«Wir spritzen nicht nur an der Langstrasse...» - Die Firma, die hinter diesem Slogan steckt

Der Werbespruch «Wir spritzen nicht nur an der Langstrasse...» an einer Aussenfassade sorgte auf Facebook für Aufruhr. Milieu-Folklore, Sexismus und geschmacklose Zweideutigkeit waren die Urteile in den Kommentaren. Wir wollten wissen, was dahintersteckt und haben deshalb mit den Urhebern gesprochen.
05. April 2018

Alle Fotos von Laura Kaufmann

Drogenabhängige Menschen fragen im 32er und 31er Bus um Geld für die Notschlafstelle. Prostituierte schaffen auf dem Trottoir an, während wir uns nach dem nächtlichen Clubbesuch einen Kebab kaufen. Das ist der Alltag an der Langstrasse. Wir schauen ihm zu mit einer Mischung aus Mitleid, Ehrfurcht und schlechtem Gewissen.

In Bezug auf das Foto des «Wir spritzen nicht nur an der Langstrasse...»-Plakates waren sich die Kommentator*innen einig: So ein Spruch ist respektlos gegenüber Menschen einer Randgruppe und die Firma habe einen heftigen Shitstorm verdient. Der einzige Streitpunkt zwischen den Kommentator*innen war: «Spielen die auf Prostitution an oder auf Drogen?»

Tsüri.ch will wissen, was hinter diesem Plakat steckt und ruft die Urheber des Plakates an. Das Telefonat dauert knapp eine Stunde. Ein Schuldeingeständnis gibt es nicht, dafür Einigkeit darüber, dass Sexismus sowohl in der Baubranche, als auch im Nachtleben bekämpft werden muss.

Die Idee hinter dem Slogan

«Malerarbeiten/Spritzwerk, Duoton.ch» steht als Unterschrift ganz klein auf dem Plakat. Auf der Webseite steht die Telefonnummer. Am anderen Ende der Leitung nimmt Michael Nussbaumer das Telefon ab. Der Inhaber und Geschäftsführer des Unternehmens ist nicht gerade erfreut über den Anruf kurz vor Feierabend, lässt sich aber auf ein Gespräch ein.

Er ist verwundert, dass sich Leute wegen des Plakates enervieren. Die Zweideutigkeit des Werbespruches sieht er nicht: «Wir sind nun mal ein Spritzwerk.»

Den Vorwurf des Seximus und Milieu-Folklores weist Nussbaumer vehement von sich. Er sei selber viele Jahre im Zürcher Kreis 4 und 5 wohnhaft gewesen, bevor er mit seiner Familie in die Agglomeration zog. Auch die Firma habe ihr Domizil bis vor kurzem im Kreis 5 gehabt.

Man wolle «die Leute mit einem coolen Spruch ortsgebunden abholen». Der Slogan sei im Team ausgewählt worden. Solche Plakatwerbungen hätten sogar schon zu Aufträgen geführt, erzählt er. Und das sei das Ziel. Ob denn intern niemand wegen der Zweideutigkeit interveniert habe? «Nein.» Ähnliche Plakate hätten indes bereits in St.Gallen und beim Club Supermarkt gehangen und es hätte sich niemand daran gestört.

Im Gegenteil - er habe viel positives Feedback erhalten. Er kenne viele Leute aus dem Zürcher Nachtleben und keine*r habe Kritik geübt. Sogar die umliegenden Barbetreiber*innen hätten positiv reagiert.

Wir fragen nach. Die «Olé Olé Bar» antwortet, dass sie sich nie dazu geäussert hat. Der Geschäftsführer der «Schickeria» schreibt: «Ich kann nicht ausschliessen, dass sich einer meiner Geschäftspartner geäussert hat, ich selber jedoch bestimmt nicht.»

Warum die plötzliche Aufruhr?

Nussbaumer sucht nach einer Erklärung für die aktuelle Aufruhr: Das zugehörige Plakat, auf welchem gross steht, dass es sich bei der «Duoton GmbH» um ein Spritzwerk handelt, fehlt neuerdings. Es wurde Anfang Jahr durch den heftigen Sturm zerrissen und aufgrund versicherungstechnischer Abklärungen noch nicht ersetzt. Nun fehle den Leuten möglicherweise der Kontext.

Das Gebäude an der Langstrasse mit beiden Werbeplakaten vor dem Sturm. Bild: zvg

Seine grundsätzliche Haltung ist jedoch: «Wenn Leute meinen Slogan zweideutig verstehen, ist das einzig ihrem eigenen Denken zu verschulden. Vielleicht sollten diese Personen selber einmal darüber nachdenken, warum sie auf solche Gedanken kommen.»

