Wissenschaft und Forschung inmitten der Daten- und Informationsflut

Noch nie hat es eine solche Daten- und Informationsflut wie heute im Zuge der Digitalisierung gegeben. Gemäss Schätzungen soll sich die weltweite Datenmenge alle zwei Jahre verdoppeln. Am vergangenen Wochenende spielte der Umgang mit Daten und Informationen gleich an zwei grossen Anlässen eine zentrale Rolle. Die Zentralbibliothek Zürich feierte ihr hundertjähriges Jubiläum und nicht weit davon entfernt fand die Scientifica 2017 unter dem Motto «Was Daten uns verraten» statt.
06. September 2017

Bibliothek als Wissensspeicher

Wer in Zürich studiert, kommt an der ZB kaum vorbei. Für viele wird sie während dem Studium fast schon zu einer zweiten Heimat, wo man in einer angenehmen Atmosphäre und vor allem in Ruhe arbeiten, lernen und recherchieren kann. Am vergangenen Wochenende wurde der hundertjährige Geburtstag dieses kantonalen Wissensspeichers mit verschiedenen Veranstaltungen und Angeboten gefeiert.

Neben historischen Fakten zur Entstehung und Entwicklung der Zentralbibliothek erhielten die Besucher*innen Einblick in die verschiedenen Abteilungen – von den alten Drucken und Handschriftensammlungen bis zum modernen Digitalisierungszentrum.

Prof. Dr. Susanna Bliggenstorfer ist seit neun Jahren Direktorin der Zentralbibliothek Zürich. Mit dem Fest, so erzählt sie, wolle man die Leute daran erinnern, dass die ZB nicht nur eine Universitätsbibliothek, sondern auch eine Kantons- und Stadtbibliothek sei, die sich an die ganze Öffentlichkeit richte. «Unsere Botschaft lautet: Kommt und schaut Euch an, was die ZB, die es inzwischen seit hundert Jahren gibt, heute alles macht», sagt sie. Die Menschen sollen sehen, dass die ZB keine verstaubte Einrichtung, sondern eine moderne Bibliothek ist. «Die Besucher*innen erhalten die Gelegenheit, uns bei der Arbeit über die Schultern zu sehen und Fragen zu stellen.»

Umbrüche im Bibliothekswesen

Es war ein bedeutender Umbruch, der vor hundert Jahren zur Entstehung der Zentralbibliothek geführt hat, mit der Fusionierung der Stadt- und Kantonsbibliothek sowie dem Entscheid, dass die ZB eine Forschungsbibliothek sein soll. Als grosse Errungenschaft dieser Zeit bezeichnet Bliggenstorfer die Einführung des zentralen, alphabetischen Zettelkatalogs. In diesem konnten die Nutzer*innen nachschauen, welche Bücher es in Zürich gab und in welcher Bibliothek sie aufbewahrt wurden. «Der Zettelkatalog war eine grosse Errungenschaft, vergleichbar mit der Automatisierung durch die Computer in den achtziger Jahren. Es musste ein Katalogisierungssystem mit Schlagwörtern entwickelt werden.» Der Anspruch sei bis heute derselbe geblieben. Es gehe darum, den Nutzer*innen eine zentralisierte Suchfunktion zu bieten. Auch die Kernaufgaben hätten sich in den hundert Jahren nicht verändert. Die Bibliothek schaffe Zugang zu Information und Literatur, und sorge mit Vermittlungsarbeit wie etwa dem Durchführen von Veranstaltungen und Ausstellungen dafür, dass die alten Bestände nicht vergessen gingen. Sie sorge für die dauerhafte Aufbewahrung des kantonalen Kulturguts und stelle den Nutzer*innen ein geeignetes Rechercheportal zur Verfügung. «Verändert haben sich die Objekte und Instrumente, mit denen wir arbeiten sowie die Prozesse», sagt Bliggenstorfer. So sei es etwas anderes, ob man ein Buch ins Magazin stelle oder den Zugang zu einer elektronischen Zeitschrift dauerhaft sichern müsse. «Heute müssen wir beide Aufgaben erfüllen. Darum sprechen wir von einer hybriden Bibliothek mit analogen als auch digitalen Angeboten».

