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Bild: Fabio Meier

Winterrede von Sarah Akanji: «Am Ende ist das Fussballfeld nichts anderes als ein Spiegel der Gesellschaft»

Wenn um 18 Uhr die Grossmünsterglocken verklungen sind, richtet sich jeden Abend eine Persönlichkeit aus dem Erkerfenster «Karl der Grosse» ans Publikum auf dem Grossmünsterplatz. Für 20 Minuten lauschen wir der Rede und wärmen uns danach bei Glühwein und Suppe im Restaurant auf. Hast du die Rede verpasst? Hier kannst du sie nachlesen!
16. Januar 2020

Sportlich erfolgreich und «weiblich» sein – geht das? Im Fussball sind Vorurteile und konservative Rollenbilder weiterhin stark verankert.

Als erstes, bevor ich mit meiner Rede beginne, oute ich mich als Fussballerin. Und als diese werde ich heute auch hier stehen. Lange habe ich mir überlegt, über welches Thema ich heute sprechen möchte. Fussball nimmt ja schon ziemlich viel öffentlichen Raum ein. Wir begegnen ihm überall. Auf Plakaten, in Zeitungen, auf Social Media, in Werbungen. Doch der Fussball ist sehr männlich geprägt. Denken wir an Fussball, denken wir an Männer. Vielleicht auch an Stadien oder Turniere oder Hooligans. Bestimmt aber fast nie an Fussballerinnen.

Für mich aber ist Fussball ein Zentrum meines Lebens. Ich liebe und ich lebe Fussball. Als Frau ist es ein spezielles Umfeld, in welchem ich mich bewege. Und über die Jahre habe ich mir viele Gedanken zum Fussball im grösseren Kontext gemacht. Meine heutige Rede werden persönliche Gedanken sein. Gedanken aus der Perspektive einer fussballspielenden Person, aber auch aus der einer Frau. Einerseits wie ich das Fussballerinnen-Dasein erlebe.

Aber vielmehr auch, wie Fussball spielen meine Weltwahrnehmung geformt hat. Was Männlich-sein und Weiblich-sein mit Fussball zu tun hat. Dass wir alle in einem gewissen schubladisierenden Denkmuster gefangen sind. Ich versuche, euch zu zeigen, wie ich den Fussball mit meinem Umfeld, der Gesellschaft, unserer Kultur verbinde. Und wie man von einem ganz kleinen Ort oder Raum, in diesem Falle dem Fussballplatz, auf ganz viele gesellschaftliche Begebenheiten schliessen kann. Das Fussballfeld – sozusagen ein Miniature der Schweiz. Er ist eben nicht nur Fussball, sondern ein kleines Abbild unserer Gesellschaft.

Meine heutige Winterrede soll ein Einblick in die Welt sein, in der ich lebe. Aber auch, was mich im Jahr 2019 bewegt und geprägt hat. Es ist eine Kombination von nicht immer zu Ende geführten Gedanken, die in meinem Kopf umherschwirren, von Beobachtungen, die ich gemacht habe und von Diskussionen, welche ich teils hitzig, teils frustriert, teils inspiriert geführt habe. Es sind Überlegungen, die euch hoffentlich zum Denken anregen.

Rollenbilder. Ja, wie sehen wir unsere Mitmenschen? Welche Erwartungen haben wir an unser Umfeld? Und was beeinflusst uns in diesen Erwartungen? Wie fest sind wir von Vorurteilen geleitet? Aber noch wichtiger: Sind wir uns diesem Kategorisieren und Schubladisieren immer bewusst und lassen sich diese Vorurteile durch Erfahrungen verändern? Dies sind alles tiefgründige Fragen, über die ich Stunden diskutieren kann, wahrscheinlich ohne jemals eine abschliessende Antwort zu finden. Aber jedes Mal führen mich diese Diskussionen in Erinnerungen an meine Kindheit zurück.

Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, mich anpassen zu müssen, mich in eine Struktur zu integrieren. Mit Integrieren meine ich nicht, dass ich eingewandert bin und mich als Auswärtige in eine Kultur habe integrieren müssen. Nein, integrieren müssen wir uns alle. Als Kinder lernen wir, wie wir uns verhalten sollen, welche Regeln wir befolgen müssen, um in die Gesellschaft zu passen. Was von Kindern und vom Kind-sein erwartet wird. Was gut und was schlecht ist. Wie wir als Jungs und Mädchen sein sollen.

