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Zarina: «An einem Freitagabend einfach zu Hause zu sitzen, halte ich fast nicht aus»

Zarina Friedli (27) organisiert mit Freund*innen «Restaurants auf Zeit», legt in Clubs auf, handelt mit Wein und studiert nebenbei an der Hotelfachschule. Ein Gespräch über das Frausein in einer männerdominierten Branche, zwangsbedingte Pausen und die Liebe zur Musik und zum Wein.
18. Juli 2020
Redaktorin

10’000 Franken liegen in Zarinas Rucksack, sorgfältig in einem Umschlag verstaut, als sie mitten in der Nacht in ihrem Glarner Heimatdorf durch menschenleere Gassen nach Hause läuft. Es ist der Erlös ihres ersten grossen Projektes. Ein Benefizkonzert. Zarina ist 16 und begreift in jener Nacht, dass man keinen bis ins kleinste Detail ausgefeilten Plan haben muss, solange man «richtig Bock» und Leute im Rücken hat, die mitziehen.

Die Liste der Projekte, in welche die heute 27-Jährige seither involviert war, ist lang. Zarina war Glarner SP-Landrätin, führte im Kollektiv Pop-up-Restaurants, ist Mitglied des feministischen Kollektivs F96, legt in Clubs auf, unterstützt einen Freund beim Importieren von Naturwein und studiert nebenbei an der Hotelfachschule in Luzern.

«Mein erstes Jahr in Zürich war ein wenig anstrengend»

Mit gerade mal 20 Jahren leitet sie mit Freund*innen in Glarus das Kulturzentrum Holästei. «Wir konnten uns dort so richtig austoben, es wurde uns völlig freie Hand gelassen», erinnert sie sich. Ein Jahr später zieht sie nach Zürich und merkt schnell, dass das Nachtleben in der Stadt viel regulierter ist, als sie es bis anhin gewohnt war. Durch ihre WG, eine sehr politische, findet sie zwar schnell Anschluss – trotzdem sagt sie heute: «Mein erstes Jahr in Zürich war ein wenig anstrengend.» Weil sie dort quasi wieder von vorne beginnen muss.

Ich bin während drei Monaten im Jahr in der Schule und kann sonst die erlernten Inputs mit neuen Ideen kombinieren und mich ausleben.
Zarina Friedli

Zarina studiert Rechtswissenschaften und arbeitet zeitgleich in der Gastrobranche. Als sie merkt, dass ihr Herz für das eine mehr schlägt als für das andere, legt sie ihr Studium auf Eis und fängt kurz darauf als Chef de Bar im Stall 6 an. An einem Freitagabend einfach mal zu Hause zu sitzen, hält Zarina fast nicht aus. Sie ist eine, die immer etwas macht. Pop-up-Restaurants in Zürich zum Beispiel. Oder wie sie lieber sagt, Restaurants auf Zeit. Gemeinsam mit Freund*innen. Im Zum Grünen Tal stand sie vor zwei Jahren in der Küche und beim Cave populaire beim Helvetiaplatz bis zum Lockdown an der Front.

Die Gastrobranche sei cool, sagt sie. Und zwar, weil einem auch «ohne offizielle Papiere» viele Türen offen stünden. Weil ständiges «Learning by doing» jedoch auch viel Kraft brauche, studiert sie seit zwei Jahren an der Hotelfachschule in Luzern. «Das Modell ist perfekt: Ich bin während drei Monaten im Jahr in der Schule und kann sonst die erlernten Inputs mit neuen Ideen kombinieren und mich ausleben.»

So organisierte sie während den vergangenen zwei Wintern etwa mit einer Freundin die Konzertreihe «Falsch verbunden» auf dem Park Platz gleich beim Letten. Das Konzept: Noch unbekannten Schweizer Bands eine Plattform geben. «Es ist doch so: Es gibt hierzulande so viele Bands, die man nicht auf dem Schirm hat und sobald sie bekannter werden, kann man sie nicht mehr buchen, weil sie zu viel kosten.»

Das Auflegen in einem «safe space» geübt

Als Teenager hört Zarina viel Hip Hop. Wu-Tang-Clan, «so Boom Bap Rap halt». Ihre Freunde machen Beats und auch sie schraubt ab und zu am Mischpult herum. Sich ganz offiziell hinter die Turntables wagt sie sich jedoch nicht – bis zum vergangenen Sommer: Zarina nimmt mit einer Freundin an einem DJ-Workshop teil. «Wir hatten einen super lustigen Nachmittag», erinnert sie sich. Zeitgleich nimmt das feministische Kollektiv F96 Fahrt auf. Die Frauen dürfen einen Monat lang im Würfel, eine räumlichen Erweiterung des Park Platz, Equipment aufstellen und in einem, wie Zarina sagt, «safe space» das Handwerk üben. Es packt sie. «Sehr sogar.»

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Im November legt sie in einem ihrer Lieblingsclubs, dem Kauz, auf. Acid-House, Breakbeats, House, Techno aber auch mal Trap. Keine Songs der Heldinnen aus ihrer Jugend wie Erykah Badu oder Akua Naru, die sie als «starke Persönlichkeiten in einem männerdominierten Feld» bezeichnet.

