21. Januar 2022 um 11:00

Winterrede Mischa Schiwow: «Das Tasten nach neuen Wegen ist mir von meiner Mutter mitgegeben worden»

Es ist wieder soweit: Karl der Grosse lädt zur alljährlichen Ausgabe der «Winterreden» ein. Vom 17. bis 28. Januar 2022 haltet jeweils um 18 Uhr eine Persönlichkeit aus Politik, Kultur oder Kunst eine Rede aus dem Erkerfenster des Karls. Du hast die Winterrede verpasst? Bei uns kannst du sie nachlesen!

Der Filmverleiher und Präsident des Gemeinderats der Stadt Zürich hielt eine emotionale Rede über seine Mutter. (Fotos: Jill Oestreich)

Hier geht's zum weiteren Programm.

Rede: Mischa Schiwow

Vom amtierenden Präsidenten des Gemeinderats, der in diesen Januartagen gerade voll im Wahlkampf steht, erwarten Sie vielleicht eine politische Brandrede. Eine Rede, welche mit den Worten «Empört Euch!» aufhören würde. Und es gäbe vieles in dieser Welt, was ich anklagen würde… Vom Filmverleiher und Filmwissenschaftler, der ich ebenfalls bin, könnte es Sie interessieren zu erfahren, wie ich die aktuelle Situation und die Zukunft der Kinos sehe. Ich kann Ihnen nur sagen: nicht rosig, es ist deprimierend, aber wir verlieren den Mut bestimmt nicht.

Was ich Ihnen erzählen werde, ist ein kleines Kapitel meiner Familiengeschichte, eine Episode aus dem Jahr 1960, einem Jahr, bevor ich geboren wurde… Sie beginnt mit den Worten meiner Mutter:

«Wir haben uns doch in allen schwierigen Situationen gegenseitig liebevoll oder auch schonungslos geschüttelt und uns auf unsere falsche Einstellung aufmerksam gemacht. Oder wir haben auch hin und wieder warten können, bis dem anderen der Knopf aufging. Aber immer war es unser Ziel und wird es stets sein, weiter zu kommen, mehr und besser zu verstehen und teilhaftig zu sein an den grossen Ideen der Menschheit.»

«So hast Du lange nicht gemerkt, wie Deine Frau von einem Unsinn in den anderen verfiel und von bürgerlichen Gedanken und Gefühlen arg überschwemmt wurde. Jetzt müssen wir halt beide ein wenig büssen, Du für Deine Sorglosigkeit und ich für meine Unvernunft. Aber eben Schwierigkeiten sind dazu da, überwunden zu werden!»

So schreibt meine Mutter am 7. April 1960 in einem Brief aus Rigi-Kaltbad, wo sie wegen ihrer Hüftarthrose für mehrere Wochen in Kur ist. Vorausgegangen ist ihre Entdeckung eines Briefes, welchen eine andere Frau, ausgerechnet eine Freundin von ihr, meinem Vater geschrieben hat und wenig Zweifel daran lassen durfte, dass es ein Verhältnis zwischen ihnen gab.

«Lächerlich ist es, dieses Geschreibsel, aber notwendig, um herauszustellen und dadurch zu lösen. Es gibt ein Sprichwort, das heisst: Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. Und doch ist dieses Gefühl ein so menschliches. Wo begegnet es uns nicht überall: Im Leben, in der Kunst, in der Literatur. Es ist ein Bestandteil des Überbaus jeder Klassengesellschaft. Ja, sogar im Sozialismus lebt es jetzt noch weiter als einer der Überreste des Kapitalismus», schreibt sie am 11. Mai und lässt erkennen, dass Eifersucht in der neuen, von ihr ersehnten Gesellschaft keinen Platz mehr haben darf. 

