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Music Producer und Dozent Domenico Ferrari musste sich auf Corona testen lassen (er ist negativ) und hat die Rede deshalb zu Hause selbst aufgenommen. (Foto: Jill Oestreich)

Winterrede Domenico Ferrari: «Was wir brauchen, ist eine gesunde Kultur des Streitgesprächs»

Karl der Grosse lädt zur siebten Ausgabe der «Winterreden» ein – und zwar bei dir zu Hause! Vom 11. bis 15. und vom 18. bis 22. Januar 2021 haltet jeweils um 18 Uhr eine Persönlichkeit aus Politik, Kultur oder Kunst eine Rede. Radio GDS.FM überträgt die Reden live. Hast du die Winterrede verpasst? Hier kannst du sie nachlesen!
15. Januar 2021

Rede: Domenico Ferrari

«Du huere verdammte Sau-Tschingg!» Als Kind rief man mir das oft hinterher.

Ich heisse Domenico Ferrari, bin Music Producer, Dozent und Sohn von italienischen Einwanderern. Ich wurde zu dieser Winterrede eingeladen, als Reaktion auf eine hitzige Diskussion auf Facebook. Es ging dabei um die Form der politischen Debatte. Es ging konkret um Cancel Culture, also die Absage- und Löschkultur die derzeit immer wieder so heftig diskutiert wird.

Die Cancel Culture bezeichnet den Versuch, ein vermeintliches Fehlverhalten, beleidigende oder diskriminierende Aussagen oder Handlungen öffentlich zu ächten. Oder man zieht die Unterstützung für eine Organisation zurück und sagt aus Protest einen Auftritt ab. Ich wurde aufgefordert, zu Themen wie Rassismus, Sexismus und Demokratie Stellung zu beziehen. Ich mache das gerne und lasse mich nicht einschüchtern.

Mein Vater, ein überzeugter Linker, hat zusammen mit meiner Mutter das Restaurant Cooperativo in Zürich geführt. Das gesamte linke Politspektrum ist dort ein- und ausgegangen. Bei Abstimmungen und Wahlen trafen sich die SP-Parteispitze und zahlreiche Sympathisanten bei uns. Ich habe als Teenie in den 80er-Jahren Moritz Leuenberger bei einer Abstimmungsschlappe weinen sehen.

Oder Hedi Lang, die als zweite Frau 1981 zur Nationalratspräsidentin gewählt wurde. Das Restaurant war pumpenvoll und das Fernsehen bereit für die Liveschaltung. Hedi Lang näherte sich dem Restaurant beim Stauffacher und die ersten Gäste erkannten sie durch die Fenster schon von weitem: «Sie kommt, sie kommt!» Die Türe ging auf und die Leute standen auf die Tische. Sie applaudierten , johlten und pfiffen wie in einem Fussballstadion. Als hätte die Schweiz gerade ihre erste WM gewonnen. Ich habe als Kind dort unvergessliche Dinge erlebt.

Ich erwähne meine Kindheit, weil ich als Einwandererkind in den 70er-Jahren regelmässig mit Rassismus konfrontiert wurde. Die Kinder aus dem Quartier und ich spielten im Hinterhof Fussball, derweil uns der Abwart des Nachbarhauses regelmässig beschimpfte. «Hauet ab, ihr Sautschingge!»Verängstigt packten wir unseren Ball und rannten davon. Wir sprachen vom bösen Mann. Wir wussten nicht, was wir falsch gemacht hatten - oder was Fremdenhass war. Wir spürten einfach nur diese Wut.

