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Zürich Pride-Präsidentin Mentari Baumann über ihre fünf Lieblingsdinge im Leben. (Foto: Jill Oestreich)

Winterrede Mentari Baumann: «Es dreht sich alles um Repräsentation, Visibilität und Vorbilder»

Karl der Grosse lädt zur siebten Ausgabe der «Winterreden» ein – und zwar bei dir zu Hause! Vom 11. bis 15. und vom 18. bis 22. Januar 2021 haltet jeweils um 18 Uhr eine Persönlichkeit aus Politik, Kultur oder Kunst eine Rede. Radio GDS.FM überträgt die Reden live. Hast du die Winterrede verpasst? Hier kannst du sie nachlesen!
13. Januar 2021

Rede: Mentari Baumann

Ganze zwanzig Minuten haben sie gesagt. Eine Carte Blanche haben sie gesagt. Schon noch cool. Aber worüber soll ich überhaupt zwanzig Minuten lang sprechen? Was wollen Leute zwanzig Minuten lang von mir hören? Leute, notabene, die nicht mal hier sind. Die sind ja alle Zuhause und hören mich am Radio oder im Internet oder lesen diesen Text irgendwann später mal. An dieser Stelle: Hallo Zäme. Schön habt ihr reingeschaltet. Ich hoffe ihr habt es euch gemütlich gemacht, mit einem Tee und der übrig gebliebenen Weihnachtsschoggi. Ich bin Mentari. Die neue Präsidentin der Zürich Pride und ich beschäftige mich mega gerne mit queeren Themen. Queer ist übrigens ein Sammelbegriff für Menschen und Dinge, die nicht so ganz in die bestehende gesellschaftliche Norm gedrückt werden können. Es ist wirklich sehr sehr schade kann ich nicht sehen, zu wem ich jetzt gerade spreche. So ein bitzli Feedback wäre schon noch so gut, langweilt sich das Publikum, lacht es, findet es mich doof? Auf der anderen Seite, ich kann jetzt tatsächlich 20 Minuten lang sprechen worüber ich will. Niemand kann mich wegbuhen oder stoppen, wenn es ihnen nicht gefällt. Also erzähle ich jetzt einfach tatsächlich einfach worüber ich will. Und zwar über meine Lieblingsdinge. Ich habe ziemlich viele Lieblingsdinge, ich bin nämlich relativ einfach zu begeistern, so ein bitzli Glitzer drüber und gut ist.
Für heute habe ich mich aber auf folgende Dinge beschränkt: Ein ganz spezifischer Strand in Italien, eine Online-Plattform und eine Bar, die es beide nicht mehr gibt, Fanfictions, ältere etwas unbeholfene Grosis und Youtube-Päärli. Hört sich jetzt etwas zusammenhangslos an, aber am Schluss wird alles Sinn machen, versprochen!

Erstes Lieblingsding

Mit Vierzehn packten meine Eltern uns und ein riesiges Zelt ins Auto und fuhren nach Italien. Sonst sind wir meistens nach Indonesien, abe zude Verwandte, weisch. Aber dieses Mal blieben wir für einmal auf diesem Kontinent; diese Ferien blieben mir nicht nur deshalb in Erinnerung.
Zehn Minuten vom Campingplatz entfernt war ein Strand. Das ist natürlich schon mal cool, jeder mag Strand. Aber das Aussergewöhnliche an diesem Strand? Dort waren fast ausschliesslich Gay Bars. Und nein, das war nicht geplant, das war nicht irgendein ausgeklügelter Plan meiner Eltern, um mir versteckte Zeichen über meine Sexualität zu geben. Das war reiner Zufall, Schicksal oder göttliche Eingebung. Diese Bars waren auch keine diskreten, dezenten Gay Bars. Neeein. Es waren so richtig, richtig Auffällige; die konnte man unmöglich übersehen. Riesige Regenbogenflaggen, ganz viel Glitzer und die wunderhübschesten Drag Queens, die bereits am Nachmittag farbig, fruchtige Drinks servierten. Und die Gäste dort, die waren noch eindrücklicher. Da waren gleichgeschlechtliche Päärli, die ganz dem Stereotyp entsprachen. Und andere, die gar nicht so ausschauten, als wären sie lesbisch oder schwul. Gar nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Das war irgendwie ganz toll. So aus der Ferne.
Natürlich war das nicht das erste Mal, dass ich etwas von der LGBTIQ-Community gesehen habe. Schliesslich habe ich mit meinem Grosi jeden Abend Gute Zeiten Schlechte Zeiten geschaut, da haben sich imfall auch mal zwei Männer geküsst. Das fand ich übrigens auch ganz toll.

