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Geld von der Pharmaindustrie, das dann vom Tsüri-Team in Pröse investiert wird – oder wie läuft das genau mit der Finanzierung? Illustration: Zana Selimi

«Würde Tsüri.ch Geld von der Pharmaindustrie annehmen?» – Wir beantworten die frechsten Fragen zu unserer Finanzierung

Wie oft wäre Tsüri.ch schon fast pleite gegangen? Weshalb könnt ihr euch dekadente Proseccoräusche leisten, wenn ihr so wenig verdient? Simon Jacoby und Seraina Manser geben in diesem Q & A Antworten auf diese und weitere Fragen zu Tsüri.ch und seinem Geld.
02. April 2021

1. Die Tsüri-Mitarbeiter*innen verdienen 4000 CHF Brutto. Warum tun sie sich das an und arbeiten nicht bei einer Bank, wo sie das Dreifache bekommen?
Simon: Das frage ich mich manchmal auch. Es kann ja auch andere «Währungen» geben als Geld, das jeweils Ende Monat auf das Konto kommt. Die Arbeit bei uns stiftet Sinn, hat einen gesellschaftlichen Wert, macht Spass und ist abwechslungsreich. Ich weiss nicht, ob dies auch in der Bank alles zu haben wäre? Vielleicht bei der Alternativen Bank, aber wo sonst?

Das aktuelle Tsüri-Team. Foto: Selbstauslöser.

2. Ist 4000 CHF Brutto nicht ein normaler Lohn für Medienschaffende?
Simon: Zum Glück nicht! Natürlich, auch im Journalismus werden nicht mehr die gleich hohen Löhne wie noch vor 20 Jahren bezahlt, aber so tief wie bei uns, sind sie eigentlich nirgends. Anfänger*innen verdienen manchmal rund 4500 Franken, danach geht es aber aufwärts. Natürlich je nach Medienunternehmen. Zum Vergleich: Die Republik hat auch Einheitslöhne, diese sind doppelt so hoch wie bei uns. Ufe ischs Ziel!

3. Okay, aber wenn ihr so wenig verdient, weshalb könnt ihr euch dekadente Proseccoräusche leisten?
Simon: Als wir uns nach dem zweiten Lockdown endlich wieder alle zusammen draussen treffen durften, haben wir zu zehnt 19 Flaschen Prosecco, einige Biere und zwei Flaschen Schnaps getrunken. Das ist mega viel und gibt viel Kopfweh. Aber selbst ein solch dekadenter Rausch kostet nur ungefähr 300 Franken. Geteilt durch zehn Trinker*innen sind es noch 30 Stutz. Das liegt auch bei einem kleinen Lohn noch drin.

«Dekadente Proseccoräusche à la Tsüri.ch» Foto: Seraina Manser

4. Warum lässt sich Tsüri.ch nicht von Tamedia kaufen?
Simon: Bisher ist noch kein Angebot gekommen. Aber ja, wir würden jedes ablehnen, weil wir in Zürich Medienvielfalt brauchen und die TX-Group nicht gerade dafür bekannt ist, die Redaktionen zu vergrössern. Eher im Gegenteil.

5. Würde Tsüri.ch Geld von der Pharmaindustrie annehmen?
Simon: Nein, ausser vielleicht von Burgerstein; die machen die leckersten Vitamintabletten. (Falls das jemand von Burgerstein liest, hier kann man mir schreiben.) Obwohl wir jeden Franken brauchen können, haben wir immer genau ausgewählt, wer bei uns Werbung schalten darf. Das werden wir auch in Zukunft so machen.

6. Wie oft ist Tsüri.ch schon fast pleite gegangen?
Simon: Ich habe aufgehört zu zählen. Mindestens zwei bis drei Mal im Jahr habe ich schlechte Laune und schlaflose Nächte, weil ich nicht weiss, wie wir die kommenden Löhne bezahlen sollen. Aber hey, bisher hat es noch immer geklappt!

Momentaufanahmen aus einem Retreat im Tessin: Simon Jacoby hinten, Seraina Manser vorne. Foto: Elio Donauer

7. Warum gibt ihr nicht einfach weniger aus, wenn ihr immer knapp bei Kasse seid?
Simon: Leider können wir nicht einfach weniger ausgeben, wenn der Kontostand sinkt. Wir haben praktisch keine Luft im Budget, wie man so schön sagt. Das allermeiste Geld geht für Löhne, Sozialversicherungen und Miete weg. Da können und wollen wir nicht sparen.

8. Welches sind die grössten Schwierigkeiten, um über die Runden zu kommen?
Simon: Immer genug Geld zu haben und im Jahresabschluss nicht in die Überschuldung zu fallen. Für unsere Teamgrösse leisten wir enorm viel. Es geht schnell vorwärts, wir haben einen hohen Output. Aber unsere Ressourcen reichen nicht, um langfristig planen und arbeiten zu können. Darum sind unsere Löhne jeweils höchsten für drei Monate im Voraus gesichert. Das macht es nicht einfach, aber hält uns auf Trab.

