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Workshopleiter Mark Damon Darvey / Bild: Kosmos

Workshop «Practical Allyship« – Mehr als Anti-Rassismus

Vorurteile hat jede*r –so navigiert man sich durch den Alltag. Es ist jedoch der zweite Gedanke, der zählt und der lautet: Wie kann ich diesen Vorurteilen aktiv entgegenwirken? Tsüri.ch war am Workshop «Practical Allyship» im Kosmos.
23. August 2020
Praktikantin Redaktion

«Allyship» bedeutet Bündnis; man arbeitet als Team nicht gegeneinander, sondern zusammen gegen das Problem. Im Black-Lives-Matter-Diskurs kann es das aktive Engagement Nicht-Schwarzer gegen Rassismus und Vorurteil bedeuten. Der Workshop «Practical Allyship» ist mehr als Anti-Rassismus, stellt Workshopleiter Mark Damon Harvey klar. Wöchentlich leuchtet der Lehrer, Berater und Mitgründer von Femme Artist Table (FAT) im Kosmos mit den Teilnehmenden relevante Hintergründe und diverse Interventionsstrategien aus. Das Augenmerk soll auf möglichst allen marginalisierten Gruppen liegen, unabhängig von Beeinträchtigung, Herkunft, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Die Beispielsaussagen im Text beschränken sich auf das Thema Herkunft, die strategischen Überlegungen dazu lassen sich allerdings auch auf die restlichen marginalisierten Gruppen übertragen.

«Man kann nicht nicht kommunizieren», meinte einst Kommunikationswissenschaftler und Psychologe Watzlawick. Genauso kann man das Fremde nicht nicht bemerken, so Harvey. Wenn die Sprache die Brücke zu den Menschen ist, dann kann man durch Intervention einige Brücke schlagen. Jedoch will intervenieren gelernt sein. Es geht nicht darum, besonders angriffslustig und schlagfertig zu sein, oder das Gegenüber gar belehren zu wollen, sondern ihn als «Ally» zu gewinnen.

Zunächst ist es wichtig zu wissen, welche Rolle man in einer Diskussion einnehmen will. Ist man ein «Ally», ein Mediator oder ein Beobachter? Alle Rollen sind in Ordnung, jedoch sollte man eine im Voraus auswählen und sie nicht halbherzig vertreten.

In einem nächsten Schritt gilt es, sich der psychologischen bzw. soziokulturellen Motivation der Aussage des Gegenübers bewusst zu werden. In den meisten Fällen handelt es sich um Nachplapperei von Gehörtem. Später geht es darum, das Gegenüber in seinem Glaubenssatz abzuholen und somit einen Weg zueinander zu finden.

Buchsalon des Kosmos Zürich / Bild: Sonya Jamil

Das 1x1 des Intervenierens

1. Aussage

«Ich sehe keine Farbe, sondern nur den Menschen.»

Natürlich könnte es sein, dass die Person farbenblind ist. Falls das aber nicht der Fall sein sollte, dann lässt sich diese Aussage, wie auch die restlichen Beispiele des aktuellen Tagesworkshops, dem universellen Universalismus zuordnen, erklärt Harvey. In diesem Konzept sind alle Menschen gleich und alle Kulturen haben die gleichen Eigenschaften. Die Marginalisierung wird somit verneint. Diese Person bleibt in seiner eigenen Bubble, seiner Referenzkultur. Das ist die Kultur, welche in seiner/ihrer Gruppe oder sonst in einem grösseren kulturellen Kontext dominiert. Aus Irritation oder Verunsicherung bleibt diese Person in seiner/ihrer sogenannten In-Group-Kultur und ist so nicht auf gleicher Augenhöhe mit dem Fremden, der Out-Group-Kultur.

Eine Möglichkeit, dieser Person zu neuen Erkenntnissen zu verhelfen, sind zirkulierende und offene(!) Fragen, betont Harvey. So könnte man sich zum Beispiel langsam rantasten mit «Wie meinst du das, kannst du mir das erklären?» Oder ganz direkt: «Wenn du keine Farbe siehst, was siehst du dann?» Das Gegenüber bekommt so die Chance, sein Denken zu überdenken.

2. Aussage

«Wieso müssen diese Leute denn unzufrieden sein, wir sind doch alle Gotteskinder.»

Diesen religiösen Glaubenssatz kann man aufgreifen und spiegeln mit Nachfragen wie «Welche Gründe gibt es, auf der Welt unglücklich zu sein? » «Wie sieht denn Gott die Menschen an, die unzufrieden sind?», oder «Wann hast du denn Grund zum Beten?».

Hier arbeitet man mit Framing. Es werden Beispielsituationen geschaffen, mit denen sich das Gegenüber identifizieren kann; viel effektiver als die Auflistung von Zahlen und Fakten. Bei Verallgemeinerungen wie «alle», «niemand», «jeder» «immer» und «nie» lässt sich zudem gut einhaken.

3. Aussage

«Wenn ich dich sehe, dann sehe ich nicht Person XY. Du bist anders.»

Auch hier die direkte Nachfrage: «Wie sind XY dann überhaupt?», «Inwiefern bin ich denn anders?» und «Was macht mich zur Ausnahme?».

Nun eine kleine Zusammenfassung:

1. Entscheiden, ob man in eine Diskussion einsteigen will.

2. Offene W-Fragen stellen

3. Aussagen des Gegenübers spiegeln, mit Frames arbeiten

4. Sich in Geduld üben

5. Wenn nötig, aus der Diskussion aussteigen

Es ist leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Intervenieren braucht jedoch Fingerspitzengefühl. So können Fremde zu «Allys» werden.

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