Von Mädchen wird erwartet, dass sie brav, passiv, ruhig, im Hintergrund fleissig, liebevoll, weich, schön und einfühlsam sind. Jungs hingegen wird gelehrt, sie sollen aktiv, stark, fokussiert, kämpferisch, selbstsicher, hart und laut sein. Sie dürfen sich auch mehr Seich erlauben, weil «boys are gonna be boys». Natürlich leben wir nicht alle in solch einem Umfeld und je nachdem sind diese Erwartungen an das jeweilige Geschlecht übertrieben dargestellt – aber trotzdem wissen wir, dass eine Wahrheit dahintersteckt und diese Erwartungen bei vielen bewusst oder unbewusst vorhanden ist. Kinder spüren diese Erwartungshaltung und werden von ihnen geprägt.

Ich persönlich bin in einer Familie aufgewachsen und habe mir ein Umfeld aufgebaut, in der die persönliche, individuelle Entfaltung im Vordergrund steht. Wir alle sollen so sein dürfen, wie wir wollen und wie wir uns fühlen. Egal, ob Mann oder Frau. Egal, ob weder Frau noch Mann. Aber das ist nun eben meine Bubble, in welcher so gesprochen wird. Und ich hoffe, dass viele hier auch eine so tolerante und offene Bubble haben und sich nicht verstellen müssen. Doch auch wenn wir in einem sehr in Watte gepackten Umfeld leben, werden wir im Alltag immer wieder mit anderen Welten konfrontiert. Wir müssen nur einmal über den Gartenzaun schauen. Oder im Bus bei einem fremden Gespräch mithören. Beim Arbeitsplatz mit den Bürokolleg*innen vom Nachbarstisch sprechen. Oder eben die Bubble wechseln.

Da finden wir ganz schnell geschlechtergebundene Erwartungen. Und wenn wir ganz ehrlich sind: Bei aller Anstrengung ertappen wir uns manchmal auch selbst bei Vorurteilen und im Verurteilen. Gesamtgesellschaftlich müssen wir einsehen: Es gibt eine Erwartungshaltung, wie Frauen und Männer sich in unserer Gesellschaft bewegen und verhalten sollen. Verhaltensnormen, welche wir schon früh gelernt haben. Es ist wie ein Bild, dass in unserer Kindheit gezeichnet wurde und sich in unserem Kopf festgesetzt hat und sich nicht mehr richtig übermalen lässt.

2019 war für mich das Jahr des Aufbruchs, der starken Frauen, der Frauenbewegung, des Losreissens von Rollenbildern, des Fortschritts. Der Womens March im März war ein erstes Highlight für mich im 2019. Doch das wahre grosse Happening im letzten Jahr war für mich der internationale Frauenstreik am 14. Juni 2019. Es ist ein Tag, den ich nie vergessen werde, der in die Geschichtsbücher eingehen muss.

Tausende Frauen und solidarisierende Männer standen zusammen und machten auf Probleme in unserer Gesellschaft aufmerksam. Dass Frauen benachteiligt werden. Dass Gleichberechtigung ein Wunsch ist, der nicht erfüllt wird. Dass in einem grossen Teil der Gesellschaft eine Unzufriedenheit herrscht, die es ernst zu nehmen gilt. Dass wir es satthaben, uns in veraltete Rollenbilder drängen zu lassen. Dass wir als Individuen wahrgenommen werden. Die Zeit ist abgelaufen, dass wir als «das schwache Geschlecht» gelten. Wir sind vielfältig in unseren Persönlichkeiten. Wenn wir passiv und ruhig sind, dann, weil wir das so wollen. Ebenso dürfen wir aber auch kämpferisch und laut sein.

Die Energie an diesem Tag war mitreissend und inspirierend. Und sie erfüllte mich mit Euphorie. Endlich Veränderung! Endlich eine riesengrosse Menschenmasse, die sich gegen diese ungleiche Struktur wehrt! Endlich ein verbündeter Kampf für den Fortschritt! Weg von diesen Rollenbildern – weg von diesen Geschlechterklischees!

