Zoff auf der Ämtleranlage

Messerangriffe, Lärmklagen, Drogenhandel: Im beschaulichen Quartier Sihlfeld hängt nicht erst seit Corona der Haussegen schief. Im Fokus der Debatte: Die Ämtleranlage und der Friedhof Sihlfeld. Was ist da eigentlich los?
09. Oktober 2020
Journalist

An der Bertastrassse ist es ruhig an diesem Dienstagmorgen im Spätsommer. Das Quartier strahlt eine dörfliche Idylle aus, die es so nur an wenigen anderen Orten in der Stadt gibt. Die Bertastrasse ist in den letzten Jahren vor allem durch ihre blühenden Kirschbäume in die Schlagzeilen geraten: Hunderte Fotos der Zier- und Vogelkirschen bevölkern das Netz, jeweils Ende März, Anfang April, wenn die Bäume Blüten treiben, trendet der Hashtag #Bertastrasse. In Blogs findet man Liebeserklärungen von Zugezogenen und Tourist*innen. Der Tenor: «Die Bertastrasse macht glücklich.»

Im mittleren Teil, dort, wo sie die Ämtlerstrasse durchschneidet, macht die Bertastrasse die Menschen nicht so glücklich. Wobei nicht die Strasse selbst das Problem ist: Das Unglück erwächst der Ämtleranlage, einem altehrwürdigen Primarschulhaus mit einer vor drei Jahren neu gestalteten Sportanlage. Eine grosse Fussballwiese, Basketballplätze, Pingpong-Tische und ein Kinderspielplatz. Raum zur sportlichen Ertüchtigung, Spass und Erholung. Tagsüber. Abends sollte Ruhe herrschen. Eigentlich.

Das Ämtlerschulhaus. Direkt neben dem Fussballplatz und dem Friedhof. (Bild: Elio Donauer)

Angefangen habe alles mit wilden Fussballturnieren, berichten Anwohner*innen. Fussballer mit ausländischem Hintergrund, die mit ihrer ganzen Entourage gekommen seien und die Parkplätze besetzt hätten, Autos mit Nummernschildern aus dem Aargau, Luzern und Zug. Mit den Stollenschuhen hätten sie den Rasen zerstört und anschliessend Bier getrunken und laute Musik bis spät in die Nacht gehört. Nicht nur die Fussballturniere waren offenbar ein Problem, der Neubau der Anlage habe auch Jugendliche angezogen, die sich mehrmals pro Woche in Besäufnissen ergingen und den Leuten den Schlaf raubten. Und während Corona, so Anwohner*innen, sei es noch viel schlimmer geworden. Mehrmals pro Woche habe man wegen Lärmstörungen bei der SIP und bei der Stadtpolizei interveniert. Auch wurde ein Runder Tisch ins Leben gerufen, bei dem die Anwohner*innen zusammen mit städtischen Behörden eine Lösung suchen sollten. Die Jugendlichen, um die es eigentlich ging, nahmen nicht daran teil.

Auf der Webseite des Quartiervereins erscheinen im Frühling mehrere Artikel, die das Thema aufgreifen: «Neuer Unruheherd Ämtleranlage» lautet eine Überschrift. Darin ist zu lesen von «Alkoholexzessen», der «Malträtierung der Fussballwiese» und von einer «vandalierenden Jugendszene«. Auch der Kreischef 3 der Stadtpolizei kommt zu Wort: Die Ämtleranlage, so dieser, sei «eine Problemörtlichkeit». Kurz darauf greift das Tagblatt die Geschichte auf. «Jugendliche machen das Sihlfeld unsicher», heisst es im städtischen Amtsblatt. Und eine Woche später wird nachgezogen: «Knatsch um Aemtleranlage».

