💌 «Züri Briefing» 💌

Eine Ziegenweide hinter dem Stadtzürcher Döltschihof (Fotos, wenn nicht anders deklariert: Michael Schallschmidt).

Wieso die Schweiz «Nein» zu sauberem Trinkwasser sagte

Die Schweizer Landwirtschaft steht seit Jahren immer wieder in der Kritik, wenn es um Umweltschutz und Nachhaltigkeit geht. Dennoch lehnte die stimmberechtigte Bevölkerung im Juni dieses Jahres gleich zwei Initiativen ab, die Veränderungen gebracht hätten. Die Gründe für dieses Ergebnis liegen im Verhältnis zwischen Bevölkerung und Landwirtschaft.
07. September 2021
Praktikant Redaktion

Neben dem Gewerbegebäude in Dübendorf, wo der Zürcher Bauernverband eingemietet ist, erstreckt sich ein brachliegendes Baufeld. Wer aus dem Fenster des Konferenzraumes in der vierten Etage nach unten blickt, sieht ein Chaos aus Gestrüpp und Unkraut. «Diese Baubrache muss alle paar Jahre einem Kahlschlag unterzogen werden. Es ist extrem, was in fünf Jahren wächst, wenn man ein Feld nicht bewirtschaftet.»

Das sagt Ferdi Hodel, Geschäftsführer des Zürcher Bauernverbandes, der sich gerade in diesem Konferenzraum befindet. Es zeige, was für eine Bedeutung die Landwirtschaft neben der Produktion von Lebensmitteln in der Schweiz habe: «Die Felder bewirtschaften, Strassen und Wege intakt halten und nicht zuletzt für ein ästhetisches Landschaftsbild sorgen», zählt Hodel auf. In den vergangenen Jahrzehnten veränderte sich jedoch die Wahrnehmung der Bevölkerung gegenüber der Landwirtschaft.

Ein Bauernhof in der Nähe von Rümlang im Jahr 1954. (Foto: Bildarchiv der ETH)

Im Jahr 1954 trat in der Schweiz das Gesetz zur «Förderung der Landwirtschaft und Erhaltung des Bauernstandes» in Kraft. Dieses Gesetz versteht sich als eine Bestätigung des Gesellschaftsvertrages zwischen der Bevölkerung und der Landwirtschaft: Die Landwirt:innen ernähren die Bevölkerung und im Gegenzug unterstützt die Bevölkerung die Landwirtschaft. In den darauffolgenden Jahrzehnten erntete die Landwirtschaft jedoch zunehmend Kritik in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit.

Als frühes Beispiel dafür dient die Phosphorbelastung in Schweizer Gewässern. Diese entstand unter anderem durch den erhöhten Einsatz von Dünge- und Futtermitteln. Mithilfe von Gewässerschutzmassnahmen wirkt der Bund der Phosphorbelastung seit den 1970er-Jahren erfolgreich entgegen. Um die Biodiversität zu fördern, wurden vom Bund zudem finanzielle Entschädigungen an Landwirt:innen ausgezahlt, die mit ihren Anbaumethoden die Artenvielfalt fördern. Das Thema Landwirtschaft beschäftigte zunehmend die Politik und damit auch die Bevölkerung.

Im Juni 2021 standen gleich zwei Initiativen zur Abstimmung, die sich agrarpolitischen Themen annahmen:

Die «Pestizid-Initiative» forderte ein Verbot für den Einsatz synthetischer Pestizide. Entstanden ist die Initiative durch eine Gruppe besorgter Menschen, darunter auch Ärzt:innen und Wissenschaftler:innen. Für die notwendigen Umstellungsprozesse hätten die Bauernhöfe zehn Jahre Zeit gehabt.

Die «Trinkwasser-Initiative» sah wiederum ein Subventionsverbot für Landwirtschaftsbetriebe vor, die synthetische Pestizide oder vorbeugende Antibiotika-Einsätze tätigen. Weiter forderte die Initiative, dass die Landwirtschaftsbetriebe ihre Tiere nur mit selbst produziertem Futter ernähren. Die Initiative sah eine Übergangsfrist von acht Jahren für die Bauernhöfe vor.

Es ging nicht mehr um Förderungen

Mit den Agrar-Initiativen, die im Juni zur Abstimmung standen, forderten die Initiant:innen mehr Verbote und gestrichene Subventionen für die Landwirtschaft. Deshalb sprach sich der Schweizer Bauernverband als Mitglied der «Allianz gegen die extremen Agrar-Initiativen» gegen beide Initiativen aus.

