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Wie wir für immer lieben – Und sollen wir das überhaupt?

Tinder, Parship, One Night Stands und Friends with benefits – mit unserer Liebe wird gehandelt wie mit Ware. Wie können wir der schönsten Sache der Welt wieder mehr Wert geben und was können wir tun, dass sie für immer währt? Und soll sie das überhaupt?
28. Juni 2019

Unsere Grosseltern sind meist noch verheiratet oder waren es bis zu ihrem Tod, die Generation unserer Eltern hat bereits eine Scheidungsrate von etwa 50 Prozent. Und wir sind die vermeintliche «Generation beziehungsunfähig».

Hatten Beziehungen und Ehen früher meist ökonomische Gründe inne – die Frau brauchte einen Ernährer, der Mann suchte jemanden, der für seine Nachkommen und den Haushalt sorgte – sehnen wir uns heute nach der romantischen Liebe; wir wollen unser Leben mit jemanden teilen und machen uns emotional abhängig, obwohl wir das gar nicht mehr müssen. Anders als noch vor 50 Jahren offenbart sich uns die Freiheit zu wählen, wann und in welchem Grade wir uns auf eine*n potenzielle*n Partner*in einlassen. Diese Freiheit ist schön und wir sollten diesen Fortschritt schätzen – in die Zeit, als eine Frau ohne ihren Ehemann kein Bankkonto eröffnen konnte und die Eltern bestimmten, wen man heiratet, will niemand zurück. «Frei» bedeutet aber nicht gleich «einfacher». Dieser Meinung ist auch die Soziologin Eva Illouz, die sich schon seit Jahren der Erforschung unserer Beziehungen widmet. «Die Freiheit, die Liberalität, die wir heute im Hinblick auf Beziehungen und Sexualität haben, macht vieles komplizierter», meint sie in der Sternstunde Philosophie. «Hat man die Möglichkeit, seinen Partner völlig frei zu wählen, wählt man ihn auch schneller wieder ab.»

Beziehungen, die gar nie zustande kommen
Mitschuld an unserem Dilemma seien aber auch die sogenannten «negativen Beziehungen». Dabei handle es sich um Beziehungsformen, die gar nie richtig zustande kämen und darum so brüchig seien; als Beispiele dafür nennt Illouz One-Night-Stands, Affären, Seitensprünge, Freundschaft Plus und Tinderdates. «Mir findet nöd, dass mir eusi Beziehig lable münd» – kommt dir das bekannt vor? «Wenn man in solchen Beziehungen zueinander steht oder sich so begegnet, kann man sich gar nicht aufeinander einlassen. Solche «negative Beziehungen» häufen sich», meint Illouz.

Ist unser grosses Problem also, dass wir uns der Liebe gar nicht mehr hingeben können? Sind wir nicht imstande, vorbehaltlos auf potenzielle Partner*innen zuzugehen und auf die Liebe zu vertrauen, weil wir alles analysieren müssen und die Ehen unserer Eltern scheitern gesehen haben? Oder sind wir uns gar zu schade, uns für immer auf nur einen besonderen Menschen einzulassen? Nicht nur, meint die Familien- und Sexualtherapeutin Nancy Glisoni im Interview mit Tsüri.ch.

Frau Glisoni, hören Sie den den Satz «Ich weiss nicht, ob sie*er wirklich die*der Eine für mich ist» von Ihren Klient*innen oft?
Ja, immer mehr und nicht nur von Menschen zwischen 20 und 30, sondern auch von Paaren, die seit 30 Jahren verheiratet sind und an Trennung denken. «Verschwende ich meine Zeit, verpasse ich vielleicht gerade jetzt den Mann* oder die Frau* fürs Leben oder die*den passende*n Partner*in für meinen nächsten Lebensabschnitt? Gibt es da jemanden der vielleicht meinen Ansprüchen eher genügt, mit dem ich mehr Spass habe und Probleme kein Thema sind?» Solche Aussagen resultieren oft aus der Angst, etwas im Leben zu verpassen.

