Von Rahel Bains

Redaktionsleiterin

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14. Januar 2022 um 14:57

Aktualisiert gestern um 10:01

Student:innen thematisieren mit viralem «fake» Tik-Tok-Account Wohnungsnot

Um auf einen Dokfilm über Wohnungsnot in Zürich aufmerksam zu machen, erzählen ZHdK-Student:innen auf Tik Tok die Geschichte von Lorena, deren Leben nach einer Mietzinserhöhung komplett auf den Kopf gestellt wird. Die Videos erreichen mehr als 1,6 Millionen Views und generierten 165’000 Likes. Nur: Lorena gibt es gar nicht.

Der Tik-Tok-Account lorena.am.limmat wurde von ZHdK-Student:innen kreiert. Nur wusste das zu Beginn niemand. Bild: Screenshot Tik Tok

Es ist ein Drama in mehreren Akten, erzählt in kleinen Kurzgeschichten auf dem Tik-Tok-Kanal «lorena.am.limmat». Eine junge Kunststudentin zieht zu ihrem Freund nach Zürich. Zunächst scheint ihr Leben noch ziemlich in Ordnung. Ja, gar mehr als das. Sie geniesst Cappuccinos im Café Grande, schlendert der Limmat entlang, um sich danach in der ZHdK dem Illustrieren zu widmen. «Omg dream life», kommentieren die Follower. 

Auch mit dem Freund scheint es prima zu laufen, wie sich aus den Kuschel-Posts schliessen lässt. Doch nach etwa einer Woche nimmt der Hipster-Traum ein jähes Ende. Die Immobilienverwaltung erhöht den Mietzins. «Leute, wenn ihr irgendeine Lösung habt, meldet euch. Ich kann mir das nicht leisten. #mylifeisover», fleht Lorena ihre Follower an. «Eventuell kannst du eine Mietzinsreduktion aufgrund des Referenzzinssatzes verlangen. Es gibt auch eine unentgeltliche Rechtsauskunft, das heisst so viel wie du erhältst gratis Auskunft von Anwälten», versucht die Community zu helfen.

Und plötzlich ist der Freund weg – und die Wohnung auch

Die Suche nach einer neuen Bleibe gestaltet sich für Lorena in der Zwischenzeit «actually awful». Und es kommt noch schlimmer: Lorenas Freund will nicht nur künftig alleine wohnen, er macht auch gleich noch Schluss. Sie verliert also innerhalb von nur einer Woche Wohnung und Freund – und wohnt nun, weil bezahlbare Wohnungen in Zürich «so rar wie Pokémon» sind – für eine kurze Zeit freiwillig in der ZHdK im Zürcher Kreis 5. Ihre unkonventionellen Schlafplätze hält sie auf Kamera fest, sie zeigt, wo sie duscht und sich die Haare macht. Manche Follower werden skeptisch: «Weshalb habe ich das Gefühl, dass dies eine Projektarbeit ist? Das wäre so typisch ZHdK.»

Lorena teilt aber nicht nur Content aus der Schule, sondern befasst sich weiterhin intensiv mit ihrer Wohnungssuche. Anhand einfacher Beispiele erklärt sie dabei das bekannte Phänomen namens Gentrifizierung, «Gentrification is killing me softly». 

Das Prinzip «Hotel ZHdK» funktioniert indes nicht lange: Lorena wird vom Sicherheitspersonal rausgeworfen, kurz darauf löst sie auf: «Lorena» ist eigentlich eine Schauspielerin, der Account kreiert von Student:innen des ZHdK-Studiengangs Cast/Audiovisual Media sprich von Online-Profis, die mit neuen digitalen Erzählformen im Netz experimentieren. In einem ihrer letzten Posts teilt Lorena mit: «Dieses Projekt soll auch herausfinden, wie User auf solchen Content reagieren.»

Die Köpfe hinter dem Tik-Tok-Account: Die Student:innen desZHdK-Studiengangs Cast/Audiovisual Media. Bild: zvg

Mit Tik Tok auf Dokfilm aufmerksam gemacht

Der Tik-Tok-Kanal mag zwar fake sein, die dazugehörige, ebenfalls von den Student:innen produzierte Videodokumentation «Leben am Limmat», beruht aber auf wahren Geschichten und realen Akteur:innen. Auch dort geht es um die Wohnungsnot Zürichs. Zu Wort kommen unter anderem Walter Angst, Präsident des Mieterinnen- und Mieterverbands Zürich, Sabine Horisberger, Swiss Life Immobilienportfolio-Managerin, Architektin Vera Gloor, aber auch Oli, eine junge Frau, die ihre WG aufgrund auflösen muss, weil das Mehrfamilienhaus, in dem sie lebt, abgerissen wird.

