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Winterrede von Maximilian Stern: «Es führt uns nichts daran vorbei, dass wir uns mehr engagieren»

Wenn um 18 Uhr die Grossmünsterglocken verklungen sind, richtet sich jeden Abend eine Persönlichkeit aus dem Erkerfenster «Karl der Grosse» ans Publikum auf dem Grossmünsterplatz. Für 20 Minuten lauschen wir der Rede und wärmen uns danach bei Glühwein und Suppe im Restaurant auf. Hast du die Rede verpasst? Hier kannst du sie nachlesen!
21. Januar 2020

Rede: Maximilian Stern


«Digitales Dienstbüchlein? Online-Miliz? Es führt uns nichts daran vorbei, dass wir uns mehr engagieren – und dafür brauchen wir das Internet.»

Meine Damen und Herren

Liebe Freunde

Dieser Erker - was ist der schon anderes, als der analoge Vorläufer eines Twitter-Accounts? Was unterscheidet mich, der ich hier lauthals meine Meinung von mir gebe, von einem Donald Trump, der seine wirren Ideen herausposaunt? Werden Sie - geschätzte ZuhörerInnen - mir gleich in einem Shitstorm die Leviten lesen? Oder sind Sie ungeduldig den Reden-Feed herunterscrollende Lurker? Wissen Sie, was ein Lurker ist? Das sind diese Schurken, die bei Online-Debatten nur mitlesen, aber nie selbst etwas posten. Sie Lurker!

Der Unterschied ist: Hier oben fühle ich mich einigermassen sicher vor Wurfgegenständen, aber im Internet ist die Gefahr von von Verletzungen gross. Darüber möchte ich mit Ihnen reden.

2009 habe ich foraus mitgegründet und Facebook war der Ort, auf dem wir epische Diskussionen über Europapolitik oder Neutralitätsrecht auf unseren Walls geführt haben. Ein kleiner Think-Tank, eine kleine Online-Lokalzeitung, sogar das Cupcakes-Lädelchen von nebenan konnte damals richtig viel Stimmung machen, richtig präsent sein, und quasi über die eigenen Verhältnisse leben, was Aufmerksamkeit angeht.

Damals gibt es aber um viel als nur um Aufmerksamkeit - zumindest für uns als Think-Tank. Wir haben versucht, das, was politische Akteure früher an Stammtischen und in Mehrzweckhallen praktiziert haben, nun im Internet zu leben. Hitzige Debatten, verbale Schlagabtausche, Wortgefechte - im Gegensatz zu heute aber mit Stil, Engagement und einer grossen Prise Naivität vielleicht. Ich hatte das Gefühl am Anfang einer aufregenden Entwicklung zu stehen, die politisches Engagement auf Knopfdruck ermöglicht.

Aber irgendetwas ist in den letzten zehn Jahren passiert, das meine kybernetischen Träume einen langsamen Tod hat sterben lassen. Klar: Snowden, die Wahl von Trump, Cambridge Analytica, diese fürchterlichen Wahlvideos: Das Internet ist erwachsen geworden, es hat irgendwie seinen jugendlichen Idealismus verloren. Es wird gehackt, geklaut, betrogen, gelogen, hintergangen, beschissen, überwacht und kontrolliert.

Am schlimmsten finde ich aber: Wir machen mit.

Gehen Sie mal auf Facebook, oder auf Twitter: Da sieht es aus wie in den Kommentarspalten von 20 Minuten: nicht schön. Ist das nur meine Filterbubble? Ich glaube nicht. Ich denke ernsthaft, Kreti und Pleti hat sich angewöhnt, dass Er und Sie sich im Internet benehmen kann wie ein Vollidiot. Nennen sie mich misstrauisch, aber ich denke die Menschen die sich da tummeln, würden mich bei der ersten Gelegenheit betrügen und ausrauben, wenn nicht noch schlimmeres - ich muss froh sein, können die nur Kommentare schreiben.

