keine Scouts, die losgehen würden, um Frauen zu suchen, die bei ihnen spielen. Man dürfe aber immer auf sie zukommen, sei es um aufzulegen oder um ein gutes Konzept für eine Veranstaltung zu pitchen. «Wir sind in erster Linie eine Plattform, eine Spielwiese, die von Leuten gefüllt wird, deren Hautfarbe, Geschlecht und Religion für uns keine Rolle spielt. Menschlich muss es zusammenpassen», so der Clubbetreiber weiter. Was sagt ihr zu diesen Aussagen?

Zarina: Die Schlussforderung dieser Worte ist: Wenn man ein Line-up hat, das nicht equal ist, dann weil Frauen* oder PoC (People of Color) nicht so gut auflegen können – und das stimmt einfach nicht. Man hat Frauen*, Queers oder PoC lange den Zugang verwehrt oder sie nicht im gleichen Masse gefördert. Indem man sagt, es geht nur um die Musik und dass man auf alles andere nicht achtet, sagt man auch: Es ist uns ein bisschen egal.

Insbesondere was PoC auf Line-ups angeht, hinken wir noch weit hinterher – was absurd ist angesichts der Geschichte der elektronischen Musik und wie diese von PoC geprägt wurde. Bei Queer-People ist es genau das Gleiche: Wenn diese nicht selber in der Roten Fabrik oder im Provitreff ihre Partys machen, bucht sie kein Mensch. Hinzu kommt, dass Clubs meiner Meinung nach zu wenig dafür tun um Safe Spaces* in den Bereichen Queerfeindlichkeit, Rassismus oder Sexismus zu sein. *Als Safe Space werden Räume und Räumlichkeiten bezeichnet, in die sich Menschen zurückziehen dürfen, die sich marginalisiert oder diskriminiert fühlen.

Jenny: Ich will nicht mehr länger mit Menschen diskutieren, die nicht verstehen, nicht verstehen wollen. Für Personen, die nicht von Diskriminierung betroffen sind, ist es einfach zu sagen: «Ich schaue nur auf die Musik, mich interessiert nicht, ob du schwarz, weiss, ein Mann, eine Frau*, non-binary oder queer bist.» Ich will nicht sagen, dass ein weisser Cis-Mann nicht auch schlechte Erfahrungen machen kann – er erfährt aber bestimmt keine Diskriminierung aufgrund seiner Hautfarbe oder seines Geschlechts. Wieso überlegt man sich nicht, eine Frau* zu suchen, die dieselbe Musik spielt oder zumindest eine ähnliche Richtung? Wieso nicht ihnen eine Plattform geben? Ich nenne das: Eine Extrameile gehen, der Rest ist Faulheit und Ignoranz.

Luisa: Man darf schon einen Anspruch haben auf einen gewissen Lernprozess, während dem man die Erfahrungen der anderen anerkennt und versucht, mit den eigenen Möglichkeiten und Mitteln etwas gegen diskriminierende Strukturen zu unternehmen. Ein erster Schritt dazu ist, so glaube ich, keine Angst davor zu haben, die eigenen Privilegien zu verlieren.

Jenny: Genau, um das geht es ja eigentlich. Und: Können wir aufhören, über eine Quote zu sprechen. Es geht um Gleichberechtigung und nicht um eine Quote.

Luisa: Vieles ist Aufbauarbeit, deshalb bin ich Quoten gegenüber ebenfalls kritisch eingestellt. Ja, einerseits geht es um eine Gleichberechtigung, nicht um eine Zahl, ums «Hinbiegen, koste es was es wolle». Es geht aber auch um einen Entwicklungsprozess. Du musst die Möglichkeit haben, auch ausserhalb eines Safe Space arbeiten zu können. Wenn du da gar nicht hinkommst, wird es schwierig.

Jenny: Ein Beispiel diesbezüglich: Das Intro einer Clubnacht ist das Wichtigste, während diesem müssen es die DJs schaffen, die Leute für den ganzen Abend zu gewinnen. Wenn ich früher in meiner Funktion als Bookerin ein Line-up geplant habe, habe ich Künstler:innen mit weniger Erfahrung einfach an den Schluss gebucht. Sie erhielten dadurch die Möglichkeit, in einem Club zu spielen und erste Erfahrungen zu sammeln. Man kann also durchaus Personen mit weniger Erfahrung eine Plattform bieten. Die Frage ist aber: Macht man sich Gedanken dazu, wie man diese Möglichkeiten schaffen kann oder ist man nur kapitalistisch drauf – weil es natürlich sein kann, dass so am Ende der Club leer gespielt wird.