Das Zusammenstellen dieser hochkarätigen Besetzung sei nicht einfach gewesen, erzählt Studentin Simona Boscardin (25), die für die Produktion des Dokfilms mitverantwortlich war: «Die Pensionskasse Swiss Life gibt in der Regel keine Interviews. Umso mehr hat es uns gefreut, dass sie mit uns gesprochen haben. Es war uns wichtig, dass auch sie zu Wort kommen, denn ein Schwarz/Weiss- sprich Täter/Opfer-Narrativ war nicht das Ziel. Wir wollten ein Problem aufzeigen, das durchaus auch politisch ist, und für das die Lösungsansätze vielfältig sind. 

«Es bringt nichts, tolle Inhalte zu kreieren, die am Ende nur 200 Menschen auf YouTube erreichen»

Simona Boscardin

Der Tik-Tok-Kanal war also Mittel zum Zweck, um auf den Kurzfilm aufmerksam zu machen. Ein unkonventioneller, für die Student:innen jedoch logischer Ansatz. Simona: «Wir setzen uns hauptsächlich damit auseinander, wie man eine Geschichte auf verschiedenen Plattformen erzählt. Es bringt nichts, tolle Inhalte zu kreieren, die am Ende nur 200 Menschen auf YouTube erreichen.»

Und tatsächlich: Auf Tik Tok eine Community aufzubauen, geht schnell. Innerhalb einer Woche knackte eines von Lorenas Videos die 40’000-Views-Marke. Ein anderes wurde am Ende gar mehr als 300’000 Mal angeklickt. «Das schaffst du auf Instagram nicht. Die Community auf Tik Tok ist anders. Zugehörigkeit und Hilfsbereitschaft werden hier gross geschrieben», so Simona. 

Auch Studentin Sirah Nying (23), die Lorenas Account mitkonzipiert hat, findet: «Tik Tok hat ein grosses Potenzial – das sich zum Beispiel die Schweizer Medien noch viel mehr zu Nutze machen könnten.» Dafür seien Unternehmen wie zum Beispiel die Migros oder Comparis bereits weiter: «Sie produzieren schon jetzt sehr guten Content auf ihren Tik Tok». 

Obwohl die App stetig wachse und an Relevanz gewinne, schwinge bei Tik Tok laut Sirah wohl für viele noch dieses «Wilde» und «Rebellische» mit. Sie rät deshalb: «Erstelle einen Account und probiere es einfach aus. Es muss weder zwingend der High Quality-Content von Instagram sein, noch eine ausgefeilte Strategie dahinter stecken.»


Social Media ist grundsätzlich bereits sehr fake und beruht auf der Selbstdarstellung der User.

ZHdK-Studentin Sirah Nying

«Überdramatisch» zieht

Sie selber wurde für «lorena.am.limmat» von einer Tik-Tok-Agentur inspiriert. «Bei einem Account haben wir gesehen, dass auf verschiedene Arten umgesetzte zusammenhängende Storylines, gerne auch mal überdramatisch aufgemacht, gut funktionieren.» 

Das Geheimrezept? «Tik Tok ist typisch Gen Z. Sprich: Wenn man diese Zielgruppe ansprechen will, muss man deren Sprache und Humor verstehen. Tik-Tok-User sind ironisch und sarkastisch. Auch Interaktion ist wichtig.» Auf die Frage, ab wann ein Beitrag «viral» geht, antwortet Sirah: «Das ist schwierig zu sagen. Wir haben innerhalb eines Monats mehr als 1,5 Millionen Views generiert. Und das mit einem kleinen Produktionsaufwand. Irgendwann wurde der Algorithmus auf uns aufmerksam und wir wurden gepusht. Auch alte Videos von Lorena werden noch immer geliked. Aber grob gesagt würde ich sagen, dass ein Video in der Schweiz ab 80’000 Views in Richtung viral geht.»

Ein Reminder, kritisch zu bleiben

Trotz oder vielleicht gerade aufgrund dieser grossen Reichweite fielen die Reaktionen auf Lorenas Inhalte nicht immer nur positiv aus. Vor allem nach der Auflösung wurden kritische Stimmen laut, es sei extrem privilegiert, sich als Spass als Obdachlose auszugeben. Damit sei den wirklichen Betroffenen nicht geholfen. «Davor hatten wir am meisten Angst», so Sirah. Und trotzdem sei das Ziel erreicht: Eine Diskussion über die Wohnungsnot in Zürich zu lancieren. User diskutierten über Fragen wie etwa: «Wer darf in Zürich wohnen?» oder «Weshalb muss man in Zürich wohnen?». 

 Den Student:innen war es zudem wichtig, dass Lorena nie das Wort «obdachlos» verwendet: «Ihre Geschichte basierte stets auf freien Entscheidungen.» Sirah sieht das Projekt deshalb auch als einen Reminder. Dafür, nicht alles zu glauben, was im Netz geschieht. «Social Media ist grundsätzlich bereits sehr fake und beruht auf der Selbstdarstellung der User. Deshalb ist es umso wichtiger, kritisch zu bleiben, zu hinterfragen und nicht alles gleich für Bares zu nehmen.» Tik Tokers seien in der Tendenz eher jung. Vor allem für sie sei Lorenas Geschichte wohl eine wichtige Lektion. Sirah: «Und zugegeben: Auch ich wäre darauf reingefallen.»