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Pflegefachfrau Cevincia Singleton über die Situation des Pflegepersonals. (Foto: Jill Oestreich)

Winterrede Cevincia Singleton: «Warum Pflegende in Politik und Gesellschaft gehört werden sollten»

Karl der Grosse lädt zur siebten Ausgabe der «Winterreden» ein – und zwar bei dir zu Hause! Vom 11. bis 15. und vom 18. bis 22. Januar 2021 haltet jeweils um 18 Uhr eine Persönlichkeit aus Politik, Kultur oder Kunst eine Rede. Radio GDS.FM überträgt die Reden live. Hast du die Winterrede verpasst? Hier kannst du sie nachlesen!
19. Januar 2021

Rede: Cevincia Singleton

Guten Abend liebe Zuhörerinnen und liebe Zuhörer. Mein Name ist Cevincia Singleton.

Ende der 80er Jahre habe ich die Welt erblickt. Ich kam in der damaligen Pflegerinnenschule mit Frauenspital, hier in der Stadt Zürich zur Welt. Nun bin ich selbst Pflegerin und arbeite in einem Zürcher Stadtspital. Ich arbeite gerne in diesem Beruf, weil es ein sozialer Beruf ist. Heute wurde ich eingeladen, um hier als Pflegefachrau in diesem Winter 2021 eine Rede zu halten. Durch die aktuelle Pandemie erhält die Pflege nun endlich eine Stimme. Wäre dies vor einem Jahr hier bei Karls Winterreden oder sonst wo denkbar gewesen? Nicht nur Pflegende sind es, die das letzte Jahr durch die Pandemie und deren Auswirkungen zu Wort gekommen sind. Mit der «Black Lives Matter» und Antirassismus-Debatte sind weitere Gespräche national und global ins Rollen gekommen. Hierzu habe ich für den Vpod die Gewerkschaft im Service public, letztes Jahr ein Interview gegeben. Darin berichte ich zum Thema Rassismus im Gesundheitswesen und wie ich persönlich im pflegerischen Berufsalltag davon betroffen bin. Nun möchte ich zum Kernthema des heutigen Abends kommen: «Warum Pflegende in Politik und Gesellschaft gehört werden sollten.» Ziel ist, dass die Menschen realisieren, dass es sie betrifft und das Gesundheit uns alle etwas angeht.

Gedanken einer Pflegefachperson

Im vergangenen Jahr wurde vielen klar, dass alle Angestellten im Gesundheitswesen von gesellschaftlicher Relevanz – sogenannt systemrelevant – sind. Die Pflegefachpersonen sind die grösste Berufsgruppe im Gesundheitssektor und «stemmen» den grössten Anteil der eigentlichen, patientennahen Versorgung. Sie verbringen die meiste Zeit mit der Betreuung von Patientinnen und Patienten und unterstützen deren Angehörige. In schweizerischen Spitälern wiederum sind bis zu 80 Prozent des Personals (in Küche oder Reinigungsdienst, Pflegebereich) Menschen von unterschiedlicher Ethnien. Wenn es stimmt, dass Pflegende systemrelevant sind, müssten wir auch bei politischen Auseinandersetzungen und Entscheidungen im Gesundheitssektor systematisch berücksichtigt werden. Im Rahmen der Umgestaltung des Gesundheitssystems vor dem Hintergrund demographischer und epidemiologischer Herausforderungen – also dass wir einerseits immer älter werden und länger leben – andererseits werden neue Pandemien und Krankheiten auf uns zukommen. Daher ist es wichtig, dass alle beteiligten Berufsgruppen – gerade auch die grösste Berufsgruppe im Gesundheitswesen – angemessen involviert werden. Nur so können die Interessen und Sichtweisen der professionellen Pflege in Entscheidungen und Vorhaben systematisch miteinbezogen werden. Es wird in Zukunft immer mehr so sein, dass Pflegefachpersonen einen noch grösseren Anteil der im Gesundheitswesen erbrachten Leistungen abdecken. Die Anliegen dieser Berufsgruppe müssen in der Gesellschaft und Politik nun endlich Gehör finden. Denn das Gesundheitswesen betrifft uns alle, früher oder später.

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen möchten längerfristig nicht mehr in diesem Beruf arbeiten aufgrund belastender Arbeitsbedingungen. Es werden hier in der Schweiz in Spitäler, ganze Stationen zu gemacht, weil kein Personal vorhanden ist. Meine Berufskolleginnen und Kollegen steigen aus dem Beruf aus – der sogenannte Pflexit ist in aller Munde. Ursachen für den Ausstieg aus dem Beruf sind Burn-out oder Moral Injury (moralische Verletzung). Die gute Nachricht ist, dass es immer noch Kolleginnen gibt, die sich beispielsweise in der Notfallpflege spezialisieren möchten trotz dem absurden Alltag auf einer Notfallabteilung. Ihr könnt euch bestimmt noch an die Serie Emergency Room erinnern, mit George Clooney und Mekhi Phifer in der Notfallaufnahme? Filmreife Szenen – einfach ohne Covid-19.