Ich möchte eine kleine Typologie, der verbrecherischen Gestalten wagen:

Nur scheinbar harmlos sind die Pingeligen, die dich fertigmachen, wenn in deinem Post ein Komma falsch steht. Dann sind da die Whatabouts, die dich immer daran erinnern, dass es schlimmere Fälle, wichtigere Themen, krassere Zustände gibt. Dann gibt es die Newsjunkies, die dich darauf hinweisen, dass eh alles schon längst verlautet wurde. Die ExpertInnen, die dir jegliche Kompetenz absprechen. Dann kommen die Visuellen, die sich über dein Foto lustig machen, die Genealogeninnen über deine Herkunft, die Linguisten über deinen Namen, die Blasonisteninnen über dein Familienwappen - falls du eines hast (ich hab keines). Dann kommen die Verschwörungstheoretiker, die Mutmassungen anstellen über mögliche Mitgliedschaften bei den Bilderbergern. Dann die, die in Dialekt kommentieren, so dass du nichts, aber auch gar nichts verstehst. Und als sei das alles noch nicht genug, gibt es noch Frauenhasser, Antisemiten und Nazis.

Und unter diesen Gestalten möchte ich mich nicht bewegen.

Und doch sollten wir vielleicht.

Nennen Sie mich einen Träumer, aber ich glaube wir können diesen Diskurs verändern. Nicht durch Abstinenz, sondern durch Engagement.

Sie da unten sind vielleicht einer derjenigen, die mal etwas Konstruktives schreiben könnten. Sie dort sind vielleicht keine Expertin, aber haben sich ein bisschen informiert. Und Sie dahinten wären bereit, etwas dazuzulernen. Sie alle sind vermutlich keine Internet-Gauner, oder?

Meine Damen und Herren - Ihnen muss ich das doch eigentlich nicht erklären - das Zeitalter von Fernsehen, Radio und Tageszeitungen ist vorbei! Sie alle haben die gleichen kommunikativen Möglichkeiten wie der Präsident der Vereinigten Staaten - oder sogar mehr! Sie alle sind nicht nur Empfänger, sondern auch SenderInnen geworden. Und als solche haben Sie eine publizistische Verantwortung, die über das Abonnieren einer bestimmten Online-Zeitschrift hinausgeht!

Das ist übrigens nicht nur schlimm, denn eigentlich - so bin ich überzeugt - besteht doch zumindest der plausible Verdacht, dass wir gesellschaftlich bessere Entscheide treffen, wenn wir uns vorher mit Anderen austauschen.

Wenn wir uns aber nun einigen könnten, uns mehr zu involvieren, stellt sich die Frage: wie tauschen wir uns aus? Wie können wir verhindern, dass wir uns einfach nur ins digitale Schlachtengetümmel werfen, von Shitstorms verwundet und am Ende zu genau solchen politischen Zombies werden wie es die anderen schon sind?

Die kurze Antwort ist: Ich weiss es nicht.

Die längere Antwort beginnt so: Ich habe eine Vermutung, wo wir mit der Suche anfangen könnten: Bei den Vereinen.

Und das kommt daher: Wie wir debattieren, hat mit Kultur zu tun. Schauen Sie mal, wie man sich im italienischen Fernsehen anfuchtelt! Kultur!

Wir in der Schweiz haben natürlich auch Kultur, aber mindestens zwei Optionen:

Option A: Die Kultur vom griesgrämigen Nachbarn, der anonyme Zettel im Treppenhaus hinterlässt, auf denen steht: «SOFORT SCHUHE WEGRÄUMEN, FEUERPOLIZEI, etc.» Sie ist die dunkle Macht, die zurzeit unsere Online-Welt dominiert.

Stattdessen sollten wir Option B wählen: Die sonderbare Mystik des Schweizerischen Vereinswesens. Eine geheimnisvolle Welt aus Statuten, Generalversammlungen, Protokollen, Vorständen und Traktandenlisten. Beinahe mönchisch ist die Freiwilligenarbeit, die Ehrenamtlichkeit, der Zivildienst, die Milizkultur. Friedfertig, selbstlos, aufopferungsvoll. Mehr als 80’000 Vereine soll es in der Schweiz geben, die Dunkelziffer ist hoch. Und das fantastische ist: fast jeder und jede Zweite ist Mitglied in einem oder mehreren Vereinen.

Die Vereine - ob sie sich nun mit sozialen Anliegen, mit sportlicher Betätigung oder mit dem frisieren von Mopeds beschäftigen - sind die Kapillaren unseres politischen Systems. Vom Dorfklub über Vorstand bis in den Dachverband strömen Anliegen nach Bern und zurück - so liefern die Diskussionen der Vereine zuverlässig den diskursiven Brennstoff, der das politische Feuer der Schweiz am lodern hält.

