Von Alice Britschgi

Praktikantin Redaktion

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26. April 2022 um 04:00

Soziologin ist gegen Elternzeit, Ökonom dafür – das sind ihre Argumente

Wird die Wirtschaft durch eine Elternzeit gestärkt oder geschwächt? Stimmt es, dass eine Annahme der Initiative die Gleichstellung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt fördern würde? Wir haben die Argumente der Befürworter:innen und Gegner:innen der Elternzeit-Initiative von Wissenschaftler:innen checken lassen.

Wirtschaftssoziologin Katja Rost spricht sich gegen die Elternzeit-Initiative aus. (Foto: John Flury)

Am 15. Mai stimmen wir auf kantonaler Ebene über die Elternzeit-Initiative der SP ab. Anstelle von 14 Wochen Mutterschaftsurlaub und zwei Wochen Vaterschaftsurlaub fordert das Initiativkomitee eine Elternzeit von je 18 Wochen für beide Elternteile. Die Initiative fördere die Gleichstellung der Geschlechter, stärke die Familie und zudem die Wirtschaft, weil hoch qualifizierte Frauen eher im Beruf bleiben würden, so die Argumente des Initiativkomitees. Die Gegner:innen argumentieren, dass die Initiative die Wirtschaft und insbesondere KMUs schwächen würde, weil Mehrkosten entstünden. Ausserdem kritisierien sie, dass ein solches Gesetz nicht kantonal sondern national verankert werden solle. Auch Kantonsrat und Regierungsrat empfehlen aus diesen Gründen, die Initiative abzulehnen. 

Was sagt die Wissenschaft zu den Argumenten von Befürworter:innen und Gegner:innen? Wird die Wirtschaft durch eine Elternzeit gestärkt oder geschwächt? Und stimmt es, dass eine Annahme der Initiative die Gleichstellung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt fördern würde?

Wirtschaft: Gestärkt oder geschwächt?

Eine schwierige Frage, meint Josef Zweimüller, Professor für Volkswirtschaftslehre mit Fachgebiet Familienpolitik an der Universität Zürich. «Die gesamtwirtschaftlichen Kosten würde ich eher gering veranschlagen», ordnet er ein. Zudem merkt er an, dass 36 Wochen im Vergleich zur heutigen Situation zwar viel seien, die Schweiz mit Blick auf andere europäische Länder aber immer noch klar am unteren Ende der Skala stehen würde.

Volkswirtschaftsprofessor Josef Zweimüller spricht sich für die Initiative aus: «Mütter, Väter und Kinder profitieren.» (Foto: zvg)

Durch die Elternzeit, so Zweimüller, würde eine Umverteilung von Geldern stattfinden. Den Arbeitnehmer:innen käme die Initiative zugute, für die Arbeitgeber:innen würden natürlich Kosten entstehen. «Empirische Studien aus anderen Ländern wie zum Beispiel Dänemark zeigen aber, dass sich die Mehrkosten, die durch eine vergleichbare Elternzeit entstehen, kaum im Gewinn der Unternehmen niederschlagen», sagt Zweimüller. Das liege vermutlich daran, dass die Personalanpassungen bei einer Schwangerschaft schon im Voraus gut planbar seien und so kostengünstig umgesetzt werden können. 

Für eine Stärkung der Wirtschaft könne man, so Zweimüller, mit der hohen Konsumneigung frischgebackener Eltern argumentieren. Die Transferleistungen könnten stimulierend für den Konsum wirken. Die Grössenordnung sei jedoch zu gering für einen Konjunkturschub. 

«Neue Befunde zeigen, dass muslimische Länder in Bezug auf den Arbeitsmarkt gleichberechtigter sind als wir.»

Katja Rost, Wirtschaftssoziologin

Auch Katja Rost, Professorin für Wirtschaftssoziologie an der Universität Zürich, sieht das Wirtschaftsargument der Gegner:innen kritisch: «Sicher, die Elternzeit kostet. Das Argument mit der Wirtschaftsschwächung wird immer mit der grossen Kelle angerichtet. So weit würde ich aber nicht gehen.» 

Allerdings ist sie auch von der Argumentation der Befürworter:innen nicht überzeugt: «Studien aus Deutschland zeigen, dass die Ausdehnung der Elternzeit und ihre Aufteilung auf beide Eltern in Bezug auf die Partizipation von Frauen im Arbeitsmarkt wenig bringen.» Die prozentuale Anzahl von Professorinnen an Universitäten zum Beispiel unterscheide sich zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz kaum. Obwohl man in Österreich bis zu zwei Jahren Elternzeit beziehen könne, seien es in allen Ländern um die 23 Prozent. Dass hochqualifizierte Frauen durch eine ausgedehnte Elternzeit also eher im Beruf bleiben und somit die Wirtschaft stärken würden, lässt Rost nicht gelten.

Förderung der Gleichstellung?

