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Patrick Karpiczenkos Tochter wird 2041 in einer ganz anderen Welt leben. (Foto: Natascha Beller)

Winterrede Patrick Karpiczenko: An meine Tochter in der Zukunft

Karl der Grosse lädt zur siebten Ausgabe der «Winterreden» ein – und zwar bei dir zu Hause! Vom 11. bis 15. und vom 18. bis 22. Januar 2021 haltet jeweils um 18 Uhr eine Persönlichkeit aus Politik, Kultur oder Kunst eine Rede. Radio GDS.FM überträgt die Reden live. Hast du die Winterrede verpasst? Hier kannst du sie nachlesen!
25. Januar 2021

Rede: Patrick Karpiczenko

Meine liebe Tochter. Im August 2020 bist Du auf die Welt gekommen. Unterdessen schreiben wir das Jahr 2041 und Du bist schon fast 20 Jahre alt.

Viel ist passiert in den letzten zwei Jahrzehnten. Wer hätte gedacht, dass wir seit dem Coronavirus (oder der Übungspandemie, wie wir sie heute nennen) fast jedes Jahr mit Viren, Bakterien und militanten Pilzen zu kämpfen haben. Die Covid-Pandemie dauerte von 2020 bis 2024 und erscheint uns heute schon fast harmlos – im Vergleich zu den antibiotikaresistenten Käfern von heute.

Du lebst in einer Welt, die sich jeden Tag neu erfindet. Steter Wandel ist für dich normal. Wenn der Wetterbericht sagt, zieh eine Maske an, dann ziehst Du die Gasmaske an. Wenn der Wetterbericht elektromagnetische Stürme voraussagt, dann machst du halt Home-Office im hauseigenen Faraday-Käfig. Wenn die Wetterfee für den Nachmittag Killerwespen ansagt, dann nimmst Du halt den Laserschläger mit ins Büro. Von so Kleinigkeiten lässt Du Dich nicht aus der Bahn werfen. Übrigens, hast Du gewusst, dass der Wetterbericht früher mal das Wetter voraussagte? Ja! Deswegen heisst er auch Wetterbericht. Heute, wo's weder Wolken noch Regen gibt – und der Schnee nur noch für besondere Anlässe abgeworfen wird – macht sowas natürlich keinen Sinn mehr. Früher, in den Anfangstagen der Klimaerwärmung trugen wir alle auch noch Hosen. Hosen, musst du wissen, waren so stoffige Rohre, die sich den Beinen entlang hoch schmiegen und im Schritt zusammenkommen. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Diese Hosen hatten oft auch Taschen – die als Stauraum für Münz verwendet wurden.

Was Münz ist, willst du wissen? Münz, das waren so rostige Metallstücke, auf denen sich Viren tummeln konnten. Ebenfalls lies sich dieses Münz als Geld verwenden. Geld, das war so eine lustige Fiktion, an die wir alle glaubten, damit gewisse Leute ihren Luxus und ihre Privilegien rechtfertigen konnten. So haben wir damals Ungerechtigkeit begründet, reglementiert und institutionalisiert.

Ja, du lachst. Aber wir haben damals an all das geglaubt. An Geld, Hosen und Gott. Gott, das war einer dieser fiktionalen Superhelden, der auf einer Wolke lebte und über uns urteilte. Er war Teil vom neuen und alten Testament – das war sowas wie das erweiterte Marvel Universe – einfach weniger erfolgreich. Ja und für ihn haben wir dann Kirchensteuer bezahlt. Kirchen kennst Du, oder? Das sind diese gotischen Handyantennen, die noch überall rumstehen. In diesen Tempeln fanden so Mitmachtheater statt. Professionelle Märchentanten und Märchenonkel haben dort von den Superhelden in den Wolken erzählt. Und im Garten von diesen Kirchen haben wir unsere Toten begraben, so wie Hunde ihre Knochen. Klingt komisch, ist aber so.

Du lebst in einer Welt, die sich jeden Tag neu erfindet.

Die Kirche hatte aber nicht nur schlechte Seiten, sie war auch nützlich. Dank ihr konnten wir einen Grossteil unserer Idioten in Schach halten. Die Kirche hat sich um sie gekümmert und sie mit einem steten Fluss von mehr oder weniger harmlosen Lügen eingedeckt, damit sie keinen Schaden anrichten konnten und brav weitergearbeitet haben.

Aber mit den vielen Kirchenaustritten waren diese Idioten plötzlich frei und hatten Zeit und Musse für neue Lügen. Und die haben sie auf Facebook gefunden. Facebook, das war eine digitale Petrischale für Märchen und Verschwörungstheorien – damals, bevor wir es enteignet und dann aufgelöst haben. So wie alle sozialen Netzwerke. Zum Glück. Deswegen feiern wir am 6. Januar den internationalen Stupstag, um den Opfern von Social Media zu gedenken.

Ja, vieles was heute verboten ist, gehörte 2020 noch zum Alltag. So wie Erdöl, die FDP oder der Spruch «Ich bin ja kein Rassist, aber...». Ebenfalls Ohrwürmer. Ohrwürmer standen damals noch nicht unter Strafe und DJ Antoine durfte ungehindert Krach machen. Das war natürlich, bevor ihm das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag das Recht zum Scratchen entzog.

