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Bild: Fabio Meier

Winterrede von Lukas Hässig: «Der Journalismus schaut den Mächtigen auf die Finger, wenn er es gut macht»

Wenn um 18 Uhr die Grossmünsterglocken verklungen sind, richtet sich jeden Abend eine Persönlichkeit aus dem Erkerfenster «Karl der Grosse» ans Publikum auf dem Grossmünsterplatz. Für 20 Minuten lauschen wir der Rede und wärmen uns danach bei Glühwein und Suppe im Restaurant auf. Hast du die Rede verpasst? Hier kannst du sie nachlesen!
23. Januar 2020

Rede: Lukas Hässig


Guten Abend miteinander.

Ich habe heute die Ehre, mit Ihnen 15 Minuten zu verbringen. Warum, ja das weiss ich selber nicht so genau. Man kennt mich glaube ich nicht, mein Name ist hier angeschrieben. Ich wurde eingeladen, weil ich Journalist bin. Journalist bin ich gerne, auch wenn es jetzt gerade nicht so aussieht, weil ich hier nun ein bisschen unsicher bin.

Aber Journalismus ist natürlich wichtig gewesen, es ist ja eben mehr als nur einfach ein Beruf, es ist die vierte Gewalt, wenn man so will. Die vierte Gewalt im Land, wir sind eine Demokratie, wir haben Gewalten und der Journalismus ist einer dieser Gewalten. Der Journalismus schaut den Mächtigen auf die Finger, wenn er es gut macht. Und ich bin einer dieser Gilde und deshalb darf ich heute zu Ihnen sprechen. Und Sie sind unglaublich zahlreich gekommen, wie ich das sehe, warum interessieren Sie sich so sehr dafür? Ja eben, vielleicht weil es wichtig ist und vielleicht passt auch diese Installation hier – dieses Haus – ganz gut zum Thema.

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Ich bin nicht Historiker, aber trotzdem habe ich mir so vorgestellt, dass hier früher, in früheren Jahrhunderten mächtige Leute sassen in den Hinterzimmern der Macht und die haben dann da überlegt, was es zu entscheiden gibt. Leute aus Politik und Wirtschaft und Zünfte und Polizei, oder wie es damals hiess Militär, und die haben dann irgendwann einmal etwas entschieden. Und dann gab es ja das Volk, also wir. Und denen muss ja jemand mitteilen, was da im Hinterzimmer der Macht entschieden wurde. Und dann braucht es wahrscheinlich solche Verkünder, wie ich hier oben jetzt bin. Jemand, der das mitteilt.

Möglichst verständlich, möglichst so, dass die Leute vielleicht auch nicht merken, worum es wirklich geht. So, dass alle zufrieden sind, genug zu essen haben und das Leben geniessen können. Und dann geht das Machtspiel im Hinterzimmer weiter. Und heute würde man sagen, ja das machen doch eben die Journalisten, die dürfen dann auch mit den Mächtigen kurz zusammensitzen und dann versuchen zu verstehen, was die entschieden haben, um es dann den Leuten mitzuteilen. Selbstverständlich würden jetzt alle sagen: «Nein, nein, Journalismus hat sich ja entwickelt.» Da wird recherchiert, aufgedeckt und dann lanciert. Die Bomben werden gezündet.

Aber wenn man zum Beispiel heute schaut, mit Davos und dem WEF, den Leuten, die da eingeflogen und wieder ausgeflogen werden, dann fragt man sich ja doch, ist das jetzt wirklich die vierte Gewalt? Da kommt also der Präsident des mächtigsten Landes vom Westen her, oder wenn man von Zürich schaut vom Norden her, da wird so angeflogen mit zwei Jumbojets. (Das ist das Modell, das fliegt.) Der landet dann und die Journalisten werden zur eigentlichen Aviatik. Beobachtern, die schauen da in den Himmel, die Vögel die da landen, diese Grossen. Dann geht’s weiter, dann landet der Präsident und die Journalisten notieren jede Bewegung und dann kommt die Helikopterflotte, man weiss nicht in welchem Helikopter der Herr Trump sitzt, auch das wird minuziös verfolgt. Dann fliegt der ganze Tross irgendwie über die Voralpen ins Landwassertal nach Davos. Das wird alles minuziös aufgezeichnet und dann gibt es eine Rede, die gibt dann weniger zu Reden.

