Frauenstreik: «Wir werden weiterhin gemeinsam kämpfen»

Unzählige Frauen* haben den Frauenstreik mitorganisiert: Wir haben vier davon gefragt, welches ihre wichtigste Forderung ist und wie es nach dem Streik für sie weitergeht.
14. Juni 2019

Saskia Kircali

Ich streike, weil es immer noch einen markanten Lohnunterschied gibt, die Care-Arbeit nicht verhältnismässig anerkannt und entlohnt wird und weil an den Hochschulen zu vieles schief läuft. So sind an der Universität Zürich 58 Prozent Studentinnen* und trotzdem sind nur 23 Prozent der Professuren an Frauen* vergeben. In Schweizer Hochschulen sind nur 8 Prozent der Universitätsleiter*innen Frauen*. Universitäre Entscheidungen, Strategien und Interessensvertretungen werden also weitestgehend ohne Frauen* gemacht. Auch nach dem Streik werden wir vom Kollektiv uns weiterhin treffen und uns über Strategien austauschen, um die Arbeitsbedingungen und Machtverhältnisse an den Hochschulen zu verändern.

Meiner Meinung nach ist eine der wichtigsten Forderungen die Lohngleichheit. In der vorherrschenden kapitalistischen Gesellschaft bedeutet Geld Macht, Ressourcen und entsprechende Interessenvertretung. Die braucht es, um sich auf allen Ebenen emanzipieren zu können.

Auf meinem Transparent an der Demo wird «Mir isch Gschlächt» zu lesen sein. Dieser Slogan kommt vom Kollektiv der Schüler*innen der Kantonsschulen der Stadt Zürich, «Bildung ohne Sexismus». Er passt hervorragend zu meinem Empfinden, wenn ich an die heutigen patriarchalen Strukturen denke.

Saskia Kircali ist Studentin und Campaignerin. Die 23-Jährige engagiert sich im feministischen Streikkollektiv der Zürcher Hochschulen.


Isabel Maiorano

Ich streike, weil ich empört bin, dass Frauen* aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden: In meiner Ausbildung erhielt ich den selben Lohn wie der Lehrling ein Jahr unter mir! Ich streike auch, um all jenen Frauen* eine Stimme zu geben, die nicht die Möglichkeiten haben, ihre Situation sichtbar zu machen. Meine wichtigste Forderung ist, dass physische und sexuelle Gewalt gegen Frauen gestoppt und gebannt wird.

Für Mütter müsste sich konkret Folgendes ändern: Die Pensionskassen sollen analog der AHV mittels Ausgleichszahlungen ausgeglichen werden, damit Mütter im Pensionsalter nicht finanziell benachteiligt werden. Momentan haben Mütter, die aufgrund der Kinderbetreuung ihr Pensum reduzieren, im Rentenalter finanzielle Einbussen. Jobsharing muss auch bei Kaderstellen selbstverständlich sein und es braucht mehr subventionierte Kitaplätze.
Ich hoffe, dass der Streik die Realitäten der Frauen* nachhaltig sichtbar macht, damit die patriarchalen Strukturen endlich aufbrechen und Veränderung möglich ist.

Isabel Maiorano (44) ist Schulsozialarbeiterin und hat eine Tochter. Sie ist Teil der Mediengruppe und kümmert sich um die Medienarbeit vor, während und nach dem 14. Juni 2019.


Community-Fritig
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Sarah Serafini

Ich streike, weil ich die Anliegen des Frauenstreiks teile: Die Arbeit von Frauen* wird doppelt entwertet. Einerseits indem sie schlechter bezahlt wird, andererseits indem sie gesellschaftlich gering geschätzt wird. Auf dieser Grundlage gedeihen Frauenfeindlichkeit und sexistische Gewalt.

Es ist mir wichtig, meine eigene Rolle als Journalistin kritisch zu hinterfragen. Denn als Berichterstatterin bin ich Teil der Reproduktion eines gesellschaftlichen Diskurses, der oftmals zum Nachteil von Frauen* ausfällt.

Dass ich eine Frau bin, spüre ich, wenn ich auf die Statistik gucke und sehe, dass Journalistinnen durchschnittlich 700 Franken weniger im Monat verdienen als ihre männlichen Kollegen. Wenn Entscheidungsträger mehrheitlich Männer* sind. Wenn ich merke, dass mir weniger Kompetenz zugeschrieben wird als meinen Kollegen. Wenn laute Männer* Sitzungen oder Diskussionen dominieren oder mir ständig das Wort abschneiden. Wenn sexistische Sprüche gerissen werden. Wenn ich spätabends auf dem Nachhauseweg lieber die längere, dafür beleuchtete Strecke nehme. Dann spüre ich, dass ich eine Frau bin und kein Mann*.

Sarah Serafini, 31, ist Reporterin bei Watson und hat zusammen mit anderen Journalistinnen den Streik der Medienfrauen mitorganisiert.


Anna-Béatrice Schmaltz

Im Alltag spüre ich viel zu häufig, dass ich als Frau* wahrgenommen werde. Zum Beispiel: Wenn in Diskussionen Männer* mir immer direkt ins Wort fallen, aber andere Männer* problemlos ausreden können. Und auch bei Schönheitsidealen: Wieso sind Haare an meinen Beinen eklig und bei Männern* normal?

Mich stören die stereotypen Rollenbilder. Es ist absurd, dass gewisse Eigenschaften Menschen einfach aufgrund ihres Geschlechts zugeschrieben oder abgesprochen werden. Ich setze mich dafür ein, dass diese Rollenbilder aufgelöst und Menschen nicht mehr in stereotype Kategorien gesteckt werden, die eine Gleichstellung verunmöglichen. Darüber hinaus streike ich auch solidarisch mit anderen Frauen* gegen Diskriminierungsformen wie zum Beispiel Rassismus, die ich selbst nicht erlebe.

Meine wichtigste Forderung? Gewalt an Frauen* muss endlich ernst genommen und verhindert werden. Die Gewalt hat ihren Ursprung in unseren patriarchalen Gesellschaftsstrukturen und zieht sich durch das ganze Leben aller Frauen*. Nur Gleichstellung verhindert Gewalt an Frauen* langfristig und nachhaltig.

Der Streik ist nur ein Zwischenziel. Es gibt noch viel zu tun. Auf rechtlicher Ebene braucht es beispielsweise einen Elternurlaub, die konsequente Umsetzung der Istanbul-Konvention, eine Erweiterung des Sexualstrafrechts, die Ehe für alle. Gesellschaftlich muss sich auch noch vieles ändern. Das passiert nicht von einem Tag auf den anderen. Es muss leider auch immer noch dafür gekämpft werden, die Errungenschaften der feministischen Bewegungen nicht wieder zu verlieren. Aber die feministische Bewegung in der Schweiz ist durch die Vorbereitungen zum Streik erstarkt. Wir werden weiterhin gemeinsam kämpfen.

Anna-Béatrice Schmaltz ist Projektleiterin und 26 Jahre alt. Sie hat an der Streikzeitung mitgearbeitet und ist aktuell in den Vorbereitungen der Koordination und Moderation der Streikbühne am Helvetiaplatz involviert.


Redaktorin

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