Rahel: Zarina, du bist seit acht Jahren im Nachtleben aktiv, stehst mal hinter dem DJ-Pult, organisierst Festivals, bist aber auch für Gastro-Projekte verantwortlich. Spürst du dort eine Veränderung in Bezug Gleichberechtigung?

Zarina: Für mich war es lange völlig normal, dass ich die einzige Frau am Tisch bin, die mitspricht. Dass nie eine Frau* auflegt oder dass es ein Highlight ist, wenn eine Musikerin mit einer Band auftritt. Sobald man beginnt, sich damit auseinanderzusetzen, fällt es einem immer mehr auf. Auch heute kriege ich bei meinen DJ-Sets Feedback von Leuten, die sich so sehr freuen, dass eine Frau* auflegt. Das zeigt, dass es noch immer eine Seltenheit ist.

Zinet: Ja, vor allem im Bereich Hip-Hop. Ich fragte mich schon zu meinen Anfängen vor sechs Jahren: Wieso trauen sich nicht mehr Frauen* aufzulegen? Sind sie eingeschüchtert? Ich kann doch genau gleich gut Musik machen wie ein Mann und nur weil ich eine Frau bin heisst das im Übrigen nicht, dass ich weniger Ahnung von Knöpfen habe. Mein Wissen über das Equipment habe ich mir selber angeeignet. Irgendwann habe ich begonnen, Mixes aufzunehmen. Das kam gut an und ich wurde regelmässig für Sets in verschiedenen Clubs gebucht. Dadurch durfte ich dann auch viele Abende im «Longstreet» spielen. Der damaligen Geschäftsführerin war es wichtig, Frauen* zu fördern.

Rahel: War deine Hautfarbe schon mal Thema bei den Bookings?

Zinet: Wahrscheinlich schon, ich war mir dem in den jeweiligen Momenten aber nicht wirklich bewusst. Ich habe aber zum Beispiel das Gefühl, dass ich für eine «Ibiza-Party» nicht gebucht werde, weil ich vom Image her nicht reinpassen würde. Booker würden mich aufgrund meines Aussehens wohl eher mit einem anderen Image assoziieren und mich der Hip-Hop- oder Afrobeats-Szene zuordnen. Deshalb habe ich schon das Gefühl, dass ich durch mein Aussehen «schubladisiert» werde.

Ich glaube, dass Männer ihre Position manchmal schon missbrauchen.
Zinet Hassan alias DJ Verycozi

Jenny: Ich werde immer wieder aufgrund meiner Hautfarbe und meines Geschlechts diskriminiert. Als ich noch in der «Zukunft» gearbeitet habe, wollten einige «mit dem Chef» sprechen. Als ich runter kam, wurde mir ins Gesicht gelacht und gesagt: «Ich habe gesagt, ich will mit dem Chef sprechen.» Das hat mich immer so wütend gemacht und verletzt. Für mich ist es extrem schwierig, auf solche Aussagen nicht zu reagieren.

Luisa: Ist ja klar, zu diesen Mikro-Aggressionen, die du tagtäglich erlebst, musst du eine Haltung entwickeln. Das sind Trigger-Momente, die nicht für sich alleine stehen, sondern in ihrer Gesamtsumme.

Rahel: Luisa, schreibst Drehbücher für Serien und Kinofilme, arbeitest auf dem Filmset als Regisseurin, stehst aber auch in Clubs wie dem Hive an der Türe. Wie reagieren die Gäste auf dich?

Luisa: Ich bin durch das Klubprojekt «Klubi», neu Umbo, ins Nachtleben reingerutscht. Das war ein alternativer Ort für unkonventionelle Musik, unter dessen Akteur:innen das Bewusstsein für Normativitäten und wie man diesen entgegenwirken kann, ohnehin schon vorhanden war. In meiner Funktion als Türsteherin mir wird viel Verantwortung zuteil und das Bewusstsein, dass es einen Mehrwert bringt, eine Frau* an der Türe zu haben, ist da. Seitens der Gäste nicht immer.

