Von Alice Britschgi

Praktikantin Redaktion

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25. Juli 2022 um 04:00

Treff Point: «Als Sozialist konnte ich wählen: fliehen oder Gefängnis»

Die Anzahl an Kiosken in Zürich ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Hinzu kommt: Rund die Hälfte von ihnen sind K-Kioske. Doch wie geht es den unabhängigen Shops? Wer führt sie? Im ersten Teil der Kioskserie erzählt Selahattin Kilinç, wie ihn sein Leben zum Treff Point an der Langstrasse führte – während Stammkund:innen den Shop wie eine Bühne betreten.

Jeden Tag im Treff Point anzutreffen: Kioskbesitzer Selahattin Kilinç. (Foto: Alice Britschgi)

«Heute würde ich nicht fischen gehen», raunt der Mann im karierten Hemd über den Tresen. «Warum?», fragt Neşe Kilinç, während sie mit einem Geschirrtuch Gläser poliert. «Die ganzen Forellen, die im Leimbach den Bach runtergehen», antwortet der Mann. Dann rückt er den Barhocker zurück, ruft «und tschüss» und verlässt den Kiosk. Mit einer halb leeren Colaflasche in der Hand und einer Zeitung unter dem Arm zieht er die Langstrasse runter Richtung Limmatplatz.

Es ist Montagmorgen. Noch liegt der Treff Point im Schatten der gegenüberliegenden Häuserwand. Hinter ihr aber lauert ein heisser Julitag. Vom Helvetiaplatz brummen Baustellengeräusche herüber. Draussen unter den Markisen sitzen zwei Männer, trinken Kaffee, rauchen Zigaretten. Ein dritter kommt dazu und gesellt sich zu einem der beiden. Es ist Kioskbesitzer Selahattin Kilinç.

Gratis-Gipfeli seit 17 Jahren

Kilinç führt den Kiosk im Eckhaus zwischen Lang- und Stauffacherstrasse seit 17 Jahren. Jeden einzelnen Tag ist er hier. Um fünf Uhr früh öffnet ein Mitarbeiter den Laden. Gegen Mittag übernimmt Kilinçs Frau, am Nachmittag er selbst. Bis halb zwei Uhr nachts kriegt man im Kiosk mit integriertem Café Lotto-Lose, Würfelzucker und Wein, am Wochenende die ganze Nacht hindurch. 

Ein «super Standort»: Der Kiosk liegt an der Kreuzung Stauffacher-/Langstrasse mit Sicht auf den Helvetiaplatz. (Foto: Alice Britschgi)

Obwohl die Uhr erst kurz nach zehn zeigt, stehen auf den Tischen im Inneren bereits drei Stangen Bier. Die eine leistet einem grauhaarigen Mann Gesellschaft. Die anderen zwei halten Stellung zwischen einem zeitungslesenden Herrn und einer jungen Frau am Handy. Das Bier dürfte jedoch noch nicht allzulange ausgeschenkt sein. Denn Kiliniç befolgt einen Grundsatz: «Frühmorgens verkaufe ich keinen Alkohol.» Zudem bediene er keine Besoffenen. Eine Flasche mitnehmen sei auch betrunken okay, hinsetzen nicht. 

«Als Sozialist konnte ich wählen: fliehen oder Gefängnis.»

Kioskbesitzer Selahattin Kilinç

Sein Kiosk habe einen «super Standort», hierher kämen eher ruhige Leute. Darum sei seine Alkohol-Regel gut umsetzbar. «Viele Stammkund:innen kommen vor der Arbeit für einen Kaffee.» Im Allgemeinen seien seine Gäste eher älter. Nur spät abends und an Flohmarkt-Tagen sässen manchmal grosse Gruppen junger Leute auf der Terrasse. Gemischter seien die Nationalitäten: «Komm um zwölf hierher, dann sind hier nur Schweizer:innen, am Nachmittag ist es gemischt und am Abend sind nur Ausländer:innen hier.»

Früher war im Gebäude eine Apotheke beheimatet, dann ein Computergeschäft, schliesslich dieser Kiosk, erzählt Kilinç: «Ich bin der langjährigste Mieter bisher.» Man könnte meinen, dass der Kleinladen in den letzten zwei Jahrzehnten Zeuge grosser Veränderungen geworden sei, doch Kilinç hält dagegen. Es habe sich nicht viel verändert. Dem Gratis-Gipfeli zum Kaffee beispielsweise sei er all die Jahre über treu geblieben. Einzig den Preis habe er letzthin anpassen müssen, statt 4 Franken 20 zahle man nun 4.50.

Studium, Sozialismus, Service

Bewegter war das Leben des heute 66-Jährigen vor der Übernahme des Kiosks. Kilinç wuchs in der Türkei auf, nahe der syrischen Grenze. Als junger Mann studierte er türkische Sprache und Literatur. Doch anstatt sein Studium abzuschliessen, musste er seine Heimat nach dem Militärputsch 1980 fluchtartig verlassen. «Als Sozialist konnte ich wählen: fliehen oder Gefängnis.»

Umgeben von bunten Kaugummipäckchen, Chips-Tüten und Süssgetränken sitzt Kilinç nun an einem Tischchen im Inneren des Treff Points. Er trägt ein graues Käppi, um seinen Hals baumelt eine Lesebrille. Ein junges Paar betritt den Laden. «Marlboro.» Neşe Kilinç übergibt die Zigaretten, die Kasse klickt, die Szene ist vorbei.

