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Melanie vor dem Logo Grau Stadt Zureich (Fotos: Lara Blatter)

«Wir sollten die Kaserne besetzen!»

Auf dem Kasernenareal steht derzeit ein Wagen. Ein Wagen, welcher Freiraum befreien will. Melanie vom STUDIO FUMO über Freiraum und unser Recht auf Stadt.
25. März 2020
Praktikantin Redaktion

Ein kunterbunter Wagen ist in Zürich unterwegs. Er informiert informell über Stadtentwicklung und bietet Raum für neue Möglichkeiten. Der Wagen ist Treffpunkt und Begegnungszone. Wo er ist, breitet er sich aus und sofort soll ein einladender Ort entstehen – eine Stube. Seine Mission: Freiraum befreien. Und sobald der Raum befreit ist; weiterziehen. Zurück bleibt eine Infotafel, wie man diesen Raum nutzen kann. Momentan befreit der Wagen die Kaserne.

«Was verkauft ihr da?», fragt ein Mann, welcher über die Kaserne spaziert.

Melanie: «Nichts. Hier entsteht eine Freiraum-Forschungsstation.»

«Viele fragen immer zuerst, ob das eine Bar oder ein Kiosk sei. Es ist nicht selbstverständlich, dass man einen Ort einfach nutzen kann. Entweder wird konsumiert oder er ist privat», sagt Melanie.

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Recht auf Stadt

Melanie absolviert momentan den Masterstudiengang Trends und Identity an der ZHdK. Der Wagen ist ihre Masterarbeit und ein Projekt von STUDIO FUMO zur Freiraum-Debatte. «Es geht um Zukunftsdesign, um Urbanisierung und um die Frage, wie komme ich an Raum? Ich habe Tourismus studiert und wollte einen kleinen Campingplatz in der Stadt eröffnen», sagt Melanie. Mit zahlreichen Ämtern war sie damals in Kontakt und merkte schnell: Sie wird nicht ernst genommen, es kostet viel und nicht total durchgeplante und spontane Projekt sind fast unmöglich. Daher ihre Liebe für Grauzonen. Um diese Grauzonen mit der Öffentlichkeit zu teilen und den Zürcher*innen ihr Recht auf Stadt schmackhaft zu machen, entsteht mit dem Wagen das informelle Amt für Stadtunplanung und das Departement Grau Stadt Zureich.

Aus Parkkonsument*innen sollen Parkproduzent*innen werden.
Melanie

Grau Stadt Zureich will eine für die Stadtplanung neue, intensive Form der Beteiligung in Gang bringen. Mit ihrem Wagen will sie mobilisieren, Wünsche sammeln, koordinieren, vermitteln, teilweise realisieren und dokumentieren. Aus Parkkonsument*innen sollen Parkproduzent*innen werden.

Recht auf Stadt
Die Parole Recht auf Stadt kommt vom französischen Stadtsoziologen Henri Lefebvre. Die Bewegung fordert, dass die Stadtbewohner*innen ein Recht auf ein Leben im Zentrum einer Stadt haben. Dass sie einen Zugang zu den Orten des gesellschaftlichen Reichtums und der städtischen Infrastruktur haben. Und sie verlangt ein Recht darauf, den öffentlichen Raum ihrer Stadt für Begegnungen und gemeinsame Projekte zu nutzen. Die Bewohner*innen wollen mitbestimmen, wie ihre Stadt aussieht, unter welchen Gesichtspunkten sie sich politisch und strategisch entwickelt.

Das informelle Departement und Amt soll als Plattform für all diejenigen funktionieren, welche im öffentlichen Raum etwas machen wollen, aber bei all den Ämtern nicht durchblicken. Melanies Idee vom urbanen Campingplatz scheiterte vor allem auch an der langwierigen Planungsphase, welche im offiziellen Weg mindestens zwei Jahre daure. «Wer schon mal ein Quartierfest oder ein Open Air auf Stadtboden organisiert hat, weiss wovon ich spreche», sagt sie.