Rahel: Machst du auch Selektion?

Luisa: Ich finde den Begriff «Selektion» politisch sehr schwierig. Mir widerstrebt es, als Frau in der Rolle der «Selekteurin» zu sein. Ich arbeite als Türsteherin, fertig. Grundsätzlich habe ich in dieser Funktion mehrheitlich positive Erfahrungen gemacht. Wenn es mal zu Problemen kommt, dann meist mit mit älteren Gästen. Von diesen musste ich mir auch schon anhören: «Ich bin hier schon in den Club gegangen, da warst du noch gar nicht auf der Welt.»

Jenny: Wie ist es für dich in deiner Position, wenn man quasi nur mit Männern arbeitet?

Luisa: Natürlich bin ich in diesem Moment eine Quotenfrau* und provoziere das dann auch gerne. Ich bin nicht das «Girl» von der Bar, sondern stehe an der Türe. Dies wälzt dann auch gewisse Vorannahmen bezüglich der Geschlechterverteilung in einem Club um.

Rahel: Eine Basler DJ sagte vor einigen Jahren gegenüber Medien: «Es gibt einen ganz starken Sexismus in der elektronischen Partyszene.» Mehrmals habe sie sich zu Treffen mit Bookern verabredet, um über Auftrittsmöglichkeiten zu sprechen. «Doch statt um Musik ging es dann immer ums Flirten.» Wurdet ihr auch schon auf eure Weiblichkeit reduziert?

Luisa: Mir an der Türe hilft es, wenn mich ein Gast sympathisch findet, dann haut er mir bei einer Eskalation nicht gleich in die Fresse.

Rahel: Ist dir das schon mal passiert?

Luisa: Ja (lacht). Aber ich bin auf physische Konfrontationen vorbereitet und darauf gefasst. Sympathie, Empathie und im weitesten Sinne auch Flirten helfen aber natürlich. Es ist aber bestimmt etwas anderes, an der Club-Türe zu stehen oder hinter dem Mischpult.

Das Nachtleben ist nun Mal ein Ort, an dem Probleme sichtbar werden und sich kumulieren.
Luisa Ricar

Jenny: Ein Beispiel für Sexismus in der Branche: Im vergangenen Jahr sass ein Zürcher Clubbesitzer neben mir und fand zu seinem Gegenüber: «Weisst du, ich finde sie halt mega geil und schön, sie macht mich nervös.» Und ich so: Hallo? Ich stehe gleich neben dir! Du kannst direkt mit mir sprechen.

Zinet: Vor wenigen Wochen hat mich ein Typ per Instagram angefragt, ob ich für einen Radiosender einen Mix aufnehmen will. Wir haben uns dann in einem Café getroffen und weil ich den Mann nicht kannte, nahm ich eine Freundin mit. Ich dachte echt, dass wir über das Genre, die Länge des Takes und die Deadline sprechen werden. Er stellte mir aber lediglich zwei Fragen, die sich um Musik drehten, der Rest war privat. Für ihn war es quasi ein Date. Er wollte mich treffen, weil er mich nice gefunden hat. Das habe ich schon mehrere Male erlebt. Ich glaube, dass Männer ihre Position manchmal schon missbrauchen.

Zarina: Ich bin froh, dass ich das noch nie so bewusst erlebt habe, aber es ist mir schon klar, dass ich gewisse Bookings wohl nur bekommen habe, weil man die Quote hinkriegen wollte. Die Frage ist hierbei: Wie spricht man es an? Sagt man: Ich bin nicht bereit, an deinem Anlass zu spielen, wenn ich nur aufgrund meines Geschlechts gebucht werde? Ein schwieriges Thema.

Rahel: Ich habe nicht nur mit Clubbetreibern, sondern auch mit Alexander Bücheli, dem Pressesprecher der Zürcher Bar- und Clubkommission (bckzh) über das Thema gesprochen. Er fand unter anderem, dass das Nachtleben durchaus gewisse Muster und Denkweisen aufbrechen könne, man aber aufpassen müsse, dass man der Branche nicht zuviel aufbürde, was sie alles zu sein habe und können müsse. «Am Schluss sind wir Unternehmen, die im Moment extrem gebeutelt sind. Unternehmen, die Kultur auf eigenes Risiko anbieten. Es ist spannend, dass solche Themen bei uns leidenschaftlicher diskutiert werden als in anderen Branchen», so Bücheli.

