Tsri logo
account iconsearch

19. Januar 2023 um 18:41

Winterrede Sandro Niederer: «Vernachlässige ich meine Fähigkeit, anderen helfen zu können, versage ich auch an mir selber»

Es ist wieder soweit: Das Debattierhaus Karl der Grosse lädt zur alljährlichen Ausgabe der «Winterreden» ein. Verstummt der Glockenschlag des Grossmünsters um 18 Uhr, beginnt vom 16. bis 27. Januar 2023 eine Winterrede. Jeweils eine Persönlichkeit aus Politik, Kultur oder Kunst spricht aus dem Erkerfenster des Karls. Du hast die Winterrede verpasst? Bei uns kannst du sie nachlesen!

Winterrede im «Karl der Grosse», Sandro Niederer (Foto: Alexandra Li)

Liebe Zuhörende

Es freut mich ausserordentlich, euch zur heutigen Winterrede begrüssen zu dürfen. Mein Name ist Sandro Niederer.

Früher, da hiess ich mal anders. Denn als ich zur Welt kam, mutmasste die Kinderärztin beim Blick zwischen meine Beine, dass aus mir wohl einst eine Frau werden würde. Die Idee war naheliegend, aber sie lag falsch. In Retrospektive bin ich ihr sehr dankbar dafür, dass sie damals die Arroganz, oder einfach auch nur das Unwissen hatte, zu glauben, mich anhand dessen, was sie da in den ersten Minuten meiner Existenz sah, für den Rest meines Lebens einer festen, vorgegebenen Gruppe zuteilen zu können.

Heute finden es die Menschen, die mir begegnen, oft etwas schwierig mit dieser Zuteilung. Ich werde an Lehrgängen den Teilnehmenden mit den Worten, das ist der Frau/Herr/Dingsda Niederer vorgestellt. Und bekäme ich jedesmal einen Franken, wenn ich gefragt werde, ob ich denn nun ein Mann oder eine Frau sei, so könnte ich meiner Katze jeden Abend ein Filet Mignon servieren.

Leider ist Trans sein keine finanziell lukrative Sache. In der Schweiz liegt die Arbeitslosenquote von Trans Personen im erwerbsfähigen Alter bei ca. 20 %. Damit ist sie bis zu 10 mal höher als bei cis Personen. Etwa ein Drittel aller Outings enden mit der Auflösung des Arbeitsverhältnisses und mehr als die Hälfte deren die Arbeit haben, berichten von psychisch oder physisch gewaltsamer Diskriminierung. Und das in der Schweiz. Einem Land, welches sich auf seiner Pseudoneutralität auf angehäuften Reichtümern ausruht und das vielen von uns ein angenehmeres Leben bietet, als wir es anderswo hätten. Global gesehen steht Trans-sein nämlich in mehr als einem Viertel aller Länder unter Strafe.

Solche Tatsachen machen wütend und manchmal auch ohnmächtig. Wer einer oder mehreren Minderheiten angehört und dazu auch noch von Armut betroffen ist, hat es schwer, Fuss zu fassen in einer kapitalistischen Gesellschaft, in der normal sein einen hohen Stellenwert hat.

Zum Glück gibt es aber auch erfreuliches zu berichten. Seit letztem Jahr ist es für Trans Personen mit einem Schweizerpass einfacher, ihr Geschlecht im Ausweis ändern zu lassen. Eine grosse Errungenschaft, die nicht zuletzt durch die unermüdliche und Jahrzehnte lange Arbeit vieler Trans Aktivist:innen möglich wurde. Sie sind die stillen Held:innen die selten gefeiert werden.

Sandro Niederer im Erkerfester vom «Karl der Grosse» (Foto: Alexandra Li)

Einen Haken hat die ganze Sache jedoch. Es gibt nach wie vor nur die Optionen männlich oder weiblich. Bürokratisch gesehen, existiere ich also eigentlich gar nicht. Steuern zahlen muss ich trotzdem. Und obwohl von uns schon in den Texten der Antike die Rede ist, scheinen wir für viele höchstens ein Hirngespinst der heutigen Gesellschaft zu sein. In der Hoffnung, diese konfuse Tatsache in meinem Leben verstehen zu lernen, wendete ich mich dem Studium der Biologie zu. «Bio Logos», die Lehre des Lebens. Dort sollten sich doch Antworten finden lassen oder nicht?

Meine Lieblingsfrage ist immer wieder die: «Aber als was wurdest du geboren?». Als ein Haufen Fleisch, auf einem Kalziumgerüst, betrieben von Elektrizität. Ich darf euch mitteilen, dass ein Mensch die ersten zwei Wochen seines Lebens nicht einmal weiss, wo oben und unten ist. Ich denke nicht, dass ich die aussergewöhnliche Intelligenz besass mich bei meiner Geburt um die Feinheiten des hiesigen Geschlechtersystems zu kümmern.