Gemäss der Direktorin profitiert die Zentralbibliothek von der Digitalisierung. Das zeige sich etwa am Beispiel der grafischen Sammlung, mit der heute viele Nutzer*innen das erste Mal übers Internet in Berührung kommen und danach die Bibliothek besuchen, um die Sammlung in echt betrachten zu können.

«Wir verzeichnen täglich um die 2000 Besucher*innen. Durch das Internet haben wir eine Präsenz zurückgewonnen, die in den letzten Jahren ein wenig verloren gegangen ist.»

Herausforderung Forschungsdaten

Wo sich die Digitalisierung derzeit vor allem als Herausforderung für die ZB darstellt, ist im Bereich des sogenannten Forschungsdatenmanagements, wo die Bibliothek eng mit den Hochschulen zusammenarbeitet. Dieses Forschungsdatenmanagement ist auch Thema an der Scientifica 2017, im Rahmen des Science Cafés unter dem Titel «Datenmanagement nach Rezept. Wie verändert sich die Rolle der Bibliotheken im digitalisierten Wissenschaftsbetrieb?»

«Früher warteten wir, bis die Forscher*innen die Ergebnisse publiziert hatten, dann kauften wir das Buch und stellten es ins Magazin», erzählt Susanna Bliggenstorfer. «Heute beginnt der Prozess bereits dann, wenn das Forschungsprojekt eingereicht wird. Von da an fallen Forschungsdaten an, für deren Aufbewahrung und Aufbereitung wir zuständig sind.» Dann geht es um die Frage, wie man so einen rohen Datensatz beschreibt, damit man ihn verlinken, aufbewahren und zugänglich machen kann. «Im Moment besteht die grosse Herausforderung für uns darin, eine Dienstleistung zu entwickeln, mit der wir die Hochschulen bei der Arbeit mit den Forschungsdaten unterstützen können.» Eine Patentlösung gibt es aber nicht, das wissen auch die Fachreferent*innen, die im Science Café das Thema Forschungsdatenmanagement vorstellen. Je nach Forschungsgebiet sind es andere Daten und es stellen sich andere Herausforderungen. Und so laufen derweil in der Schweiz auch verschiedene Projekte parallel. Die Notwendigkeit sei erkannt, so die Fachreferenten.

Daten als Fundgrube für die Wissenschaft

Wer an diesem Wochenende einen Rundgang durch die Ausstellung der Scientifica absolvierte, stellte schnell fest, dass die Forscher*innen hier in dieser neuen Menge an Daten in erster Linie eine grosse Chance sehen. Sie wollen die Daten nutzen, um mit ihrer Hilfe neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, Maschinen klüger zu machen und den medizinischen Fortschritt weiter voranzutreiben. Neu sollen auch unter dem Begriff «Citizen Science» Menschen aktiv in die Forschung eingebunden werden. Gemäss den Wissenschaftler*innen können so Personen mit ihren Daten, Ideen und analytischen Fähigkeiten aktiv zu erfolgreicher Forschung beitragen. Etwa im Kampf gegen Rückenschmerzen. Die ETH Zürich hat eine Rücken-App entwickelt, mit der Betroffene Daten über ihre Schmerzen sammeln können, welche wiederum die Forscher*innen dabei unterstützen, neue Erkenntnisse über den Krankheitsverlauf zu gewinnen. Die Nutzer*innen wiederum erhalten Vorschläge für individuelle Vorbeuge- und Therapiemassnahmen auf der Grundlage der gesammelten Daten.

