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Das Klima-Camp gastiert noch bis heute Donnerstagabend auf der Stadionbrache. (Alle Fotos: Isabel Brun)

Zu Besuch auf dem Klima-Camp: «Nach der Aktion ist vor der Aktion»

Im Klima-Camp auf der Hardturmbrache plant das Bündnis «Rise Up For Change» Aktionen, malt Transparente und bildet sich weiter. Weshalb das in grünem Rauch und bunten Zettelchen mündet? Ein Augenschein vor Ort.
05. August 2021
Redaktorin & Klima-Redaktorin

Das Klima-Camp wirkt an diesem Mittwochmorgen noch etwas verschlafen. Eine junge Frau mit Zahnbürste im Mund geht an mir vorbei, der nasse Kies knirscht unter ihren Füssen. «Das Wetter könnte schlimmer sein», sagt Frida Kohlmann als wir einige Minuten später durch das Camp schlendern. Damit meint die Medienverantwortliche «Sonne und 30 Grad». Das würde die Stadionbrache in eine glühende Insel verwandeln. Nun aber sammelt sich der Regen der letzten Tage in grossen Pfützen auf dem Asphalt.

Actio, Reactio

Seit vergangenem Freitag hat das Klimabündnis «Rise Up For Change» hier seine Zelte aufgeschlagen. Über hundert Klima-Aktivist:innen beleben seither die Brache des Hardturmstadions, organisieren Workshops, bilden sich weiter und planen Aktionen, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. Gerade wegen letzterem sorgte das bewilligte Camp mitsamt Aktivist:innen in den letzten Tagen für Schlagzeilen. Nach dem Protest vom Montag, wo 200 Aktivist:innen die Eingänge der UBS und Credit Suisse blockiert haben, wurden vor allem bürgerliche Stimmen laut: Die SVP forderte vom Zürcher Stadtrat, dass die Bewilligung rückgängig gemacht wird und der FDP-Fraktionspräsident betitelte die Aktion als «verantwortungslos». Das Camp darf trotzdem bleiben, so die Meinung des Stadtrats.

Die Küche ist das Nadelöhr des Klima-Camps. Hier kommen alle zusammen, sammeln Kräfte für die nächste Aktion.
Paul, Mitglied der Küchencrew

Gerade beraten sich rund 15 Aktivist:innen im «Tripi», einem dreispitzigen Tipi, über die nächsten Pläne. Dort würden auch die grossen, wichtigen Besprechungen stattfinden, so Kohlmann. Die Blockaden bezeichnet sie noch immer als Erfolg, dass es mit einer Auflösung seitens der Polizei enden würde, damit habe man gerechnet. «Alle Teilnehmenden wurden im Vorfeld gebrieft. Sie wussten, worauf sie sich mit der Aktion einlassen.» Trotzdem sei sie über die Härte des Polizeieinsatzes überrascht gewesen. Insgesamt 83 Personen wurden verhaftet, erst gestern Mittwoch durfte der letzte Aktivist die Staatsanwaltschaft verlassen. Gegen 80 Personen wird laut Kohlmann wegen Nötigung ermittelt.

Eine davon begrüsst sie mit einer warmherzigen Umarmung. Die noch Minderjährige hatte sich ebenfalls an besagtem Montag auf dem Paradeplatz positioniert – dabei steckten ihre Arme in einem mehreren hundert Kilo schweren Holzfass. Mit einem Lieferwagen sei sie mitsamt Fass zur Seepolizei gebracht worden, erzählt die junge Frau. Dort angekommen, habe sie das Rätsel aufgelöst und ist mit den Händen aus dem Fass geschlüpft. «Es waren ja keine Medien mehr vor Ort.» Verletzt hat sich gemäss Mediensprecherin Kohlmann bei der Aktion niemand und auch das Fass würden sie unversehrt wieder zurückbekommen.

Grüner Rauch zugunsten des Klimas

Heute seien bereits wieder neue Aktionen geplant. Bei einem runden Zelt werden gerade Transparente gemalt: «Stop Faking Your Image Green», prangt auf einem davon. Ich werde es einige Stunden später auf dem Paradeplatz wiedersehen, als eine Handvoll Aktivist:innen auf das Tramhäuschen steigen und Petarden zünden. Mit der grünen Rauchwolke wollen sie das Licht auf das sogenannte Greenwashing der Grossbanken richten. Die UBS, Credit Suisse und Schweizerische Nationalbank stehen in der diesjährigen «Rise Up For Change»-Aktionswoche im Fokus der Klimabewegung. Der Finanzplatz Schweiz soll keine Investitionen mehr in fossile Energien tätigen und ihre Gewinne zugunsten des Klimas einsetzen. Wegen der Klimagerechtigkeit und aus Solidarität würden sie sich engagieren, erklären mir drei Aktivisten mit Pinseln in der Hand: «Nicht alle haben die Möglichkeit, sich so intensiv für das Klima einzusetzen wie wir.» Sie sprechen von einem Privileg.

