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Eine Wohnung ohne Briefkasten – unvorstellbar. Flurin Capaul findet: «Im Gegenteil!» (Foto: Elio Donauer)

Bitte keine Werbung? Bitte keinen Briefkasten!

Wer wohnt, hat zwangsläufig einen Briefkasten. Ein Zustand, der für Flurin Capaul nicht mehr zeitgemäss ist – für ihn gehören Briefkästen abgeschafft. Ein Kommentar.
26. November 2020

von Flurin Capaul


Vor über zehn Jahren durfte ich einige Monate beruflich in Singapur verbringen. Dafür musste ich einige Dinge organisieren und mich unter anderem der Frage stellen: «Was passiert mit meiner Post?» Zu meinem Glück bot die Schweizerische Post zu diesem Zeitpunkt im Rahmen eines Pilotversuches einen spannenden Service an: während ein paar Monaten konnte man seine Post zurückhalten lassen, die Post öffnete und scannte jeden Brief, woraufhin einem die Scans als PDF per Email geschickt wurden. War man wieder zu Hause, konnte man auf seiner Poststelle alle fein säuberlich aufbewahrten geöffneten Briefe in einer grossen Küvette in Empfang nehmen. So einfach, so bequem und so digital habe ich meine Post danach nie mehr erhalten.

Heute wähne ich mich in der Steinzeit: mein Briefkasten nervt mich und ich möchte keine physische Post mehr erhalten. Seit Jahren ist das meiste in meinem Briefkasten unbedeutend (der Ingenieur würde sagen, das signal-to-noise-ratio sei grauenhaft). Ich leere den Briefkasten nur noch einmal im Monat. Im Schnitt finde ich darin vier Briefe die von Belang sind und über 50 Drucksachen, die total unbedeutend sind. Vor allem Pizzakurierinnen, Goldankauf-Anbieter und Auto-Exporteurinnen scheinen marketingtechnisch alle dieselbe Strategie zu verfolgen: Altpapier (fairerweise bin ich da als Lokalpolitiker nicht ganz unschuldig vor allem wenn es auf die Wahlen zugeht). Vor allem umgehen die meisten auch den «Bitte keine Werbung»-Kleber, sprich ein grosser Teil meiner Post besteht aus unadressierten Wurfsendungen oder Flyern.

Zweitens ist alles was physisch geliefert wird nicht in meinem digitalen Universum. E-Mails kann ich sortieren oder durchsuchen, ich kann ein Backup machen und ich kann sie bequem auch in den Ferien lesen und bearbeiten. Dokumente, welche in meinem Briefkasten rumliegen sind in einer digitalen Welt wie heute ein Anachronismus.

Drittens stellen sich Fragen zur Privatsphäre. Wen geht es etwas an, wer in einer Wohnung oder einem Haus wohnt, ausser die Eigentümer oder die Behörden? Es gibt genügend Beispiele von Drohgebärden oder Stalking, welche durch einen Anonymisierung massiv erschwert würden.

Zu guter Letzt: Wenn schon über 90 Prozent des Briefkasten-Inhalts Altpapier sind, dann könnte man einen einfachen Beitrag zu dessen Verminderung leisten. Gegenwärtig werden in der Stadt Zürich nicht ganz 20’000 Tonnen Altpapier gesammelt. Konservativ geschätzt: Wenn pro Haushalt und Woche 500 Gramm Briefkasteninhalt reduziert werden, so spart man bei den 200’000 Haushalten in der Stadt 5’000 Tonnen Altpapier ein. Das wäre circa ein Viertel der gesamten Menge an Altpapier der gesamten Stadt.

Es mag ein paar Knackpunkte geben, die sich aber lösen liessen. Im Grundsatz ist die Post nämlich dafür vorbereitet: Schon heute bietet mir die Post bei Einschreiben und Päckli (viele sind eh zu gross für den Briefkasten) einen tollen Service. Ich werde per E-Mail darüber informiert, dass ich bitte innert der nächsten 10 Tagen auf der Poststelle erscheinen soll und etwas abholen muss. So kann die Zustellung für wirklich wichtige Dokumente, Betreibungen, Gerichtsurkunden, Kreditkarten, Abstimmungsunterlagen etc. sichergestellt werden.

Tatsächlich existiert heute gemäss der Postverordnung Artikel 73 eine Pflicht, einen Briefkasten mit gut leserlicher Anschrift aufzustellen. Aber es war bis dato immer so, dass das Gesetz den Entwicklungen der gesellschaftlichen Gewohnheiten hinterher hinkte und regelmässig angepasst wurde (Zusammenleben von Konkubinats-Paaren bis hin zur Regulierung von Online Glücksspielen).

Auch unser Umgang mit der Post ändert sich. Statt Postkarten werden Instagram-Stories erstellt oder Whatsapp-Schnappschüsse verschickt, die Einladung an eine Veranstaltung erhält man per E-Mail mit angehängtem Kalenderinvite und auch Bewerbungen werden heute ausschliesslich digital eingereicht. Werbung flattert einem per digitalem Newsletter ins Haus und man kann diese problemlos filtern.

Es ist an der Zeit, die Pflicht für Briefkästen abzuschaffen. Die Infrastruktur und Technologie ist vorhanden, die Bedeutung der Briefpost ist faktisch nicht mehr relevant, die Post kann ihre Digitalstrategie weiter umsetzen sowie die Arbeitsplätze erhalten und der Umwelt würd’s auch noch etwas bringen.

Ich klebe jetzt mal meinen Namen am Briefkasten ab und schaue was passiert. Gemäss Artikel 76 der Postverordnung verfügt bei Streitigkeiten die PostCom. Wahrscheinlich kommt diese Verfügung dann per Briefpost...


Anm. d. Red.: Der Autor hat auf die männliche und weibliche Schreibform bestanden, weshalb wir auf den Genderstern verzichtet haben.

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