Ein anderer Stand informierte darüber, dass Geograph*innen und Linguist*innen Twitter und Whatsapp als Fundgrube für ihre Forschung entdeckt haben. Durch die Auswertung der Kurznachrichten wollen sie Erkenntnisse über den Sprachgebrauch und das Verhältnis von Sprache und Raum gewinnen. «Wie beschreiben wir Lebensräume in solchen Texten, und was verraten diese sprachlichen Bezugnahmen auf Raum über die Schreiber*innen und über die Orte und Plätze, über die sie schreiben?», so die Wissenschaftler*innen.

Nicht nur diese wollen aus Daten lernen, nein, auch Maschinen sollen durch Daten schlauer werden, indem sie Regeln für intelligentes Verhalten ableiten – so lautet die Grundidee des maschinellen Lernens. An der Scientifica wurde dies anhand eines Chirurgie-Simulators gezeigt, bei dem Besucher*innen auch selbst Hand anlegen durften. In der Praxis sollen Chirurgie-Simulatoren das Verhalten von Expert*innen beobachten und analysieren, dann daraus lernen und dieses Wissen weitergeben.

Nachhaltigkeit und Demokratie

Mit über 30'000 Besucher*innen verzeichnete die Scientifica in diesem Jahr einen neuen Besucher*innen-Rekord. Das passt auch wunderbar zu den Ergebnissen von Professor Mike Schäfer und Professorin Julia Metag, welche das Verhältnis der Schweizer*innen zur Wissenschaft untersucht haben. Ein Fazit für das sogenannte Wissenschaftsbarometer lautet, dass sich die Schweizer*innen sehr für die Wissenschaft interessieren und ihr einen hohen Stellenwert zurechnen.

Neben der Ausstellung, Workshops, Kurzvorlesungen und Shows gab es auch Podiumsgespräche zu verschiedenen Aspekten der Digitalisierung. Eine Frage lautete etwa, ob die Daten uns helfen, effizienter mit unserem Energieverbrauch umzugehen. Professor Lorenz Hilty von der Universität Zürich wies darauf hin, dass bisher Effizienzgewinne von den Verbraucher*innen mit mehr Konsum wieder zunichte gemacht würden. Wer etwa ein Auto fährt, das weniger Sprit braucht, fährt einfach häufiger. Hilty glaubt, dass es heute nicht mehr so sehr darauf ankomme, wie lange das Smartphone an der Steckdose hängt, sondern wie oft man sich ein neues kauft. Ein grosses Problem sei der Trend, dauernd das neueste Gerät kaufen zu müssen, was auch von der Industrie gezielt gefördert werde.

Die digitale Demokratie wurde ebenfalls kritisch diskutiert. Der Politphilosoph Professor Francis Cheneval von der Universität Zürich beobachtete als Folge der Digitalisierung die Entstehung eines neuen transnationalen Demos. Ganz anders sah das die freie Journalistin Adrienne Fichter, die viel eher einen zunehmend fragmentierten Demos diagnostizierte, wo sich die User*innen vermehrt nur noch in geschlossenen Gruppen unter Gleichgesinnten austauschen.

Daten und nochmals Daten, und dann noch die Tierversuche

Herausforderung und Chance zugleich, so lautet das Fazit aus dem vergangenen Daten-Sochenende in Zürich. Während die eine Gruppe von Wissenschaftler*innen in rasantem Tempo auf der Grundlage von Daten forscht und sich neue Wege erschliesst, treten andere mit ihrer kritischen Reflexion des digitalen Wandels ein wenig auf der Stelle. Die einen brennen vor Enthusiasmus, die anderen wirken etwas ratlos.

Am Rande traten dann noch die Tierschützer*innen auf den Plan, mit einem kurzen, aber durchaus lautstarken Demonstrationszug gegen Tierversuche. Sie erinnerten damit an einen kontroversen Aspekt der Datengewinnung an Lebewesen. Etwas, das sonst an der diesjährigen Scientifica nicht thematisiert wurde. Zuviel Kontroverse sollte es dann eben doch nicht sein.

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