Meine Mutter kommt aus einem bürgerlichen Elternhaus. Sie verliebt sich mit 22 in meinen Vater, den Sohn eines russischen Emigranten und Psychiaters. Der hat sich, obschon in der Schweiz eingebürgert, in den Jahren des Faschismus und des Krieges auf die Seite der Sowjetunion geschlagen. Die kommunistische Ideologie – das geht schnell einmal unter, wenn die Revolution von 1917 und der Aufbau eines sozialistischen Staates auf den Stalinismus reduziert wird – ist für die junge, wissbegierige Frau attraktiv und gibt ihr ein gedankliches Fundament, auch wenn sie selbst nie einer kommunistischen Partei oder Organisation angehören wird. Es hat mit ihrem Frausein zu tun: 

Frauen sind in der Schweiz im Gegensatz zu den Volksdemokratien geradezu bevormundet und in vielen Belangen «Menschen 2. Klasse». In der puritanischen Schweiz wird auch über Gefühle nur wenig gesprochen, Sexualität und Körperlichkeit sind schlicht Tabu. 

Als sie 1946 meinen Bruder zur Welt bringt, hat meine Mutter keine Ahnung, was sie bei der Geburt erwartet. Schmerzen, Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein den Ärzten und Hebammen… Sie weiss nur eines: Das will sie nicht mehr ein zweites Mal erleben. Und sie will auch anderen Frauen mitteilen, dass es Methoden gibt, wie eine Geburt vorbereitet werden kann, mental und physisch. Durch eine richtige Atmung und ein bewusstes Erleben des Körpers. Nicht allein das, auch der Austausch mit anderen Schwangeren und vor allem mit dem eigenen Partner sind ihr wichtig. Sie liest viel, findet Berichte aus der Sowjetunion, wo psychologische Techniken bei der Geburtsvorbereitung zur Anwendung kommen, sie entdeckt Fernand Lamaze aus Frankreich, der die Methode der «natürlichen Geburt» propagiert. Als Pionierin beginnt sie in den 1950er-Jahren mit Kursen der Geburtsvorbereitung, der «Schwangerschaft-Gymnastik», welche sie bis zu ihrem Tod 2009 praktizieren wird. 

«Wer mit 20 die Welt nicht verändern will, so besagt ein etwas zynisches Sprichwort, der hat kein Herz. Wer es mit 40 immer noch will, kein Hirn.»

Mischa Schiwow

«Dann schau, ich habe es jetzt in kleinem Masse erlebt, wie sehr man vom bürgerlichen Leben mit seinen Gesetzen und Ambitionen aufgefressen und zermürbt werden kann. Selbstverständlich geht es in erster Linie darum, unsere Basis für das Leben unserer Familie zu festigen, zu erweitern und besser zu verteilen. Auch ich werde meinen Anteil wieder dazu beitragen.

Aber wir dürfen dabei den Kontakt zur fortschrittlichen gesellschaftlichen Arbeit nicht verlieren, und sei es nur darin, dass wir uns weiterbilden. 

Du wirst sagen, dass sei klar und wir täten es auch. Nur bleibt es nach meinem Empfinden sehr im Zufälligen, Wahllosen haften.»

Mein Vater ist seit seiner Kindheit in der Rolle des Prinzen: Vieles, auch materiell, ist ihm von seinem aufgeklärten Elternhaus gegeben worden, so auch die fortschrittliche Weltanschauung. Meine Mutter hingegen muss sich fast alles erarbeiten, sich aus dem Kleingeist ihrer aargauischen Kleinstadt-Herkunft befreien und entdecken, dass es auch in ihrer bürgerlich geprägten Familie durchaus liberale Geister gibt. 

Sie fürchtet es nicht, den Spagat zwischen Theorie und Praxis in eigener Erfahrung zu spüren und die Widersprüche auszuhalten. Emanzipation, Aufklärung, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung von Mann und Frau sind in der Schweiz der 1960er-Jahre Fremdwörter. Nur wenige getrauen sich in Zeiten des Kalten Krieges Farbe zu bekennen und für ihre Überzeugung einzustehen. So ist Kommunismus das schändlichste Wort – übrigens nicht nur in dieser Zeit, es bleibt bis heute ein Schimpfwort.

