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17. Januar 2023 um 16:10

Winterrede Shakila Ansari: «Ich bin hierher gekommen, damit ich ohne Diskriminierung leben kann»

Es ist wieder soweit: Karl der Grosse lädt zur alljährlichen Ausgabe der «Winterreden» ein. Verstummt der Glockenschlag des Grossmünsters um 18 Uhr, beginnt vom 16. bis 27. Januar 2023 eine Winterrede. Jeweils eine Persönlichkeit aus Politik, Kultur oder Kunst spricht aus dem Erkerfenster des Karls. Du hast die Winterrede verpasst? Bei uns kannst du sie nachlesen!

Shakila Ansari an ihrer Winterrede. (Fotos: Alexandra Li)

Hier gehts zum weiteren Programm.

Winterrede: Shakila Ansari, 16. Januar 2023

Ich möchte heute über dieses Thema reden: Gleichbehandlung unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Religion oder auch Aufenthaltsstatus. Manchmal ist Diskriminierung an Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus gebunden. Das ist eine grosse Herausforderung. Beispielsweise in meiner Klasse habe ich Kolleginnen, die dunkelhäutig sind oder Kopftuch tragen. Sie wurden auf der Strasse beleidigt und bedroht. Menschen, die sie gar nicht kennen, beschimpfen sie, sagen sie sollen „nach Hause“ gehen. Das sind sehr unzufriedene Menschen, die suchen wehrlose Menschen aus, um ihre schlechten Gefühle rauszulassen. Schlimmer ist, wenn das bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche passiert. Wir müssen sehr lange nach einer Wohnung oder einer Lehrstelle suchen, bis wir vielleicht Glück haben. Manchmal aber ist es vom Staat organisiert und in Gesetzen verankert, wie wenn Geflüchtete aufgrund der Herkunft andere Regeln und Einschränkungen erleben. Beide Arten von Diskriminierung müssen erkannt und abgebaut werden. Werden Sie dabei mitmachen?

Alle müssen akzeptieren, dass Leute so sind, wie sie sind. Wir Menschen sind nicht alle gleich, aber wir haben viele Gemeinsamkeiten, so haben sie als Mensch die gleichen Rechte und müssen akzeptiert werden, auch wenn sie ein Kopftuch tragen oder dunkle Hautfarbe haben. Ich komme aus einem anderen Land und ich dachte, hier in der Schweiz gibt es Gleichberechtigung. Sicher ist es hier in der Schweiz besser als im Land, wo ich früher gewohnt habe. Jedoch kann es hier noch viel besser werden. Wir als Menschen sind gefragt, besser zu handeln.

Beispielsweise in dem Land, wo ich gelebt habe, gab es viele Probleme, sodass wir uns am Leib und Leben bedroht fühlten. Wir kennen Krieg, Ungleichbehandlung zwischen Mann und Frau und sogar unter den unterschiedlichen Ethnien. Dass die Frauen nicht die Schule besuchen durften oder, dass sie sich in der Gesellschaft und bei der Arbeit nicht zeigen. Als wir das Land verlassen hatten, wo viele Gefahren uns bedrohten, erlebten wir dann auf der Flucht viele weitere Schwierigkeiten und Gefahren. Wir suchten irgendwo auf der Welt einen sicheren Unterschlupf. Wir suchten einen Ort, wo wir als Menschen gleichermassen Freiheit haben können und ein Leben ohne Diskriminierung und mit Gerechtigkeit erleben können. Das Leben in einem anderen Land ist nicht einfach, alles ist anders: die Sprache, der Umgang miteinander, die Kultur und Bräuche. Aber die Ungleichberechtigung macht alles noch schwerer. In der Regel ist es nicht die Schuld von Geflüchteten, dass sie flüchten und irgendwo anders Schutz suchen müssen. Manchmal sind es die Bedingungen, die Geflüchtete zwingen zu flüchten und von einem Ort zu einem anderen Ort Schutz zu suchen.