Mit seinen Artikeln traf der Quartierverein offenbar einen Nerv. Auf seiner Webseite werden die Zuschriften gesammelt, die auf die Artikel über die Zustände im Sihlfeld eingesandt wurden:

  • «Dieser Vandalismus im Kreis 3 nimmt wirklich zu. Schau mal: Binz heute morgen ((beigelegt: Foto mit abgefackelten Kartonsammeldepots in der Binzallee)). Bei den städtischen Wohnungen gruppieren sich zur Zeit viele junge Männer, die keine Aufgabe haben – während dem Lockdown auch in Gruppen von mehr als 5 Personen. Bitte mich nirgends namentlich erwähnen: will nicht abgestochen werden.» (N.N., 8.5.)
  • «Der Artikel über die ärgerliche Entwicklung im Aemtlerquartier ruft Erinnerungen wach in mir, die Ihnen eventuell als umsetzbare Massnahmen helfen können: In Cremonas Stadtpark fuhr jeden Abend ein Spritzenwagen auf, tränkte das Gelände und verschwand; damit entfiel das wüste Treiben.» (L.V., 28.5.)
  • «Wir wohnen seit über 40 Jahren an der Aemtlerstrasse. Die Entwicklung des Quartiers rund um den Idaplatz und die Aemtlerwiese macht uns zunehmend Sorge. Jugendliche lungern dort herum, werfen Velos in den Teich, zerschlagen die Lampen, zünden Bäume an. Wir fühlen uns hilflos. Mein Mann möchte am liebsten wegziehen.» (B. + H.S., 9.6.)

Im März lud der Quartierverein zu einer Veranstaltung unter dem Titel «Wird der Kreis 3 bald zur Banlieu [sic] von Zürich». Es war nicht als Frage deklariert. Auch die Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart hätte laut Veranstaltungs-Flyer teilnehmen sollen. Covid-19 machte der Veranstaltung schliesslich einen Strich durch die Rechnung.

Vandalismus, Lärmeskapaden, abgefackelte Bäume, Menschen, die Angst haben, abgestochen zu werden. Das Quartier Sihlfeld wird in diesen Schilderungen zu einer weitgehend rechtsfreien Zone, in der sich Müllberge türmen, und der gewaltsame Tod in Form eines messerschwingenden Finsterlings an jeder Ecke lauert. Kann es sein, dass hier ein klitzeklein wenig übertrieben wird?

Treffen mit Urs Rauber, Präsident des Quartiervereins und aktiver Twitterer gegen den «linken Mob» und die grassierende «Political Correctness». Rauber erzählt in einem langen Gespräch am Idaplatz die Hintergründe des Konflikts aus seiner Perspektive, er scheint guter Dinge. Rauber ist kein Anwohner, war aber bis zu diesem Sommer Vorsitzender des Runden Tisch. Später führt er einen durch die Ämtleranlage. Als man ihm einige Tage später die Zitate zusendet, ist seine gute Laune allerdings verflogen. Er zieht seine Zitate zurück, mit dem Artikel will er nichts mehr zu tun haben.

So richtig ins Rollen gebracht hat die ganze Geschichte überhaupt erst die Klage eines Anwohners gegen die Stadt. Darin wird der Stadt vorgeworfen, das Nachtverbot auf der Ämtleranlage nicht durchzusetzen. Laut einem Bericht des Quartiernetz liess ebendiese Klage den Quartierverein auf den Plan treten. Der Anwohner hat sich, wie Quartiervereinspräsident Rauber, zuerst zu einem Gespräch bereit erklärt, dann aber seine Aussagen zurückgezogen.

