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«Wir haben festgestellt, dass die Leute, die an der Macht sitzen, zu wenig machen»

Interview mit den Machern vom LampedusaFestival
17. Februar 2015
 

Das LampedusaFestival in Zürich ist bereits vorbei – während vier Tagen verwandelte sich der Clubraum der Roten Fabrik in einen Ort des Austausches, der Information und Diskussion. Von den Organisatoren wollte ich wissen, was ihre Beweggründe waren, das die Anlässe zu organisieren, was nach dem Festival bleibt, und wie sie einem Sponsoren wie der Stadt Zürich gegenüber stehen. Ich interviewte Raphael Jakob (ASZ), Sadou Bah (ASZ) und Barbara Müller (Verein Connect).

Was bedeutet Lampedusa für euch? Raphael: Einerseits bedeutet Lampedusa für mich das, was man in den Medien liest. Sprich die ganzen Tragödien, die vor, während und nach der Überfahrt nach Italien passieren. Anderseits steht Lampedusa für ganz viele Orte auf dieser Welt, wo ähnliche Tragödien geschehen. Nicht nur das Mittelmeer, welches die Migranten überqueren, erachte ich als Grenze – überall gibt es Grenzen, in Zürich gehen diese weiter.

Warum braucht es in Zürich ein Lampedusa Festival? Barbara: Ein Ziel ist die Vernetzung mit dem Kollektiv Askavusa und ihrem «Lampedusainfestival», das sie jetzt zum 6. Mal organisiert haben. Wir möchten die Vernetzung, die wir in Lampedusa gemacht haben, auch hier her tragen. Viele der Leute, die wir eingeladen haben, sind nicht nur für ihre Speech auf die Bühne gekommen. Sie sind hier, um die Vernetzung zu pflegen und ihr Wissen und ihre Erfahrung weiter zu geben. Die Idee dabei ist, dass es innerhalb von Zürich vielleicht aufgrund dieser Veranstaltung einige Initiativen gibt. Wir können dies nicht beeinflussen aber wir möchten einen Anstoss geben.

Ihr wollt also eine Diskussion anregen. Was unternehmt ihr, damit diese im öffentlichen Raum geführt wird, und möglichst viele Leute sich daran beteiligen werden? Sadou: Einige Filme, die wir hier zeigen, veranschaulichen das Drama der Migration. Wir diskutieren auch viel darüber, wie man es besser machen könnte.
Ich denke, alle diese Diskussionen sind für die Öffentlichkeit sehr wichtig, sodass die Leute nicht nur wissen, was in den Zeitungen steht, sondern auch was in der Realität passiert.
Wie mobilisiert ihr Andersdenkende oder mit der Thematik nicht so vertraute Personen für euer Festival? Raphael: Das ist immer eine Schwierigkeit, die Möglichkeiten sind begrenzt. Wir haben versucht, dies so gut wie möglich zu verbreiten, unter anderem in verschiedenen Medien, die nicht nur Aktivistenkreise ansprechen, welche mit dem genannten Thema bereits arbeiten. Allein schon die Rote Fabrik – der Austragungsort des Festivals – zieht ein gewisses Publikum an. Wenn ich mich heute im Publikum umsehe, sind nicht nur bekannte Gesichter dabei, sondern viele Leute, die ich noch nie gesehen habe.

Barbara: Und ich glaube auch für die Leute, die sich bereits in dieser Szene bewegen, sind solche Momente extrem wichtig, nur schon wegen des Austauschs und des Zusammenseins. Wir wurden mit der Frage konfrontiert, weshalb wir die Veranstaltung «Festival» nennen.
Es steht fest, dass es auch innerhalb unserer Arbeit und während unserem Lampedusa Festival sehr schöne Momente gibt, die man feiern darf.
Raphael: Auch ich wurde gefragt, ob es nicht zynisch sei, dies ein Festival zu nennen. Ich habe gesagt, zynisch sei, was die Zeitungen und die Politiker immer machen. Es ist wichtig, dass die Zeitungen über Lampedusa berichten, aber nachher geht’s einfach wieder normal weiter. Es passiert nichts. Hier wird an diesem Thema gearbeitet. Es ist ein Fest der Diskussionen und des Austausches, klar gibt es auch traurige Momente, aber weshalb sollte man dem Ganzen obendrein einen traurigen Namen geben?

