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Volles Haus am Klima-Podium im Kulturpark

«Wir realisieren das, was wir können» – Der Weg zur klimaneutralen Stadt bis 2040

Unsere Stadt wird sich in den nächsten Jahren verändern, um das Netto-Null-Ziel bis 2040 zu erreichen. Doch wie? Wir lancierten die Debatte.
19. Mai 2021

Dieser Anlass wurde in Kooperation mit der Stadt Zürich organisiert. Vielen Dank für die Zusammenarbeit.

Als wir das letzte Mal ein Podium im Kulturpark organisiert haben, sass das Publikum zu Hause vor dem Bildschirm. Am Montag durften wir seit langem wieder rund 30 Personen vor Ort begrüssen. Für uns, wie auch die Podiumsgäste ein schönes Gefühl, endlich wieder vor Publikum diskutieren zu können. Thema: Die Zukunft der Stadt in Bezug auf das Erreichen des Netto-Null-Ziels bis 2040. Doch wie werden wir dieses erreichen können?

Andreas Hauri (Stadtrat), Nicola Siegrist (Vize-Präsident JUSO und Klimastreik), Bettina Fahrni (Präsidentin JFDP Zürich) und Christian Binz (Universität Zürich und Eawag) diskutieren darüber, was Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Bevölkerung dazu beitragen können.

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Netto-Null bis 2040 – Und jetzt?

Bei dieser Diskussion steht das Netto-Null Ziel bis im Jahr 2040 im Zentrum. Ein Thema das hochaktuell ist. Zum einen, weil der Stadtrat erst kürzlich bekannt gab, dass das Klimaziel Netto-Null bis in 19 Jahren erreicht werden soll und diese Woche der «Strike For Future» stattfindet, der sich für ein schnelleres Vorgehen stark macht und sicherlich viele Menschen auf die Strasse locken wird.

Bevor sich im Kulturpark die verschiedenen Protagonist:innen gegenübersetzen erklärt Rahel Gessler, Co-Leiterin des Geschäftsbereich Energie und Leiterin des Fachbereichs 2000-Watt-Gesellschaft den Gästen in einem Inputreferat, wie die Stadt Zürich überhaupt darauf gekommen ist 2040 für das Netto-Null-Ziel zu definieren. Gessler kann dies wohl am besten. Denn sie und ihr Team haben sich in den letzten zwei Jahren intensiv damit auseinandergesetzt.

In einem ersten Schritt habe man schauen müssen, wo die Stadt Zürich überhaupt Einfluss auf die Treibhausgasemissionen nehmen kann. Denn nur gerade 25 Prozent davon werden durch die Stadt, also zum Beispiel durch den Verkehr, das Heizen oder die Kehrrichtverbrennungsanlangen verursacht. Die anderen 75 Prozent betreffen sogenannte indirekte Emissionen, wie zum Beispiel Konsumgüter, die wir von ausserhalb in die Stadt Zürich liefern lassen. Diese indirekten sollen bis 2040 um 30 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 sinken.

Um diese Ziele zu erreichen müssen die Investitionen in die Klimaschutzmassnahmen um 90 Millionen Franken erhöht werden. Heute steht der Stadt Zürich damit einen jährlichen Betrag von 430 Millionen Franken zur Verfügung, danach sind es 520. Dieser Betrag soll die Stadt zusammen mit der Wirtschaft aufwenden.

Aber Achtung: Ganz gefixt ist das Jahr 2040 noch nicht, da der Gemeinderat darüber noch abstimmen muss. «Vom Klima her ist 2030 besser, aber wenn man die ganze Umwelt betrachtet ist eine Zielerreichung bis 2040 besser.», argumentiert Gessler. Es sei der beste Kompromiss, da dadurch planmässiger und koordinierter vorgegangen werden kann. Dafür braucht es aber nicht nur die Stadtverwaltung, sondern die ganze Bevölkerung.

Unterschiedliche Zielvorstellungen

Der Klimastreik fühlt sich mit der Zielerreichung bis 2040 vom Stadtrat hintergangen. Auch weil es während der Corona-Krise auf den meisten Ebenen, die den Klimawandel betreffen nicht vorwärts gegangen sei, erklärt Nicola Siegrist. Andreas Hauri versteht die Ungeduld der Menschen und trotzdem müsse man prüfen welche Zielerreichung realistisch ist. Und da ist der Stadtrat auf das Jahr 2040 gekommen. «Dass wir damit nicht alle glücklich machen konnten, ist uns klar. Das Ziel ist auch so noch ambitioniert, aber machbar», erklärt Hauri weiter.