Doch auch dieser Tag ging vorüber und schnell fielen wir in den Alltag zurück. Die brennende Euphorie flachte ab. Sicher auch mit dem Realisieren, dass Veränderung Zeit braucht, die Politik schleppend ist und dass unsere Macht begrenzt ist. Doch zurück blieben die Hoffnung und der Glaube, dass wir etwas bewegen konnten, bewegen können.

Zeitgleich mit dem Frauenstreik im 2019 fand die Fussball WM in Frankreich statt. Ich muss hier meistens betonen: Die FRAUEN-Fussball WM, weil viele dieses Happening nicht mitbekommen haben oder irritiert sind, weil die WM doch erst ein Jahr zuvor, im 2018 in Russland, war. Aber das war natürlich die Männer-Fussball WM.

Die WM ist der grösste Frauensportanlass weltweit – nur so nebenbei erwähnt. Mitbekommen haben es trotzdem nur wenige, ganz im Gegensatz zur Männer-WM. Hauptsächlich, weil Frauenfussball kaum öffentliche Aufmerksamkeit bekommt. Ich als Fussballerin habe natürlich gewusst, dass die WM stattfand. Ich bekam es mit, weil ich mich aktiv über Fussball informiere – und ja, ich meine damit den Frauenfussball. Über den Männerfussball muss man/frau sich nicht aktiv informieren, dieser wird aktiv an uns herangetragen. Es ist fast unmöglich, ihm auszuweichen oder nicht mitzubekommen, wann eine Männer-WM stattfindet.

Wenn ich von Fussball spreche, geht man auch automatisch vom Männer-Fussball aus. Fussball, ein Sport, der immer noch oft als Männersport gilt. Frauen sind eine Randerscheinung... Oder? Oder doch nicht? Im Kanton Zürich ist Fussball unterdessen die zweitbeliebteste Sportart für Mädchen. Wir haben ein extrem erfolgreiches Schweizer Nationalteam, internationale Stars, die bei Top-Clubs spielen. Sind sie erfolgreich? Ja! Sie gehören zu den weltbesten Fussballerinnen. Sie sind Expertinnen auf ihrem Gebiet. Werden sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen? Kaum.

Männliche Fussballer hingegen schon. Diese sind erfolgreich und bekannt. Und es ist ein ganz bestimmtes Bild, das von ihnen öffentlich gezeichnet wird: Sie sind bekannt, stark, selbstbewusst, kämpferisch, muskulös, aktiv, wach, aggressiv, wissen, was sie wollen, fokussiert, diszipliniert, im Mittelpunkt – alles in allem: Vorbilder. Diese Eigenschaften sind alles Attribute, die es braucht, um ein erfolgreicher Sportler zu sein. Nun hier stellt sich die Frage: Was braucht es für Frauen, um erfolgreiche Sportlerinnen zu sein? Sie müssen stark, selbstbewusst, kämpferisch, muskulös, aktiv, wach, aggressiv, fokussiert, diszipliniert sein, und wissen, was sie wollen. Eben genau die Eigenschaften, die Männer auch haben müssen.

Nun stellt sich hier ein Problem: Diese Eigenschaften brechen mit den gängigen Vorstellungen von Weiblichkeit und damit, was wir als Kinder gelernt haben. Oder damit, wie man sich als Frau oder Mädchen verhalten soll, um ins Gesellschaftsbild zu passen.

«Sarah, du gehst wie ein Junge», «Sarah, du hast viel zu muskulöse Beine», «Sarah, wieso bist du so aktiv und stellst dich somit so fest in den Mittelpunkt?», «Sarah, sei nicht immer so laut», «Nimm dich mal ein wenig zurück». Aufforderungen, die ich in meiner Kindheit und Jugend oft zu hören bekam. Ich war zu laut, zu schnell, zu stark, zu auffällig, zu energiegeladen, zu stur, zu selbstbewusst... zu männlich? Für mich war das eigentlich völlig in Ordnung. Ich liebte es, sportlich zu sein, mich selbst weiterzubringen, Fortschritte zu machen, stärker zu werden, mit den sportlichen Jungs mithalten zu können. Und ich fühlte mich nicht «männlich» dabei. Ehrlich gesagt auch nicht «weiblich» – einfach wie ein Kind oder eine Jugendliche, die das machte, was sie gerne machte.