Neben dem Quartierverein berichtet auch der Verein Quartiernetz 3 regelmässig über die Geschehnisse rund um die Ämtleranlage. Verantwortlich dafür ist Pete Mijnssen, zugleich auch Anwohner der Ämtleranlage. Mijnssen erscheint mit Fahrrad, sportlich leger gekleidet zum Treffen im Café Z am Park. Im Gegensatz zu Rauber ist Mijnssen der Law & Order-Politik eher unverdächtig. Mijnssen wurde im Umfeld der 80er-Bewegung politisiert, er steht heute den Grünen nahe. Als er zusammen mit seiner Frau und Bruder in den 80ern das Haus gekauft hatten, sagten einzelne Nachbarn hinter vorgehaltener Hand: 'Die werden nicht lange hier bleiben.‘ Anlass dazu waren ein paar farbige Mèches, die sich Mijnssen Frau in die Haare hatte machen lassen.

Mijnssen, der von sich sagt, dass er nicht einer sei, «der am Abend mit dem Feldstecher auf der Dachterrasse steht», ist froh, dass die Zeiten der «Vorhängli-Atmosphäre» vorbei sind. Damals, als im Quartier ein kleinbürgerlicher, engstirniger Geist geherrscht habe, das wünsche er sich nicht zurück. Aber Mijnssen ist beunruhigt über die Entwicklung in letzter Zeit, er zählt die Vorfälle auf, die das Quartier in den letzten Monaten aufgerüttelt hätten. «Permanente Lärmstörungen, drei Messerstechereien, eine davon mit einem Schwerverletzten, eine Jugendbande, die das Quartier in Angst versetzt: Binge-drinking, heavy Sachen, Drogen, Provokationen von einer kleinen Gruppe Jugendlichen circa im Alter zwischen 14 und 17 Jahren.» Mijnssen sagt: «Es ist ein Wunder, dass es keine Toten gegeben hat.»

Messerstechereien, Schlägereien, Littering, Alkohol- und Drogenexzesse. Und als wäre das alles noch nicht genug, liefert auch noch der Friedhof Sihlfeld Schlagzeilen. Die grösste Parkanlage der Stadt Zürich, umgerechnet 40 Fussballfelder gross, grenzt direkt an die Ämtleranlage, ein schmaler Streifen Wiese liegt dazwischen, durch ein Tor kommt man problemlos von der Freizeitanlage auf den Friedhof. Vor einigen Monaten fand hier eine der spektakuläreren Amokfahrten statt, die diese Stadt in jüngster Zeit erlebt hat. Ein Autofahrer raste an einem Samstagnachmittag im Juni mit einem gestohlenen Audi A6 durch den Friedhof Sihlfeld, durchbrach zwei Tore, erfasste beinahe eine Velofahrerin, pflügte mit dem Wagen in einen Betonsockel und setzte die Flucht zu Fuss fort. Noch hat man den Fahrer nicht gefasst. Dass der Vorfall in irgendeinem Zusammenhang steht mit den Jugendgruppen auf der Ämtleranlage, ist zwar reine Spekulation, aber er bestärkt den Eindruck: Hier herrscht Chaos.

Und dann ist da noch diese Cruising-Geschichte und die Sache mit den Drogen. Im Juni schreibt der «Tages-Anzeiger» von «mehrere[n] Beschwerden aus der Bevölkerung, dass der Friedhof nachts als Sextreffpunkt diene und das Areal zum Drogenkonsum missbraucht werde». In den einschlägigen Portalen ist der Friedhof markiert, zusammen mit einer Beschreibung, wie man zu den zwei öffentlichen Toiletten gelangt: «Immer wieder geile Action.»

(Bild: Elio Donauer)

Wie auch bei den Berichten auf der Quartiervereinswebseite und im Tagblatt folgen kurz darauf eine Reihe empörter Kommentare und Leserbriefe, darunter nicht wenige mit einem homophoben und rassistischen Einschlag. Eine Frau beklagt, dass in der Binz ähnliches geschehe und «dass es ausdrücklich dunkelhäutige Menschen sind, [...] die mit Sound und Alkohol (und was weiss ich was) unterwegs sind.»