Aus Liebe für immer wurde die Liebe für einen Lebensabschnitt.
Nancy Glisoni, Paar- und Sexualtherapeutin

Sortieren wir demnach unsere Partner*innen zu schnell aus?
Es zeigt sich, dass Beziehungen schnelllebiger geworden sind, darum ja, es wird weniger in den Erhalt der bestehenden Beziehung investiert. Heute liegt der Trend, weg von langjähriger Betriebstreue hin zu Jobhopping, aus Liebe für immer wurde die Liebe für einen Lebensabschnitt.

An was scheitern die Beziehungen Ihrer Klient*innen konkret?
Es fehlt an sehr vielen Orten: Kommunikation und Selbstliebe – man macht gerne mal den*die Partner*in verantwortlich fürs eigene Scheitern – Bereitschaft Kompromisse einzugehen, Bereitschaft alte Verletzungen aufzuarbeiten. Bilder in den Medien, die das Leben perfekt darstellen und das Streben danach, lassen die eigene Beziehung auch verkümmern.

Unsere Grosseltern pflegen zu sagen, dass wir Dinge leichtfertig wegwerfen, statt sie zu reparieren. Aber ist es denn manchmal nicht viel mehr ein «Befreien» als ein «Wegwerfen»?
Um eine Beziehung oder Ehe zu retten, braucht es ein klares «Ja», eine Entscheidung für den*die Partner*in ist unabdingbar. Investiere ich in die bestehende Beziehung oder wage ich einen Neuanfang? Je nachdem, wie man diese Frage für sich beantwortet, macht es mehr oder weniger Sinn, zu «reparieren». Jede*r muss für sich entscheiden, wieviel er*sie investieren möchte.

Es ist unrealistisch zu glauben, dass wir jeden Tag romantische, spannende und sensationelle Erlebnisse haben werden.
Nancy Glisoni
Community-Fritig
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Wir gehen also kaum noch Beziehungen ein und wenn wir es doch tun, geben wir diese viel zu schnell wieder auf?
Ich denke, dass durchaus ein grosser Wunsch nach fester Bindung, Partnerschaft und Liebe da ist. Die Ansprüche an eine*n Partner*in sind jedoch extrem hoch und meist wird eine Beziehung viel zu früh beendet, ohne überhaupt gespürt zu haben, wie sich Liebe anfühlt. Alles soll sich richtig anfühlen, am besten hat man die gleichen Werte und Ziele, man ist attraktiv, intelligent – eben perfekt.

Stehen uns also unsere Vorstellungen und Ansprüche im Weg? Hatten unsere Grosseltern diese Ansprüche nicht?
Vor allem von den sozialen Medien wird uns heute ein verzerrtes Bild vermittelt, was Partnerschaft bedeutet, wie man Partnerschaft lebt, was Mann*- oder Frau*sein heisst. Es ist unrealistisch zu glauben, dass wir jeden Tag romantische, spannende und sensationelle Erlebnisse haben werden und nur so eine perfekte Beziehung funktioniert. Nicht nur an unsere Partner*in haben wir hohe Ansprüche, sondern auch an uns selbst. Die Optimierung steht auch in unserem Liebesleben ganz oben.

Sollen wir denn für unsere Liebe unsere Ansprüche herunterschrauben?
Nein, aber wir brauchen definitiv mehr Mut für das Unperfekte und wir sollten uns mehr Zeit lassen, unser Gegenüber wirklich kennenzulernen und nicht nur dessen Oberfläche.

Apropos Oberfläche: Haben Dating-Apps wie Tinder unsere Liebe massgeblich entwertet?
Ja, auf jeden Fall. Wo man sich früher gedatet hat und sich auf das nächste Treffen gefreut hat, schreibt man stattdessen im gleichen Zeitraum mit drei anderen Personen, ohne sich wirklich auf sein Gegenüber einlassen zu können.