Jenny: Die Thematik liegt mir in Bezug auf diese Branche besonders am Herzen, weil ich direkt davon betroffen bin. Deshalb mache ich mich dafür stark, werde laut, sage meine Meinung.

Im Nachtleben zu arbeiten und Kinder zu haben ist ein bisschen tricky – und zwar für alle. Einen Typen fragt man nie: Wer schaut auf deine Kinder?
Zarina Friedli

Luisa: Das Nachtleben ist nun Mal ein Ort, an dem Probleme sichtbar werden und sich kumulieren. Weil man an diesen Raum einen Anspruch an eine Befreiung hegt, an ein Loslassen, einen Ausgleich, an einen befreiten Ort. Sichtbarkeit wird ja auch aktiv geschaffen: Wenn du siehst, wer hinter hinter dem Mischpult oder an der Clubtür steht. Wenn zum Beispiel eine Schwarze Frau* an der Türe nicht existiert, dann kann ich mir auch viel schlechter vorstellen, dass sie in Zukunft existieren wird. Wenn wir aber gewisse Vorbilder schaffen, können sich andere daran orientieren. Dafür muss man Leute an die Hand nehmen.

Rahel: Frauen im Nachtleben sei ein Thema, das permanent vorhanden sei, sagte Bücheli zudem. Mehr Weiblichkeit würde der Nacht gut tun. «Wir von der bckzh haben den Runden Tisch Königinnen der Nacht ins Leben gerufen. Einen Austausch und Netzwerke zu bilden ist wichtig. Das Ziel ist, dass Frauen im Nachtleben eine Normalität darstellen.» Bücheli sagte auch, dass diese Normalität am Ende davon abhängt, was auf dem Markt ist und was die Gäste wollen. «Es ist immer wichtig, die Realität im Auge zu haben: Wer nutzt das Angebot? Wer ist Gast? Mehr Weiblichkeit würde wahrscheinlich zu mehr weiblichen Gästen führen. Es ist aber ein System, das nicht als Tagesjob ausgerichtet ist. Die Kinderbetreuung in der Nacht ist für Frauen schwieriger zu bewerkstelligen. Es sind schon strukturelle Gegebenheiten vorhanden, generelle Fragen, die sich stellen. Das System müsste bereit sein.»

Luisa: Die patriarchale bürgerliche Kleinfamilie ist ja auch systematisch schwierig (lacht). Können wir darüber reden, dass Diskriminierung von Körpern mit Reproduktionsfähigkeit einfach ein bisschen vorheriges Jahrhundert ist und wir doch jetzt nicht mehr anhand der Gebärfähigkeit eines Menschen dessen Leben, Zukunft und Karrierechancen gestalten.

Es wäre viel energiesparender, wenn man nicht alles aus einer Oppositionsposition heraus erkämpfen müsste.
Luisa Ricar

Zarina: Im Nachtleben zu arbeiten und Kinder zu haben ist ein bisschen tricky – und zwar für alle. Einen Typen fragt man nie: Wer schaut auf deine Kinder? Wenn ein offizieller Pressesprecher eine solche Aussage macht, zeigt mir das: Es wird nicht über die Thematik gesprochen, sie wird nicht als diskussionswürdig betrachtet und es findet kein interner Prozess statt. Das stimmt mich nachdenklich. Er vertritt mit dieser Aussage alle Bars und Clubs in Zürich und alle Menschen, die diese führen, Tag und Nacht mit Leben füllen und ihr ganzes Herzblut ins Zürcher Nachtleben stecken – auch Frauen. Ist das wirklich die Message?

Zinet: Ist es zudem nicht einfacher, ein Kind während der Nacht betreuen zu lassen als tagsüber?

Rahel: Und stimmt ihr mit Bücheli überein, dass Netzwerke den Schlüssel zum Erfolg sein könnten?

