Wozu braucht es heute noch Philosophie?

Mit der Philosophiestudentin, Meret Polzer, und dem Organisator der «Langen Nacht der Philosophie 2.0», Michael Hofer, sprachen wir über die Frage «wozu Philosophie». Zwei unterschiedliche Perspektiven auf Philosophie: zwischen Lebenskunst und Begriffsanalyse.
27. Oktober 2017

«Zeit ist Geld» heisst es heute oft. Effizienz, wirtschaftlicher Erfolg und Leistungswille sind Eigenschaften, die als besonders wichtig angesehen werden, um sich in der sogenannten Wettbewerbsgesellschaft behaupten zu können. Ein Fach wie die Philosophie fällt in diesem Kontext ein wenig aus dem Rahmen. Sich Fragen über die Willensfreiheit zu stellen, Begriffe zu analysieren, über ethische Grundprinzipien zu diskutieren oder Texte antiker Autor*innen zu studieren, scheint auf den ersten Blick weder besonders effizient zu sein noch wirtschaftlichen Erfolg zu versprechen.

Ein grosses Bedürfnis

Die UNESCO-Generalkonferenz erklärte 2005 den dritten Donnerstag im November zum Welttag der Philosophie. Dieses Jahr ist das der 16. November, und nicht zufällig findet dann in Zürich «die Lange Nacht der Philosophie 2.0» statt. An die Erstausgabe kamen im letzten Jahr über 700 Besucher*innen, erzählt Michael Hofer, Organisator der Veranstaltung. «Wir nehmen diesen Tag erneut zum Anlass, die Philosophieszene Zürichs aufleben zu lassen».

Gemäss Michael Hofer, der auch den «Treffpunkt Philosophie – Neue Akropolis» leitet, handle es sich um ein zutiefst menschliches Bedürfnis, sich philosophische Fragen zu stellen. «Dieses Bedürfnis nimmt in einer Welt der schier unendlichen Möglichkeiten nicht ab, sondern eher noch zu», beobachtet Hofer. Besonders stark interessiert sich Michael Hofer persönlich für das Thema der antiken Lebenskunst und des sokratischen Dialogs, eine Methode, den Gesprächsteilnehmer durch geschicktes Fragen zu einer von ihm selbst hervorgebrachten Erkenntnis zu führen.

Für Hofer stehen die praktische Relevanz und eine zeitgemässe Anwendung, sei es in Unternehmen, in der Gesellschaft oder im persönlichen Leben, im Vordergrund. Die Philosophie sei ein stetes Abenteuer, so Hofer, «sie ist ein Geschenk an den Menschen, das mehr ist als ein Diplom oder ein Studienabschluss.»

Mit Bedauern stellt er fest, dass sich die Philosoph*innen an der Universität fast ausschliesslich auf westliche Philosophie konzentrieren. Die Verbindung östlicher mit westlicher Philosophie ist ihm ein grosses Anliegen. «Wir vergessen sehr oft, dass es auch andere Kulturen und Traditionen gab und gibt, die sich den grundlegenden Fragen des Lebens mit einer grossen Tiefe und Weisheit angenähert haben beziehungsweise sich annähern», so Hofer.

Studiert Philosophie und steht auf das selbständige Denken: Meret Polzer in der Uni Zürich

Ins kalte Wasser geworfen

An der, gemäss Michael Hofer, auf westliche Philosophie ausgerichteten Universität Zürich wählten im Herbstsemester 2016 289 Studierende Philosophie zu ihrem Hauptfach. Die Zahl der Hauptfachstudierenden bewegt sich seit 2000 zwischen 270 und 340. Eine von ihnen ist die 25-jährige Meret Polzer. Sie studiert inzwischen im dreizehnten Semester Philosophie und arbeitet zudem als Hilfsassistentin am Lehrstuhl von Professor Hans-Johann Glock.

Meret Polzer ist in Zürich aufgewachsen und hatte ihre erste Begegnung mit Philosophie als Kantischülerin. Da es ihr Spass machte, wählte sie Philosophie im Studium zu ihrem Hauptfach. Sie erinnert sich noch gut, wie sie in einer ihrer ersten Lehrveranstaltungen an der Uni zum Thema «Sprache und Realität» anfangs kaum etwas verstanden hat. «Dann bleibt einem nichts anderes übrig als ganz viele Fragen zu stellen», so die Studentin.