Zarina selbst ist ebenfalls in einer Branche aktiv, in der vor allem in Führungspositionen noch immer Männer vorherrschen. «Du kannst alles machen und erreichen, wenn du nur willst», pflegte ihre Mutter ihr stets zu sagen. «Und so habe ich mich zumindest als Kind auch immer gefühlt», sagt sie. Später musste sie viele Türen aber ganz bewusst selber öffnen. Türen, die nach wie vor vielen Frauen* verschlossen sind. «Für deren Öffnung möchte ich mich auch mit dem feministischen Kollektiv F96 einsetzen.»

Ich schätze es sehr, in Glarus stets eine Basis zu haben, in die ich mich zurückziehen kann.
Zarina Friedli

Wein-Liebe

Sie selbst habe lange nicht bewusst wahrgenommen, dass wenn es um die Leitung von Projekten in den Bereichen Gastro, Kultur, Politik und dergleichen ging, sie die einzige oder eine von wenigen Frauen am Tisch war. «Das ist etwas, das mich zum nachdenken bringt.»

Auch als sie während drei Jahren in der Weinhandlung Südhang im Viadukt arbeitet, kommt es immer wieder vor, dass vor allem männliche, ältere Kunden, ihrer Weinempfehlung nicht so viel Vertrauen schenken wie jener ihrer Kollegen. Zu Unrecht. Zarina liebt Wein. Und sie liebt die Geschichten dahinter. Geschichten von uralten Reben, Co-Fermentation und biodynamisch arbeitenden Winzer*innen. Mit Letzteren ist sie durch ihre Mitarbeit beim Weinhandel Paul Blume Wein, den sie und ein Freund gemeinsam betreiben, in ständigem Kontakt. «Dabei hat sich ein sehr schöner Austausch ergeben», erzählt Zarina.

Auf die Frage, welches ihrer vielen Engagements sie als das wichtigste bezeichnen würde, sagt sie: «Es ist schwierig, sich nur auf etwas festzulegen. Wenn ich wählen müsste, würde ich mehr Zeit in die Musik, die Gastro-Projekte und den Weinhandel investieren.»

Und eine Pause? Momente, in denen ihr alles zu viel wird und sie eine Auszeit braucht? «Ich schätze es sehr, in Glarus stets eine Basis zu haben, in die ich mich zurückziehen kann. Dass ich bei meiner Mutter jederzeit Matte und Schlafsack holen und raus in die Natur zu gehen kann.» Für Zarina ist ein Sommer, während dem sie nicht wenigstens einmal draussen geschlafen hat, kein guter Sommer.

Der Lockdown und die zwangsbedingte Pause haben ihr gut getan: «Ich fand es voll ok, einfach mal nichts machen zu müssen.» Sagts, und erzählt kurz darauf von ihrem nächsten Projekt, einem Musikfestival, das auf einem alten Fabrikareal stattfinden und die elektronische Musikszene bis über den Röstigraben hinaus vernetzen soll. Die nächste Pause wird wohl noch ein wenig auf sich warten lassen müssen.

Portraitserie – Frauen des Nachtlebens
Das Nachtleben gilt als Männerdomäne – zu Recht: Der Frauenanteil in den Bar- und Club-Berufen ist sehr gering. Wir haben sieben Frauen getroffen, die die Nächte in der Stadt prägen. Die Frage «Was magst du am Zürcher Nachtleben, was nicht?» haben wir jeder gestellt. Ansonsten haben wir mit ihnen über Platten, Wein und den Alltag fernab der Nacht geplaudert.

1. Zarina Friedli – Kollektiv F96
2. Zinet Hassan – DJ Verycozi
3. Nathalie Brunner – DJ Playlove
4. Jenny Kamer – DJ und Bookerin Zukunft
5. Timea Horváth – Selekteurin Gonzo
6. Vera Widmer – Besitzerin Playbar
7. Valentina – DJ MS HYDE und Veranstalterin Konzerte Bar3000

Was magst du am Zürcher Nachtleben?

«Es ist sehr familiär. Ich kann alleine in eine Club gehen und weiss, dass da schon Leute sein werden, die ich kenne und mit denen ich eine gute Zeit und einen spannenden Austausch haben kann. Es gibt derzeit auch viele interessante Musiker*innen, die eigene Sachen rausbringen und wirklich spannende zum Teil sehr junge Menschen, die pushen und neu denken.»

Und was nicht?

«Ich denke das Zürcher Nachtleben hat noch viel Potenzial im Bereich Awareness. Für mich soll ein Club ein Ort sein, an dem sich jeder Mensch wohlfühlt. Es reicht nicht, dass man bei offensichtlichen Übergriffen jemanden rausschmeisst. Vielmehr braucht es konstante Arbeit, um einen safe space für jede*n zu kreieren. Weiter wünsche ich mir mehr Inklusivität in allen Bereichen. Am Nachtleben teilnehmen können, sollte jede*r, der sich Musik interessiert. Ich glaube, da braucht es neue Konzepte, die nicht schon an der Türe Menschen aufgrund ihres sozialen und/oder gesellschaftlichen Status ausschliessen.»

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