Aktuell nicht wahrgenommen wird beispielsweise, dass das Gesundheitspersonal dazu ausgebildet ist, epidemiologische Herausforderungen wie Pandemien zu bewältigen. Dies könnte mitunter auch einer der vielen Gründe sein, weshalb in der Schweiz das Gesundheitssystem unter der jetzigen Pandemie noch nicht völlig zusammengebrochen ist. In der Gesellschaft scheint diese Leistung jedoch nur zögerlich anerkannt zu werden. Die Corona-Krise forderte einen unmittelbaren und grossen Bedarf an hochqualifizierten Pflegenden, die in der Lage sind, hochkomplexe Versorgungssituationen zu planen, zu steuern und zu evaluieren. Trotz der jahrelangen bestehenden hohen Arbeitsbelastung tragen die Pflegenden dazu bei, die Qualität der Gesundheitsversorgung aufrecht zu erhalten und eine menschzentrierte Pflege zu gewährleisten.

Doch über längere Zeit wird das Gesundheitspersonal diese Zuständen – auch nach Bewältigung der Pandemie – nicht mehr lange standhalten können. Denn es wird wortwörtlich verheizt. Dies ist mittlerweile kein Geheimnis mehr, nur allzu oft wurde in nationale und internationale Medien im vergangenen Jahr über die prekären Bedingungen im Gesundheitswesen berichtet. Es sollte also vermehrt zu einem zentralen Thema gemacht werden, dass das schweizerische Gesundheitssystem in seinen Strukturen nicht optimal für Gesundheitskrisen angelegt wurde. Es ist sogar hinderlich für eine optimale und integrative Versorgung von Patientinnen und Patientinnen und vor allem für ältere pflegebedürftige Menschen. Gerade die Pflege und Betreuung in ländlichen Regionen gestaltet sich als eine grosse Herausforderung. Ein Hindernis dafür ist bestimmt auch das lokale Denken, sprich der Föderalismus in der Schweiz. Wir werden in einer Institution geboren und ein grosser Teil der Menschen, die hier im Lande leben verbringen ihre letzte Lebenszeit in einer Institution. Es müssen echte Alternativen geschaffen werden, denn die Tendenz zur «Solidaritätsgemeinschaft» ist in der Gesellschaft abnehmend und der Appell von politischen Parteien zur Eigenverantwortung immer grösser geworden. Alleine an die Eigenverantwortung zu appellieren reicht nicht aus. Es braucht eine Chancengleichheit und Zugang zu Bildung, Gesundheit und guten Arbeitsbedingungen.

Ich erachte es zudem als problematisch, wenn Verantwortliche in der Politik, den Anliegen der Arbeiter*innen im Gesundheitssektor wenig Beachtung schenkten. Konstruktive Initiativen, wie die der Pflegeinitiative werden vom Bundesrat konsequent abgelehnt. Bekannte Tatsachen der Sparmassnahmen im Gesundheitswesen werden unter den Teppich gekehrt. Die negativen Auswirkungen der steigenden Markt- und Wettbewerbsorientierung im Gesundheitswesen haben sich durch die Corona-Pandemie zugespitzt. Bereits vor der Pandemie hatte dies Einfluss auf Patient*innen, ältere und beeinträchtigte Menschen sowie deren Angehörige.. Die chronische personelle Unterbesetzung war bereits vor Corona eine Realität. Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir die vorhandenen Ressourcen im Gesundheitswesen, die von der öffentlichen Hand bezahlt sind priorisieren. Was bringt uns die Anschaffung von teuren medizinischen Geräten, wenn das Fachpersonal nicht vorhanden ist, diese High-Tech Geräte zu bedienen? Die Corona-Krise hat uns gezeigt, dass ein hoher Bedarf an hochqualifizierten Pflegenden notwendig ist, damit eine hochkomplexe Versorgung im Gesundheitswesen gewährleistet werden kann.

Ich möchte einen weiteren Punkt ansprechen, der die Arbeit im Gesundheitswesen im letzten Jahrzehnt zunehmend beeinflusst hat – nämlich politische Bestrebungen, das Gesundheitswesen mit einer starken Berücksichtigung marktwirtschaftlicher Aspekte zu reformieren (Privatisierung Mechanismen). Dies hat unter anderem zu einem Wettbewerb zwischen den Spitälern und auch innerhalb der Spitäler geführt. Ausserdem werden kranke Menschen in einem solchen System gleichgesetzt mit Kunden, die wie z.B. bei einem Autokauf einfach den besten Garagisten aussuchen können. Ein solches Verständnis setzt aber voraus, dass sich der Käufer*in und Verkäufer*in zusammensetzen und die Leistungen und Kosten miteinander verhandeln. Im Gesundheitswesen ist dies in Realität nicht wirklich umsetzbar, da die Patientin/der Patient die Kosten für die Behandlung nicht direkt selbst tragen. Ausserdem ist es schwierig vorherzusagen, wie eine gesundheitliche Behandlung sich auswirkt.