Das Wissen, viele Möglichkeiten zu haben, kann ein Grund sein, dass wir auf der Partnersuche perfektionistischer sind.
Nancy Glisoni

Vermittelt uns Tinder nicht auch das Bild in unseren Köpfen, dass es so viele andere Fische im Meer gibt?
Ja, ich glaube, dass dieses Überangebot an potenziellen Partner*innen nicht förderlich für unsere Beziehungsgestaltung ist. Das Wissen, viele Möglichkeiten zu haben, kann ein Grund sein, dass wir auf der Partnersuche perfektionistischer sind, nach einem Ideal suchen und schneller bei Alltagsproblemen aufgeben.

Sind alternative Beziehungsformen wie Polyamorie und Offene Beziehungen/Ehen die Antwort auf dieses Überangebot?
In meinem Beratungsalltag nehmen alternative Beziehungsformen wie Polyamorie oder der Wunsch nach einer offene Beziehung zunehmend mehr Raum ein. Für mich nicht verwunderlich, leben wir doch in einer Gesellschaft, die es mehr und mehr gewohnt ist, auf allen Ebenen des Lebens aus einem grossen Pool verschiedener Möglichkeiten zu schöpfen.

Können diese Beziehungsmodelle denn Abhilfe schaffen beim Problem des Sich-nicht-festlegen-Wollens?
Nein, das denke ich nicht. Zum Beispiel Polyamorie zeichnet sich dadurch aus, dass alle Personen informiert sind, sich kennen und einverstanden sind. Das bedeutet Aufwand und Investition, Zeit, sich mit den eigenen Gefühlen und denen des Partners auseinanderzusetzen. Wenn sich jemand nicht auf eine Person festlegen will, dann schafft der- oder diejenige es auch ganz bestimmt nicht, sich zu zwei Personen zu bekennen. Sonst ist die Beziehung nicht poly.

Bei all den neuen Arten uns zu lieben stellt sich die Frage: Ist denn die Ehe überhaupt noch eine Investition wert?
Im Grunde besteht keine Notwendigkeit mehr für eine Ehe. Sie wird auch zunehmend von anderen Formen des Zusammenlebens verdrängt. In Frankreich gibt es das Alternativmodell zur Ehe: der Pacte Civil de Solidarité. Ursprünglich für homosexuelle Paare gedacht, haben auch heterosexuelle Paare dieses Modell für sich entdeckt. Um den Vertrag zu schliessen, braucht es nur einen Termin beim Amtsgericht. Nach Vertragsabschluss sind die Paare verheirateten Eheleuten fast gleichgestellt; sie werden zusammen besteuert, erhalten Besuch- und Auskunftsrecht, wenn einer von beiden im Spital liegt und erhalten eine Witwenrente nach dem Tod des*der Partner*in. Der Vertrag ist ebenso schnell kündbar wie er geschlossen wurde.

Das würde ja sehr zu der Sprunghaftigkeit meiner Generation passen.
Ja, das stimmt! (lacht)

Spass beiseite – schliesslich sind wir ja hier, um die Liebe zu retten. Was zählen Sie zu den wichtigsten Zutaten für eine lange (oder ewige) Partnerschaft
Neben dem Vertrauen in den*die Partner*in braucht es auch gegenseitigen Respekt, Unterstützung der Ziele des anderen, körperliche Zuneigung, eine konstruktive Streitkultur, offene Kommunikation und viel Selbstliebe. Man muss darauf achten, dass man sich im Laufe der Jahre nicht aus den Augen verliert. Und natürlich wie überall im Leben: Gelassenheit und eine grosse Portion Humor.

Titelbild: pexels.com

Bild: zvg (Peter Würmli ©)

Familienzeit
Nancy Glisoni arbeitet als Familien- und Sexualtherapeutin und ist seit 2013 in einer eigenen Praxis tätig. Sie ist verheiratet und hat drei Söhne. Zu Ihren Klient*innen zählen Einzelpersonen, Paare, Familien und LGBTQI+-Personen. Ihr Therapiebereich umfasst Beziehungsgestaltung, Paarkommunikation, Sexualität im Beziehungsleben, Sexuelle Funktionsstörungen, Erkennen und Erarbeiten von eigenen Möglichkeiten und Ressourcen und Erziehung. Weiterführende Infos unter www.familienzeit.ch
Redaktorin

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