Aus diesem Amalgam von unliebsamen Erscheinungen, die, wie immer in städtischen Räumen, mal hier, mal dort auftreten, wird in dieser Lesart ein «Hotspot», ein pulsierender roter Punkt auf der Landkarte, der die friedliche Koexistenz derjenigen bedroht, die scheinbar schon immer hier waren und sich an Recht und Ordnung halten. Dass die Männer, die sich auf den Toiletten im Friedhof Sihlfeld zum Sex treffen, wohl nicht die gleichen sind, die auf dem Friedhof Drogen konsumieren, geht in all der Empörung unter. Ebenso, dass es unerheblich ist, ob die Fussballer, die mit ihren Stollenschuhen die Ämtlerwiese «malträtieren», nun einen südamerikanischen Hintergrund und ein Aargauer Nummernschild haben oder mit dem Cargo-Bike aus der Friesenberger Wohnbaugenossenschaft kommen. Was hängen bleibt, sind Mutmassungen, Raunen und eine vermeintlich dunkle Ahnung, dass Homosexuelle vermutlich Drogen konsumieren, wenn nicht sogar damit handeln, dass «ausländische» Jugendliche die Tendenz haben, sich in Schlägerbanden zu organisieren, und dass Fussballer mit einem südamerikanischen Migrationshintergrund die hiesige Rasenpflege aus kulturellen Gründen ablehnen.

Nicht alle Rückmeldungen auf die Artikel über das Quartier tönen gleich. Es gibt auch Anwohner*innen, die sich an der Berichterstattung stören:

  • «Ich finde es sehr stossend, wie Sie über die Jugendlichen berichten. Es werden damit Ängste geschürt, die nicht gut sind fürs Quartier. Ein rassistischer und homophober Unterton schwingt klar mit.» (B.S., 22.5.)
  • «Was der Quartiervereinspräsident behauptet, ist schlichtweg falsch. Der Quartierverein Wiedikon würde sich besser für mehr Velowege und weniger Autoverkehr engagieren!» (S.M., 27.5.)

Der begehrte Rasen ist hin und wieder auch gesperrt. (Bild: Elio Donauer)

Am 27. Mai 2020 reichten zwei FDP-Gemeinderäte, die beide Mitglied im Quartierverein sind, eine schriftliche Anfrage ein. Sie nehmen Bezug auf die vom Quartierverein geschilderten Vorkommnisse im Quartier («unerfreulicher Hotspot», «Alkoholexzesse», «vandalierende Jugendszene», «Messerstechereien») und verlangen vom Stadtrat in acht Punkten eine Antwort. Einer der Fragen: «Warum lässt der Stadtrat wissentlich zu, dass ein Friedhof als Ort der Stille und der Trauer zu Drogenkonsum und -handel sowie für Cruising-Zwecke missbraucht wird?» Hintergrund dieser letzten Frage ist nicht zuletzt die Entscheidung des Stadtrats vor einigen Jahren, die Friedhofsanlagen auch in der Nacht geöffnet zu lassen.

Der Stadtrat ist nicht die richtige Adresse für diese letzte Frage. Man muss sie behutsam zu Rolf Steinmann tragen. Steinmann ist salomonischer Richter über Tod (Grabsteine) und Leben (Parkanlage), der Leiter des Friedhofs- und Bestattungsamts, ein ruhiger, bedachter Mensch, der die Augen kritisch zusammenkneift, wenn eine Frage darauf angelegt ist, die Welt in eine schwarz-weiss Schablone zu pressen. Während einer kurzen Führung durch den Friedhof bleibt Steinmann alle paar Meter stehen und erzählt eine Anekdote: Hier das Grab von Hugo Loetscher, dort die alte Urnenwand, in der während der Platzspitz-Zeit in den 90er-Jahren Heroin gebunkert wurde.

