Zürcher Künstler entfernt Dunant-Gedenktafel wegen Kriegsmaterialexporten

Der Zürcher Künstler Roland Roos hat vergangene Woche die Gedenktafel zu Ehren des humanitären Helfers Henry Dunant auf der «Dunantspitze» entfernt. Grund dafür war der jüngste Bundesratsentscheid zur Lockerung der Waffenexportgesetze. Roos sieht darin einen Widerspruch zur humanitären Tradition der Schweiz.
20. September 2018

Die Schweiz versteht sich gerne als Gebirgsnation. Naheliegend, dass die kleine Schweiz grosse Männer nicht mit Strassen, sondern Bergen würdigt. So wurde 2014 der Ostgipfel des Monterosa-Massivs, bis dahin unspektakulär «Ostspitze» genannt, in Anwesenheit unseres Bundesrats Didier Burkhalter feierlich umgetauft. Zu Ehren der Gründung des Roten Kreuzes 150 Jahre zuvor durch Henry Dunant heisst die Ostspitze nunmehr «Dunantspitze». In einer Zeit, in der das humanitäre Völkerrecht immer weniger respektiert werde, verkündete damals Burkhalter, gelte es, dieses umso mehr symbolisch zu stärken. Dafür stehe die Dunantspitze und dafür stehe auch die Schweiz, sagt Burkhalter gegenüber Radio Rottu Oberwallis.

Die originale Gedenktafel, die auf dem 4600 Meter hohen Gipfel an Dunant und die humanitäre Tradition der Schweiz erinnert, wurde entwendet. Jetzt hängt sie tief unten im Haus Konstruktiv, wo im Rahmen der «Werkschau» verschiedene Zürcher Künstler*innen ihre neuesten Werke präsentieren. Elf von ihnen wurden gestern Abend vom Kanton Zürich mit einem Preis im Wert von 24'000 Franken ausgezeichnet. Zu den Gewinner*innen gehört auch Roland Roos. Ob er den Preis aber tatsächlich bekommt, ist jedoch ungewiss. Denn Regierungsrätin Jacqueline Fehr hat entschieden, die Preisübergabe bis auf Weiteres zu sistieren. Sie ist zusammen mit der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich für die Übergabe der Auszeichnungen von gestern Abend verantwortlich.

Potenziell illegal

Die Fachstelle Kultur des Kantons Zürich erklärt gegenüber Tsüri.ch, dass man nicht vorhabe, die Tafel aus dem Museum zu entfernen. Der Entscheid Fehrs, auf eine Preisübergabe bis auf Weiteres zu verzichten, sei im Einvernehmen mit der Fachstelle gefällt worden. Fehrs Sprecher sowie die Fachstelle betonen, dass zurzeit zu wenig Informationen zum Fall vorliegen. Ausschlaggebend für den Entscheid sei jedoch der Umstand, dass Roos’ Handlung potenziell illegal ist. Ob sie auch tatsächlich illegal ist, hänge unter anderem davon ab, ob die Eigentümerin, die Gemeinde Zermatt, gegen Roos eine Strafanzeige erstattet oder nicht.

Begeistert von der Aktion ist die Gemeinde Zermatt auf jeden Fall nicht. Roos lassen mögliche Folgen seiner Aktion jedoch relativ unbekümmert. In der Kunstaktion, so teilt er gegenüber Tsüri.ch mit, gehe es nicht primär um die potenzielle Illegalität der Handlung. Er als Künstler solle auch nicht im Vordergrund stehen. Vielmehr möchte er auf die kognitive Dissonanz, die dem jüngsten Bundesratsentscheid zugrunde liege, verweisen. Das bedeutet, zwischen den theoretischen Ansprüchen des Bundesrats und seinen praktischen Handlungen sieht er einen starken Widerspruch. Die Kunstaktion, die sich auch als direkte Infragestellung der Symbolpolitik der Schweiz lesen lässt, sollte diese Widersprüchlichkeit offen zur Schau stellen.

Waffenexporte für den globalen Weltfrieden?

Deshalb hat er eben jenes wirkmächtige Symbol der humanitären Tradition angegriffen, nämlich die Gedenktafel zu Ehren Henry Dunants. Vergangenen Mittwoch ist er dazu auf den 4600 Meter hohen Berg gestiegen und hat die Tafel entfernt. An deren Stelle hat er eine neue gesetzt. Darauf steht: «[...] Die Gedenktafel zu Ehren des Gründers des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Henry Dunant, wurde entfernt. Ausschlaggebend war der Bundesratsentscheid im Juni 2018 den Schweizer Waffenexport zu liberalisieren [...].»

Die neue Tafel auf der Dunantspitze

Denn das Selbstbild der humanitären Schweiz scheint nicht immer dem Spiegel der Realität standhalten zu können. Im Widerspruch dazu stehen jüngst einige Entscheide in Bundesbern. Die Lobbyarbeit der Rüstungsindustrie hat schnell Früchte getragen. Im vergangenen Juni hat die SVP-FDP-Mehrheit im Bundesrat auf ihr neun Monate zuvor eingereichtes Begehren reagiert und beschlossen, die Kriterien für Waffenexporte zu lockern. Künftig sollte es der hiesigen Rüstungsindustrie möglich sein, so die Worte des Bundesrats gegenüber der NZZ, «unter gewissen Umständen Kriegsmaterialausfuhren nach Ländern, die in einen internen bewaffneten Konflikt verwickelt sind, zu bewilligen». Das allerdings nur, insofern kein Grund zur Annahme bestehe, «dass das auszuführende Kriegsmaterial im internen bewaffneten Konflikt eingesetzt wird.» Ob dieser letzte Punkt ohne Weiteres eingehalten werden könne, bestreiten jedoch viele.

Neutralität in der Kritik

Ferner muss die humanitäre Tradition der Schweiz als aussenpolitisches Mittel gesehen werden, das der Schweiz ermöglichte, als neutrales Land dennoch international aktiv zu werden. Denn die Neutralität drohte bereits früh, die Schweiz angesichts der Globalisierung zunehmend in eine nationalstaatliche Isolation zu drängen. So wurde beispielsweise die Neutralität der Schweiz angesichts der katastrophalen Folgen des Nationalsozialismus zunehmend als moralisches Versagen betrachtet. Die internationale Solidarität und die Konstruktion des Narrativs einer humanitären Tradition der Schweiz waren ein aussenpolitisches Mittel, das die Schweiz im internationalen Zusammenhang stärken und der Aussenwahrnehmung der Schweiz als eines opportunistischen Nutzniessers entgegenwirken sollte.

Geht man noch weiter in die Vergangenheit zurück, werden weitere Kratzer sichtbar. Denn der Schweizer Finanzplatz war auch am Kolonialismus in verschiedener Form aktiv beteiligt. Schweizer Kaufleute investierten in Sklavenhandelsunternehmen, versicherten Sklavenhandelsschiffe und verarbeiteten Rohstoffe aus dem Sklavenhandel. Auch heute noch bildet der Finanzplatz Schweiz oftmals das Zentrum dubioser Finanztransaktionen, die, gestärkt durch lockere Bankenregulierungen, relativ ungehindert hinter verschlossen Türen vonstattengehen.

Roos ist auf den Berg gestiegen und hat eine Tafel entwendet. In den Augen einiger mag das wohl ein Diebstahl sein und kein Kunstprojekt. Doch seine Aktion geht weit über die mögliche Illegalität einer Handlung hinaus. Sie verweist auf die Politik der schweizerischen Vergangenheitskonstruktion und rüttelt am gegenwärtigen Selbstbild der Schweiz.

Titelbild: zvg von Roland Roos

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