Ich vertrete die Meinung, dass durch die Einführung des Fallpauschalen Systems swissDRG (Diagnostic Related Groups), die Spitäler unter einem erheblichen Kostendruck geraten. Es findet eine Kostenverlagerung vom Spital auf die Patientinnen und Patienten statt. Im Spitalalltag wird die Pflege dazu gezwungen, sich betriebswirtschaftlicher zu orientieren und ist somit von den DRGs massgeblich betroffen. Die Pflegearbeit wird in unserem Fallpauschalensystem, praktisch nicht berücksichtigt. Es zeigen sich folgende Aspekte, die es zu bedenken gibt:

  • Zuwendung, Präsenz und Kommunikation verlieren an Bedeutung respektive haben keinen Platz mehr. Die Beziehungsqualität zum Patientinnen und Patienten sinkt.
  • Es gibt eine Arbeitsverschiebung von professionellen Pflegenden auf Hilfskräfte.
  • Oftmals sind Hilfskräfte migrierende Menschen aus der ganzen Welt.
  • Von Pflegenden wird ein hohes Mass an Flexibilität gefordert.

Ein wesentliches Merkmal der Arbeit in der Pflege ist Care – also die Sorge und Fürsorge um und für den anderen. Unter den jetzigen, auf Effizienz «getrimmten» Arbeitsbedingungen ist es kaum noch möglich, Patientinnen und Patienten diese Care zukommen zu lassen. Menschenwürdige Grundbedürfnisse beinhalten nun mal Care-Arbeit. Somit kommt wieder die Frage auf: Wie gestaltet sich nun die Zukunft und wie viel Wert ist uns die Pflegearbeit. Ich denke, dass wir als Gesellschaft uns solchen Fragen gemeinsam stellen sollen.

Die Krise hat ans Licht gebracht, dass die Pflege offenbar systemrelevant ist. Wenn es stimmt, dass Pflegende systemrelevant sind, müssen sie, wie einleitend gesagt, auch bei politischen Entscheidungen im Gesundheitssektor systematisch berücksichtigt werden. Applaudieren ist das eine, was ergibt sich nun sozialpolitisch daraus? Während der Pandemie wurden auch hier in der Schweiz, das Arbeitsschutzgesetz für Pflegefachpersonen praktisch ausser Kraft gesetzt. Ich möchte erwähnen das gewisse verantwortliche Personen in der Politik, schliesslich dazu beigetragen haben, dass viele Pflegefachpersonen aus diesem Beruf wieder aussteigen. Optimierungsprozesse aus neoklassischen und kapitalistischen Wirtschaftstheorien im Gesundheitswesen zu übernehmen, können nicht dazu dienen, das Problem des Pflegenotstands zu beheben.

Der Personalmangel ist etwas, das wir also nicht einfach auf Knopfdruck beheben können. Der Beruf muss attraktiver werden. Dazu braucht es bessere Arbeitsbedingungen und einen Gesundheitsschutz des Personals. Die Pflegeinitiative beinhaltet die Forderung, nach besseren Arbeitsbedingungen und drei weitere zentrale Punkte. Die Einhaltung und Umsetzung einer sicheren und qualitativ hochwertigen pflegerischen Versorgung, wie sie im Ethikkodex des (International Council of Nursing) verankert ist, muss zentraler Fokus gesundheitspolitischer Entscheidungen sein. In diesem Sinne plädiere ich dafür, dass das Bundesamt für Gesundheit Pflegeexperti*innen in ihr politisches Entscheidungsgremium aufnimmt.

Wir erheben zwar alle den Anspruch auf eine sichere und qualitative pflegerische Versorgung, machen uns aber gesamtgesellschaftlich kaum Gedanken darüber, wie diese gewährleistet werden soll. Es ist an der Zeit für eine Veränderung im Gesundheitswesen und dies sollte Fokus der Gesellschaft und Politik sein. Es geht nicht darum, wie die enormen Ausgaben, der Pflegekosten zu decken sind. Sondern das Pflegeleistungen wirksam sind. Langfristig ist es ethisch und moralisch nicht tragbar, die Pflege und Betreuung am Menschen immer mehr zu rationalisieren, ‘verschlanken’ und zu kürzen. Dies geht auf Kosten der Patientinnen und Patienten sowie unser aller Gesundheit. Wichtig zu erwähnen ist, dass im Pflegeberuf hauptsächlich Frauen arbeiten. Daher sind bessere Arbeitsbedingungen und ein angemessener Lohn wichtige Themen der Gleichstellung und einer feministischen Agenda.

Vielen Dank.

Die erhaltene Gage möchte ich an das Projekt «Essen für Alle» spenden, es handelt sich hier um Projekt, dass von Amine Diare ins Leben gerufen worden ist. Er selber ist Sans Papier und abgewiesener Geflüchteter. Das Projekt hilft benachteiligte Menschen während der Corona-Krise. Sie betreuen diverse Essensausgabestellen in der Stadt Zürich.

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