Selber denken

Die junge Studentin ist froh, dass das Philosophiestudium bisher noch wenig verschult ist. «Am Anfang wirst du ins kalte Wasser geworfen.» Nicht alle kommen damit gut zurecht. Viele Studierende wünschen sich gerade zu Beginn des Studiums mehr Überblicksveranstaltungen, erzählt sie, «ich fände das schade. Überblicksveranstaltungen sind notwendigerweise oberflächlich und ausserdem würde dann genau das fehlen, was ich so toll am Philosophiestudium finde: Dass einem Inhalte nicht einfach vorgelegt werden, sondern man sie sich selber aneignen muss. Es geht darum, selber zu denken, nicht bereits Gedachtes auswendig zu lernen.»

Die Hauptaufgabe der Philosophie sieht die Studentin in der Analyse von Begriffen, also der Auseinandersetzung mit der Sprache, der Verwendung und Bedeutung von Ausdrücken. «Wenn etwa eine Biologin darüber forschen will, ob Tiere denken können, ist es wichtig, am Anfang zu klären, was der Begriff «Denken» bedeutet», so Polzer und diese Begriffsklärung gehöre ins Aufgabenfeld der Philosoph*innen. Wenig hingegen hält sie von metaphysischen Ansätzen, die sich mit den tiefsten Strukturen des Seins auseinandersetzen. Auch das Bild von der Philosophie als Wissenschaft weiser Gelehrter lehnt sie ab. «Die Philosophie soll nicht irgendwelche Lebensweisheiten formulieren, eher davon befreien», sagt sie lächelnd. Überhaupt sieht sie eine Aufgabe von Philosoph*innen darin, Unsinn und ungültige Argumente zu entlarven.

Klarheit im Denken und in der Sprache

«Wissen zu generieren und zu bewahren, Klarheit über die Ausdrücke, die man verwendet, zu gewinnen – das sind Sachen, die für jede Gesellschaft wichtig sind», antwortet sie auf die Frage nach dem Sinn der Philosophie, «zudem erwirbt man im Studium wertvolle Kompetenzen wie selbständiges, kritisches und klares Denken und exaktes Argumentieren.»

Meret Polzer selbst studiert Philosophie aus einer intrinsischen Motivation heraus: Aus Interesse und Freude am Fach. Auch nach zwölf Semestern gibt es noch immer Aha-Erlebnisse, etwa wenn sich ihr der Inhalt eines Textes erschliesst, den sie zuvor nicht verstanden hat. Zudem entdeckte sie während des Studiums eine Faszination für die Verwendung von Sprache im Alltag, die sie so zuvor nicht kannte. Als entsprechend gross schätzt sie die Wahrscheinlichkeit ein, nach dem Masterabschluss eine Promotion in Angriff zu nehmen.

«Lange Nacht der Philosophie 2.0»

Die «Lange Nacht der Philosophie 2.0» präsentiert zwischen 14 und 24 Uhr 40 vielfältige und mehrheitliche kostenlose Veranstaltungen in der ganzen Stadt Zürich. Michael Hofer startet den Event um 14 Uhr mit einer Einführung in die Sokratische Gesprächsführung. Später findet etwa in der Universität Zürich ein Vortrag zum Thema «Künstliche Intelligenz» mit anschliessender Diskussion statt und im «Kaffeehaus zur Weltkugel» wird der Frage nachgegangen «Wie wenig ist genug?». Bis in die späten Abendstunden wird in weiteren Veranstaltungen über die menschliche Existenz, unsere Wahrnehmung der Realität und Tierethik nachgedacht, aber auch über ganz relevante gesellschaftlich-politische Themen wie Migration, Nachhaltigkeit und Geldpolitik diskutiert. Ebenfalls auf dem Programm stehen: Philosophy Slams, Filmvorführungen, das Tanzangebot «Tango Argentino philosophisch» oder die Möglichkeit, Telefonphilosoph*innen anzurufen - und vieles mehr.

Bild: CCO

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