Es ist gut, dass fast alle hier sich gut und selbstbewusst fühlen. Wir müssen nicht aufgrund von Hautfarbe oder Religion Menschen unterschiedlich behandeln. Hier sind ein Paar Ungleichheitsbeispiele: Ich bin hierher gekommen, damit ich ohne Diskriminierung leben kann. Aber hier gibt es Unterschiede. Mit europäischen Geflüchteten wird anders umgegangen. Europäische Geflüchtete werden in der Regel besser behandelt, sie werden willkommen geheissen.

Seit Jahren gibt es strenge Regeln für die bisherigen Geflüchteten. Ein Teil der Politik und der Bevölkerung war dagegen, aber die Mehrheit hat die Regeln immer strenger gemacht, um uns Geflüchtete zu erniedrigen. Sie dachten, dass wir unseren Landsleuten sagen würden, dass sie in ein anderes Land fliehen sollten. Die Schweiz ist aber ein wunderbares und wunderschönes Land, das man nicht unattraktiv für Menschen aus Kriegsgebieten und Diktaturen machen kann. Aber man kann das Leiden dieser Leute stärken und Hass gegen uns schüren. Dann ist etwas ganz Überraschendes passiert: Leider herrscht seit Anfang 2022 Krieg in der Ukraine und deswegen müssten Menschen aus diesem Land in andere Länder flüchten. Bei anderen Ländern wie Syrien, Afghanistan oder Eritrea, die auch unter Krieg leiden, ist das gleiche und noch schlimmer als in der Ukraine passiert: Jahrzehnte lang explodieren Bomben, Menschen werden gefoltert und getötet, Frauen werden vergewaltigt, Angst herrscht und so weiter.

In Ukraine sowie in den anderen Ländern sterben viele unschuldige Menschen und viele dieser Menschen fliehen trotz allen Schwierigkeiten, um ihr Leben zu retten. Ich kenne Flüchtlinge aus anderen Ländern, die plötzlich von ihrer Betreuerin informiert wurden, dass sie ihre Wohnungen für die ukrainischen Geflüchteten freigeben mussten und irgendwo anders in eine weitere Wohnung oder Kollektivunterkunft transferiert werden. Warum? Weil die Sozialarbeiterinnen sie dazu gezwungen haben, ihre Wohnung für ukrainische Geflüchtete abzugeben. Weil wir Jugendliche noch in der Ausbildung sind und noch nicht richtig arbeiten können, sind Menschen wie ich hier wie im Gefängnis. Beispielsweise dürfen wir nicht unsere Verwandten oder Kolleginnen in Nachbarländern besuchen. Aber die ukrainischen Geflüchteten dürfen ins Ausland reisen. Wir dürfen auch nicht eine Wohnung suchen oder Gemeinde wechseln, wenn wir nicht selbständig sind.

Bei der Lehrstellen- oder Arbeitssuche haben wir mit F Status Schwierigkeiten. Man muss wirklich Glück haben, eine Stelle zu finden. Welcher Arbeitgeber möchte jemand anstellen, der nur „vorläufig“ da ist? Sie denken, vielleicht verschwinden wir bald. Wenn es Frieden und Sicherheit gibt in Afghanistan, Syrien oder Eritrea, dann kann die Schweiz verlangen, dass Geflüchtete mit F nach Hause gehen. Diese Länder kennen Krieg und Diktatur seit 10 oder 50 Jahren und es gibt kein Zeichen, dass Frieden oder Sicherheit bald kommen – leider. Die Schweiz soll die Realität anerkennen: fast alle mit F werden hier bleiben. Für mich ist es so: ich bin sehr glücklich, dass wenigstens die ukrainischen Geflüchteten diese Rechte und Möglichkeiten haben und ihre Bekannten und Verwandten im Ausland besuchen können. Es wäre gleichberechtigt und menschlich, wenn andere Geflüchtete diese Rechte hätten. Ich möchte auch ins Ausland reisen. Ich bin vom Recht beraubt, ins Ausland reisen zu dürfen, weil ich F-Status habe und vorläufig aufgenommen bin. Ich gehöre vielleicht für die Schweizer Behörden nicht zu den „besseren“ Geflüchteten. Ich fühle mich wie ein Häftling in diesem Gefängnis. Ich frage mich, warum wir unterschiedlich behandelt werden. Warum werden die Geflüchteten auf diese Art klassifiziert? Es ist für mich eine grosse Frage, warum ich als Mensch etwas nicht darf oder dieses Recht nicht habe, die Schweiz für einige Tage zu verlassen und beispielsweise nach Deutschland oder Italien zu reisen und zurückzukommen. Ich wünsche mir einen Tag, indem die Geflüchteten, die nicht reisen dürfen, auch dieses Recht haben.