In meiner Familie ist man sich bewusst, was man mit einer solchen Gesinnung zu Gegenwärtigen hat: Mein Onkel Victor – er ist bekennender Kommunist – wird 1956 verhaftet und des Landesverrats angeklagt. Es wird ihm vorgeworfen, dem Militärattaché eines osteuropäischen Landes geheime Akten übergeben zu haben. Eine Anschuldigung, die sich bald in Luft auflöst – aber das Stigma des «roten Fötzels» und der Ruf «Ab nach Moskau» bleiben hängen. Konrad Farner, der kommunistische Philosoph und Kunstkritiker, mit dem meine Eltern damals eng befreundet sind, hetzt die NZZ in Thalwil den Mob vor das Haus. Mein Vater, obschon kein Parteimitglied, muss beruflich jahrelang untendurch. Trotz seiner Qualifikationen bekommt er Stellen nicht, für die er sich eignen würde. Die Bespitzelung und das Denunziantentum laufen auf Hochtouren… nein die Bösen, das sind die Stasis drüben in der DDR, vom Fichenskandal reden wir erst kurz im Jahr 1989.  

Mit ihren Lektionen für Schwangere trägt meine Mutter in diesen Jahren massgeblich zum Haushalteinkommen bei. Ihre Ansprüche an sich selbst sind dabei riesig: Auf der einen Seite stellt sich die glühende Verehrerin der Schriften von Maxim Gorki die Frage: Wie werde ich zu einem neuen Menschen inmitten der alten Gesellschaft? 

Auf der anderen, die sich täglich erneut stellende Frage: Wie erfülle ich meine Aufgaben als berufstätige Mutter und im Haushalt, ohne das gemeinsame Leben mit dem geliebten Mann zu kurz kommen zu lassen?  Die Affäre mit der anderen Frau, ihrer Freundin, wird für sie zur Zerreissprobe. Zumal sie allein ist damit. 

«Zum Schwiegervater gehen und ihm gestehen, dass da bei einem wieder etwas nicht richtig funktioniere? Schau, da bin ich wieder, schleppe doch noch an den Eierschalen. Das wäre wohl möglich gewesen, wenn ich nicht von der Beziehung zu Dir hätte sprechen müssen. Ich war zu stolz und zu feig dazu. Auch hörte ich seine Worte im Geist: ‹Du willst ihn also besitzen, wie eine Ware, bitte, dann friss ihn auf! Und wo ist denn Deine Liebe geblieben, wenn Du ihm nicht einmal vertrauen kannst?› Daneben der ‹Saugof› in mir, der arme Wurm, der stichelte und höhnte: Siehst Du nur, da wird etwas verheimlicht. Du musst aufpassen, Du musst wissen.»

Eine Ehekrise im Jahr 1960: Davon bekommen meine Geschwister, Freund:innen und Nachbar:innen nur wenig mit. Auch ist die Liebe damals nicht zerbrochen, davon zeugt der intensive Briefverkehr, der wohl hauptsächlich dem Umstand geschuldet ist, dass es meiner Mutter gesundheitlich schlechter geht. Eine Kur im tschechischen Jachimov ist angesagt: Radioaktivität wird für die Knochenbeschwerden als modernes Heilmittel betrachtet. Die Ärzte in der sozialistischen Tschechoslowakei haben – zumindest in der Wahrnehmung meiner Eltern – den unseren voraus, dass sie nicht das Streben nach Geld, sondern das Wohl der Menschen umtreibt.