Es hätte auch irgendwo sonst in Amerika stattfinden können. Aber dann der Rückflug ist wieder ganz wichtig, allerdings findet der nicht statt wegen Nebel. Geht’s also mit den Autos, mit den grossen, durch den Walensee. Und das Wichtigste habe ich jetzt gerade gelesen, online, dass der Herr Trump oder seine Limousine und sein Fahrer haben an einer Coop Garage getankt. Das war ganz wichtig. Es war nicht an einer Migrol Tankstelle, sondern eben Coop. Da hat Migros sich einen Scherz erlaubt, rund ums Klima und dem Herrn Trump, ich hab’s nicht ganz begriffen.

Das ist so ein Zustand des Journalismus, wie er an solchen Tagen wie heute, eben wenn das «World Economic Forum» ist, eben auch noch passiert. Das ist ein bisschen diese Art, jede Zuckung von den Mächtigen wiederzugeben. Aber eben selbstverständlich wollen wir Journalisten etwas anderes. Wir wollen nicht uns zum Bobby machen und irgendwelche lustigen Nachrichten verbreiten, sondern das Wichtige aufdecken. Wir wollen die vierte Gewalt sein. Wir wollen keine Fake-News, wer da von Fake-News spricht, denke ich, der spricht von etwas anderem als Journalisten. Ein Journalist, egal ob er eher scharf schreibt oder lieb schreibt, er will etwas finden, will etwas Wichtiges mitteilen. Wir wollen die vierte Gewalt im Land sein.

Können wir das auch? Sind wir das noch? Das ist ja eigentlich die entscheidende Frage. Wo stehen die Medien? Ich bin selber Vertreter der Medien, ich erzähle dann noch ein bisschen etwas über meinen Weg. Aber zuerst möchte ich ganz kurz skizzieren, wo die Medien meiner Meinung nach sind. Seit 20 Jahren haben wir einen rapiden Umbruch, früher zur Zeit des Internets konnten die Medien zweimal kassieren, mit dem genau gleichen, was sie produzierten. Also sie haben einen Journalisten, der produziert einen Artikel, dieser Artikel wird dem Leser verkauft in Form eines Abonnements. Und dann haben Sie noch die Werbung. Sie können also einmal produzieren, zweimal kassieren. Das war super.

Dann wurden die Medien immer grösser und merkten nicht, dass sich die Welt verändert. Mit dem Internet hat sich die Welt verändert und das mit dem zweimal kassieren wurde zu einem maximal noch einem halben Mal kassieren. Sie produzieren einen Artikel und haben keine Abonnemente mehr, weil sie das gratis abgeben – und verdienen noch knapp etwas mit Werbung. Und das führt dazu, dass sich die Medien immer stärker konsolidieren. Sie werden immer mehr zu grossen Gruppen und hinken der Entwicklung ständig hinterher. Sie können schauen wie das passiert, die Tages-Anzeiger Gruppe hat sich umgetauft in Tamedia und jetzt heisst sie nicht einmal mehr Tamedia, jetzt heisst sie nur noch TX-Gruppe. Also aus Medien wurde ein X, das schrumpft und es wird immer konzentrierter. Die Tamedia-Gruppe hat aber alle Medien von der Romandie bis in die Ostschweiz. Aber sie machen überall das Gleiche. Sie haben überall diese Blätter von früher, die heissen immer noch gleich haben aber nur noch einen Inhalt. Eine andere Gruppe heisst CH Medien, das heisst NZZ und die Aargauer Zeitung, die haben sich auch zusammengetan. Da ist das Gleiche zu sehen, sie haben dann überall verschiedene Zeitungsköpfe, aber der Inhalt ist überall dasselbe.

Dann haben wir Ringier. Ringier hat sich eher für den Unterhaltungsteil entschieden und im Verwaltungsrat sitzen dort Bankiers. Das heisst eigentlich Bankiers machen Journalismus bei Ringier. Auch das ist eine spezielle Entwicklung. Dann haben sie auch das grosse Fernsehen und das grosse Radio, die staatlichen Medien, die werden – ich weiss nicht genau wie – noch konsumiert. Radio hat immer noch viele Zuhörer, aber beim Fernsehen, wer schaut noch Fernsehen um 19.30 Uhr? Wer geht da vor den Apparat und klickt? Das ist auch ganz stark im Umbruch. Also diese grossen Häuser, die wissen alle nicht so recht, wo sie hingehen sollen. Sie werden herausgefordert von den neuen Medien, von der neuen Technologie, und reden davon zu recherchieren, aufzudecken aber sind ständig mit sich selbst beschäftigt. Die sind in einem endlosen Zustand des Sich-Neu-Erfindens, ohne dass man recht sehen würde, wohin sie gehen müssten. Dann kommen die kleinen Medien, die sehen natürlich die Chance, dass sie in dieser aufgebrochenen Landschaft auch etwas realisieren können.