Um reisen zu dürfen, müssen vorläufig Aufgenommene wie ich zuerst finanziell selbständig werden. Ich lernte zuerst Deutsch, jetzt absolviere ich ein Praktikum, dann möchte ich eine Lehre machen. Wie viele Jahre dauert es, bis ich ein Nachbarland besuchen darf? 7 Jahre oder mehr? Das ist zu lange.

Ich habe Deutsch ziemlich schnell gelernt. Es gibt jedoch ältere Menschen, die nicht so schnell wie jüngere Geflüchtete die deutsche Sprache lernen und nicht so schnell eine Arbeitsstelle finden können. Wenn sie F-Status haben, können Sie auch nicht ins Ausland reisen. Ich kenne jemanden, der seit 10 Jahren in der Schweiz wohnt und eine Arbeitsstelle hat, jedoch beherrscht die Person die deutsche Sprache nicht so gut. Aus diesem Grund kann diese Person keine B-Aufenthalts-Bewilligung bekommen, weil sie die Anforderungen des erforderlichen Sprachniveau nicht erfüllt. Nicht alle können eine Fremdsprache lernen. Vielleicht gibt es auch Schweizerinnen oder Schweizer, die Fremdsprachen nicht so gut lernen oder beherrschen können. Werden sie auch so bestraft wie wir?

Hier die Sprache zu lernen ist nicht so einfach. Es ist wie zwei Sprachen zu lernen: Hochdeutsch und Schweizerdeutsch. Ich gebe mir Mühe. Ich brauche es, auch Schweizerdeutsch zu beherrschen. Ich verstehe vieles, aber noch nicht alles, dies macht mir grosse Sorgen für meine berufliche Zukunft.

Ich verstehe inzwischen viel mehr Schweizerdeutsch als früher, aber aufgrund dessen, dass ich in der Schule kein Schweizerdeutsch lerne und die Unterrichtssprache Hochdeutsch ist, lerne ich nur Hochdeutsch. Jedoch bei der Arbeit oder in der Gesellschaft reden Menschen miteinander Mundart und dies macht die Verständigung für mich noch schwieriger. Dadurch bin ich bei der Arbeitsstelle gestresst, weil ich nicht ganz klar alles auf Schweizerdeutsch verstehe. Ich mache mir Gedanken deswegen, ob ich bald meine Ausbildung beginnen kann.

Mit dem Schutzstatus S erhalten die Geflüchteten aus der Ukraine bessere soziale und finanzielle Unterstützung. Beispielsweise Unterbringung und Zusammenwohnen von allen Familienmitgliedern. Wir wollen nicht, dass es ihnen schlechter geht oder dass sie nicht die Unterstützung bekommen, jedoch wünschen wir uns die gleichen Unterstützungsmöglichkeiten. Wenn ich von Wir spreche, meine ich das Flüchtlingsparlament. Ich bin aktives Mitglied vom Flüchtlingsparlament. In der Politik wird immer über uns gesprochen, aber nicht mit uns. Wir wissen oft genauer, wo im Asylwesen der Schuh drückt. Unsere Stimmen sollten gehört werden – gleichberechtigt. Wenn Frauen oder Bauern politische Anliegen haben, dann reden Frauen oder Bauern mit. Wir möchten auch mitreden, wenn Geflüchtete das Thema ist. Eine weitere Diskriminierung ist, dass Geflüchtete aus europäischen Ländern einfacher angenommen werden. Geflüchtete aus nicht europäischen Ländern erleben viele Schwierigkeiten auf der Flucht, dann müssen sie länger auf ihren Asylentscheid warten und mussten zu oft ein langwieriges Asylverfahren durchmachen. Trotz dessen ist es nicht hundertprozentig klar, ob die Schweiz diese Menschen als Flüchtlinge anerkannt oder nicht. Die Schweiz behandelt Geflüchtete zu unterschiedlich.

