🎂 6 Jahre Tsüri 🎂

Ludwig Hasler, Publizist und Philosoph, Autor des philosophischen Bestsellers «Für ein Alter, das noch was vorhat». (Foto: Jill Oestreich)

Winterrede Ludwig Hasler: «Wer sich nur um sich selber kümmert, hat im Alter schlechte Karten»

Karl der Grosse lädt zur siebten Ausgabe der «Winterreden» ein – und zwar bei dir zu Hause! Vom 11. bis 15. und vom 18. bis 22. Januar 2021 haltet jeweils um 18 Uhr eine Persönlichkeit aus Politik, Kultur oder Kunst eine Rede. Radio GDS.FM überträgt die Reden live. Hast du die Winterrede verpasst? Hier kannst du sie nachlesen!
14. Januar 2021

Solidarität mit den Alten? Prima. Nur bitte auch so: Wir Alten solidarisieren uns mit den Jungen. Die plagt gerade mehr als eine Hypothek.

Ich bin 76, ich halte meine Generation für die verwöhnteste, die je ins Alter kam. Ab 1945 ging es stets aufwärts, mit der Freiheit, dem Wohlstand, dem Wachstum. Mehr Bildung, mehr Freizeit, mehr Komfort, mehr Rente, mehr Medizin. Nicht dass wir in Saus und Braus gelebt hätten, nein, wir kannten Armut oder doch Einschränkung besser als heutige Junge, wir waren fleissig und solid. Verwöhnt hat uns der Lauf der Welt, Kriege und gröbere Krisen blieben uns erspart. Irgendwann begannen wir zu glauben, das sei unsere Leistung, nicht unser Glück. Dafür erwarten wir nun Respekt, gar Dankbarkeit.

Die junge Generation hat eine ganz andere Zukunft vor sich, voller Ungewissheit. Sie muss manches besser machen als wir. Die Grenzen des Wachstums, das wir vorantrieben, machen sich bedrohlich bemerkbar: in der Luft (Klima), im Wasser (Pestizide), am Boden (Artenverlust). Auch zivilisatorisch kippt manches, das wir als Gratifikation der Moderne betrachten: Mobilität, Konsum, Tourismus. Kurz, die Lage der Jungen wirkt nicht grad rosig – auch mit Blick auf die Finanzierung all der Reparaturen.

Da hinein traf Covid 19. Schluss mit dem sorglosen Alter. Das Virus ist parteiisch. Es trifft uns Alte und verschont – mit Ausnahmen – die Jungen. Alt = vulnerabel. Darum ihr Jungen: Reisst euch zusammen, Schluss mit Party, Home Office, Home Schooling. Ich dachte, oh Gott, muss ich jetzt 100 werden? Denn würde ich bloss noch ein halbes Jahr leben, wäre der Stillstand des Lebens kaum zu rechtfertigen. Bis ich kapierte: Wir Alten haben nicht nur ein Risiko. Wir sind eines. Wir sind das Risiko. Falls wir massenhaft erkranken, brechen die Spitäler zusammen – womit die Gesellschaft insgesamt den Schlamassel hätte.

Der Preis dafür ist enorm. Bezahlen müssen ihn die Jüngeren. Wir Alten haben unser Leben im Trockenen, unsere Rente ist garantiert (bei Altbundesräten feudaler, klar). Die erwerbstätige Generation hat alle Hände voll zu tun, die geschädigte Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen; manche werden arbeitslos, sobald die staatlichen Zahlungen ausbleiben. Die junge Generation ist durch die «Einschränkungen» noch vitaler betroffen. Im Lockdown fehlte Kleinkindern, für die Motorik das halbe Leben bedeutet, die freie Bewegung. Schulkindern wurden die Schulen geschlossen, der digitale Ersatz verstärkte die sozialen Differenzen, manche lernten rein gar nichts. Teenager versauern, sie brauchen Ausgang für pubertäres Experimentieren. Es geht nicht nur um Spass, es geht um FREIHEIT. Manche bezichtigen Junge der Gleichgültigkeit – Party-People, null Verantwortung! Erstens trifft das auf die Mehrheit nicht zu. Und zweitens: Wer, wenn nicht diese Jungen, ist darauf angewiesen, hinauszugehen ins Leben, sich im Austausch mit anderen zu formen, zu erproben? Der Freiheitsverzicht vieler Jungen ist für mich das Anrührendste in diesem Pandemie-Drama. Dazu kommt: Jugendliche, die gerade dabei sind, eine Lehre oder ein Studium abzuschliessen, werden nur mit Glück den Einstieg in die Berufswelt schaffen; Firmen, die eigene Leute in Kurzarbeit haben, stellen bis auf Weiteres keine Unerfahrenen ein.