Meine Mutter liess sich davon nicht beirren, sie hatte ihre eigene Strategie: Sie begrüsste den Hausabwart immer freundlich und an Weihnachten gab es einen Panettone und eine Flasche Prosecco. Sie war ihm gegenüber zuvorkommend, im wahrsten Sinn des Wortes. Sie liess ihm so gar keine Chance, seinen Fremdenhass auszuleben. Nach ein paar Jahren wurde er freundlich und gar Stammgast im Coopi. Ein Rassist in einer linken Beiz, man stelle sich das vor! Diesen Fremdenhass habe ich über die Jahre hinweg immer wieder erlebt, nicht sehr oft, aber immer auf ganz subtile Art. Beispielsweise als ich mit 18 die Autoprüfung absolvierte. Der Experte war offensichtlich einer, der eine Wut auf Ausländer hatte. Während der ganzen Fahrt machte er kleine, fiese Sprüche. «Fahre da, fahre da, bi eu une fahreder ja au schnäller!» Ich versuchte mich zu konzentrieren und mich davon nicht irritieren zu lassen.

1990 dann die Fichenaffäre. Natürlich gab es auch über meinen Vater eine Fiche. Wir erfuhren, dass wir 20 Jahre lang vom Staat bespitzelt und beschattet wurden. Es fühlte sich verletzend an zu realisieren, dass jemand so lange in unserer Intimsphäre gewühlt hatte. Nach der Fichenaffäre erlebte ich selbst keinen Rassismus mehr. Die Italiener waren längst in der Schweizer Gesellschaft integriert. Aber es gibt Menschen, die noch immer täglich mit diesen kleinen, feinen Äusserungen konfrontiert sind.

Dieses Gefühl der Diskriminierung verstehen auch Menschen, die eine andere sexuelle Ausrichtung haben als die «Norm». Oder Frauen, die mit Sexismus konfrontiert sind und andere Menschen aus religiösen Gründen. Das ist ermüdend und macht irgendwann nur noch wütend.

Wir kommen in diesen Gesellschaftsfragen zu wenig schnell voran. Plus findet eine Polarisierung statt und eine Verhärtung in der politischen Debatte. Dies nicht erst seit heute. In Italien etwa ist seit Berlusconi die Politik komplett gelähmt. Die verschiedenen Parteien finden keinen Weg, um miteinander Lösungen für das Land zu finden. Im Gegenteil: Die Debatte radikalisiert sich immer mehr. Faschistisches Gedankengut ist in Italien seit dem zweiten Weltkrieg illegal. Trotzdem ist es nun salonfähig geworden zu sagen, Mussolini habe auch gute Dinge gemacht. Und es wird im Parlament debattiert, ob man diese Gesetze gegen Faschismus ändern solle. Auch die «Pille danach» will man wieder kriminalisieren. Derweil findet man eine völlig zerstrittene Linke vor, die sich in elitäre Diskussionen verstrickt, so dass sie von ihren eigenen Wählern nicht mehr verstanden wird.

Es gibt einen weit verbreiteten Begriff, der in Italien zum Polit-ABC gehört: Radical Chic. Dieser Begriff beschreibt die Linke gut. Wir würden wohl eher Cüpli-Sozialismus sagen. Und ja, wenn ich ehrlich bin, gehöre auch ich zu diesem Radical Chic. Meine Eltern haben damals geschuftet, sechs Tage die Woche, von 7 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts. Mir haben sie dabei den Rücken freigehalten. Ich konnte ins Gymnasium und danach Musik studieren. Jetzt bewege ich mich in Künstlerkreisen und sinniere über gesellschaftliche Fragen und Kunst. Total Radical Chic.

Doch ich weiss, ich muss was ändern. Und nicht nur ich. Wir alle, müssen etwas ändern. Die Polarisierung der Debatte betrifft auch uns. Wir verfallen diesem radikalisierten Schema und verweigern immer mehr das Gespräch mit Andersdenkenden. Wir bewegen uns in einer wasserdichten Bubble und tauschen uns nur untereinander aus. Und die Leute ausserhalb dieser Bubble nehmen uns nicht wahr. Wie wollen wir denn so unsere Anliegen mitteilen und den Leuten näher bringen? Es ist schwach, wenn etwa Kulturschaffende ihre Teilnahme an einer Debatte absagen, weil einem SVP-Politiker eine Plattform gegeben wird oder die SVP am Fernsehen mehr Sendeminuten hat. Wir müssen über Inhalte reden und uns dem Diskurs stellen!