Es geht ihr um subversive Raumaneignung: «Welche spielerischen Methoden gibt es? Um die Bewilligung für meinen Wagen zu bekommen, habe ich angegeben, dass er ein Spielmobil sei. Wie viele GZs ihn haben. Es kommt sehr darauf an, wie man sein Projekt deklariert. Spiel kommt offenbar gut bei der Stadt an.»

Viele Menschen in der Stadt brauchen Platz. Platz für Ideen und Freiraum. Zürich sei nicht so progressiv, klar gäbe es beispielsweise das Dynamo, wo man an Raum komme, aber verhältnismässig seien das zu wenige Angebote, so Melanie.

Ein zukunfts- und salonfähiges Besetzen

Sinnvolles Besetzen ist für mich, wenn man einen Raum besetzt und daraus ein öffentlicher Freiraum entsteht.
Melanie

Eine Forschungsfrage ihrer Masterarbeit ist: Wie kann man besetzen zukunftsfähig machen? «Die Leute sollen die Besetzung eines Raumes annehmen und nicht denken, dass sind linke, vermummte Chaoten, welche nur Müll und Chaos stiften», sagt Melanie. Um mehr Akzeptanz in der Bevölkerung fürs Besetzen zu erreichen, brauche es auch ein anderes Bewusstsein der Szene. Die Szene funktioniere hierarchisch und sei geschlossen, offener müsste sie sein.

«Sinnvolles Besetzen ist für mich, wenn man einen Raum besetzt und daraus ein öffentlicher Freiraum entsteht, welchen auch Menschen fernab der Szene nutzen und sich willkommen fühlen», sagt Melanie und betont, dass die Stadtbewohner*innen Freiraum brauchen und dies sei ja nicht nur ein Bedürfnis aus der Szene. «Vielleicht brauchen wir auch einen neuen Begriff, denn die Strategie vom Besetzen finde ich nach wie vor notwendig. Ein neuer Name und ein neues Auftreten müsste her», so Melanie. Denn Plätze besitzen möchte sie gar nicht, sie möchte sie nur nutzen und die Möglichkeiten aufzeigen, danach ziehe STUDIO FUMO mit dem Wagen weiter.

Zeigen, was Freiraum ist

Dass der Wagen momentan auf der Kaserne steht, hat seine Gründe. Das Thema Kasernenareal ist topaktuell. Seit Jahren wird zwischen Kanton und Stadt über Gelder und die Nutzung des Areals diskutiert. Melanie ist nicht zufrieden: «Sie tun so, als ob es ein partizipatives Verfahren gewesen wäre. Das Endprodukt ist ein achtseitiger Masterplan, welcher nicht wirklich aussagekräftig ist. Die Leute hier auf dem Areal sind sich sicher, dass noch lange nichts passieren wird.» Sie ist gespannt, was geschieht, wenn 2022 die Polizeikaserne frei wird und die Kantonspolizei ins neue Polizei- und Justizzentrum umzieht.

«Wir sollten die Kaserne besetzen, am besten über Nacht mit vielen Leuten. Und so zeigen, was tolles entstehen könnte und was Freiraum heisst. Denn eine zweite Europaallee wünschen sich die wenigsten hier.» Gelernt hat sie, dass sie vermehrt den Wagen einfach hinstellen und abwarten muss, was passiert. So hat Melanie Daten, welche sie für ihre Masterarbeit braucht und der Wagen als Infokiosk kann informieren, was wo unter welchen Umständen funktioniert.

Bis voraussichtlich Ende April wird der Wagen in dem Kasernenareal stehen. Es gäbe noch viele andere spannende Areale in Zürich, darunter auch das Planungsdebakel Stierli-Areal in Seebach, welches Melanie gerne mit ihrem Wagen befreien würde. Als nächstes wird erstmal die ZHdK dran sein, dort finden im Juni (wenn Corona es zulässt) die Diplomausstellungen statt. «Im Sommer will ich mit dem Wagen vielleicht ins Glarnerland. Raus aus dem städtischen, hinauf auf einen Pass. Wie sind die Reaktionen wohl im ländlichen Kontext?»

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