Über die Jahre ebenfalls verboten wurde die romantische Liebe – gemäss einem Zusatzartikel der Genfer Konvention. Wir sahen ein, dass das klassische Konzept der Liebe veraltet war und mehr Schaden als Nutzen brachte. Sie weckte Erwartungshaltungen, die auf Dauer von niemandem erfüllt werden konnten. Sie war es einfach nicht wert. Die Liebe wurde anschliessend ersetzt durch eine Absichtserklärung für gegenseitigen Anstand und Freundschaft.

Aber auch in der Kindererziehung hat sich viel verändert. Wie du vielleicht im Geschichtsunterricht gelernt hast, wurden Kinder früher noch von zwei Leuten aufgezogen. Damals gab es viele Diskussionen über die richtige Geschlechterzusammensetzung der Eltern. Dabei war das Problem gar nicht das Geschlecht der Eltern, sondern die Anzahl. Heute wissen wir, dass es für eine optimale Erziehung mindestens drei Elternteile braucht – und einen Hund. Das Geschlecht von den Beteiligten ist dabei komplett egal.

Hach was waren wir naiv.

Damals gab es auch noch Länder und Nationen. Hunderte von Territorien, die alle eigene Gesetze, Sprachen und Schulsysteme hatten. Und dann erst die Kantone. Ich hab noch heute Alpträume von all den Kantonen und ihren Kompetenzen und Sonderwegen. Zum Glück gibt es das alles nicht mehr. Heute ist die Welt in fünf grosse Firmenbezirke unterteilt. Nestlénien, Applestan, Tesland, das Fürstentum Googlestein und Belgien.

Fliegende Autos gibt es heute im Jahr 2041 immer noch nicht, dafür tragen jetzt alle das Internet im Popo. Ja – als man 2022 herausgefunden hat, dass die Schleimhäute in unserem Darm den schnellsten Zugang zum limbischen System bieten, haben wir alle gelacht. Aber heute denken wir keine zweimal nach, wenn wir uns zum surfen das High-Speed Internet in den Allerwertesten stöpseln. Das Einloggen tut etwas weh – aber danach gehts.

Was hat sich noch verändert? Bienen gibt es keine mehr. Ihre Arbeit muss heute mühsam von Hand erledigt werden. Von Menschenhand. Erinnerst Du Dich an Onkel Fritz? Er arbeitet heute als Honigbiene im Wattland. An Tante Regula? Sie arbeitet als Akkordbestäuberin auf einer Avocado-Plantage.

Auch die Stadt Basel gibt es heute nicht mehr. Mit dem grossen Erdbeben von 2028 wurde die Stadt vom Erdboden verschluckt. Du erinnerst Dich noch an Welle an Geflüchteten. Jeder musste damals eine Baslerin oder einen Basler bei sich zuhause aufnehmen. Es war furchtbar.

Das Schulsystem ist heute auch ein anderes. Statt Mathe, Französisch und Geografie lernen die Kinder heute Logik, Digital Literacy und Fahrradreparatur. Also nützliche Dinge. Auch Lehrer gibt es keine mehr. Seit die Arbeit als Klassenlehrer zur Folter erklärt wurde, übernehmen Roboter die Ausbildung unserer Jüngsten. Allgemein sind Roboter jetzt vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Wir sehen sie überall – sogar im Bundesrat. Der besteht heute aus zwei Grünen, einer Sozialdemokratin, drei Staubsaugerrobotern und einem Broccoli. Wieso Broccoli? Du erinnerst dich, 2026 haben wir entdeckt, dass auch Broccoli Gefühle haben. Und dann ging es schnell. Weil der Broccoli wollte natürlich mitreden, in die Politik einsteigen und ja – Bundesrat werden.

Du hast dich schon immer gewundert über den Fleischkonsum von mir und Deiner Mutter. Und klar hat es Dich gefreut, als der Verzehr von Tieren für illegal erklärt wurde – in der sogenannten Schnizelprohibition. Die einzigen Viecher, die noch zum Abschuss freigegeben sind, sind Enten und Schwäne, aber auch nur, weil sie erwiesenermassen böse sind.

Rückblickend waren es zwei krasse Jahrzehnte, die Jahre 2020 bis 2040. Niemand konnte voraussehen, was für abartige Dinge passieren würde. Aber wir haben sie zusammen durchgestanden, liebe Tochter. Und egal was noch kommen mag – ich werde immer für Dich da sein.

Das ist kein leeres Versprechen, sondern Fakt. Ich habe mein Hirn nämlich Google gespendet. Gestern habe ich mich uploaden lassen. Heisst, ich befinde mich bereits in der Cloud. Sogar diese Rede schreibe ich dir aus dem digitalen Äther. Ich kann ab jetzt nie mehr sterben, ich kann höchstens gelöscht werden. Und all das, damit ich Dich für immer im Auge behalten kann. Für immer. Und immer. Und immer.

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