Bereits die Natur sieht eine grosse Vielfalt an Variationen innerhalb der anatomischen, hormonellen und genetischen Merkmalen vor, die wir mit dem biologischen Geschlecht assoziieren. So besitzen etwa 1-4 % der Bevölkerung genetische Merkmale, also eine Variation des menschlichen Bauplanes, die nicht mir einem binären Modell von Mann oder Frau übereinstimmen.

Ob ihr mit einem Penis zur Welt kommt, hängt genau von der Präsenz eines einzigen Gens ab. Zum Vergleich: Um eure Augenfarbe entstehen zu lassen, braucht es bereits ein gutes Dutzend Gene. Es erscheint mir daher äusserst bizarr und engstirnig, die Menschheit anhand eines einzigen anatomischen Merkmals in zwei fixe Kategorien einteilen zu wollen.

Ganz am Anfang der Geschichte stand in der Natur sowieso nur ein Geschlecht. Eine einsame Zelle, welche wuchs und sich zweiteilte. Und ja, wir sind uns sicher: Sie trug keine rosa Schlaufe im Haar oder blaue Söckchen. Erst durch Hunderte sich kumulierende Veränderungen, entstand eine Vielzahl an anatomischen Merkmalen und Wegen, sich zu vermehren. Es ist und war kein gerichteter Prozess, sondern viele kleine Zufälle, die uns zu einer nie endenden Vielzahl an Lebensformen verhalfen. Darunter auch ein nacktes Säugetier mit zwei Beinen und einem Schlüsselbein. Und obwohl es wahrscheinlich eher ein Auslaufmodell der Evolution ist, nennen wir es ganz stolz «Mensch».

Wenn die Idee der gerichteten Evolution mit dem weissen Mann an der Spitze zerfällt, trennt uns nicht unser Körperliches anders sein, sonder die Normen, denen wir angehören.

Geschlecht ist etwas Erlerntes. Ein Konstrukt, bestimmt von dutzenden Faktoren, welche sich je nach Zeit, Ort und sozialem Status ganz verschieden äussern und ausprägen. Was normal ist, bestimmt, per Definition, die Norm. Der Duden wiederum definiert die Norm als: «eine allgemein anerkannte, nicht aufgeschriebene Regel, nach der man sich verhalten soll». Sie formt eine künstliche Homogenität, eine bewusste und unbewusste Ignoranz der Vielfalt dessen, was in unserer Natur zu finden ist. Wer Trans ist, überschreitet diese Strukturen, bewegt sich von einem Konzept zum Nächsten und stellt dabei vieles in Frage.

Es ist eine mehr oder weniger offene Demonstration der Freiheit, sich selbst zu sein, ausserhalb einer Norm, aber auch ausserhalb des Schutzes der Homogenität und Konformität. Das verunsichert viele, nicht zuletzt manchmal uns selbst. Doch genau diese Unsicherheit, das infragestellen von Normen bietet uns eine grosse Chance. Leben wir alle nach denselben Normen, so verpassen wir den Mehrwert der Diversität.

Geschlecht als Konstrukt bietet unserer Gesellschaft nicht nur Herausforderungen, sondern auch Regeln, nach denen wir uns richten können, und Werte, mit denen wir uns identifizieren können. Brechen wir das binäre, enge Konzept von Mann und Frau jedoch auf, gewinnen wir mehr dazu und es eröffnen sich viele neue Wege im Umgang mit uns selbst und unseren Mitmenschen.

Diese Wege können Angst machen, sie sind hier in Europa schon eine Weile nicht mehr gegangen worden. Sie sind schlecht ausgeschildert, von Missverständnissen und Irrtümern geprägt. Und leider nicht nur hier. Im Zuge der Kolonialisierung des globalen Südens, wurden ganze Kulturen gewaltsam zerstört, welche bereits ausserhalb des binären Geschlechtersystems lebten. Und nun stehen wir da und denken uns, wir sind etwas Besseres, weil wir über geschlechtsneutrale WCs diskutieren.

Aber wie sollen wir die Geschlechterfrage denn nun angehen? Am Besten mit Respekt, etwas Neugierde und Kritikfähigkeit. Geschlecht geht uns alle etwas an. Es ist uns bloss mehr oder weniger bewusst. Ein Privileg ist es dann, wenn man selbst das Gefühl hat, es stelle im Alltag kein Problem dar, weil es für einem selbst kein Problem darstellt. Und genau deshalb verunsichert es viele, wenn man diesen bekannten, festgefahrenen Weg infrage stellt und verlässt.