Es gibt ganz viele Initiativen. Eine, die sie alle wahrscheinlich kennen, weil die haben das so gut gemacht mit ihrem Self-Marketing, die heissen «Republik». Die Republik ist das Medium, das als einziges sieben Millionen in der Tasche hatte bevor es überhaupt den ersten Artikel geschrieben hat. Das war angenehm, weil dann wusste man, wie viel Geld man zur Verfügung hat. Aber Geld verführt einem auch zu Dummheiten, sodass eben diese Republik gleich mit 50 Leuten an den Start gegangen ist. Rechnen Sie einmal aus: 50 Leute, dann muss man nicht so viel verdienen, die kriegen so 9000 Franken Einheitslohn pro Mitarbeiter, aber dann sind Sie schnell bei einer halben Million im Monat. Und dann haben Sie eigentlich diese sieben Millionen in einem Jahr verpulvert.

Das sind solche Initiativen auf der anderen Seite, nicht bei den grossen Medien, sondern bei den Kleinen. Die haben bis jetzt auch nicht das gebracht, was sich die Macher erhofften. Keiner weiss so recht, was tun. Ich auch nicht, und trotzdem spreche ich zu Ihnen. Weil ich selber etwas versucht habe. Deshalb bin ich wahrscheinlich hier.

Was habe ich versucht? Ich habe versucht eigentlich das zu machen, was ich liebe. Ich bin einfach ein Zürcher. Ich bin hier grossgeworden und dann habe ich eine Lehre gemacht und dann wurde ich Journalist bei Roger Schawinski und der hat mich dann nach zwei Jahren auch nicht mehr so gut gefunden und dann bin ich weitergegangen. Und dann war ich bei Redaktionen und habe geschrieben und irgendwann wie das so geht, wie es mit dem Leben so spielt, verliert man den Job einmal und macht sich selbständig. Das war vor 13 Jahren.

Und dann habe ich eigentlich eine für mich entscheidende Weichenstellung vollzogen, ich bin Journalist geblieben. Danach kam die Finanzkrise und irgendwie hat es mich immer mehr zu diesen Banken hingezogen. Letztendlich, vor acht Jahren, habe ich dann eine Idee gehabt. Ich habe die Idee gehabt, einen Blog zu machen. Was ist ein Blog? Das ist eigentlich eine Zeitung, einfach im Internet. Da habe ich lange studiert, wie das Ding heissen könnte und da hatte ich diese eine Idee gehabt, dass ich es «Inside Paradeplatz» nennen, weil es um Banken geht und «Inside» noch gut klingt.

Dann hat das natürlich niemand gekannt und ich habe das einfach lanciert und habe das aber ernst gemeint. Weil ich ein leidenschaftlicher Journalist bin. Und dann nach zwei Jahren eine Geschichte mit dem Herrn Vasella, es war gerade die Zeit der Wohnungsdebatte, es ging um die Abzocker-Initiative. Da hat der Herr Vasella bei einer Bank 75 Millionen auf die Seite getan für arme Tage, für die Zeit, wenn er nicht mehr für die Novartis arbeitet, damit er da noch ein bisschen etwas für sich und seine Familie hat. 75 Millionen. Und dann nachher habe ich das bringen können, weil ich jemanden kannte, der mir das gesagt hat. Und dann hat der Herr Vasella das im Schweizer Fernsehen bestätig. Er sagte allerdings, es sei schlecht recherchiert gewesen, diese Geschichte dieses Journalists, es seien nicht 75 Millionen, sondern 72 Millionen.

Das Interessante daran ist, dass das etwas aussagt, vor allem über die Bankiers, die Herrn Vasella hatte. Das waren Leute vom Wegelin, diese Bank gibt es ja nicht mehr. Die haben es also geschafft, in zwei Jahren den Vermögensstand von Herrn Vasella von 75 Millionen auf 72 Millionen zu reduzieren. Immerhin, es bleibt ja doch eine Stange Geld. Dann hat aber Herr Vasella gesagt, das sei alles halb so wild, weil er wolle das sowieso alles spenden, dieses Geld. Ob er das dann wirklich getan hat, das weiss ich nicht, aber jetzt was ich damit sagen will ist: Das war ein erster Höhepunkt. Nach zwei Jahren mit «Inside Paradeplatz» konnte ich, man würde vielleicht in meinem Metier sagen, einen «Scoop» platzieren können mit diesen Millionen von Herrn Vasella. Da hatte ich natürlich Freude, aber es löste mein Problem auch noch nicht, weil wegen dem hatte ich ja auch noch nicht ein gutes Geschäft.