9. Was hat Tsüri.ch erreicht, was vor drei Jahren noch völlig unvorstellbar gewesen wäre?
Simon: Wir werden immer mehr! Heute vor drei Jahren bestand Tsüri.ch noch aus zwei Vollzeitstellen. Heute sind es sechs Stellen und zwei Praktikumsplätze. Wer hätte gedacht, dass Lokaljournalismus ein aufstrebendes Geschäft ist?!

10. Immer sucht Tsüri.ch nach noch mehr zahlenden Membern. Warum finanziert ihr euch nicht einfach nur über Werbung?
Seraina: Dass unser Geschäftsmodell auf den drei Beinen Sponsoring, Werbung und Community steht, hat sich gerade auch im Coronajahr als sehr clever herausgestellt. Im März 2020, als die Schweiz in den Lockdown ging, sind die Einnahmen aus der Werbung eingebrochen. Aber was sehr schön war, in den Monaten März, April und Mai kamen 300 neue Member dazu. Die Member haben uns also durch die Krise getragen! Hoffen wir, dass keine Memberkrise kommt und die Werbung in die Bresche springen muss.

Diese Werbebanner war während dem ersten Lockdown auf Tsüri.ch zu sehen.

11. Warum hat Tsüri.ch das Gefühl, es müsse auch ein Fashionlabel sein?
Seraina: Gute Frage! Der Shop ist in den vergangenen drei Jahren – also seit ich mich darum kümmere – tatsächlich ein bisschen eskaliert. Zuerst gab es nur T-Shirts, Stickers und Totebags. Mittlerweile sind Socken, Tsüri-Fische und Caps dazugekommen. Diesen Sommer gibt es zudem das erste Tsüri-Badetuch. Der Shop hat sich nicht nur zu einer wichtigen Einnahmequelle gemausert und sondern, falls du ein Produkt mit unserem Logo kaufst und damit in der Stadt rumläufst, machst du erst noch gratis Werbung für uns. Ha! Merci gell! Das Tsüri-Shirt hat es übrigens schon ins Fernsehen und in den Tagesanzeiger geschafft.

Warum muss Tsüri.ch auch ein Fashionlabel sein? Tja, muss es nicht, aber es kann. Foto: Elio Donauer.

12. Gibs zu, es gibt doch sicher einen Mäzen, eine Mäzenin, der*die euch die ganze Zeit Geld steckt.
Seraina: Es gibt ein paar sehr grosszügige Member, die pro Jahr das Zehnfache des Mindetbeitrags von 60 CHF bezahlen. Diese könnte man schon als Mäzen*in bezeichnen. Dass einfach kommentarlos Unmengen an Kohle mit Absender «Züriberg» auf dem Tsüri-Konto gelandet ist, ist bis jetzt (leider) noch nicht vorgekommen. Um die Frage, ob wir es annehmen würden, kümmern wir uns dann, wenn es so weit ist. Übrigens: Unsere E-Banking Nummer findet sich hier.

13. Warum hat Tsüri.ch keine Paywall? Ich zahl doch nicht, für etwas, dass ich gratis bekomme.
Seraina: Ich habe ja auch gerne gratis Sachen, bin aber auch bereit etwas zu zahlen, wenn es gut ist. So wie unsere Inhalte. ;) Diese sollen von möglichst vielen Menschen gelesen werden können – auch von solchen, die sich eine Mitgliedschaft nicht leisten können. Darum entscheiden wir uns immer wieder gegen eine Paywall.

14. Wie kann geholfen werden, dass es Tsüri.ch noch lange gibt?
Seraina: Da gibt es so einige Möglichkeiten: Du kannst hier Member werden. Falls du schon Member bist, kannst du deinen Freund*innen von Tsüri.ch erzählen. Falls du Bindungsängste hast und dich nicht längerfristig an uns binden willst, kannst du dir auch etwas aus dem Shop gönnen. Hast du eine eigene Firma, dann kannst du auch bei uns Werbung schalten – ausser, du heisst UBS. Du siehst, es hat für jede*n was dabei.

Tsüri.ch packt aus
Tsüri.ch gibt pro Jahr eine halbe Million Schweizer Franken aus. 70 Prozent davon fliesst in die Löhne des zehnköpfigen Tsüri-Teams. Bei Tsüri.ch verdienen alle gleich viel bzw. wenig: 4000 CHF Brutto auf 100 Prozent. Tsüri.ch wird weder von Stiftungen noch vom Staat unterstützt. Alle Einnahmen erwirtschaftet Tsüri.ch selbst: Ein Viertel stammt aus den Memberbeiträgen, ein Viertel aus der Werbung und die Hälfte aus den Sponsoring der Fokusmonate. Im Idealfall machen diese Einnahmen auch eine halbe Million aus. In der dreiteiligen Serie «Tsüri packt aus» legt Tsüri.ch die Finanzen offen und verrät dir alle Geheimnisse über Tsüri.ch und das liebe Geld.
Teil 1: Tsüri.ch und die Finanzen

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