Wo reich und schön trainieren: Abhängen mit den Expats

Die Tsüri-Redaktion verlässt die «Bubble» und besucht Orte oder Veranstaltungen, wo sie sich sonst nie hin verirren würde. Den Auftakt macht der Besuch einer «Anti Gravity»-Lektion im luxuriösen Holmes Place an der Bahnhofstrasse.
09. Mai 2017

Zürich ist die Top-Expat Stadt der Schweiz: 2016 wohnten hier laut einer Studie 28’370 Expats. Das sind fast sieben Prozent der Stadtbevölkerung. Auf dem zweiten und dritten Platz liegen Genf und Lausanne mit 21841 beziehungsweise 8604 Expats.
Ich besuche den Ort, wo die Expats und Zürichberg-Bewohner*innen ihre Muskeln stählen: den Holmes Place im Jelmoli gleich neben der Bahnhofstrasse. Das Holmes Place bezeichnet sich selbst als ein luxuriöser Fitness und Health Club. Eine ehemalige Arbeitskollegin erzählte mir, dass sie während des vorletzten Zürich Film Festivals dort neben Arnold Schwarzenegger Hanteln stemmte. Der perfekte Ort also, um mich unter reich, berühmt und – vielleicht auch schön – zu mischen. Normalerweise trainiere ich beim Akademischen Sportverein Zürich (ASVZ), für das Jahresabo zahle ich gut 500 Franken. Im Yoga hat es zu wenig Matten und zur Rushhour suche ich an der Polyterrasse stundenlang nach einem freien Spind. Jetzt verlasse ich die heimischen Katakomben der Polyterrasse und fahre mit dem Lift (die Treppe war nicht auffindbar) in den 5. Stock im Jelmoli-Gebäude. Ich habe mich für eine Lektion «Anti Gravity» angemeldet: Statt einer Matte hängt ein lila Tuch von der Decke. Die Kursbeschreibung verspricht folgendes: «In der Luft schweben, sich gehen lassen und eine neue Erfahrung sammeln.» Und empfiehlt: «Sie sollten nicht am Kurs teilnehmen, wenn Sie einen Botox Eingriff in den letzten sechs Stunden hatten.» Nicht so abwegig, wer sich ein ein Abo für 169 Franken pro Monat leistet, hat sicher auch genügend Kleingeld für Schönheitsoperationen.

Deutsch = Englisch oder umgekehrt?
Die Dame am Empfang ist umgeben von weissen, flauschigen Handtüchern, die gestapelt um sie herumstehen. Obwohl ich ihr auf Deutsch «Hallo» sage, spricht sie mit mir ausschliesslich Englisch. Sogar auch nachdem ich ihr extra mit einem Englisch-Federal geantwortet habe. Sie reicht mir zwei Handtücher. Ebenso einen Stein mit Gravur, der mir den Zugang zum Kurs sicherstellt: die Plätze sind beschränkt. Ein holzgetäferter Gang führt zur Garderobe. Diese ist sehr geräumig und ich sehe nur zwei Girls, die sich ebenfalls auf Englisch unterhalten. Es gibt bodenlange Spiegel, um davor das obligate Foto vor dem Training zu schiessen.

Im Innern des Spind grinst mir eine Frau entgegen: Das Topmodel Sarina Arnold und daneben steht: «Neu duschen Sie mit Dusch Gel von Louis Widmer!»

Vor dem Kurs noch schnell die Räumlichkeiten erkunden: Im oberen Stock ist ein grosser Ausdauer- und Kraftraum mit Fensterfassaden. Er ist ziemlich leer, ein paar Trainer tigern zwischen den Geräten herum.

An diesem Sonntagnachmittag sehe ich nur etwa 15 mittelalterliche Leute pumpen. Von hier geht es auf die weitläufige Dachterrasse mit Sonnenliegen (Solarien gäbe es auch...). Die Terrasse bietet eine schöne Aussicht auf die Kuppel der Urania Sternwarte, die Türme von Grossmünster, Fraumünster und St.Peter. Die Holmes Place Flagge flattert im Wind. Auf dem hinteren Teil der Terrasse erhebt sich gerade eine blondierte Frau von ihrer Sonnenbank, bekleidet mit nichts als einem weissen Handtuch. Ich habe genug gesehen und begebe mich ins Studio 2. Auf drei Seiten hat es Spiegel, die vierte Seite ist eine Fensterfront. Auf dem Spiegel klebt ein Rahmen mit der Aufforderung: «Take a picture and share it on Facebook». Nein, schon okay.

Anti Gravity Übelkeit
Die Tücher hängen in U-form von der Decke, aus den Boxen tönt Lounge-Sound. Ausser mir hat es nur noch vier weitere Teilnehmerinnen, alle maximal 35 Jahre alt, das Outfit aus Materialien, die aussehen, als würden sie Schweiss sofort vernichten. Der Trainer trägt knallenge Leggins, ein rotes Shirt und eine perfekt getrimmte Frisur. Zwei der Teilnehmerinnen begrüsst er wie alte Freundinnen. Dann geht es los mit dem Anti Gravity Yoga. Wir sitzen in die Hängematte und lassen uns dann kopfüber hinunter bammeln, die Beine um das Tuch geschwungen. Zwischendurch legen wir uns bäuchlings in die Hängematte und schaukeln hin und her. Einer Teilnehmerin wird es übel und der Trainer stoppt sie heldenhaft.

Die Lektion wird ausschliesslich auf Englisch geführt. Nach den 55 Minuten bleibt noch Zeit für ein bisschen Expat-Talk, eine Teilnehmerin erzählt dem Trainer, dass sie seit drei Jahren in Zürich wohne, sie kommt ursprünglich aus Singapur ihr Mann sei ein Deutscher. Der Trainer selbst ist Grieche und fliegt gleich für drei Wochen zu den Verwandten. So, genug gehört. Nachdem ich die Hängematte desinfiziert habe, geht es zurück in die Garderobe. Die Duschkabinen sind abgetrennt und erinnern mich an einen Spa. Das Tüchlein schmeisst man nach Gebrauch in den Wäschekorb.

Schon okay, wenn man nicht um seine Gewichtsscheiben kämpfen muss und ein Duschmittel Dispenser ist auch angenehm, aber Sport macht mit Freund*innen noch mehr Spass und Expats oder reiche Zürcher*innen (die mir das Abo auch noch bezahlen würden) kenne ich (bis jetzt) noch keine...

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