Warum, Herr Steinmann, lässt man es zu, dass hier Drogen konsumiert werden und Sex gesucht wird? Steinmann sagt, beides werde nicht toleriert, er verweist auf die Informationstafel beim Eingang, die darauf hinweist, dass «der Friedhof Sihlfeld ein Ort der Stille und der Trauer [ist]. Wir bitten Sie, dies zu respektieren und weder Park noch Toiletten für Cruising-Zwecke oder Drogenkonsum zu benutzen.» Er erklärt, dass die Toiletten neu abends und nachts automatisch geschlossen werden. Und er sagt, dass das Friedhofspersonal und die Polizei Personen, die sich ungebührlich verhalten, wegweisen können. «Es werden Kontrollen durchgeführt und Haus- und Arealverbote für den Friedhof Sihlfeld ausgesprochen.»

«Aber», sagt Steinmann dann, «die Gesellschaft hat sich verändert und mit ihr die Rolle des Friedhofs Sihlfeld.» Was während Corona seinen Höhepunkt erfahren habe, sei schon lange vorher sichtbar gewesen: «Die Menschen benutzen und schätzen den Friedhof, sie kommen hierher, um zu lesen, zu spazieren, Kaffee zu trinken oder Yoga zu betreiben. Je enger der Wohnraum, desto grösser das Bedürfnis nach öffentlichen Plätzen.» Und wie in anderen Parks gebe es auch hier diejenigen, die zum Beispiel Musik hören oder auf einer Bank ein Sandwich essen. «Einige stören sich daran, andere schätzen die Möglichkeit.» Steinmanns Ziel ist, eine gute Balance in der Nutzung zu finden. Und er betont: «Die allermeisten Besucher*innen verhalten sich adäquat und respektieren den Friedhof und seine Wiesen als besonderen Ort.»

Steinmanns Führung endet beim grossen Eingangstor, da wo sich das Friedhofsforum befindet und eine der Toiletten, die auf den Cruising-Karten im Internet markiert sind. Während Steinmann über die Geschichte der Anlage spricht, erscheinen zwei Männer in kurzem Abstand aus der Toilette. Steinmann unterbricht den Satz, er schaut den beiden Männern nach, schüttelt dann den Kopf, wie um einen unliebsamen Gedanken loszuwerden. «Man darf die Leute nicht unter Generalverdacht stellen, ich will hier keinen Polizeistaat.»

Der Stadtrat indes antwortete auf die schriftliche Anfrage der Gemeinderäte mit einem nüchternen Statement:

  • Den Strafverfolgungsbehörden ist es nie gelungen, die unerwünschten Handlungen bezüglich Drogenkonsum und Cruising – wo immer diese auftreten, ob auf Friedhöfen oder anderswo – gänzlich zu unterbinden. Interventionen führen oftmals zu einer räumlichen Verlagerung. Ein wirklicher Drogenhandel oder eine Drogenszene hat sich in der Anlage nicht etabliert. Vereinzelt findet Drogenkonsum (Cannabis) statt und Einzelpersonen treffen sich für Cruising, nicht nur nachts.

Und:

  • Dem Stadtrat ist bekannt, dass es punktuell zu Konflikten sowohl auf der Aemtleranlage wie auch im Friedhof Sihlfeld kommt, insbesondere bei schönem Sommerwetter. Der Stadtrat bedauert, dass die Anwohnerinnen und Anwohner unter den Folgen der unerwünschten Nutzungen zu leiden haben.

Pete Mijnssen sagt dazu, der Stadtrat halte «den Ball extrem flach».

Der Quartierverein ist heute FDP-nahe, betont aber seine überparteiliche Rolle. Er setzt sich für den Erhalt einer VBZ-Ticketeria am Goldbrunnenplatz ein, porträtiert Kleingewerbler*innen und schwelgt immer wieder mal in der Vergangenheit. Da ist zum Beispiel ein Bericht über die Martastrassen-Jungs, Strassenbuben, die in den 50er-Jahren im Quartier rund um die Martastrasse wilde Velorennen austrugen (heute würde man sagen: «illegale Strassenrennen»), boxten («Schlägereien zwischen Jugendbanden»), oder, wie im Fall der verstorbenen FCZ-Legende Köbi Kuhn, stundenlang mit dem Fussball gegen ein Garagentor kickten («Lärmbelästigung»). Mit 50 Jahren Abstand und einer Schicht Patina erscheint der Regelbruch plötzlich in einem nostalgischen Licht.