Wir müssen mit den Menschen reden, die ängstlich oder vorsichtig auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren. Wir müssen ihnen die Ängste nehmen. Wenn wir stattdessen fiktive Mauern bauen und uns dahinter verschanzen, werden wir unsere Anliegen nicht durchbringen, es wird keinen kulturellen Wandel geben. Cancel Culture ist langfristig ein politischer Fehler, der nur dem rechten Populismus zugute kommt. Wenn wir den Leuten ihre Angst nicht nehmen, wird jemand auf dieser Angst reiten und politischen Profit daraus ziehen. Und wenn wir in die Geschichtsbücher oder Tageszeitungen blicken, so sind es immer die gleichen, die davon profitieren: Hitler, Mussolini, Salvini, Bolsonaro, Marine Le Pen, die AfD, die FPÖ und was letzte Woche der gestörte Vorgänger von Joe Biden ausgelöst hat, ist das Resultat seiner radikalisierten Sprache. Derweil die Probleme dort schon viel länger bestehen. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich die politische Debatte so verhärtet wie in den USA. Ein solcher Scherbenhaufen führt dazu, dass der Dialog wirklich unmöglich wird. Es wird in den USA wohl Generationen gehen, bis dieser gesellschaftliche Graben überwunden ist.

Was wir brauchen, ist eine gesunde Kultur des Streitgesprächs, verständlich und differenziert. Realpolitik beginnt etwa am Küchentisch, mit der Familie oder mit den WG-Mitbewohnern. Lasst uns mit den Menschen reden, die uns misstrauen oder nicht wohlgesinnt sind, weil unsere letzte Party zu laut war oder weil sie nicht verstehen, dass wir eine andere Lebensform haben. Sprechen wir mit ihnen im Supermarkt, auf der Strasse, im Hauseingang. Das ist Realpolitik!

Solche Begegnungen und Auseinandersetzungen geschehen abseits vom Scheinwerferlicht, abseits von den sozialen Medien. Das gibt keine Likes. Sowieso habe ich das Gefühl, dass wir nur noch etwas auf Instagram und Facebook posten, um Likes zu generieren. Seit einiger Zeit postet man auch das Profilbild mit einem Sticker wie: «Je suis Paris. Du auch? Tu es aussi Paris? Nous sommes tous Paris!» oder: «Ohne Kultur wird’s still! Ja, gäll, du au? Jaja, ohni Kultur wird’s still!» Und dann? Was ist danach? Haben wir das Gewissen mit einem Sticker auf dem Profilbild rein gewaschen? Haben wir uns ein schönes Image zurecht gelikt? Man will ja nicht negativ auffallen. Bleibt es dabei oder geht’s weiter?

Ich spüre in den sozialen Medien den Druck, gewisse Dinge unreflektiert liken zu müssen. Wenn man dann mal aus der Reihe tanzt und kritische Fragen stellt, auf der gleichen politischen Seite wohlgemerkt, wird man von eigentlich Gleichgesinnten verbal angegriffen – ja, oder ignoriert. Ich behaupte, viele Menschen wagen es nicht mehr, sich zu äussern. Man wird diffus eingeschüchtert. Auch das gehört zu Cancel Culture. Das ist nicht gesund.

Doch in einer Demokratie müssen verschiedene Meinungen nebeneinander Platz haben. Ich bin zum Beispiel Atheist, ich glaube nicht an Gott. Noch weniger glaube ich an Religionen, oftmals Ursprung kriegerischer Konflikte. Aber ich bin für Religionsfreiheit. Jeder soll glauben, was er oder sie will.