Aber für meine Lehrpersonen, andere Erwachsene aus meinem Umfeld und teils auch für meine Mitschüler*innen war das wohl seltsam. Es löste Irritation aus. Sie wollten mich zähmen oder in meiner Wahrnehmung: Bremsen. Denn ich benahm mich nicht wie ein Mädchen. Wie ein Mädchen? Ich persönlich identifizierte mich schon als Mädchen. Aber auch als Sportlerin. Nun, wir sehen, hier stellt sich ein Problem. Was bedeutet das für die Kombination Sport und Mädchensein? Auf sportlichen Erfolg in Bezug auf das Geschlecht?

Erziehen wir Mädchen so, dass sie keine erfolgreichen Sportlerinnen werden können? Weil stark und weiblich sein nicht zusammenpasst? Müssen Mädchen im Hintergrund bleiben und sich passiv verhalten? Bedeutet dies, dass Sportlerinnen nicht weiblich sind? Nicht weiblich sein können? Das Schönheitsideal und Rollenbild von Frauen, das mit dem Aussehen und den Eigenschaften von sportlichen Frauen bricht, sagt so einiges über uns aus. Wir sind so stark noch in diesen Vorstellungen verhaftet, dass unser biologisches Geschlecht unsere Identität, unser Verhalten und Aussehen definieren soll.

Beziehen wir dies weiter auf den Fussball, denn hier habe ich eine weitere, sehr interessante Beobachtung:

Als Fussballerinnen werden wir oft als erstes gefragt, ob wir denn lesbisch seien. Wie bereits erläutert wird Fussballspielen mit Männern und «Männlich-sein» verbunden. Und wenn Frauen sich männlich verhalten – das machen sie ja, wenn sie Fussball spielen, dann müssen sie doch lesbisch sein. Logisch, oder? Es muss ja einen Erklärungsgrund geben, wieso Frauen gerade Fussball spielen möchten. Das passt ja nicht so zu uns. Zu unserem Geschlecht. Ausser es gibt eine andere Erklärung dafür: Dass wir eben männlicher sind als «normale» Frauen. Und homosexuelle Frauen sind ja auch «männlicher». Oder? ...

Jedes Mal, wenn ich diese absurden Erklärungsansätze höre, wird mir bewusst, wie extrem in Klischees gedacht und argumentiert wird und in meinem Kopf schlagen die Alarmglocken. Wieso müssen Lesben «männlich» sein? Wer hat diese Schubladisierung so gesellschaftlich akzeptabel gemacht, dass wir das als Fussballerinnen immer wieder gefragt werden und wieso hält sich diese Verknüpfung von einem gewissen Verhalten einer Frau zu ihrer Sexualität so hartnäckig in den Köpfen von vielen? Was genau macht den Fussball männlich? Und wieso muss der logisch erklärbare Grund für Fussballerinnen sein, dass sie lesbisch sein müssen? Ich liebe die offene und tolerante Kultur, welche im Frauenfussball gelebt wird. Es ist grossartig, dass alle Frauen, egal welche Sexualität sie haben, willkommen sind. Auf dem Feld sind wir alle gleich: und zwar Fussballerinnen. Dass queere Frauen einen Platz im Frauenfussball haben, freut mich nicht nur, das feiere ich!

Was mich an der Annahme, dass wir lesbisch sein müssen, stört, ist etwas anderes: Es ist dieses schubladisierende Denken. Oder dass nach irgendeinem, völlig unsinnigem Grund gesucht wird, weshalb Frauen Fussball mögen könnten.

Ein Klischee wird von aussen auf uns projiziert: Wir müssen auf Frauen stehen, um uns für Fussball zu interessieren. Irgendwie beruhigt es die Gemüter, dass das Interesse für eine Sportart mit dem Geschlecht oder der Sexualität zu erklären ist. Mich persönlich lässt es mit der grössten Irritation zurück. Deshalb muss ich hier noch einmal betonen. Meine ungeprüfte These und Folgerung aus all diesen Gesprächen und Beobachtungen ist: Menschen verknüpfen das Fussballspielen damit, dass man auf Frauen stehen muss. Sehen sie die Absurdität in dieser Vorstellung?

Diese Absurdität sehen nicht alle. Und wenn dann manchmal in Diskussionen Hopfen und Malz verloren sind und mein Gegenüber meinen Punkt immer noch nicht sehen will, habe ich noch ein letztes Ass im Ärmel.

