Wird Kritik an der ZHdK einfach übermalt? Student erstattet Anzeige

15. Juni 2016


Die Diplomausstellung an der ZHdK ist im vollen Gange und die Kunsthochschule präsentiert sich stolz gegen Aussen. Doch nicht alle Kunstwerke werden gerne gezeigt – eine Arbeit, die sich kritisch gegen die Schule stellte, wurde auf Wunsch des Rektors sogar entfernt. Wir sprachen mit dem betroffenen Studenten über seine Semesterarbeit und die jüngsten Ereignisse an der ZHdK.

Tsüri: Hallo Toni, du hast eine kritische Arbeit gemacht und diese wurde von der Schule ohne dein Wissen entfernt? Toni Joghurt*: Ja genau, ich hatte keine Ahnung. Keine 24 Stunden nachdem ich die Arbeit angebracht hatte, wurde bereits ein Drittel davon weiss übermalt, obwohl sie vom Sicherheitsbeauftragten als «brandschutztechnisch richtig ausgeführt» frei gegeben wurde und ich mich auf das damals vorliegende Reglement bezogen habe.

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Was war der Grund für die Übermalung? Erst nachdem ich nachgefragt habe, bekam ich von der Verantwortlichen für das Projekt Aneignung des Toni-Areals ein neues Reglement zugeschickt.

Und wie unterscheidet sich das neue Reglement vom alten? Hauptsächlich in zwei Punkten: 1. Die Wand, die ich bespielte, ist nicht mehr freigegeben und 2. Der Sicherheitsdienst darf Arbeiten ohne Ankündigung entfernen.

Sieht fast so aus, als wäre das neue Reglement speziell für dich ausgelegt worden, wie erklärst du dir das? Meine Arbeit war ziemlich prominent neben der Bibliothek platziert. Ich vermute, dass der Rektor sie gesehen hat und diese Kritik gegenüber der Schule unsichtbar machen wollte. Die Hochschulleitung liess es übermalen und realisierte im Nachhinein, dass es vielleicht doch nicht so schlau war. Um ihr Vorgehen zu legitimieren, bastelten sie schnell ein neues Reglement zusammen.

Was meinst du mit basteln? Ich habe den dringen den Verdacht, dass ich die einzige Person bin, die dieses Reglement erhalten hat und gehe deshalb davon aus, dass es vordatiert wurde. Ich brachte meine Arbeit am 19. Mai an und plötzlich taucht ein neues Reglement auf, das auf den 17. Mai datiert ist. Dieses Reglement, so meine Eintschätzung, wurde nicht nur nicht gesehen, sondern, gar nicht kommuniziert. Deshalb gehe ich davon aus, dass es nur wegen meiner Arbeit umgeschrieben wurde. Ichhabe diesen Verdacht auch dem zuständigen Polizisten gegenüber geäussert.

Wie hast du auf die ganze Sache reagiert? Ich habe bei der Polizei Anzeige erstattet. Die Schule hätte mich die Arbeit zumindest fotografieren lassen müssen, bevor sie sie übermalen – das ist im Urheberrecht so verankert. Jedenfalls wurde ich von der Polizei überhaupt nicht ernst genommen, die wollten am Anfang nicht mal kommen! Ich musste wirklich darauf bestehen. Aber wenn die Schule die Polizei ruft, traben sie sofort an.

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Glaubst du die Sache mit deiner Arbeit war der Auslöser für die Aktion im siebten Stock? Das weiss ich nicht. Ich habe davon erst an einer Sitzung am Montagmorgen erfahren. Dort erwähnte der Rektor den siebten Stock und beschloss kurzerhand, dies sei keine Kunst, sondern Vandalismus. Für mich zeigt das, dass eine institutionskritische, künstlerische Intervention keinen Platz an der ZHdK hat.

Worauf bezog sich die Kritik dieser Intervention? Es wird viel mit der Umstrukturierung des Departements Kunst & Medien zu tun haben. Die Studierenden und der Studierendenrat, in dessen Vorstand ich bin, suchen seit langem einen Dialog mit der Hochschulleitung – jedoch bisher mit mässigem Erfolg. Ich kam dieses Semester kaum zum Studieren, weil ich von einer Sitzung zur anderen rannte. Trotz des grossen Engagements und Unmuts der Studierenden, wird die Kritik von der Hochschulleitung gar nicht ernst genommen. Dazu kommt noch die Frustration wegen der sterilen Schule. Das ist hier doch eine Creative Economies-Scheisse und keine Kunsthochschule!

Was meinst du mit Creative Economies? Man sieht das, wenn zum Beispiel eine Arbeit von einem Studierenden prämiert wird. Sie vermitteln dann furchtbar stolz, wer wo gewonnen hat und vor allem wie hoch der Preis dotiert ist und ganz am Schluss erwähnen sie: «Ach ja, die Arbeit ist auch noch ganz interessant.» Für mich ist das einfach ein marktorientiertes, gleichmacherisches Neoliberalismus-Regime.

Wie erklärst du dir diese Entwicklung? Für mich ist das sonnenklar: Die Hochschulleitung leidet an einer Kunstferne, d.h. sie haben ein Verständnis für Management, jedoch überhaupt keines für Kunst. Es werden Leute aus der Wirtschaft geholt, die dann über eine Kunsthochschule bestimmen sollen. Es geht also mehr um Manager- und Business-Skills. Ob die etwas mit Kunst am Hut haben, ist scheissegal! An der ZHdK geht es alsoviel mehr um Zahlen, als um Inhalte.