Dass sich das Quartier stark verändert hat, liegt auf der Hand. Gerade der Idaplatz stand in den letzten Jahren immer wieder im Zentrum der Debatte: Die sogenannte Mediterranisierung – die Verlagerung des Lebens nach draussen, oftmals in Begleitung eines alkoholischen Getränks – und Gentrifizierungseffekte – durch die Abqualifizierung der Weststrasse zu einer 30er-Zone – haben zu einer veränderten Bevölkerungszusammensetzung und zu Nutzungskoflikten geführt. Und Corona hat diese Konflikte noch einmal verschärft. Dies schlägt sich auch in den Lärmklagen nieder: Mehr als 6500 gingen bei der Polizei im Zeitraum zwischen Januar und August dieses Jahres ein, wie der «Tages-Anzeiger» schreibt. Damit seien in den ersten acht Monaten mehr Klagen registriert worden, als im Rekordjahr 2018. Die Stadt reagierte mit einer Kampagne auf die gestiegenen Zahlen, neu stehen an neuralgischen Stellen Plakattafeln, auf denen darum gebeten wird, die Nachtruhe einzuhalten. Liess die Pandemie die Menschen rücksichtsloser werden? Oder haben sich die Leute womöglich einfach mehr an die Ruhe der Corona-Zeit gewöhnt, wie Friedhofsmann Steinmann glaubt?

Ob das Schild etwas nützt? (Bild: Elio Donauer)

Gesetze anwenden, die Härte des Rechtsstaates, konsequentes Vorgehen, Arealverbote, Wegweisungen, Rayonverbote: Für die Massnahmen, die dem Quartierverein vorschweben,hat Agron Ibraj eher wenig übrig. Ibraj hängt in einer rückenschädigenden Haltung im Bürostuhl, auf seinem T-Shirt steht «Call Of The Wilderness», hinter ihm zwängen sich auf einer Ablage Pokale, Diplome und Siegerfotos: Ibraj ist Deutschschweizer-Meister im Pétanque und seit 23 Jahren Jugendarbeiter, die meisten davon als Leiter der Offenen Jugendarbeit (OJA) in den Kreisen 3 und 4. In dem Provisorium hinter dem Bahnhof Wiedikon, einem Container auf Stelzen, gehen pro Jahr Tausende Jugendliche ein und aus, es hat einen Pingpong-Tisch, einen Tanzraum, eine Musikanlage, einen Billardtisch, Sofas und eine Küche. Zwar sind meistens Aufsichtspersonen der OJA da, aber die Jugendlichen sind selber verantwortlich für den sachgemässen Gebrauch des Jugendzentrums. Ibraj sagt, das sei der Schlüssel. «Wenn man den Kids Verantwortung überträgt, haben sie auch Lust, Sachen anzupacken.» Ibraj sagt, bei den Jugendlichen auf der Ämteranlage habe man damit zu lange gewartet. «Jetzt haben sie das, was sie suchten: 15 verschiedene Institutionen, die sich den Kopf zerbrechen, was man mit ihnen tun soll.» Man sei hier auch ein bisschen «in eine Falle getappt.»