Barbara: So hat zum Beispiel der Tagesanzeiger das Festival als Problemkunst ausgeschrieben. Das sagt ja schon viel.

Habt ihr den Kontakt gesucht? Barbara: Das werden wir vielleicht noch machen.

Müsste man für eine Diskussion nicht noch Personen einladen, die die Thematik anders sehen? Barbara: Grundsätzlich haben wir einen grossen Teil des Programmes vom Lampedusainfestival übernommen. Wir wollten das Festival inhaltlich unverändert hierher holen.

Raphael: Ein weiterer Aspekt ist, dass wir die Arbeiten des Kollektivs Askavusa, die in Lampedusa arbeiten, auch zeigen. Wir wollen dessen Wissen und ihre Auseinandersetzung mit diesem Thema, die unter anderem sehr kritisch geführt wird, verbreiten, und auch mit anderen Menschen teilen.

Das Festival wird von der Roten Fabrik, dem Verein Connect und der Autonomen Schule Zürich organisiert. Ist es nicht etwas fragwürdig, einen Sponsor wie die Stadt Zürich dabei zu haben? Sadou: Für uns stellt sich die Frage, was wollen wir hier an diesem Festival zeigen und was wir der Öffentlichkeit vermitteln wollen. Ich habe Probleme mit Leuten, die sagen, nein, mit dieser Organisation oder jener Person möchte ich nicht reden oder Kontakt haben. Ich denke, die Mittel zu haben, um unsere Arbeit zu machen ist für mich wichtiger. Sofern man ungehindert und ohne Auflagen seine eigene Meinung vertreten kann.

Raphael: Wir sind uns alle bewusst, dass die Stadt Zürich in vielen Sachen nicht unser Freund ist. Wir kritisieren sie auch für Ihre Migrationspolitik. Aber auch den anderen Geldgebern gegenüber sind wir kritisch. Die Realität zeigt uns, dass wir in einer Gesellschaft leben, wo man ohne Geld wenig machen kann. Ein wichtiger Punkt war für uns, dass wir dieses Festival gratis machen konnten, und dazu brauchten wir Geld. Klar, man kann sagen, wir hätten andere Geldgeber suchen sollen, aber dies ist nicht so einfach. So haben wir uns gesagt, wir machen unser Programm so, wie wir es machen wollen, und suchen danach die Sponsoren.
Falls sie uns bedingungslos unterstützen, nehmen wir dieses Geld gerne entgegen.
Was bleibt nach dem Festival? Gibt es irgendwelche Forderungen? Sadou: Wie Barbara gesagt hat, haben wir dieses Festival zu einem grossen Teil vom Kollektiv Askavusa übernommen. Sie stellen sehr viele konkrete Forderungen. Solche können wir auch übernehmen. Dies heisst aber nicht, dass wir heute schon neue Forderungen bringen. Wir wollen uns zuerst vernetzten und über dieses Drama diskutieren.

Seraina Mandra machte vor kurzem eine Animation über die Durchschnittszürcherin. Was könnte diese in euren Augen tun? Raphael: Sie soll an das Festival kommen. Für mich ist die grosse Frage, ob es eine Organisationsform gibt, um diese Zustände zu verändern. Wir haben festgestellt, dass die Leute, die an der Macht sitzen, zu wenig machen. Es passiert zu wenig in die richtige Richtung. Sie können diese Tragödien nicht verhindern. Sie schieben sich die Verantwortung gegenseitig zu. Es braucht eine politische Bewegung, die auch auf eine politische Veränderung drängt. Und dort appelliere ich an den Durchschnittszürcher und an die Durchschnittszürcherin, dass wir uns nicht blenden lassen von Rassismus und dass wir im Migranten nicht einen Feind sehen. Wir müssen den jetzigen Stand, so wie er ist, nicht hinnehmen.
Titelbild: Instagram

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