Zerstörung einer Flusslandschaft

Die Limmat-Uferlandschaft – ein kommunales Naturschutzobjekt - ist im Bereich des Lettenkanals nicht mehr wiederzuerkennen.
07. März 2017

Wo vor kurzem ein naturnaher Gehölzsaum stand, bietet sich heute in Zürich das Bild eines halb leergekauften Christbaummarktes. Der bewaldete Mitteldamm ist handstreichartig abgeholzt worden. Während weiter flussabwärts Risse im Reaktorbehälter des Atomkraftwerks Leibstadt der Aufsichtsbehörde keine Sorgen bereiten, konstruiert die Zürcher Gewässeraufsicht eine Gefahr: Grosse Bäume, die auf dem Lettendamm wachsen, könnten den Halt verlieren und beim Sturz gleich ein Stück Damm mitnehmen. „Besonders schützenswerte Bäume, wie die 80-jährigen Eichen im Bereich der Badeanlage Oberer Letten, bleiben erhalten“ beschwichtigt das EWZ. Macht ihre Schutzwürdigkeit grosse Bäume harmlos? Und warum fällt man dreihundert kleine Bäume, wenn die grossen angeblich gefährlich sind? Und warum spricht das EWZ von sechzig gefällten Bäumen, wenn sie vierhundert abräumen lässt? Was also ist der wahre Grund für den Baumfrevel? Arbeitsbeschaffung? Herstellung neuer Sichtachsen auf die Häuserzeile am Sihlquai und in der Gegenrichtung auf die städtebaulich interessante Südrampe des Milchbucktunnels? Oder ist es die Vorbereitung für andere Nutzungspläne für den Damm, vor deren Kenntnis wir zu schützen sind?

Eine der wertvollsten Empfehlung meines ehemaligen Mathelehrers lautete: «Man präsentiert kein Ergebnis ohne vorherige Plausibilitätsprüfung!» Wer diese Empfehlung nicht nur auf eigene Rechenkünste anwendet und überhaupt nicht nur auf Berechnungen, sondern auf jede Meldung, ob als Sender oder als Empfänger, bringt sich zwar um eine gewisse Unbeschwertheit. Dafür schafft er eine Grundlage für Gemeinsinn, der wiederum nur auf Einsicht gedeihen kann. Diese Regel dürfte eigentlich einer staatlichen Medienstelle nicht fremd sein. Stadt und Kanton Zürich sehen sich ja gerne als Vorbilder der Nation, ein durchaus erstrebenswertes Ziel, dahin ist es aber noch ein langer Weg.

Dass eine Behörde Sicherheitsgründe für einen empfindlichen Eingriff in die Landschaft geltend macht, ist ja nicht einmalig. Wenn sie es tut, gerne angereichert mit dem Hinweis auf befürchtete Haftungsklagen im Unterlassungsfall (etwa bei der Rechtfertigung winterlicher Salzstreu-Exzesse gegen jede tatsächliche Evidenz), kann sie im Versicherungsland Schweiz mit Verständnis rechnen. Im vorliegenden Fall musste aber auch die Terminierung der Medienmitteilung misstrauisch machen: Wenn ein stadteigener Betrieb unter Beteiligung von drei Ämtern eine Aktion von langer Hand plant und die Mitteilung am Donnerstag vor dem als Stichtag für die Abholzung festgelegten Montag rausgeht, spekuliert er darauf, in der knappen Frist vor dem Wochenende nicht von störender journalistischer Neugier behelligt zu werden und alarmierte Bürger erfolgreich zu überrumpeln. So konnte der einzige bedeutende naturnahe Baumbestand der Innenstadt, siebenhundert Meter zusammenhängendes Ufergehölz, ohne Protestbegleitung abgeholzt werden.

Es ist genau diese Skrupellosigkeit und Schlaumeierei, mit der im zentralen Erholungsraum der Stadt vollendete Tatsachen geschaffen werden, die das Vertrauen in Regierung und Verwaltung untergraben. Der Fall ist exemplarisch und ruft daher nach Aufdeckung einiger Zusammenhänge. Vor zehn Jahren veröffentlichte die Stadt Zürich ein 150-seitiges Grünbuch. Zur Freiraumplanung versprach sie, innert zehn Jahren Folgendes zu erreichen: «Entscheidungen werden transparent und aufgrund offen deklarierter Kriterien gefällt» und «Das partizipative Entwickeln von Ideen und Projekten, die das Gemeinwohl betreffen, ist allgemeiner Standard». An der Umsetzung dieser «Grundhaltung» kann noch gearbeitet werden. Und was versichert die Firma, welche die jüngste Abholzung ausführte? «Unser Alltag lehrt uns, eine intakte Umwelt zu schätzen, zu pflegen und zu erhalten. Umwelt geht uns alle an – tragen wir Sorge zu ihr. Wir erhalten sie nicht nur für uns, sondern auch für die kommenden Generationen.» Es geht hier nicht darum, ein Unternehmen anzuprangern, dazu böten Umweltberichte von Banken bessere Vorlagen. Und die Öffentlichen tun es genauso unverfroren wie Private, die obigen Sprechblasen sollen nur daran erinnern, wie selbstverständlich man sich mit pervertierter Sprache kleidet, etwa wie man in einen Anzug schlüpft.