Wenn Ibraj über die Jugendlichen spricht, nennt er sie liebevoll «Kids», bei dem Wort «Jugendbanden» verzeiht er das Gesicht. «Die Menschen haben heute so viel Angst vor Jugendlichen.» Er hat auch eine Erklärung dafür: «Die Medien haben ihren Teil dazu beigetragen mit der die Art und Weise, wie sie über die angeblich grassierende Jugendgewalt berichten.» Ibraj nennt den Fall Carlos (Brian), die Schlägereien am Seebecken, Happy Slapping, Mobbing an Schulen, und so weiter. «oftmals haben die Medien pauschal Ängste geschürt, auch wenn es sich jedes Mal um Einzelfälle handelte.»

Und doch, auch wenn auch dieser Fall ein Einzelfall sein mag: Drei dieser «Kids» haben am Ostersonntag dieses Jahres einem Mann schwere Stichverletzungen zugefügt. Der 32-Jährige musste notoperiert werden, überlebte. Gegenüber Tsüri.ch will sich das Opfer nicht äussern. Der Messerattacke ging ein Streit auf der Ämtleranlage voraus, drei mutmasslich an der Tat beteiligte Jugendlichen im Alter von 14 und 15 Jahren wurden wenig später von der Polizei festgenommen und befragt.

Agron Ibraj: «Hier ist man in eine Falle getappt.» (Bild: Elio Donauer)

Wie kann das passieren? Ibraj lehnt sich noch etwas weiter zurück im Bürosessel und seufzt. Er kennt die meisten Jugendlichen, die sich auf dem Ämtlerareal aufhielten persönlich; und wenn nicht, dann kennt er zumindest ihre Cousins und Cousinen, ältere Geschwister oder Onkel und Tanten. Sie alle waren einst bei ihm im Jugendzentrum. «Wie es so weit kommen kann? Ich weiss es nicht, auch nach all dieser Zeit nicht.» Ibraj schüttelt den Kopf, schaut durchs Fenster auf das Tramdepot Kalkbreite. «Bei vielen von ihnen ist vieles schiefgegangen, sie haben nichts zustande gekriegt, und sie bekommen das immer wieder zu hören, das ist sehr stressig! Die Folge ist ein erhöhter Alkoholkonsum bei den meisten. Und dann geht irgendwann der Vorhang runter.»

In seiner Antwort auf die schriftliche Anfrage hält der Stadtrat fest, «dass das Zwangsmittel der Wegweisungen oder Arealverbote die strafbaren Handlungen, die Lärmproblematik oder Littering nicht zum Verschwinden bringen können.» Eine Häufung von Delikten gegen Leib und Leben oder Drogenhandel sei in der Anlage bisher nicht festgestellt worden. Mijnssen sagt, das sei «nachweislich falsch, wenn nicht sogar gelogen.»

Rami* ist 17, er ist im Quartier aufgewachsen, im Ämtleranlage zur Schule gegangen. Er sagt, er sei gekommen, um «einige Dinge gerade zu rücken». Er hat die Berichte in den Zeitungen mitbekommen, die erhöhte Polizeipräsenz am eigenen Leib gespürt. «Wir werden so dargestellt, als wären wir eine Gefahr für das Quartier, als würden wir den Leuten nachts auflauern und sie hinterrücks niederschlagen». Rami schüttelt den Kopf. Wir sitzen im Jugendzentrum, der 17-Jährige trägt einen Adidas-Pullover, die Mütze sitzt verkehrt auf dem Kopf, ein Kopfhörer im Ohr. «Wir wollen keinen Stress, wir möchten nur in Ruhe hängen, reden, Musik hören.» 10 bis 20 Leute seien sie in der Gruppe, alle zwischen 15 und 19 Jahre alt. Natürlich werde auch gekifft und Alkohol getrunken, von harten Drogen lasse man aber die Finger. Die Ämtleranlage sei für sie «wie ein Zuhause». Mit den Anwohner*innen gehe man respektvoll um, man grüsse sie auch, wenn aber jemand ihnen gegenüber den Respekt vermissen lasse, dann müsse man auch mit einem frechen Spruch rechnen. «Nur die Yuppies haben keinen Respekt verdient, sie sind es, die dieses Quartier kaputt machen.»