Das Gute für alle die, die sich unsicher oder unwohl damit fühlen, ist, es gibt Menschen, die diese Wege für sich selber gehen und gegangen sind. Sie besitzen einen grossen Teil des Wissens, nach dem ihr vielleicht im Alltag manchmal sucht, wenn ihr uns euren Arbeitskolleg:innen als Frau/Herr/Dingsda Niederer vorstellt. Fragt uns, wenn ihr nicht sicher seid, welchen Namen, welche Anrede, welche Pronomen ihr für uns verwenden sollt. Und respektiert diese dann auch.

Sandro Niederer im Erkerfenster vom «Karl der Grosse» (Foto: Alexandra Li)

Noch besser, wir sind fast alle im Besitz eines kleinen Computers in unserer Hosentasche, der uns unlimitierten Zugang zum Internet bietet. Fragt das Internet, wenn ihr nicht wisst, wie man eine geschlechtsneutrale Anrede fürs E-Mail formuliert. Fragt nicht die nächstbeste Trans Person danach, was zwischen ihren Beinen ist oder in ihrem Pass steht.

Nein, unsere Körper sollten kein Tabu sein. Leider sind sie es immer noch, denn währen sie es nicht, wüssten wir alle über ihre Vielfalt Bescheid und müssten nicht danach fragen. Unsere Körper sollen kein Tabu sein, aber Privatsache. Bei eurer Neugierde hilft euch Dr. Google gerne weiter. Wir wissen, was euch auf dem Weg, den wir in Zukunft zusammen als Gesellschaft beschreiten werden, noch erwartet.

Ihr werdet realisieren, dass Genitalien und Chromosomen kein Geschlecht haben. Sie treten vielleicht besonders häufig bei einem Geschlecht auf, aber im Endeffekt haben sie nicht mehr ein Geschlecht als eure Haare, eure Hände oder Augen. Ihr werdet realisieren, dass ihr niemandem das Geschlecht anseht, da Kleidung, Make-up und Haare kein Geschlecht haben.

Ihr werdet realisieren, dass Emotionen wie Zuneigung, Feinfühligkeit, Wut und der Wille, etwas zu ändern, kein Geschlecht haben. Viel mehr sind sie mächtige Dinge, die uns den gemeinsamen Weg in die Zukunft erleichtern können.

Ihr werdet realisieren, dass alles was ihr gelernt habt nichts nützt, wenn wir nicht beginnen Trans Personen angemessen für ihre Arbeit zu entlohnen und ihnen zuzuhören.

Wir stellen euch dieses Wissen sehr gerne zur Verfügung. Helft uns im Gegenzug, diesen Weg gemeinsam zu beschreiten. Wir wissen wahrscheinlich Sachen über euch, die euch vielleicht verborgen bleiben. Wer sich immerzu Gedanken zum eigene Aussehen und Verhalten machen muss, nur um am Abend unbeschadet durch den Bahnhof nach Hause zu kommen, ist sich vielen Strukturen und Besonderheiten bewusst. Wer sie von klein auf erlernt hat und nie infrage stelle musste, dem fallen sie eventuell gar nicht auf.

Hört uns zu, wenn wir euch auf Probleme in unserem Alltag aufmerksam machen. Und akzeptiert, dass ihr manchmal Teil des Problems seit. Wir nehmen euch nichts fort, weder euer Geschlecht noch eure WCs.

Doch die berühmte Schweizer Neutralität könnt ihr euch nicht leisten. Wer nichts tut und keine Meinung hat, der überlässt die Führung jenen, welche die Strukturen etabliert und dadurch Macht und Ressourcen erlangt haben. Nichts tun verankert Strukturen und Gedankengut, unter denen viele leiden und von denen auch ihr nicht profitiert.

Sprecht eure Kolleg:innen darauf an, wenn sie Witze über Trans Personen machen, wenn ihre E-Mails immer noch im generischen Maskulinum geschrieben sind oder sie sich ungefragt zum Aussehen anderer äussern. Helft Organisationen, die sich um die Rechte von Trans Menschen kümmern, indem ihr ihre Arbeit finanziell unterstützt. Lest Bücher, schaut Filme, konsumiert die Arbeit von Trans Personen. Ihr werdet realisieren: wir sind genau wie ihr auch, einfach mit Special Effects.

Und was bleibt nun übrig, wenn wir realisieren, dass es das Geschlecht eigentlich gar nicht gibt, niemand ein Monopol darauf hat und es sich ständig ändert? Es bleibt das Wissen darum, dass aus einem Haufen Atome, die nur nach den Regeln der Physik miteinander interagieren, wundervolle Lebewesen entstehen können, die sich nach Zuordnung und Zugehörigkeit sehnen. Und dass wir unglaublich fähige Individuen sind, die einander helfen können und dadurch Wertvolles über sich selbst lernen. Vernachlässigt nicht eure Fähigkeit von anderen zu lernen, ihr könntet an euch selbst versagen.