Sowohl die stimmberechtigte Bevölkerung als auch die Stände sagten zu beiden Initiativen «Nein». Die Abstimmungskarten der Pestizid-Initiative und der Trinkwasser-Initiative zeigen einen Stadt-Land-Graben, der sich durch die ganze Schweiz zog: Das «Nein» zu den Agrar-Initiativen fiel in ländlich geprägten Gebieten tendenziell höher aus als in den städtischen. Politik- und Medienwissenschaftler Lukas Golder sprach während eines SRF-Beitrages zu den Abstimmungsergebnissen von einer hohen Mobilisierung auf dem Land und einem aussergewöhnlichen Abstimmungskampf. Die Abstimmungsergebnisse würden zudem auch ein Fortbestehen des Gesellschaftsvertrages bestätigen.

«Wir können Dinge verbessern»

Das Ergebnis der Initiativen sei ein gutes Zeichen, sagt auch Hodel. Die Bevölkerung akzeptiere mehrheitlich den Weg, auf dem sich die Landwirtschaft befindet, sagt der Geschäftsführer des Zürcher Bauernverbandes. «Es ist uns gelungen der Bevölkerung klarzumachen, dass wir im Wissen sind, Dinge verbessern zu können.» Um auf die Nachhaltigkeits-Ansprüche der Konsument:innen eingehen zu können, müssten sich die Menschen jedoch beim Einkaufen so verhalten wie sie abstimmen, sagt Hodel weiter. «Viele Menschen äussern sich an der Urne so, wie sie gerne sein möchten, achten im Laden aber auf das beste Preis-Leistungs-Verhältnis.»

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Regionale Bio-Produkte, Fleisch nach höchsten Tierschutzstandards und kleinere landwirtschaftliche Betriebe nur zu wollen, würde folglich nicht ausreichen, sagt Hodel. Die Bevölkerung müsste dafür die entsprechenden Produkte auch häufiger kaufen. «Solange diese beiden Aspekte nicht übereinstimmen, können wir uns in der Landwirtschaft nicht anpassen», sagt Hodel. Produkte mit Bio-Label haben in den vergangenen Jahren dafür Marktanteile gewonnen. Gemäss des Jahresberichts von Bio-Suisse machte der Anteil an Bio-Lebensmitteln im Jahr 2020 10,8 Prozent des Lebensmittelmarktes in der Schweiz aus. Im Jahr 2019 machte dieser Anteil noch 10,3 Prozent aus.

Die Probleme sind unbestritten

In Zusammenhang mit den Agrar-Initiativen sorgte Bio-Suisse bereits im April dieses Jahres für Schlagzeilen. Der Dachverband der Bio-Landwirt:innen sprach sich zwar für ein «Ja» zur Pestizid-Initiative aus, gleichzeitig aber auch für ein «Nein» zur Trinkwasser-Initiative. Die Probleme, welche die «Trinkwasser-Initiative» lösen wollte, wären zwar unbestritten, sagte der Präsident von Bio-Suisse Urs Brändli in einer Medienmitteilung. «Mit den vorgeschlagenen Massnahmen sollen die Probleme allein auf dem Buckel der Bäuerinnen und Bauern gelöst werden», hiess es jedoch weiter.

Weidefläche für Nutztiere oberhalb des Spitals Triemli.

Das Initiativkomitee der «Trinkwasser-Initiative» sieht im Ergebnis der Abstimmungen anstelle einer Niederlage ein wichtiges Zeichen, das die stimmberechtigte Bevölkerung aussendet. «Fast 40 Prozent Ja-Stimmen», schreibt das Initiativkomitee gross und prominent auf ihrer Website. Auch das Komitee hinter der Pestizid-Initiative spricht vom Unmut der Bevölkerung. «Die Menschen haben genug von den Schlagzeilen über gesundheitliche und ökologische Katastrophen», sagte auch Dominik Waser in einer Mitteilung auf der Website des Initiativkomitees «Leben statt Gift».

Ohne die Forschung geht es nicht

Für Matthias Frei, der den Landwirtschaftsbetrieb «Lindenhof» in Watt nahe der Zürcher Stadtgrenze führt, seien die beiden Agrar-Initiativen zu wenig durchdacht gewesen. «Einfach etwas zu verbieten, ohne eine Alternative anzubieten, ist keine Lösung», sagt Frei. So sei die Landwirtschaft beispielsweise beim Kartoffelanbau oder auch im Weinbau momentan noch auf Pestizideinsätze angewiesen.

Wir investieren laufend in neue Geräte und Projekte, um uns zu optimieren.
Matthias Frei, Landwirt

Dennoch sieht der Landwirt ein grosses Potenzial darin, Pestizid-Einsätze in Zukunft zu minimieren: «Heute gibt es bereits autonome Melkroboter, die uns die Arbeit erleichtern. Womöglich gibt es in Zukunft auch Roboter, die auf den Feldern arbeiten und damit den Ackerbau verändern.» Dafür sei die Landwirtschaft jedoch auf die Forschung angewiesen, erklärt Frei. Auch wenn beide Agrar-Initiativen nicht zustande gekommen sind, laufe in der Landwirtschaft dennoch ein grosser Wandel, sagt Frei: «Wir investieren laufend in neue Geräte und Projekte, um uns zu optimieren.»


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