Hier, bei den Vereinen, möchte ich beliebt machen, nach Inspiration für eine digitale Debattenkultur zu suchen. Könnten wir das Vereinswesen in die digitale Welt übertragen? Was würde das bedeuten? Ich sähe mindestens drei Ansätze:

1. Schuster, bleib bei deiner Bubble.

Stellen Sie sich vor, sie wachten eines schönen Morgens auf und hätten eine Idee, wie die Welt, oder zumindest die Schweiz ein Stückchen besser werden könnten. Würden Sie eher zur Stosszeit ans Bellevue stehen und wahllos Leute anschreien? Oder würden sie die Idee stattdessen erstmal mit ein paar Freunden beim Abendessen besprechen?

Die Logik des Internets ist klar: Maximum Attention. Es würde sich fürs Bellevue aussprechen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Anliegen ernst genommen, konstruktiv debattiert und vielleicht sogar am Ende nicht nur geredet, sondern auch etwas getan wird, ist in kleineren Foren grösser. Wenn Sie am Bellevue referieren, kann es natürlich schon sein, dass jemand die Genialität ihrer Idee erkennt. Die Wahrscheinlichkeit, dass man Sie für einen Spinner hält, ist aber grösser.

Wir sollten uns daher vornehmen, den Diskursraum internet in viel kleinere Einheiten aufzuteilen. Innovative Akteure wie foraus oder Operation Libero führen bereits heute dutzende von Chats, in denen interessierte Menschen über Themen diskutieren können, ohne bereits mit den zähnefletschenden Trolls ringen zu müssen. Es gibt auch bereits eine App, die einen solchen Ansatz umsetzt, sie heisst Springchat und würfelt Sie zufällig mit neun anderen Personen zusammen, die über einen bestimmten Zeitungsartikel diskutieren wollen. Viele weitere Formen sind aber denkbar, wie wir in kleinen Zellen Ideen formen, erweitern und abstimmen.

Könnten wir uns vorstellen, solche Systeme zu skalieren und zu vernetzen? Wäre es denkbar, dass eine Mehrheit der Menschen hierzulande in solchen kleinen Einheiten diskutiert, und die Resultate dieser Diskurse dann auf höhere Ebenen gespielt werden? Könnten wir in der Schweiz die Infrastruktur für digitale Vereine bereitstellen? Vom sicheren Server bis zur offenen Software?

Ich meine es ist technisch und finanziell ohne weiteres möglich. Das Problem, ist dass es viel Moderation braucht, und damit komme ich zum zweiten Ansatz:

2. Death by Traktandenliste

Im Internet tut man sich schwer damit, mit radikalen Ideen umzugehen. Denn die Kultur des Internets belohnt Radikalität, Grenzen setzen ist schwierig.

Unternehmen unterhalten Content Moderators, die sogenannt unangemessene Inhalte aufspüren sollen. Das Resultat kennen wir: Es werden Brustwarzen zensiert, aber Hass-Videos bleiben online. Ein Eingreifen des Staates hat eine gewisse Attraktivität, aber am Ende scheint der Aufwand riesig, die Zuständigkeiten unklar und dem Vorwurf der Zensur will man sich nicht aussetzen. Werden Algorithmen eingesetzt, die von den gleichen Unternehmen oder staatlichen Stellen überwacht werden, wird die menschliche Arbeit reduziert, das zugrunde liegende Problem bleibt aber bestehen.

Ich möchte daher vorschlagen, dass wir die soziale Kontrolle vergemeinschaften. Ich meine damit keine Stasi-Methoden, bei denen Sie ihre Nachbarin anonym bei den Behörden anzeigen, weil sie die falschen Inhalte «Liket».

Vielmehr stelle ich mir hier vor, dass die verschiedenen kleinen Foren, die ich zuvor vorgeschlagen habe, selbst die Verantwortung für ihre Inhalte übernehmen. Dass sie also mit unangemessenen Inhalten gleich umgehen, wie es die Vereine heute schon in der analogen Welt tun: Man nimmt die Idee höflich auf, vermerkt sie auf der Traktandenliste, teilt sie einem Gremium zu, ruft eine Sondertagung dazu ein, hört sich verschiedene Voten an, beauftragt Gutachterinnen, und schreibt die Idee dann im Protokoll sang und klanglos ab. Das kann zuweilen sehr ärgerlich sein, aber es ist eben die grosse, einmittende Mühle der Vereinskultur.