Zweites Lieblingsding

Es gab mal eine Online-Plattform, die hiess Purplemoon. Purplemoon war ein bisschen so wie Facebook, man konnte sich ein Profil einrichten und sich mit anderen Leuten vernetzen und austauschen. Purplemoon war sehr offensichtlich auf Lesben, Schwule und Bisexuelle ausgerichtet. Und da hat junges, ungeoutetes Ich ein Profil erstellt. Ganz schüch habe ich ein Foto hochgeladen, auf dem ich nicht so ganz erkenntlich war, habe meine sexuelle Orientierung auf Bisexuell eingestellt (das mit dem Interesse an Männern kommt ja vielleicht noch; Spoiler Alert: Nein, es kommt nicht) und hab hingeschrieben, dass ich nur auf der Suche nach Freunden bin.
Und dort habe ich die ersten, wackligen Schritte in der queeren Community gemacht, die heute mein Zuhause ist. Ich habe andere Menschen kennen gelernt, die so sind wie ich. Mit denen konnte ich darüber sprechen, dass ein Coming Out mir schon noch so Angst macht. Und ich vielleicht wahrscheinlich gar nicht auf Frauen stehe, die Lesben in den Filmen sind doch so anders als ich. Und was wenn es doch nur eine Phase ist. Und sie haben das verstanden, haben sie sich doch die gleichen Gedanken auch schon gehabt.
Diese neuen Freunde haben mich dann ins Samurai, das war eine LGBT-Bar in Bern, mitgenommen. Ich war eigentlich noch zu jung, um überhaupt reinzudürfen; aber irgendwie haben sie mich da reingebracht und ich war den ganzen Abend mega safe und fühlte mich nicht einmal unwohl. Dort habe ich so viele tolle Menschen gesehen. Menschen, die ganz sichtbar und stolz und glücklich sich selbst sind. Einfach so. Mitten in Bern. Das waren meine nächsten, nicht mehr ganz so wackligen Schritte in der Community.

Drittes Lieblingsding

Ich liebe liebe Geschichten. Bücher, Filme, Comics egal. Gute Geschichten mit guten Charakteren sind top. Noch besser ist es natürlich, wenn ich mich tatsächlich mit einigen Charakteren in den Geschichten identifizieren kann.
Weil das nicht immer ganz so einfach zu finden war, begann ich als Teenie auf Fanfictions auszuweichen. Leute, wenn ihr Fanfictions nicht kennt, habt ihr aber wirklich etwas verpasst! Fanfictions sind Geschichten, die auf bereits bestehendem Material basieren. Also Weitererzählungen oder Alternativerzählungen von Büchern oder Filmen, die es bereits gibt. Geschrieben werden sie von Fans im Internet.
Warum gehören Fanfictions auf meine Liste der Lieblingsdinge? Nun, diese Amateurautor*innen nehmen sich alle Freiheiten heraus, um die bereits existierenden Geschichten abzuändern und neuzuerzählen. Da ist dann halt Hermine Granger mit Ginny Weasley zusammen und Captain America mit Bucky Barnes. Wobei Letzteres eigentlich schon Canon ist, das ist Fachjargon und wir Cool Kids nennen so Dinge, die im Original bereits bestehen. Captain America und Bucky Barnes, auch das hat ein Fachjargon, wir Cool Kids nennen sie Stucky - Steve und Bucky. Stucky sollte von der Storyline und der Dynamik her eigentlich schon in den Comics und dann sicher aber in den Filmen bestehen; wenn einer der Zwei eine Frau wäre, der Rest jedoch ceteris paribus, hätte das sicher ein Happy End gegeben. Aber weil das nicht geschah, hat das Internet die Sache selbst in die Hand genommen und hat eine Menge alternativer Geschichten geschrieben. Viele davon mässig gut, eine kleine Zahl sehr, sehr gut.