Hier tragen die Jugendlichen die Verantwortung. (Bild: Elio Donauer)

Im Frühsommer lancierte die FDP des Kreis 3 die Petition «Für einen sicheren Kreis 3!». Darin fordert sie die temporäre Schliessung des Friedhofs Sihlfeld in der Nacht und Areal- und Rayonverboten bei Nachtruhestörung. Es gelte den Friedhof und die Ämtleranlage nicht «rücksichtslose[n] und gewaltbereite[n| Besucher[n]» zu überlassen und die «Sorgen und Ängste der geplagten Anwohnerinnen und Anwohner» ernst zu nehmen. 400 Unterschriften sind das Ziel, 350 haben unterzeichnet. Und auch die Stadt handelte: Die Delegierte für Quartiersicherheit, Dayana Mordasini, ist stadtinern neu zuständig für die Thematik Ämtleranlage. Sie hat auch die Leitung des Runden Tischs übernommen. Auf dem Spaziergang mit Steinmann ist sie ebenfalls anwesend. Mordasini sagt, das wichtigste sei, erst einmal ein wenig Ruhe in die ganze Angelegenheit zu bringen, und die einzelnen Anliegen aufzudröseln. Beim Runden Tisch, so Mordasini, seien zu viele Probleme miteinander vermengt worden. Der in der Petition erhobenen Forderung nach einer Schliessung der Friedhofsanlage wolle man bei der Stadt aber nicht nachkommen, sagt Mordasini. «Die Schliessung einer ganzen Anlage, wegen der Fehlnutzung einiger weniger ist unverhältnismässig.» Als man Rami auf den Friedhof Sihlfeld anspricht, reagiert er erstaunt: «Niemand von uns hält sich auf dem Friedhof auf, wir laufen da nicht mal durch.»

Jetzt, Ende September, ist es gemäss Anwohner*innen besser, also ruhiger, geworden. Sowohl auf der Ämtleranlage als auch auf dem Friedhof. Auf dem Friedhof Sihlfeld führten SIP, Securitas und Polizei während mehrerer Wochen ein Monitoring durch, ein Bericht dazu werde erstellt, heisst es seitens der Stadt knapp. Die Jugendlichen auf der Ämtleranlage seien weitergezogen, vernimmt man von der Anwohnerschaft, wer weiss, wohin. Ob es die Massnahmen der Stadt waren, die Wirkung zeigten, oder ob die niedrigen Temperaturen verantwortlich waren bleibt unklar. Bei all den den Monitorings und Auswertungen geht schnell einmal vergessen, dass man es kaum mit organisierten Gruppen zu tun hat, sondern mit Individuen. Rami sagt, man werde sich die Ämtleranlage nicht wegnehmen lassen. Mordasini sagt, im kommenden Frühling müsse man sich die Situation erneut anschauen. Miijnssen weiss von Nachbar*innen, die wegziehen wollen. Ibraj hofft, dass Jugendliche und Anwohner*innen lernen aufeinander zuzugehen. Und wenn das nicht klappt? Steinmann zeigt auf eine Reihe von Grabsteinen auf dem Feld A, da wo sich die Familienmietgräber befinden: «Es ist wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass nicht alle, die hier liegen», er macht eine Geste, als würde er Asche über die Grabanlage steuern, «zu Lebzeiten völlig angepasste Menschen waren.»


*Name geändert.

Der Autor wohnte fünf Jahre im Quartier, er gesteht, abends auf der Ämtleranlage auch schon ein Bier oder zwei getrunken zu haben, trotz gut ausgeschildertem Alkoholverbot. Selbstjustiz behagt ihm nicht, aber er hegt grosse Bewunderung für die ältere Frau, die oberhalb der Calvados Bar wohnt und einst kübelweise kaltes Wasser über eine Gruppe Nachtschwärmer goss.

member ad

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