Bei einer Frau, die ein Buch über die Zeit ihrer Mutter im Drogenmilieu geschrieben hat und sich bei ihm meldete, zeigte er jedoch Verständnis. Er hat sich bei ihr entschuldigt. Dass einzelne Personen sich aus persönlichen Gründen verletzt fühlen, könne er nicht verhindern.

Eine zweite Chance für Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen

Herr Nussbaumer betont im Gespräch mehrmals, wie wichtig ihm soziales Engagement ist. Er kenne Leute, die früher Teil der Drogenszene am Oberen Letten waren. Es liege ihm fern, sich über Menschen mit einer Drogenvergangenheit oder -abhängigkeit lustig zu machen. Aus persönlicher Überzeugung hätten er und sein ehemaliger Geschäftspartner bereits seit der Gründungszeit der Firma Anfang der Nullerjahre Jugendlichen aus schwierigen Verhältnisse Ausbildungs- und Arbeitsplätze angeboten. Heute bildet das Unternehmen auch gezielt Migrant*innen aus.

Seximus in der Gesellschaft und der Baubranche

Herr Nussbaumer spricht gerne und ist wortgewandt. Er lenkt das Gespräch von sich aus aufs Thema «Sexismus». Sein Plakat sei nicht sexistisch, sexistisch sei das Klima auf Baustellen. Männer sind eindeutig in der Überzahl, es herrscht ein rauher Umgangston. Dem Umgang mit Frauen auf Baustellen Einhalt zu bieten, sei nicht einfach gewesen. Öfters habe er am Abend die Rückmeldung erhalten, dass Mitarbeiter anderer Firmen vor Ort die eigenen Mitarbeiterinnen mit anzüglichen Sprüchen belästigt haben. Das fand er mühsam. Doch er könne es nicht ändern. Sexismus sei ganz klar ein Problem der Baubranche, aber auch ein gesamtgesellschaftliches Problem. Die Ursachen sieht er in Bildung und kultureller Prägung.

Sexismus ist ein Problem der Baubranche, aber auch ein gesellschaftliches Problem.
Michael Nussbaumer

Wenn es um die eigene Tochter geht, flammt der Glaube an die Veränderung plötzlich doch auf. Als Vater einer Mädchens im Teenageralter setze er sich gegen Sexismus und sexuelle Belästigung im Nachtleben ein und schicke schon auch mal ein böses Mail, wenn er erfahre, dass sich Clubs zu wenig darum bemühen.

Ein Wolf im Schafspelz?

Die Zweideutigkeit seines Werbeslogans «Wir spritzen nicht nur an der Langstrasse...» bestreitet der Unternehmer bis zum Schluss. Der Familienvater möchte nicht mit Seximus in Verbindung gebracht werden. Wer ihm nicht glaubt, solle ihn anrufen oder vorbeikommen. Das Plakat möchte er nicht abhängen. Gleichzeitig erklärt er sich bereit, sich zu entschuldigen, falls er mit seinem Werbespruch Leute verletzt haben sollte.

Wir rufen bei Prof. Dr. Aleksandra Gnach an. Frau Gnach ist Professorin für Medienlinguistik mit Schwerpunkt Social Media und Leiterin Kommunikation am Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW. «Der Sinn eines Satzes entsteht im Kopf», erklärt sie. Grundlage sei in diesem Fall das persönliche Vorwissen, der örtliche Kontext und der Satz als solches. Eine Touristin, die die deutsche Sprache versteht, den Ort jedoch nicht kennt, könne in einem solchen Satz beispielsweise keinen Sexismus erkennen. Ein Kind, das soeben lesen gelernt hat, auch nicht. Dass eine erwachsene Person, die die Langstrasse und ihre Geschichte kennt, auf zweideutige Gedanken komme, sei jedoch nicht abwegig.

Rein sprachlich gesehen könne der Urheberschaft dieses Satzes keine böse Absicht unterstellt werden. Sie fügt aber auch an, dass es in der Werbebranche dazugehöre, die möglichen Interpretationen und Konsequenzen eines Slogans abschätzen zu können. Bei provokativen Werbekampagnen müsse die zu generierende Aufmerksamkeit gegen den ethischen Aspekt abgewogen werden. Meist ist das eine Frage des Ermessens. Doch ein Slogan beeinflusst auch die Reputation. Und jedes Unternehmen muss selber wissen, wie es gegen aussen wahrgenommen werden möchte. Bei ihnen am Institut werde Wert gelegt auf einen bewussten Umgang mit Sprache.

Werber*innen tragen mit der Sprache, die sie verwenden, eine Verantwortung, denn sie sprechen zu einer Masse, deren Einzelpersonen sie nicht kennen. Sprache spricht Bände - und der Spruch «Wir spritzen nicht nur an der Langstrasse...» lässt viele Menschen sprachlos zurück.

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