Denkt man nur einmal ein bisschen weiter, aus der Schweiz heraus, wendet sich nämlich das Blatt. In den USA ist Fussball ein Frauensport. In den USA – einem westlichen Land, mit welchem wir uns oft näher verbunden sehen als mit anderen Ländern und sogar kulturelle Traditionen übernehmen. Wir sehen an diesem Beispiel, dass es eine reine Erfindung ist, ob etwas als männlich oder weiblich gilt. Ein Konstrukt, welches wir selber entworfen und bewirtschaftet haben. Ein Konstrukt, in welches wir Frauen und Männer drängen.

Nun, ich habe keine spektakulären Schlussfolgerungen, ausser dass Sportlerinnen natürlich weiblich sein können! Weiblich ist, wer sich weiblich fühlt. Denn eine allgemein gültige Definition vom Weiblich- oder Männlich-sein gibt es nicht. Und wir können alle für uns selbst bestimmen, was es für uns bedeutet. Eine wichtige Erkenntnis von meinen Gedanken ist jedoch eine, welche natürlich nicht wirklich neu ist, welche ich aber wichtig finde, immer wieder zu betonen: Wir haben ein Problem mit Stereotypisierungen.

Um Rollenbilder wirklich, wirklich aufzuweichen, braucht es noch einiges. Ein Weg, wie wir diesen Rollenbildern entgegenwirken können, ist, indem wir unterschiedlichen Frauen eine öffentliche Plattform geben. Wir brauchen weibliche Vorbilder – in allen Bereichen. Und so auch im Sport.

Und gerade deshalb war der 14. Juni 2019 eben doch extrem wichtig, auch wenn wir schnell in den Alltag zurückgefunden haben. Veränderungen passieren in kleinen Schritten. Und es folgen neue Generationen von Mädchen und wieder neue. Generationen, welchen ich ein anderes Weltbild vermitteln möchte. Welchen ich wünsche, dass sie anders aufwachsen wie ich. Dass sie nicht auf eine tolerante Bubble angewiesen sind, sondern in einer toleranteren Gesellschaft leben. In einer, in welcher sie das Gefühl vermitteln bekommen, dass sie selbst entscheiden dürfen, wie und wer sie sein wollen. Losgelöst von Geschlechtervorstellungen.

Die Forderungen des Frauenstreiks waren unglaublich wichtig, weil wir die folgenden starke Statements abgegeben haben: Es reicht. Es braucht ein Umdenken. Schluss mit Rollenbildern, Schluss mit Klischees. Wenn wir als Frauen stark und selbstbewusst sein wollen, sollen wir das dürfen. Wenn wir aber ruhig und zurückhaltend sein wollen, sollen wir dies auch dürfen. Mit dem Streik haben wir erreicht, dass ein Stein ins Rollen gebracht wurde. Wir bewegten, dass die Erwartungen hinterfragt werden, welche wir an Männer und Frauen haben.

Und hier und heute fordere ich ein weiteres Mal explizit: Machen wir uns Gedanken dazu, weshalb wir das Gefühl haben, dass Fussball männlich und Ballett weiblich ist. Weshalb Männer sich eher in den Mittelpunkt stellen dürfen als Frauen. Weshalb das Geschlecht so massgebend in fast allen Lebensbereichen ist. Und was wir als Individuen machen können, dass sich Menschen individuell und losgelöst von Erwartungen an ihr Geschlecht entfalten können.

Und wenn das Ganze zu anspruchsvoll, zu gross und zu viel ist, sich Gedanken zu einer ganzen Gesellschaft und deren Struktur zu machen oder diese Gedanken wie nicht greifbar sind, dann brechen wir es auf ein Fussballfeld herunter. Auf 11 Spieler*innen, die gegen 11 Spieler*innen antreten. Auf Klischees, die im Fussball verhaftet sind, auf die unterschiedlichen Spieler und Spielerinnen, die auf dem Platz gegeneinander antreten. Denn wir können uns sicher sein: Was im Fussball gelebt und zum Ausdruck gebracht wird, die unterschiedlichen Charaktere, die dort vertreten sind, die Erwartungen an Spieler*innen, Schiedsrichter*innen, Fans, die im Raum stehen, finden wir auch an anderen Orten wieder. Denn am Ende ist das Fussballfeld nichts anderes als ein Spiegel der Gesellschaft.

Nöd Jetzt!