Was sind die Auswirkungen von Diskriminierung wegen Hautfarbe oder Nationalität? Diese Menschen haben mehr Stress als andere in der Gesellschaft. Sie können psychologisch krank werden, unter Schlaflosigkeit, Konzentrationsprobleme oder Depression leiden. Ich frage mich, wieso diskriminierte Menschen, die eigentlich Schutz brauchen, solche Schwierigkeiten erleben sollen. Ich bin glücklich, dass die Schweiz mir die Möglichkeit gibt, meine Gefühle und Gedanken zu teilen. Dies bedeutet, dass es hier Meinungsfreiheit gibt, aber wenn wir von Menschlichkeit und gleichen Rechten und dem international berühmten Roten Kreuz sprechen, dann wird vergessen, dass andere Geflüchtete auch bessere Unterstützungsmöglichkeiten haben. Wenn die Schweiz keine Geflüchteten aufnehmen will, dann sollte die Schweiz mit anderen Ländern eine globale Lösung finden, damit es nicht mehr Krieg gibt und Menschen nicht flüchten müssten. Jedoch profitiert die Schweiz auch von den Geflüchteten, weil die meisten Geflüchteten arbeiten. Die Schweiz braucht mehr Menschen, die arbeiten und genug Kinder auf die Welt bringen. Ohne diese Vorteile würde die Schweiz vielleicht keine Geflüchteten aufnehmen. Um unsere Situation nachvollziehen zu können, müssten wir zuerst schauen und überlegen, wie wir uns fühlen würden, wenn wir diskriminiert werden. Denn wer diskriminiert wird, fühlt sich nicht wohl. Wir Menschen sind unterschiedlich, jedoch haben wir Gemeinsamkeiten. Wir müssen diese Unterschiede akzeptieren und uns respektieren, damit wir eine bessere Welt haben.

Manche denken vielleicht, dass Geflüchtete, die in der Schweiz ankommen, schweigen und ruhig bleiben sollen. Aber ich denke, das wäre unmenschlich. Geflüchtete mögen es nicht, Geflüchtete zu sein. Geflüchtete sind aufgrund von Krieg, Ungleichbehandlung und Ungerechtigkeit geflohen. Auf der Flucht erleben sie Schwierigkeiten, wie beispielsweise lange und gefährliche Reisen über Wasser, Wüsten oder Bergen, man muss Hunger und Kälte oder Hitze ertragen. Oder ohne Schuhe laufen. Wenn Menschen über die Berge klettern, könnten sie stürzen und sterben. Sie könnten durch die Polizei erschossen werden. Ihr Boot könnte im Meer beschädigt werden und sie könnten ertrinken. Zu viele Frauen werden auf der Flucht vergewaltigt, aber wollen nicht darüber reden. Sie könnten ihre Familienmitglieder verlieren. Sie könnten durch die Grenzpolizei festgenommen werden und polizeiliche Gewalt erleben, wie beschrieben im Bericht über Frontex, der von der Schweiz unterstützt wird. Und sie könnten monatelang in Gefängnissen inhaftiert bleiben und tausend andere Schwierigkeiten erleben, dass die meisten Menschen ohne Fluchterfahrung nicht vorstellen können. Aus diesem Grund ist es nicht einfach Geflüchtete zu sein. Geflüchtete wollten nicht flüchten. Wenn jemand flüchtet, dann hatte diese Person keine andere Wahl. Niemand will diese Schwierigkeiten erleben. Wer keine solchen Erfahrungen miterlebt hat, kann meine Worte vielleicht nicht ganz gut verstehen, da sie diese Probleme nicht hatten. Heutzutage ist Krieg ein grosses Problem. Krieg verursacht, dass unschuldige Menschen verletzt, getötet und heimatlos werden. Menschen können keine Fortschritte mehr machen und müssen um ihren Leib und Leben flüchten. Ich wünsche mir, dass keine Kriege mehr auf der Welt geben würde.

Ich hoffe auf eine bessere Menschlichkeit und danke euch für eure Aufmerksamkeit.