Trotzdem ist man sich nicht in allen Punkten uneinig. So begrüsst Siegrist zum Beispiel, dass auch die indirekten Emissionen in den Plan miteinbezogen wurden. Bettina Fahrni kann den Entscheid für 2040 hingegen voll und ganz verstehen. «Wenn sich der Stadtrat für 2030 ausgesprochen hätte, hätte ich Angst vor ideologischer Zwängerei.» Damit meint sie zum Beispiel, dass man dann plötzlich am Punkt stehen würde, an dem Fleischkonsum verboten würde. Einen neuen Standpunkt bringt Christian Binz ein. Er fände es schade, dass erst jetzt gehandelt wird. «Eigentlich hätte dies schon vor Jahren passieren sollen und nicht erst jetzt», erläutert Binz.

System Change vs. Wirtschaftswachstum

Obwohl die Meinungen auseinander gehen, ist man sich in einem Punkt einig: Es braucht eine Veränderung. Doch bei der Frage, wie weit diese geht, ist mit Einigkeit schon wieder Schluss. «Es bräuchte eine Revolution, aber die kommt nicht morgen», stichelt Siegrist die anderen Podiumsteilnehmer:innen an. Er begründet dies damit, dass das aktuelle Wirtschaftssystem momentan ein jährliches Wachstum braucht, um zu überleben. Ansonsten würde es kollabieren. Und in Zukunft gehe dies einfach nicht so weiter.

Fahrni ist sich ebenfalls bewusst, dass wir unseren Wohlstand und das Wirtschaftswachstum nicht wie bisher weiterführen können. Es sei vielmehr wichtig den aktuellen Wohlstand beizubehalten und in Zukunft mit weniger Wirtschaftswachstum weiterzuleben. Trotzdem wünscht sich Hauri ein Wirtschaftswachstum. Die Frage ist aber wo? Er sieht vor allem in den Bereichen, wo es um nachhaltige Entwicklung und Produkte geht Potential. Binz mahnt: «Wirtschaftswachstum hatte in der Vergangenheit einen starken Einfluss auf die Umweltverschmutzung. Und dies muss geändert werden.»

Die Möglichkeiten der Stadt

Eine grundlegende Frage in der Debatte ist es also herauszufinden, wo die Stadt Einfluss nehmen kann und wo nicht. Hauri betont mehrmals, dass die Stadt nicht plötzlich verbieten könne Fleisch zu essen oder zu Fliegen. Was sie aber kann, ist eine Vorbildrolle übernehmen und zur Nachahmung animieren. Dazu müssen aber alle ihr Verhalten überdenken. Denn nur wenn wir alle am gleichen Strick ziehen, können wir auch etwas erreichen. Und genau da sieht Siegrist ein Problem. Der individuelle Ansatz werde nun schon lange propagiert, führe aber nicht zu den gewünschten Zielen. Er möchte ebenfalls keine Verbote, aber würde kollektive Projekte, wie zum Beispiel Quartierläden mit nachhaltigen Produkten, als Lösung sehen. Dies ist aber nur eines von vielen Beispielen.

Fahrni findet eine nachhaltige Ernährung ebenfalls gut. Das Umdenken solle aber im privaten Rahmen stattfinden und die Menschen sollen nicht durch die Gesellschaft unter Druck gesetzt werden. Sie selber lebe zum Beispiel mit zwei Personen zusammen, die sich vegan ernähren. Und dies hat bei ihr schon sehr viel ausgelöst. Binz hakt ein und sagt, dass ein Kulturwandel viel mehr bewirken könne, als man eigentlich denkt. Und hier könnte die Stadt zum Beispiel mit Experimenten vorangehen und aktiv neue Wirtschaftsmodelle fördern, um einen Wandel zu bewirken. So könne man ja einfach mal einige Strassen in der Stadt für den Verkehr sperren, um die Menschen spüren lassen, was dies eigentlich genau bedeutet.

Hauri unterstützt die Ideen grundsätzlich, betont aber, dass der Stadt in vielen Bereichen einfach die Hände gebunden sind. «Ich lasse mich gerne messen, wo wir Einflussmöglichkeiten haben. Dort wo wir sie nicht haben, müssen wir anders vorgehen.», erklärt sich Hauri. So wäre der Finanzplatz sicherlich ein Ort, der viel Einfluss nehmen könnte. Hier müsse aber global etwas geändert werden, erzählt Binz. Auf Stadtebene sei es in diesem Bereich schwierig Einfluss zu nehmen. Zum Schluss sagt Hauri: «Wir sind der Meinung, dass es viel ehrlicher ist, das zu realisieren, was wir auch realisieren können.» Was dies alles sein wird, werden wir in den nächsten Jahren sehen. Wir bleiben dran!

Die erste Klima-Redaktionsstelle der Schweiz
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Hier kannst du das ganze Podium noch einmal nachschauen!

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