Aber es zeigte doch, dass man als kleines Medium auch noch eine grosse Geschichte haben kann. Dann kam drei Jahre später die Sache mit dem Herrn Vincenz, da wird’s ein bisschen komplizierter, weil da kann ich nicht so viel aus der Schule plaudern, wie das passiert ist. Aber Sache ist, dass Herr Vincenz eher als guter Banker dastand und dann plötzlich nicht mehr, weil er auf verschlungenen Wegen Gelder investiert hat. In Firmen, bei denen er etwas sagen konnte. Also konnte er selber bestimmen, was mit gewissen Firmen passiert, und er hatte sich daran beteiligt. Es gilt die Unschuldsvermutung in solchen Dingen, das ist wichtig zu sagen. Aber es ist doch etwas Grösseres passiert – weil wir haben in der Schweiz ja nicht so eine Tradition, dass wir die mächtigen Leute hart anpacken würden. Das ist eher etwas, mit dem wir Mühe haben, weil wir sagen, wir sind ein kleines Land. Wir sehen uns immer wieder – zweimal mindestens –, bevor wir den Leuten zu nahetreten.

Bei Herrn Vincenz ist das so passiert, wir werden sehen, was dann herauskommt. Aber es war natürlich aus Medienperspektive eine interessante Geschichte, weil zwei Jahre lang kein anderes Medium darüber schrieb. Und zuletzt hat Herr Vincenz gedacht, es sei besser, wenn er versucht mich einzuklagen, das war dann aber schon ein bisschen spät. Es war schon etwas zu weit fortgeschritten. Also auch da, das war auch interessant, dass auch ein kleines Medium etwas aufdecken kann, das eine grössere Bedeutung hat.

Und jetzt wissen Sie alle noch, was da letzten Herbst passiert ist am Paradeplatz. Da gab es solche Autojagten, Autorrennen in der Innenstadt, um die Frauenmünsterpost herum mit Bankiers am Steuer und hinten ran andere, die versuchten denen auf den Fersen zu bleiben. Das Ganze drehte sich um Villen in Herrliberg und grosse Manager von der Credit Suisse. Aus dieser Geschichte mit diesen Observationen wurde eine veritable Krise, wie Sie wissen. Man kann es ins Lächerliche ziehen, aber die Credit Suisse ist durch diese Spionage-Affäre eigentlich ziemlich angeschlagen. Man fragt sich, was die Leute für ihr hohes Salär eigentlich den ganzen Tag tun. Auch da, es ist gut, dass Medien solche Geschichten lancieren, publizieren, dann weiss man mehr, wie es so zu und hergeht.

Gut, das ist ein Ausschnitt aus dem Weg, den ich gemacht habe als Journalist. Was ich mache, ist manchmal ein bisschen umstritten. Es ist ein lauter Stil, den ich pflege, so, dass die Leute bei relevanten Geschichten nicht gleich finden, das ist jetzt super. Wenn man eine Geschichte wie zum Beispiel mit Herrn Vincenz bringen kann, dann merkt die Mehrheit der Leser gar nicht die Brisanz einer bestimmten Geschichte. Die meisten Leute, die lieben eigentlich andere Stories. Einer der meistgelesenen Stories war, als ich schreiben konnte, dass in der Kantine der Credit Suisse jetzt neu das Ketchup 80 Rappen kostet. Es hat eigentlich sehr viel mehr drin, als man zunächst denken würde. Dahinter steckt nämlich die ganze Debatte, um die da oben und wir hier unten. Die haben jetzt für Leistungen, die man, vorsichtig ausgedrückt, umstritten nennen könnte, immer sehr viel Geld verdient. Also im Bankwesen in der Schweiz: Vor allem bei den Grossbanken, aber auch bei grossen Privatbanken, verdienen sie Millionen, wenn sie ganz oben sind. Der Aktienkurs dieser grossen Banken ist aber nicht so toll. Und weiter unten, im Maschinenraum, wenn Sie so wollen, da wird gespart. Es ist ein Klagen auf hohem Niveau, die Bankiers verdienen immer noch relativ gut im Vergleich zum Schreiner oder zum Sanitärinstallateur, wobei wenn ich meine Rechnungen zu Hause anschaue: Wenn diese «Elektro Bräm», oder wie sie alle heissen, vorbeifahren, dann ist auch schon immer der Zähler auf 200, wenn die vorbeikommen. Aber gut, das ist eine andere Geschichte.