Ich möchte die Gedanken zur Digitalisierung etwas vertiefen. Wir Musiker haben die Digitalisierung schon mit Napster Mitte der 90er-Jahre erlebt. Der Zugang zu Musik wurde gratis, man konnte alles herunterladen und der Content wurde wertlos. Wir sind die erste Branche, die davon erfasst wurde. Mittlerweile kennen das auch andere Branchen, zum Beispiel die Taxifahrer mit Uber, die Hotels mit Airbnb und auch die Printmedien.

Mit Corona hat die Digitalisierung nun letztes Jahr auch die Wissenschaft erfasst. Und es scheint, alle seien nun Virologen oder Epidemiologien. Denn ob jemand, der Medizin studiert und 20 Jahre Forschung betrieben hat, etwas auf den sozialen Medien über die Pandemie schreibt oder ich, der eigentlich Beats programmiert, ist gleichwertig. Man muss nichts mehr belegen oder beweisen. Jeder kann behaupten was er will. Wir nehmen es mit den Fakten zu wenig genau. Die berufliche Erfahrung eines Wissenschaftlers wird auf den sozialen Medien irrelevant.

Alle palavern mit, aber wisst ihr, wie man ein Reagenzglas richtig reinigt? Wie heiss muss die Flamme eines Bunsenbrenners sein? Ich habe keine Ahnung. Darum orientiere ich mich in diesem Wirrwarr von Meinungen und Gegenmeinungen an der Wissenschaft. (Und der Politik möchte ich sagen: Wir sind das reichste Land der Welt. Wir können doch nicht so viele Branchen jetzt im Stich lassen. Nehmt mehr Geld in die Hand, sonst wird die Hypothek für zukünftige Generationen viel grösser, als wenn wir es nicht tun!)

Ja, die sozialen Medien haben neue Verhaltensmuster hervorgebracht, die wir nun auf das reale Leben übertragen. Michelangelo hat beispielsweise die Statue des Davids vor über 500 Jahren erschaffen. Jedes Jahr pilgern zehntausende Touristen nach Florenz (wenn gerade kein Corona ist), um die Schönheiten der Renaissance zu bewundern. Und man sieht Davids Genitalien!!!! 500 Jahre lang war das kein Problem. Wenn ich jetzt aber ein Foto von David auf Facebook posten will, muss ich einen schwarzen Balken darüber legen, sonst werde ich gesperrt. Wo sind wir gelandet? Zurück im Mittelalter? Wird Kunst, die ein halbes Jahrtausend im öffentlichen Raum steht, wieder zensiert? Das passiert nicht nur wegen des ungenauen Algorithmus. Auf Facebook akzeptieren wir Nutzungsbestimmungen, die sich auf amerikanisches Recht beziehen. US-Recht basiert auf einer Gesellschaft, die ganz anders tickt als unsere. Dort gibt es erzkonservative, prüde Bewegungen. Gleichzeitig sind sie auch die grössten Porno-Produzenten. Diese vielschichtige und widersprüchliche Gesellschaft widerspiegelt sich auch in der Gesetzgebung. Auf dem Netz passen wir uns an und übernehmen Regeln und eine Denkweise, die nur teilweise unserer entspricht. Der schwarze Balken von David repräsentiert immer mehr unseren Alltag. Es wird wieder mehr zensiert. Leute mit anderen Meinungen werden schneller vorverurteilt.

Die Radikalisierung der politischen Debatte, gemischt mit den Verhaltensmustern der Menschen in den sozialen Medien, sind eine explosive Mischung. Wir müssen deshalb wieder lernen, genauer hinzuhören, differenzierter zu denken und differenzierter zu reden. Achtsamkeit und Solidarität sind keine leeren Worte. Wir brauchen jetzt Vertrauen, intelligentes Handeln und Flexibilität. Vielleicht ist diese Krise auch die Chance, etwas zu verändern. Also gehen wir wieder mehr aufeinander zu, geben wir uns wieder die Hand. Vi ringrazio di cuore. Non arrendiamoci, insieme ce la possiamo fare. Un abbraccio a tutti, ciao ragazzi!

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