Auch das Gleichstellungsargument verneint Rost, die auch Präsidentin der Gleichstellungskommission der Universität Zürich ist, deshalb. Das Gleichstellungsproblem könne nicht von politischen Massnahmen gelöst werden, sondern müsse auf sozial-gesellschaftlicher Ebene angegangen werden: «Im akademischen Umfeld ist Vaterschaftsurlaub akzeptiert, aber im Mittelstand und in Kleinstunternehmen lachen sie ihre Kollegen aus, wenn sie als Mann Elternzeit nehmen.» Die Gesellschaft sei noch nicht so weit. Man müsse aufpassen, dass solche Initiativen die Kluft zwischen dem Akademiker:innenmilieu und der «normal arbeitenden Bevölkerung» nicht vergrösserten.

Einen Lösungsansatz hat die Professorin allerdings nicht parat. Dennoch betont sie: «Wir kommen mit unseren Massnahmen anscheinend nicht weiter. Neue Befunde zeigen, dass muslimische Länder in Bezug auf den Arbeitsmarkt gleichberechtigter sind als wir. Prozentual studieren in muslimischen Ländern mehr Frauen Ingenieurwissenschaften als hier.» Die Gender-Segregation sei bei uns also grösser – trotz solcher Massnahmen.

Rost hat selbst einen Sohn. In den ersten drei Jahren seines Lebens sei ein grosser Teil des Gehalts für die Kinderbetreuung draufgegangen. Damals habe sie sich darüber extrem aufgeregt. Heute sei sie froh, dass sie nie aus dem Job ausgestiegen sei. Damit Frauen im Job bleiben, ist sie sich deshalb sicher, brauche es längerfristige Lösungen auf dem Arbeitsmarkt: «Ich fände es viel sinnvoller, wenn Führungspositionen als ‹almost full time› ausgeschrieben würden. Das würde die Partizipation von Frauen im Arbeitsmarkt verbessern.»

«Mütter, Väter und Kinder profitieren enorm von der Elternzeit.»

Josef Zweimüller, Volkswirtschaftsprofessor

Gegen das Argument, dass junge Frauen auf dem Arbeitsmarkt weniger diskriminiert würden, wenn auch junge Männer Anspruch auf Elternzeit hätten, hat Rost nichts einzuwenden. Allerdings befürchtet sie, dass Männer sich gegenüber ihren Arbeitgeber:innen als besonders loyal darstellen könnten, wenn sie die Elternzeit ablehnten. Frauen hingegen hätten diese Möglichkeit nicht.

Auch Zweimüller vermutet, dass eine Annahme der Initiative die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt nicht verbessern würde: «Empirische Studien zeigen, dass die Implementierung einer sozialen Familienpolitik per se die Situation nicht verbessert.» Auf den Erfolg der Mütter auf dem Arbeitsmarkt und den Einkommensnachteil gegenüber Vätern habe eine Elternzeit keine Auswirkung. Das traditionelle Rollenbild sei in unserer Gesellschaft so tief verankert, dass nach der Babypause immer noch viel öfter Frauen als Männer Teilzeit arbeiten würden.

Deshalb müsse ein grundsätzliches Umdenken stattfinden. Das erfordere aber viel Diskussion in der Gesellschaft. Paare müssten sich aktiv damit auseinandersetzen, wie sie die Kinderbetreuung 50:50 aufteilen könnten. Zudem müssten auf der Seite der Arbeitgeber:innen, familienfreundliche Stellen geschaffen werden, so Zweimüller.

Elternzeit trotzdem sinnvoll

Dennoch spricht sich Zweimüller klar für die Initiative aus: «Mütter, Väter und Kinder profitieren von der Elternzeit.» Dass er daran zweifle, dass sich die Initiative auf die Gleichberechtigung der Eltern in der Zeit nach den 18 Wochen auswirke, ändere daran nichts. Und Zweimüller merkt an: «Wer weiss, vielleicht findet in der Elternzeit ja doch ein Umdenkprozess bei den Paaren statt.»

Elternzeitinitiative

Ausgangslage

In der Schweiz haben Mütter nach der Geburt ihres Kindes 14 Wochen Mutterschaftsurlaub. Väter haben nach der Geburt ihres Kindes zwei Wochen Vaterschaftsurlaub. In dieser Zeit erhalten beide Elternteile über die Erwerbsersatzordnung (EO) 80 Prozent ihres Lohnes. Es wurde eine Volksinitiative eingereicht, die im Kanton Zürich eine Elternzeit für beide Elternteile einführen will. Deshalb stimmen wir nun darüber ab.

Was würde sich ändern?
Wird die Initiative angenommen, führt der Kanton Zürich eine Elternzeit ein. Nach der Geburt
ihres Kindes oder bei einer Adoption haben beide Elternteile neu je 18 Wochen Elternzeit, wenn sie im Kanton Zürich wohnhaft sind. Wenn sie ausserhalb des Kantons Zürich wohnhaft sind, aber im Kanton Zürich arbeiten, haben sie je 14 Wochen Elternzeit. Der Kanton Zürich rechnet für die Elternzeit mit Mehrkosten in der Höhe von 423 Millionen Franken pro Jahr. Diese werden je zur Hälfte durch ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen finanziert. Falls die Mehrkosten höher sind als
erwartet, muss der Kanton diese übernehmen. Weiterhin erhalten beide Elternteile in dieser
Zeit über die EO 80 Prozent ihres Lohnes.


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