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Viertes Lieblingsding

Ich bin auf dem Land aufgewachsen, so richtig auf dem Land. Da gab es keine LGBTIQ-Community, da gab es keine Schwulen oder Lesben oder Transmenschen. Jedenfalls nicht, dass ich das wusste oder je darüber gesprochen wurde.
Meine Eltern wohnen immer noch dort, wie schon die ganze Familie meiner Schweizerhälfte; meine Grosseltern, meine Urgrosseltern, meine Ururgrosseltern, ihr wisst woraus ich hinaus will.
Da, auf dem Land, ist es mega schön. Sehr idyllisch, jeder kennt jeden, Nachmittage im Stall, Wochenenden im Wald, das ganze Dorf und die umliegenden Felder mein Spielplatz und jedes Grosi hat aufgepasst, dass ich nicht unter den Traktor kam.
Nur das mit der Diversität findet sich dort nicht so wirklich. Ich bin ja bereits anders als die anderen, weil ich als Halbindonesierin anders heisse, anders aussehe und zuhause eine andere Sprache spreche und dann ist noch das kleine Detail mit der Sexualität dazugekommen.
Das war dann imfall kein Problem, jedenfalls nicht für mich. Da war ich ja praktisch schon ausgezogen und musste mich nicht mehr mit dem Dorfgossip rumschlagen. Aber meine Eltern, die sind immer noch dort, im Dorfleben verankert, in den Vereinen aktiv. Und die mussten nun über mich erzählen, darüber wie ich mit meiner Freundin zusammenziehe, wie wir uns verlobt haben, wie wir schliesslich geheiratet haben (Klammer auf, natürlich sind wir nur verpartnert, das mit dem Heiraten ist ja etwas schwierig, also eigentlich noch gar nicht erlaubt, aber das ändert sich ja hoffentlich bald mit der Ehe Für Alle, Klammer zu). Wenn ich ehrlich bin, war ich mir doch etwas unsicher darüber, was meine Eltern nun erwartet. Kriegen sie doofe Fragen? Unsensible Fragen? Oder sogar richtigen homophoben Hass? Nein. Etwas Gerede, natürlich, aber das gab es auch als mein Schulfreund sein Töffli kaputt fuhr.
Und dann kamen die Dorfgrosis auf mein Mami zu, die Grosis die früher auf mich aufgepasst haben. Und die erzählten, dass sie übrigens auch jemanden kennen, der so ist wie die Mentari. Und sie haben imfall mal eine Doku gesehen im Fernsehen über Leute wie die Mentari, die haben ja jetzt ganz normale Familien. Und die Tochter von so und so ist imfall auch so und die haben jetzt sogar ein Kind. Meine Mutter soll mir doch sagen, ich solle dort mal anrufen, um zu fragen wie meine Frau und ich auch ein Kind bekommen können.
Eine Armee Grosis, die das Vokabular nicht haben, das Wort Lesbisch nicht mal sagen können, etwas grenzüberschreitende Frage stellen; aber es dann doch gut meinen, das verdient ein Platz auf dieser Liste.

Fünftes Lieblingsding
Sucht mal auf Youtube nach den Suchbegriffen «girlfriend tag» oder «how we met Stories». Youtube spuckt unglaublich viele Videovorschläge aus. Eine riesige Menge an Videos, einen überraschend grossen Anteil in sehr guter Qualität, ziemlich professionell geschnitten und aufbereitet. Alles Leute und Päärli, die niemand wirklich kennt, die zwanzig Minuten lang in die Kamera sprechen und erzählen, wie sie sich kennengelernt haben, was sie an einander mögen und was nicht.
Who cares? Recht viele Leute imfall.
Und warum erzähle ich hier und jetzt über dieses Phänomen, das doch ziemlich random ist? Weil viele queere Menschen darunter sind.
Auf Youtube und Instagram und mittlerweile auch auf Tik Tok gibt es u mega viele Couple Influencers. Das sind Päärli und Familien, die fast ausschliesslich über ihre Beziehung posten. Sie zeigen ihren Alltag und beantworten Fragen. Mal sehr idealisiert und gespielt perfekt und mal sehr ehrlich und zugänglich. Auch hier gibt es ganz viele gleichgeschlechtliche Paare darunter und Paare, bei denen eine oder beide Personen nicht cisgendered sind. Cisgendered, oder einfach nur cis, sind übrigens Menschen, die sich dem Geschlecht zugehörig fühlen, in dem sie geboren wurden. Also das Gegenstück zu Transgendered.
Das sind Bilder, die immer noch viel zu wenig in der Öffentlichkeit und den etablierten Medien zu sehen sind, also schafft das Internet wieder mal Abhilfe.

So. Das waren nun meine fünf Lieblingsdinge. Ich habe eingangs versprochen, dass alles am Schluss Sinn machen wird und jetzt sind wir fast am Schluss.