Auf jeden Fall: Jetzt haben Sie das Gefühl, Sie bezahlen die Rechnung unten im Maschinenraum und oben wird weiter abkassiert, als ob es kein Morgen gäbe. Und dann ist eben diese Ketchup-Geschichte eigentlich ein Punkt: Jetzt müssen wir sogar noch für das Ketchup bezahlen! Also da gehen dann die Leserzahlen durch die Decke. In diesem Moment, das ist das Schöne beim Onlinemedium, da können Sie ständig messen und müssen sich nicht fragen, was gelesen wird und was nicht. Okay, dann ist ja das Leben einfach. Bringen wir doch am nächsten Tag eine Geschichte über den Senf, der jetzt in der Kantine der UBS 80 Rappen kostet und nachher am dritten Tag noch etwas über die Salatsauce italienisch, 1.50.-. Aber dann langweiligen sich die Leute. Sie können das einmal bringen, mit dem Ketchup, dann finden die Leute das toll, weil sie darin mehr sehen, als eben nur eine Sache, um eine Speise würziger zu gestalten. Sie sehen darin letztendlich Ihre eigene Problematik: Nämlich, dass ihnen etwas weggenommen wird und den anderen gegeben wird.

Trotzdem hat natürlich eine Geschichte über Herrn Vincenz, oder über Herrn Vasella oder über Herrn Zia, oder wie sie alle heissen, einen viel grösseren Wert, weil es da um viel mehr geht. Das ist der Job, den Sie als Journalist versuchen zu machen. Noch einmal, wir Journalisten, wenn wir unser Handwerk ernst nehmen, wir wollen aufdecken. Wir machen das mit unterschiedlichen Formalitäten, wir machen es manchmal mit vermeintlich lustigen Sachen, lustigen Geschichten, aber es geht darum, Dinge an die Öffentlichkeit zu bringen, die sonst nicht publik werden. Es gibt einen berühmten Spruch, er stammt aus dem Englischen, aus Amerika, die Herkunft ist umstritten, er bringt aber das Schöne auf den Punkt, was ich am Journalismus liebe. Und dieser Spruch geht, auf Deutsch übersetzt, wie folgt: Journalismus ist das, was jemand möchte, dass es nicht bekannt wird, das nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Alles andere ist Werbung, Public Relation.

Das versuchen wir jeden Tag. Ich bin eigentlich relativ optimistisch, was mein Metier angeht, trotz den anfänglich skizzierten eher negativen Szenarien, dass die grossen Medienhäuser ständig mit sich selbst beschäftigt sind, über Recherche zu sprechen, aber dann selber immer nur in Sitzungen sind. Ich glaube, die neue Welt, mit den schnellen Medien, mit Online – trotz Migros oder Coop Tankstelle – die neuen Medien haben die Chance, dass Dinge heute bekannt gemacht werden, die früher nicht bekannt geworden wären. Die früher da im Hinterzimmer der Macht vielleicht irgendetwas ausheckten und dann ein Sprecher, ein Journalist, der aber gar kein richtiger Journalist war, das dann schön in Farben verpackt mitteilt. Heute können sie das nicht mehr, sie haben in Deutschland einen Blogger gehabt mit blauen Haarsträhnen, der irgendwie vor einem Jahr die ganze CDU ins Wanken gebracht hat mit einem 55 Minuten langen Video über diese Partei. Stellen Sie sich vor, in den sozialen Medien, ein junger Mann, ich habe den nie gesehen, vielleicht 22 Jahre alt, der eine Grosspartei in Deutschland ins Wanken bringt. Das sind neue Zeiten.

Ist der ein Journalist? Ich weiss es nicht, er müsste es selber beantworten. Aber er hat etwas verändert. Journalismus, der verändert. Das ist glaube ich das Thema und mit den neuen Möglichkeiten gibt es auch neue Anbieter und ich versuche, einer zu sein. Es gibt auch weiterhin grosse traditionelle Medien. Da ist eigentlich das Leben farbiger geworden und ich bin so gesehen zuversichtlich, dass in Zukunft noch mehr solche Stories – von Ketchup-Geschichten bis Verfolgungsjagten – an die Oberfläche kommen werden und wir dadurch eine bessere Informationslage haben, wohin die Reise gehen wird.

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