Klar ist, dass es hierfür mehr braucht als Technologie - es braucht klare Verantwortlichkeiten und eine Art Milizgedanken im Internet. Wir wollen auch keine selbsternannten Hilfspolizisten, sondern Wissen, Ausbildung, Know-How und Training. Vielleicht sollten wir dafür eine Ehrenamt einführen, eine Ombudsstelle, einen Milizdienst einführen, einen digitalen Zivildienst - von mir aus inklusive digitalem Dienstbüchlein.

3. Die Bauern als Digitalisierungs-Vorbilder

Ich wage einmal zu behaupten, dass kaum eine Gruppe in diesem Land das Vereinssystem so erfolgreich angewendet hat wie die Bauern und Bäuerinnen. Sie zünden sich im Rheintal den Rösslistumpen an, während ihr Verbandspräsident in Bern so viel Einfluss auf die Politik hat, wie kaum ein anderer Lobbyist.

Das hat viel damit zu tun, dass sie nicht nur über ein extrem feinverzweigtes Netz an Vereinen über das Land gelegt haben, sondern, dass sie dieses dann auch schlagkräftig nutzen können. Das Resultat - ein undurchdringliches Wirrwarr an Direkzahlungen, Subventionen und Beiträgen für exotische Obstbäume - ist vielleicht nicht das, was ich mir unter guter Politik vorstelle. Aber das System übersetzt extrem effektiv die Wünsche der Bäuerinnen und Bauern in Politik um.

Wenn wir es also schaffen, viele kleine Foren zu bauen, und diese mit viel Herzblut und ehrenamt moderieren, dann können wir diese Politikmaschine auch nützen, um unsere Anliegen in Politik zu übersetzen. Nicht, weil dies der kürzeste oder einfachste Weg ist - sondern weil er kompliziert ist. Weil Anliegen Kompromisse durchlaufen müssen, weil sie von verschiedenen Seiten betrachtet werden, und am wichtigsten: Weil alle den Eindruck bekommen, etwas beigetragen zu haben. Nichts ist stärker als eine Idee, von der viele Leute das Gefühl haben, es sei ihre eigene. Ownership.

Meine Damen und Herren, wenn sie schon längst abgehängt haben und im Stillen denken: Der da oben hat ein gewaltiges Wirrwarr an Ideen und Vorschlägen hinterlassen, dann biete ich jetzt noch eine kleine Zusammenfassung:

Was ich sagen wollte, ist:

  1. Wir können das Internet zu einem Ort machen, an dem es sich deutlich besser als heute debattieren lässt. Dieses Ausdiskutieren ist wichtig, weil wir gemeinsam vermutlich die besseren Ideen haben, als alleine - und weil Politik mehr sein sollte als das Übertragen von Empörung in Gesetze.
  2. Um diesen Ort zu schaffen, brauchen wir viele kleine Foren zusätzlich zu den bestehenden Grossen. Wir müssen diese selbstverantwortlich moderieren und zu schlagkräftigen Netzwerken zusammenbauen. Das braucht digitale Infrastruktur für Vereine, ehrenamtliches Engagement und Ownership. Es braucht bestehende Vereine, die digital aktiv werden und neue Vereine, die aus digitalem Aktivismus entstehen.

Meine Damen und Herren, gestehen sie mir zum Schluss etwas Pathos zu: Demokratie ist nicht nur ein Privileg, sondern auch Bürgerinnenpflicht. Werfen Sie sich also in die Kommentarspalten, kreieren sie ihr eigenes Forum, diskutieren sie ohne Unterlass, aber seien sie gopfertammi auch nachsichtig bei den Kommas!

Und jetzt freue ich mich, gleich mit Ihnen zu diskutieren, anstatt weiterhin hier ungefiltert ihnen meine Ideen entgegenzuschmettern. Denn genau das wollte ich ja eigentlich sagen: Ich bin überzeugt, diese Rede wäre besser geworden, wenn wir zuerst hätten darüber diskutieren können.

Vielen Dank.

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