Kurz, die Pandemie drückt auf die beruflichen Lebenschancen der Jungen. Sehen wir das zusammen mit den ohnehin durchzogenen Zukunftsaussichten, die ich oben skizzierte (Klimawandel, gefährdete Altersrenten), so wird von selbst klar: Das Verhältnis zwischen den Generationen verkehrt sich. Wir Alten, traditionell stets die hilfsbedürftige Fraktion der Gesellschaft, geraten in die Position der Gesicherten und Lebenslustigen. Unser sogenannter «Lebensabend» dehnt sich zum Lebensnachmittag – und verwandelt Senioren wie Gesellschaft. Bis 2030 gruppiert sich die Schweiz so: 2 Millionen Junge, 5,5 Millionen Erwerbstätige, 2,5 Millionen Rentner. Die tätige Generation, knapp noch in Überzahl, finanziert Schulen, Sozialwerke, Pflegeheime – in Corona-Zeiten erst recht eine Herkulesaufgabe. Die Jungen, beschäftigt mit Pubertät und Ausbildung, drücken wirtschaftliche Gegenwartsnöte und globale Zukunftssorgen. Vergleichsweise leben wir Alten privilegiert – frei vom Erwerbsdruck, ohne Existenzängste. Dafür haben wir tüchtig gearbeitet, klar. Aber träumen wir jetzt einzig vom pensionierten Dauerurlaub? 25 Jahre Ausruhen – ist das nicht eine bescheuerte Perspektive? Ich weiss, es gibt bedürftige und hilfsbedürftige Alte, irgendwann sind wir alle hinfällig. Doch der Grossteil unter uns kommt erstaunlich unbeschadet aus dem Erwerbsleben heraus, fit, unternehmungslustig, berufs- und lebenserfahren – eine prima Ausrüstung für gesellschaftliche Akteure, nicht für Privatiers.

Darum plädiere ich für Solidarität der Alten mit den Jüngeren. Wir Alten wollen nicht ausgemustert, wir wollen respektierte Mitglieder der Gesellschaft sein. Dann führen wir uns am besten auch so auf – statt uns in jahrzehntelange Passivmitgliedschaft zu verabschieden. Das Steuer geben wir ab an die Jüngeren, doch wenn uns am Zusammenhalt der Gesellschaft liegt, unterstützen wir die Jungen, wir teilen ihre Sorgen, so tatkräftig wie möglich, frei von Besserwisserei. Durchaus zu unserem Eigennutzen übrigens. Die bestgelaunten Alten, die ich kenne, haben sich nie zurückgezogen, um sich nur noch um die eigene Achse zu drehen. Sie machen sich nützlich, mit dem, was sie können – in Schulen, in Spitälern, in der Quartierbeiz.

Ich schrieb – grad noch vor Corona – darüber ein Buch: ein Plädoyer für ein Alter, das noch was vorhat. Seither hat sich die Dringlichkeit verschärft: Die Lage der jüngeren Generationen spitzt sich zu – da wird es genierlich, wenn wir Alten uns mit 64 abmelden in den grossen Urlaub, uns fortan nur um uns selber kümmern, das Leben geniessen und unsere Blessuren kurieren lassen. Klar, unsere Zukunft schrumpft. Aber müssen wir darum noch alles herausholen, was das Leben hergibt – Reisen, Erlebnisse sammeln, Fitness polieren? Ungleich vergnügter macht es, an einer Zukunft mitzuwirken, die uns überdauern wird: an der Zukunft der Jungen, der Bienen, des Planeten, der Dorfmusik. Sinn ist keine mysteriöse Grösse. Sinn heisst: eine Bedeutung haben – nicht nur für sich selbst.

In diesen Tagen las ich einen Artikel unter dem Titel: «Vögel machen so glücklich wie eine Lohnerhöhung.» Offenbar kommt eine Studie zum Schluss, dass Menschen, die in einer vogelreichen Umgebung leben, zufriedener sind und bessere Laune haben. Okay, dachte ich, Lohnerhöhung kriegen wir Alten eh keine mehr, also lasst uns dafür sorgen, dass wieder mehr Vögel um uns sind: Hecken pflanzen, überhaupt für viel einheimisches Grünzeug sorgen, dazu Vogelhäuschen hängen, das kann man fast überall, auch auf Dächern und Balkonen – und gleich wären wir glücklicher, auch ohne Safari und Europapark. Gleichzeitig würde die Biodiversität gestärkt – und die Zukunft der Jungen sähe gleich ein bisschen freundlicher aus.

So ungefähr stelle ich mir das vor, mit dem schlaueren Zusammenspiel zwischen Alt und Jung: Die Jungen sind beschäftigt mit allerlei Dringlichkeiten. Wir Alten haben jede Menge Zeit. Wir könnten uns um ein paar Dinge kümmern, die den Jüngeren die Zukunft erleichtern. So könnten wir etwas mehr bewegen als nur uns selbst – und gewännen damit eine Portion Sinn unsere Pensionärswelt. Denn wer sich nur um sich selber kümmert, hat im Alter schlechte Karten. Wir sind nämlich letztlich nicht zu retten, wir werden alle demnächst sterben, 100 Prozent. Da wird tröstlich, an etwas teilzuhaben, das uns überdauern wird.

Kommentare

Nöd Jetzt!