Das Paar sucht, anstatt zu streiten, sich seiner Gemeinsamkeiten zu erinnern und beschwört sich gegenseitig seine Liebe. Sozusagen als Befreiungsschlag sowohl für die angeschlagene Beziehung wie auch für die zermürbende berufliche Situation des Vaters, reift im Sommer des besagten Jahres 1960 eine Idee heran: Ein Gesuch um Repatriierung wird verfasst und richtet sich ans «Sekretariat des Obersten Sowjets der Sozialistischen Sowjetrepubliken». Es ist ganz offensichtlich auf dem Mist meines Vaters gewachsen, der die Herkunft aus Russland und die ideologische Übereinstimmung mit der Sowjetunion in die Waagschale wirft, um sich für «jede mir zugewiesene Arbeit nach bestem Können und Wissen» anzubieten. Auch meine Mutter fügt in der Bittschrift an: «Dem Repatriierungsgesuch meines Mannes schliesse ich mich vollumfänglich an und werde mein Können und meine Fähigkeiten je nach Bedarf einsetzen». Ob dieses Schreiben jemals abgeschickt oder sogar beantwortet worden ist, entzieht sich meiner Kenntnis. 

Ein weiteres Zitat aus einem der im Jahr 1960 geschriebenen Briefe meiner Mutter: 

«Dir gegenüber darf ich ganz, ganz ehrlich sein, darf zu allem stehen, zu dem ich mich nie zu stehen getraute. Ich darf zu gleicher Zeit gescheit und dumm sein, reif und kindisch, darf Dich lieben und darf Dir auch Vorwürfe machen. Ich darf Dir sogar gestehen, dass ein Teilchen von mir noch unreif geblieben ist in seinen Reaktionen. Liebes, welches Glück, dass ich mit Dir leben darf, durch Dich jetzt am eigenen Leib oder besser an der eigenen Seele erlebend, was es eigentlich heisst, Mensch zu sein, beeinflusst durch die Umgebung, belastet noch von so vielem Absterbendem, Altem, vom Standpunkt der Weltanschauung aus längst Überwundenem. Dass ich am Alten so schwer zu verdauen habe, liegt daran, dass es so ekelhaft war, so beschämend, dass ich es einfach nicht wahrhaben wollte.»

38 Jahre alt war meine Mutter, als sie sich mit diesen Worten mit ihrem Schmerz als verletzte Frau und ihrer Stellung im Leben und in der Geschichte der Menschheit auseinandersetzte. 

«Wer mit 20 die Welt nicht verändern will», so besagt ein etwas zynisches Sprichwort, «der hat kein Herz. Wer es mit 40 immer noch will, kein Hirn.»

Als ein Jahr später Geborener stelle ich mir die Frage, was hätte passieren können, wäre sich meine Mutter nicht ein Leben lang in ihrer Haltung treu geblieben. Es ist für mich natürlich beruhigend zu wissen, die Frucht einer wiedergefundenen Liebe zu sein. Aber auch die Essenz und Verkörperung eines langen Ringens um den Sinn des Lebens. Die Suche nach Lösungen in einer Beziehungskrise, das Tasten nach neuen Wegen, das immer wieder Infragestellen von Gewissheiten,… ist mir von meiner Mutter auf den Lebensweg mitgegeben worden. Und gibt mir nach wie vor Kraft und Vertrauen. 

«Du schläfst neben mir gelöst, ganz Du und ich kann Dir nur immer wieder sagen, dass ich Dich unendlich liebe. Trotz all dem Widerwärtigen, weiss ich zutiefst in meinem Innern, dass ich so glücklich bin, dass ich jauchzen möchte.»

Wir haben vor 13 Jahren, im Januar 2009, in der Helferei – auf der anderen Seite des Platzes – Abschied genommen von meiner Mutter. Sie war in ihrem 87. Altersjahr gestorben. Sie blieb sich treu, bis zum Ende. 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Alle bisherigen Reden 2022:

  1. Winterrede Samuel Schwarz
  2. Winterrede Natalie Rickli
  3. Winterrede Schüler:innen Schule am Wasser