Vor 25 Jahren wurde bereits das gegenüberliegende Kanalufer abgeholzt, nun verlieren Badegäste auch noch die letzte Möglichkeit der Kühlung durch richtige Bäume. Und spätestens in drei Monaten wird wieder amtlich über die Wärmeinsel Stadt gejammert, die eine Folge der Verdichtung und des Klimawandels sei, und dass wir wegen Ozon und UVA, B und C die Innenräume nicht mehr unnötig verlassen sollten und vor allem die Kinder besser einzuschliessen seien. Dabei ist die Wärmeinsel hausgemacht, durch Bodenversiegelung und Abholzung. Bäume sind Garanten für ein gesundes Klima, in der Innenstadt sind sie die wichtigsten Biotope der Artenvielfalt. Ohne Bäume sind wir gar nichts. Die Stadt in unserer gegenwärtigen Bauweise wird ohne Bäume zur Hölle. Statt Bau(m)kultur betreibt Zürich eine Kultur der Kettensäge. Die Pervertierung der Sprache steht am Anfang, sie stiftet Verwirrung. Gefahr geht nicht von Bäumen aus, weder am Sihlufer noch an der Bahnhofstrasse. Gefährlich für Leib und Leben ist die Ideologie, die im Programm «Stadträume 2010» zusammengefasst ist: «Behebung des Gestaltungsunterhaltsdefizits, Bedeutungszuweisung, Hierarchisierung, Typisierung, Normierung, Stilisierung.»

Und für nächstes Jahr plant Grün Stadt Zürich eine Ausstellung zu Bäumen in der Stadt. Wir werden dann gewiss darüber informiert, dass ein reicher Baumbestand für Zürich ein ökonomisch relevanter Standortfaktor sei, indem er schattigen Erholungsraum bietet. Man wird uns vor Augen führen, weshalb Bäume dank der unbezahlbaren Leistungen, die sie für uns erbringen, ein Investment sind. Wir werden erfahren, wie viel Wasser ein Baum verdunstet und dass die Blätter Staub filtern und mit beidem unsere Atemluft verbessern. Dass sie im Holz Kohlendioxid speichern und damit die Erderwärmung aufhalten, Vögeln als Singwarten und Nahrungsquelle dienen und als Lebensraum für eine grosse Vielfalt von Insekten und andern Kleintieren.

Und die Ausstellung wird vorübergehen, und der Baum wird von den Planern weiterhin als Ästhetikelement eingesetzt, als Farbtupfer auf versiegelten Flächen. Bäume erhalten nie mehr Raum als auf Visualisierungen in Projektierungsberichten. Im realen Stadtraum werden die Architekten weiterhin Liliputbäumchen placieren, am besten keine heimischen, welche die Unart haben, Blätter abzuwerfen, oder Schlimmeres. Bäume werden weiterhin vor allem eines sein: im Weg – zum Beispiel Velowegen, weshalb sie leider zu weichen hätten. Für die Sicherheit. Vor vier Jahren wurden an der Bahnhofstrasse 120 von 177 Linden gefällt, angeblich wegen Niveau-Anpassungen an drei Tramhaltestellen und weil sie ohnehin krank gewesen seien. Die meisten waren in der Tat vom Streusalz geschädigt, aber nicht moribund, sie mussten überbordendem Gestaltungseifer weichen.

«Kein Baum wird grundlos gefällt», versichert Grün Stadt Zürich auf dem Webportal. Wer hätte daran gezweifelt. Die Frage ist nur, ob es zutreffende und gerechtfertigte Gründe sind. Das Amt ist seit gut zehn Jahren dabei, die Bäume der Stadt auszuwechseln, heimische gegen salztolerante und steppentaugliche. Es sind Techniker am Werk, denen es am biologischen Grundwissen fehlt. Gleichzeitig wurde die Natur-PR auf einen Level hochgefahren, den wir sonst nur von Lebensmittel-Grossverteilern kennen. Die Diskrepanz von Wort und Wirklichkeit hat beim Stadtgrün das erträgliche Mass nun erreicht. Ob an der Strasse, auf Plätzen und Spielanlagen: bloss keine einheimischen Bäume und schon gar keine erwachsenen! Beim Inländervorrang geht es hier nicht um eine flankierende Massnahme, sondern darum, dass die Wechselbeziehungen zwischen Baumfauna und Bäumen Ergebnis einer langen gemeinsamen Evolutionsgeschichte sind und die am und vom Baum lebenden Tiere mit den meisten importieren Bäumen wenig bis nichts anfangen können.

Wenn man jetzt über den Lettenkanal in die untergehende Sonne blickt, fehlt das filigrane winterliche Ast- und Zweiggewebe aus Linden, Kirschen, Ahorn, Eschen, Ulmen, Erlen, Weiden und Hainbuchen. Auch das Bild der sich gravitätisch im Kanal spiegelnden Schwarzpappeln ist abgehängt. Die Kormorane, oft ein halbes Dutzend und mehr, die ihre durchnässten Flügel auf den höheren Ästen einer kümmerlichen Esche zum Trocknen in die Sonne hängten, müssen sich einen neuen Wäscheschirm suchen. Auch Graureiher, die in Sihl und Limmat fischen, haben beliebte Hochsitze verloren. Die menschlichen Fischer freut's, von den Fischen wissen wir's nicht.

Der Autor ist Biologe, und Umweltberater.

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