Nach der Flucht hielt sich Kilinç vier Jahre lang in verschiedenen europäischen Ländern auf, bis ihm ein Freund riet, herzukommen, es in der Schweiz zu versuchen. Damals seien hier viele Stellen frei gewesen. Nach einer dreimonatigen Wartezeit im Asylverfahren habe er direkt einen Job gefunden, bei einem Kaltbuffet am Bahnhof Wollishofen. «Ich sehe ihn noch vor mir, meinen ersten Chef in der Schweiz», erzählt Kilinç plötzlich beschwingt. Für die SVP habe dieser im Gemeinderat gesessen. Weder ein besonders guter, noch ein besonders schlechter Vorgesetzter sei er gewesen.

«Sie macht alles», ruft eine Kundin, als Neşe Kilinç ihr zum Wasserfläschli ein Glas mit Eis und Zitrone reicht. (Foto: Alice Britschgi)

Nach dem Kaltbuffet arbeitete Kilinç als Kellner im «Cooperativo». Das Restaurant, damals noch am Werdplatz lokalisiert, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von emigrierten, italienischen Sozialdemokraten gegründet und war Treffpunkt der Arbeiterbewegung. Nach 13 Jahren im Service eröffnete Kilinç selbst ein Restaurant in Bern, eine Pizzeria. Später gründete er ein Möbelgeschäft in Baden. Weil die Kundschaft Kredite aufnahm und nicht zurück zahlte, habe er den Laden aufgegeben. 


Kiosk auf der Limmatplatz-Insel


Seinen ersten Kiosk übernahm Kilinç 2001 auf der Limmatplatz-Insel. Damals habe es dort zwei solche gegeben: einen K-Kiosk und sein Tramcafé. Später sei der Platz saniert worden, das Gebäude umgebaut. Kilinç zog es ans andere Ende der Langstrasse, wo er bis heute von Marmorkuchen über Zeitschriften und Instant-Nudelsuppen bis hin zu fünf verschiedenen Marken Vodka alles verkauft, was man mal eben so brauchen könnte. 

«Ich hatte immer Kontakt mit Leuten», begründet Kilniç seinen Werdegang zum Kioskbesitzer. Zudem wisse er wie der Ein- und Verkauf von Waren funktioniere. In der Gastro sei es schwierig, gutes Personal zu finden. Neben dem Menü müsse man sich um viele andere Dinge kümmern, die im Kiosk wegfielen.

Das Tramcafé am Limmatplatz war Kilinçs erster Kiosk. Heute gibt es an der Tramstation nur noch einen K-Kiosk. (Foto: Baugeschichtliches Archiv/Hanspeter Dudli)

Im Hintergrund begrüsst ein Kunde Kilinçs Frau: «Hoi Mami, wie geht’s?» Der Mann trägt zwei weisse Plastiksäckli bei sich, kauft eine Packung Zigis und verabschiedet sich wieder: «Schönen Tag, Mami.» – «Gleichfalls.» Sogleich betritt ein junger Typ mit Baseballmütze den Laden: «Hallo, guten Morgen, Cappuccino?», fragt Neşe Kilinç und greift schon nach der Tasse. Simultan bereitet sich der einzelne Mann – nun vor dem leeren Bierglas – zum Gehen vor: «Tschau Rico, danke.»

Kryptische Gespräche

Die Szenerie wirkt zeitlos. Die Uhr an der Wand, der Ventilator in der Ecke, die Schneemannfigur im Regal, selbst die Stammkund:innen; gut möglich, dass sie alle seit 17 Jahren zum Inventar des Kiosks gehören – gut vorstellbar, dass sie es auch die nächsten 17 tun werden. Für Selahattin und Neşe Kilinç aber soll in einem Jahr Schluss sein. «Wir haben beide Knieprobleme.» Das Geschäft laufe jedoch gut. Deshalb habe er schon «jemand Gutes», der den Kiosk eventuell weiterführen werde.

Der Treff Point ist ein Kiosk, eine Bar, ein Café – in Berlin würde man sagen: ein «Späti». (Foto: Alice Britschgi)

Am Nebentisch entwickelt sich über die halbleeren Stangen hinweg plötzlich ein Gespräch. «Ich komme eigentlich aus Neuchâtel, kennst du?», fragt der ältere Mann die Frau am Handy. Tut sie nicht. Der Herr holt aus, erzählt ihr die Geschichte des Juras. Die Zuhörerin scheint interessiert. Dann richtet sich der Mann auf, sagt «bis zum nächsten Mal», wirft ein «Tschüss» Richtung Tresen und verschwindet im Langstrassenquartier. 

Kilinçs Kiosk ist eine Bühne. Man könnte hier stundenlang verweilen, den auf- und abtretenden Darsteller:innen horchen und sich selbst als Figur in einem Theater wähnen. Dass man die meisten gesprochenen Dialoge nicht in voller Gänze zu entschlüsseln vermag, würde einen nicht weiter verwundern. Man würde dahinter Poesie vermuten – die aufzuschlüsseln, nur Literaturwissenschaftler:innen wagen.