Was denkst du über die Reaktion der Schulleitung auf die jüngsten Ereignisse? Was mit meiner Arbeit und dem siebten Stock passiert ist, ist für mich ein gutes Zeichen, wie diese Hochschule mit Studierenden und Kritik von Studierenden umgeht. Du machst eine Arbeit an einer Wand, die Dozierenden sind begeistert, der Sicherheitsdienst bestätigt, dass es unbedenklich ist und der Rektor sagt dann, es müsse weg. Ich finde, man kann diskutieren, ob das interessante Kritik ist, oder überhaupt Kritik, aber es ist indiskutabel, ob das Kunst ist. Vor allem wenn der Rektor behauptet, dass er kein Intendant sei und nicht über Inhalte entscheidet, dann aber doch beschliesst, was Kunst und Vandalismus ist.

Und wie geht es nun weiter? So wie ich gehört habe, sucht die Hochschulleitung einen Sündenbock für die Aktion im siebten Stock. Erst wollten sie Dozierende und Assistierende dafür verantwortlich machen, dass sie ihre Studierenden nicht im Griff haben. Zusätzlich sollen die 120'000 Franken Kosten für Malerarbeiten dem Departements-Budget abgezogen werden. Es wurde jetzt allerdings gar nicht überstrichen.




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Die Medienstelle der ZHdK äussert sich wie folgt zu den Vorwürfen:

Weshalb wurde die Arbeit von Toni Joghurt entfernt? Die Arbeit war in einer «öffentlichen Zone» angebracht, die nicht für künstlerische Interventionen von Studierenden vorgesehen ist.

Wurde das neue Reglement vordatiert, um die Entfernung zu legitimieren? Nein. Da man den Studierenden für das Design-Semester-Modul «Take Action» entgegenkommen wollte, wurde ihnen bereits früher eine noch nicht offizielle Entwurfsversion des Reglementes abgegeben, um ihre Aktion im Sinne eines Pilotprojekts zu ermöglichen. Die Studierenden sollten ungefähr wissen, welche Flächen sie bespielen dürfen. Die Pläne dieser Entwurfsversion waren leider missverständlich, da an mehreren Orten die Grenze von «öffentlichen Zonen» und «nichtöffentlichen Zonen» unklar dargestellt waren. Die Studierenden luden diese Version offenbar auf eine öffentliche Facebookseite. Das neue Reglement wurde erst anschliessend in einer offiziellen Version und mit Korrekturen freigegeben.

Was war der Grund für die mangelnde Kommunikation? Auf der einen Seite stand der Wunsch des Projektes «Aneignung Toni-Areal», den Design-Studierenden möglichst schnell Informationen zur Verfügung zu stellen, damit sie diese in ihrem Modul verwenden und Wände problemlos gestalten könnten. Auf der anderen Seite waren die den Design-Studierenden zur Verfügung gestellten Informationen noch nicht auf Herz und Nieren geprüft, sodass man zu einem späteren Zeitpunkt Fehler in den Plänen entdeckte und diese korrigieren musste.

Wer wird für die Ereignisse im siebten Stock verantwortlich gemacht? Die ZHdK weiss noch nicht, wer hinter den Graffiti-Bemalungen in einigen Gängen des 7. Stocks steht.

Wie hoch waren die Kosten der Übermalung im siebten Stock? Die genauen Kosten können wir noch nicht beziffern. Wichtig ist: Nicht das Bemalen und Besprayen der Wände ist das Problem, sondern die Tatsache, dass die Interventionen über die Wände hinausgingen: Es wurden auch (Glas-)Türen, Fenster, Fensterrahmen, Radiatoren, Betonböden, Plättli und Spiegel in den Toiletten und anderes mehr versprayt.

Etwas Hintergrund: In den letzten Monaten wurden die Wände grundsätzlich zur Gestaltung freigegeben, was mehrheitlich zu guten Resultaten geführt und keinerlei Probleme bereitet hat (z.B. auf den Stockwerken 3 bis 6). Die beanstandeten Spray- und Farbinterventionen im 7. Stock wurden nicht nur auf Wänden, sondern auf Böden, Fenstern, Glastüren, Scheiben, Türen und Türgriffen, Heizkörpern, Feuerschutzkästen, Lavabos und sogar auf den Plättli und Spiegeln in den Toiletten angebracht. All diese Orte sind auch in der internen Regelung von einer Bespielung bzw. Bemalung ausgeschlossen. Ausserdem wurde im 7. Stock die Signaletik, die der Orientierung im Toni-Areal dient, an verschiedenen Stellen derart zerstört, dass eine Orientierung unmöglich ist.

Werden diese Kosten vom Budget des Departements: Kunst & Medien abgezogen? Grundsätzlich werden Zusatzkosten denjenigen weiterbelastet, die sie verursachen.

*Name von der Redaktion geändert. Toni Joghurt studiert im Bachelor Kunst & Medien in der Vertiefung Theorie, welche ab Herbstsemester 2016 umgekrempelt werden soll. Ausserdem ist er seit diesem Semester im Vorstand der Studierendenorganisation SturZ. Er bestand auf Anonymität, damit das Thema und nicht seine Arbeit im Vordergrund steht

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