Was haben all diese Lieblingsdinge gemeinsam? Es dreht sich alles um Repräsentation, Visibilität und Vorbilder. Wie und wo sehe ich Menschen und Lebensentwürfe, die nicht der Norm entsprechen? Wenn alles um mich herum einem heteronormativen Ideal entspricht, wie kann ich dann sehen das es andere Möglichkeiten gibt? Wie kann ich verstehen, dass meine Bedürfnisse und meine Vorstellungen von Leben und Zukunft nicht komisch oder ein Hirngespinst sind? Wie kann ich erkennen, dass es verschiedene Normalitäten gibt und das auch ich dazu gehöre? Dass ich eine Normalität bin, dass ich normal bin? Wenn ich auf Youtube Videos von Coming Out Stories anschaue, sehe ich andere Menschen die ähnlichen Gedanken, Geschichten, Herausforderungen und Probleme haben. Ich kenne diese Menschen nicht, trotzdem zeigen sie mir, dass ich nicht alleine bin.
Wenn ich auf Instagram die Hochzeitsfotos eines lesbischen Pärchens sehe, zeigt mir das, dass das für mich auch möglich ist, wenn ich das will. Ich kann auch eine weisse kitschige Hochzeit, wie in den Disneyfilmen haben; andere haben es auch schon getan. Ich kann auch Haus, Kind und Baum haben, andere haben es auch schon getan. Ich kann das Alles aber auch nicht haben wollen; ich muss dieses Familienmodell nicht anstreben. Auch dafür habe ich Vorbilder. Repräsentation ist nicht nur für uns Queere Menschen wichtig, sondern auch für unsere heterosexuellen und cis Familien und Freunde.
Unsere Eltern sehen, dass ihre Kinder nicht die einzigen sind, dass ihre Kinder eine Zukunft haben können, die nicht von Diskriminierung und Homophobie geprägt ist. Es gibt auch Eltern, die sehen müssen, dass sie nicht etwas falsch gemacht haben, sie haben ihr Kind nicht falsch erzogen. Visibilität macht Dinge alltäglich, die es früher nicht waren. Wenn alle Filme, Serien und Bücher nur ein einziges Narrativ aufzeigen, suggeriert es, das es in unserer Gesellschaft nur dieses gibt. Wenn alle Sportler*innen, Moderator*innen und C-Promis gleich aussehen, gleiche Karrieren haben und das gleiche sagen, erhalten wir den Eindruck, dass das die gesellschaftliche Norm ist, dass wir alle so sein sollten. Das stimmt jedoch nicht, das entspricht nicht der Realität. Aber wenn sich ein Fussballer als schwul outet, ein Schauspieler sagt, dass er trans ist und eine ehemalige Miss Schweiz eine Frau datet; dann, ja dann ist die queere Realität plötzlich in den Wohnzimmern präsent, in denen vorher noch nie jemand war, der nicht heterosexuell oder cis ist. Am Anfang ist das vielleicht komisch, befremdlich, vielleicht auch etwas grusig. Warum müssen die das allen sagen, fragen sie sich vielleicht in diesem Wohnzimmer. Ich sage ja auch nicht allen, mit wem ich Sex habe, sagen sie dann vielleicht in diesem Wohnzimmer. Und dann küssen sich wieder zwei Männer in Gute Zeiten Schlechte Zeiten. Und dann moderiert ein Mensch eine Sendung der non-binär ist. Und dann gewinnt jemand eine Kochsendung, der zwei Mütter hat. Und dann haben die Nachbarn eine lesbische Tochter. Und dann fragt sich hoffentlich bald in diesem Wohnzimmer niemand mehr, ob denn diese Leute dazu gehören sollen oder nicht.

Bis alle Wohnzimmer in unserer Gesellschaft so sind, braucht es aber leider noch etwas Zeit. Bis dahin brauchen und möchten wir Safe Spaces. Orte die sicher sind. Eine Strandbar in Italien. Eine Fanfiction in der ein gleichgeschlechtliches Paar ein Happy End hat und am Schluss niemand stirbt. Ein Samurai in Bern. Eine Zürich Pride. Der Instagram-Kanal der Lesbenorganisation Schweiz. Das Heaven in Zürich. Die Events der Milchjugend. Das Karl der Grosse, wo Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen eine Plattform bekommen. Das sind Safe Spaces, Orte in denen ich mich selbst sein kann. Orte in denen andere sich selbst sein können. Orte wo wir sicher sind und keine Angst vor Anfeindungen, Homophobie, Transphobie und Diskriminierung erleben müssen. Orte wo ich vor Hate Crimes geschützt bin und wo diese Hate Crimes erfasst und ernst genommen werden, wenn sie passieren. Dort sehen wir, wie es sein könnte. Wie es sein wird. Und das gibt Mut.

Darum müssen wir Sorge tragen zu diesen Orten. Dass es immer mehr Safe Spaces gibt und es diese irgendwann mal nicht mehr braucht. Und dass ich weiterhin ohne Hemmungen einem gesichtslosen Publikum von meinen Lieblingsdingen erzählen kann.

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