Die Menschen auf dem Camp seien unterschiedlichen Alters, so Kohlmann, einige noch Schüler:innen, andere «etwas ältere Semester». Viele der Aktivist:innen würden sich schon seit geraumer Zeit mit dem Thema beschäftigen, sind im Klimastreik oder bei Extinction Rebellion tätig. Die Sprecherin betont jedoch: «Offen ist das Camp aber für alle Interessierten.» Ein Junge kreuzt unseren Weg, ich schätze ihn auf 15. Er sei vom Schwarzwald angereist und campiere seit vergangenem Wochenende auf der Brache. Rund 48 Zelte stehen auf einer Fläche mit Kies. Gemütlich geht anders, doch Schlaf scheint hier sowieso irrelevant. Viel wichtiger: das Essen.

Die Aktion auf dem Paradeplatz fand ohne Polizeiaufgebot statt.

Eine grosse Verantwortung

In riesigen Töpfen wird hier für knapp hundert Menschen gekocht. Zwar sei ein Kochkollektiv für das Material und den reibungslosen Ablauf zuständig, mithelfen würden aber immer wieder auch andere Camp-Bewohner:innen, erklärt mir Paul, der eigentlich anders heisst. Während er mit mir spricht, gleitet sein Blick immer wieder zur Küche rüber. Paul ist Mitglied des Kollektivs und habe auch schon für noch mehr Menschen gekocht. Er weiss, wie wichtig gutes Essen ist. «Die Küche ist das Nadelöhr des Klima-Camps. Hier kommen alle zusammen, sammeln Kräfte für die nächste Aktion.» Auf die Teller komme nur vegan und bio – und möglichst saisonal und regional.

Wie alle hier, bekommt auch Paul und der Rest der Küchencrew kein Geld für ihr Engagement. «Das Klima-Camp wird zu hundert Prozent durch Spenden, wie zum Beispiel ein Crowdfunding, finanziert», erklärt Kohlmann. Für das Essen und Trinken auf dem Gelände gebe man, was man kann. Das Solidaritätsprinzip hat sich laut der erfahrenen Aktivistin stets bewährt. Auch das Equipment der Film- und Foto-Verantwortlichen des «Rise Up For Change» sei ausgeliehen, erklärt mir ein junger Mann, der gerade dabei ist, das Filmmaterial von der Aktion am Montag zu schneiden. Das Zelt ist voll mit elektronischen Geräten; Kameras und Kabeln. Auf einem klappbaren Holztisch liegt eine Iso-Matte: Der Fotograf der Klimabewegung habe hier geschlafen, um das Material zu bewachen.

Die Nationalbank im Fokus

Einer der Filmer:innen treffe ich am späteren Nachmittag in der Innenstadt wieder. Während Anfang Woche in erster Linie die Grossbanken UBS und Credit Suisse am Pranger standen, ist nun die Schweizerische Nationalbank (SNB) an der Reihe: Rund 30 Aktivist:innen hängen Transparente auf, kleben farbige Zettel an die Fassade, bemalen den Boden mit Kreide. Der Grund: Die SNB besitzt, gemäss Berechnungen der Klima-Allianz Schweiz, Aktien im Wert von knapp sechs Milliarden Franken von Unternehmen, die in fossile Energien investieren. Damit soll Schluss sein. Weiter verlangen die Klima-Aktivist:innen, dass die Gewinne der SNB künftig in «dringende soziale und ökologische Bedürfnisse» fliessen. «Auf den Post-It’s stehen Ideen, was die Nationalbank mit dem Geld machen könnte», erklärt Emma Müller, die als Sprecherin des Bündnisses vor Ort ist.

In der Zwischenzeit bekam scheinbar auch die Polizei Wind von der Aktion. Mit rund 15 Einsatzkräften treffen sie auf dem Bürkliplatz ein, beobachten erst die Szenerie, beginnen dann mit Personenkontrollen. Ein Mann mit Anzug kommt dazu, unterhält sich mit einem Polizisten. Er sei ein Mitarbeiter der SNB. Diese möchte sich zur konkreten Aktion nicht äussern, verweist aber auf ein aktuelles Statement: Die SNB investiere nicht in Aktien oder Anleihen von Unternehmen, deren Produkte oder Produktionsprozesse «in grober Weise gegen politisch und gesellschaftlich breit anerkannte Werte verstossen». Darunter würden auch Firmen fallen, die «systematisch gravierende Umweltschäden» verursachen. Die Nationalbank verzichtet indes auf eine Strafanzeige gegen die Klima-Aktivist:innen. Bis auf einen Teilnehmenden, der sich nicht ausweisen konnte, kommen alle mit einem Platzverweis davon. Also geht es zurück auf die Hardturmbrache.

«Nach der Aktion ist immer auch vor der Aktion», sagt Frida Kohlmann. So sei das, als Klima-Aktivist:in. Ob sie nicht manchmal müde werde, weil sich trotz riesigem Einsatz nichts ändert, frage ich. «Doch, aber so etwas wie das Klima-Camp hier auf der Stadionbrache, wo so viel entsteht und die Menschen engagiert sind, macht alle Anstrengungen wieder wett.» Neben uns studiert gerade eine Gruppe Aktivist:innen den Tanz für das grosse Finale der «Rise Up For Change»-Aktionswoche ein: Die Kundgebung in Bern am Freitag. Damit alle rechtzeitig dort ankommen, würden sie die Brache auch am Donnerstag bereits räumen – und nicht wie geplant am Freitag, dem 6. August. Als ich mich von ihr verabschiede, nieselt es.


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