Zarina: Netzwerke helfen sehr. Je mehr offene Ohren und Augen, je mehr Hände, desto mehr Dinge kann man anpacken und an mehr Orten kann man dabei sein und mitreden, hat mehr Gewicht in Diskussionen und kann diese mitgestalten. Zum runden Tisch: Wenn man diesen aus Leuten, die ohnehin schon eine Führungsposition innehaben, zusammensetzt, klammert man aus, dass gewisse Menschen jahrelang benachteiligt worden sind, was den Zugang zu diesen Positionen angeht. Deshalb bewirkt dieser runde Tisch nur mässig was.

Luisa: Was ich als ein grosses Problem empfinde: Dass viel «Awareness-Arbeit» im weitesten Sinne von PoC- oder FLINTA-Personen (FLINTA steht für Frauen*, Lesben, inter, non-binary, trans* und agender Personen) geführt wird. Ich wünsche mir, dass weniger explizite Kollektive und Gruppen diesen Doppelaufwand betreiben, sondern Menschen in etablierten, privilegierten Positionen. Dass diese Platz schaffen und Dinge ermöglichen – dass es kein Kampf untereinander ist, sondern ein Miteinander. Es wäre viel energiesparender, wenn man nicht alles aus einer Oppositionsposition heraus erkämpfen müsste, sondern es in den etablierten Strukturen mehr Platz und mehr Bewusstsein für diese Anliegen gäbe.

Jenny: Immerhin habe ich das Gefühl, dass sich bei den Jüngeren was tut. Die heute 20-Jährigen trauen sich viel mehr. Wir haben für sie leider keinen Safe Space aber einen Safer Space schaffen können. Einen Ort, an dem sie sich mehr entfalten können als wir vor zehn Jahren.

Zarina: Ich finde schon auch, dass es Menschen gibt, die Gas geben, aufgewacht sind, supporten und sich mit diesen Themen auseinandersetzen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe aber zum Beispiel männliche Freunde, die sagen: «Ich habe schon so lange nicht mehr aufgelegt und würde gerne wieder mal, will aber niemanden die Plattform wegnehmen.» Das ist nicht die Idee, es muss niemand seinen Platz aufgeben, um für andere Platz zu schaffen.

Luisa: Mir geht es darum, dass neue, positive Vorbilder geschaffen werden. Dass man sich das Bewusstsein anhand der Situation schafft und nicht generalisiert oder pauschal wertet. Unsere Welt ist so divers und das bedingt auch diverse Strukturen. In meinem Bereich bedeutet das zu wissen: Es macht in gewissen Momenten vielleicht Sinn, den zwei Meter grossen, breiten Typen an der Türe zu haben und in gewissen nicht.

Zinu: Wir Frauen* müssen uns zudem nicht mehr beweisen. Das ist der falsche Weg. Wir müssen uns aber trauen zu sagen: Ich hab Bock darauf, an der Tür zu stehen oder aufzulegen – und uns dabei nicht einschüchtern lassen.

Zarina: Der Zug rollt rasend schnell aus dem Bahnhof raus und Clubbetreiber haben noch ganz knapp Zeit, aufzuspringen. Dann wirft ihnen übrigens in zwei Jahren auch niemand vor, dass sie sich nicht früher darum gekümmert haben. Aber sie müssen jetzt langsam aber sicher in die Gänge kommen. In Bezug auf die Besetzung von Stellen oder im Bereich Awarness erwartet niemand, dass sich von heute auf morgen alles ändert, aber wenn sie nicht beginnen, daran zu arbeiten, ist der Zug irgendwann wortwörtlich abgefahren. Die Zeit etwas zu ändern ist jetzt, also arbeitet aktiv mit!

*Die Protagnositinnen verwenden bewusst Frau*, um damit alle anzusprechen, die sich als Frau definieren.


Weitere Beiträge zum Thema:

Die Anwältin des Schweizer Nachtlebens

Les Belles de Nuit: Wüschen uns, dass vor allem Clubs junge Frauen fördern

Serie «Frauen des Nachtlebens:

1. Zarina Friedli – Kollektiv F96
2. Zinet Hassan – DJ Verycozi
3. Nathalie Brunner – DJ Playlove
4. Jenny Kamer – DJ und Bookerin Zukunft
5. Timea Horváth – Selekteurin Gonzo
6. Vera Widmer – Besitzerin Playbar
7. Valentina – DJ MS HYDE und Veranstalterin Konzerte Bar3000

Kommentare

Nöd Jetzt!