10. September 2022 um 04:00

Wieso das «Warm-up» die Königsklasse des Auflegens ist

Unser neuer Nachtleben-Kolumnist Dominik André ist DJ und war neulich zu Gast im Club Zukunft. Dort bekam er bereits während des Warm-up-Sets «Elektro- und Breakbeats in einer unnatürlich hohen Geschwindigkeit um die Ohren geballert». In dieser Kolumne erklärt er die Wichtigkeit und unterschiedlichen Anforderungen des «Warm-ups», der «Maintime» und der «Afterhour».

(Foto: Illustration: Zana Selimi)

Vor einer Weile war ich als Gast im Club Zukunft. Ich glaube, es war das erste Mal nach der pandemischen Pause. In der noch jungen Nacht wollte ich das Set meiner Freundin Audrey Danza auf keinen Fall verpassen. Auf der Tanzfläche angekommen, war es 01:20 Uhr, daran kann ich mich genau erinnern. Dies, weil ich mehrfach die Uhr an meinem Handgelenk konsultierte, denn irgendwie passte das, was der DJ gerade spielte, nicht zu dem, was ich um diese Uhrzeit erwartete, geschweige denn, was mich zum Tanzen animiert hätte.

Darüber, welche Musik ein:e DJ wann zu spielen hat, wird viel philosophiert und eine allgemeingültige Formel gibt es nicht. Grob kann man aber zwischen Warm-up, Maintime und Afterhour unterscheiden. Afterhours ziehen sich bekanntlich in die Länge, deshalb wird von DJs erwartet, dass sie die Tänzer:innen bei Stange halten, solange sie noch stehen können. Wer zur Maintime spielt, kreiert meistens den Höhepunkt der Party und musikalisch widerspiegelt sich das durch ein hohes Energielevel und oft auch mit dem einen oder anderen Hit. Beim Warm-up wird, wie es der Name so schön sagt, aufgewärmt.

Die Besucher:innen kommen an, müssen sich zuerst zurechtfinden, Freund:innen begrüssen und gesellen sich dann langsam auf die Tanzfläche. Da sollen sie dann bleiben, was durch die richtige Musikauswahl der DJs unterstützt wird. Zwischen Warm-up, Maintime und Afterhour gibt es meist fliessende Übergänge. Die Energie wird von einem:einer DJ zum nächsten weitergegeben, denn heute werden diese Slots oftmals von verschiedenen Personen besetzt. Eine Ausnahme ist der Allnighter, dann spielt ein:e DJ über die gesamte Dauer des Events alleine.

In besagter Nacht schlug der BPM-Counter – die Geschwindigkeit in der Clubmusik angegeben (Beats Per Minutes) – bei 148 BPM aus, was grundsätzlich schon sehr schnell ist. Umso mehr, da der dafür verantwortliche DJ das Warm-up spielte und speziell in diesem Club, den ich selbst sehr gut kenne, einerseits die Musikgeschwindigkeit und andererseits die Musikwahl nicht zur Uhrzeit passten.

«Dass man jedoch beim Warm-up Titanium spielt, scheint auch mir als Genre-Fremder-DJ etwas übertrieben – ausser der Warm-up-DJ heisst David Guetta.»

Dominik André

Aufgewärmte Diskussionen

Gerade kocht auf Twitter die Diskussion um dasselbe Thema hoch, die aus der EDM-Ecke auf die ganze DJ-Szene rüberschwappte. Auslöser ist der EDM Star-DJ Afrojack, der sich darüber mokiert, dass ein DJ vor ihm den Track «Titanium» spielte. Das Problem: Afrojack co-produzierte den Song, der auf David Guettas Album «Nothing but the Beat» aus dem Jahr 2011 erschien. Auch in meiner DJ-Twitter-Bubble hat dazu jede:r eine Meinung und so erscheinen nun regelmässig neue Stellungnahmen dazu, was ein:e DJ fürs Warm-up können muss und was er:sie darf und was nicht. 

Es ist tatsächlich eher unüblich, dass man Musik des:der nachfolgenden DJs spielt, was bei Afrojack anscheinend passiert ist. Da «Titanium» schon über zehn Jahre alt und nicht jedem bekannt ist, dass Afrojack am Stück mitgeschrieben hatte, ist das jedoch eher eine Bagatelle. Dass man jedoch beim Warm-up «Titanium» spielt, scheint auch mir als Genre-Fremder-DJ etwas übertrieben – ausser der Warm-up-DJ heisst David Guetta.  

Was feststeht: Der Slot des:der Warm-up-DJs ist gegenüber der Maintime und Afterhour mit speziellen Anforderungen besetzt. Deshalb wird diese Aufgabe meist erfahrenen DJs anvertraut. Ein:e DJ weiss auch, dass Booker:innen ihr Programm so planen, dass es über die Dauer einer Nacht einen roten Faden und eine Entwicklung gibt und hinter jedem Slot eine Überlegung steckt.

«Die Besucher:innen hatten noch nicht mal ihre Jacken abgegeben und bekamen schon Elektro- und Breakbeats in einer unnatürlich hohen Geschwindigkeit um die Ohren geballert.»

Dominik André

Irritationen auf der Tanzfläche

Im Club Zukunft stand Audrey Danza neben mir und beobachtete die Szene. Wirklich Stimmung kam noch nicht auf. Die Bewegungen auf der Tanzfläche tendierten eher in Richtung Bar anstatt ins Zentrum des Beschallungsraums. Wie auch. Die Besucher:innen hatten noch nicht mal ihre Jacken abgegeben und bekamen schon Elektro- und Breakbeats in einer unnatürlich hohen Geschwindigkeit um die Ohren geballert. Für mich, der an diesem Ort schon etliche Warm-ups spielte, war das Ganze etwas befremdlich. Gerade auch, weil die Aufgabe des Warm-ups für mich so etwas wie die Königsklasse des Auflegens ist.

Natürlich ist diese Aufgabe etwas undankbar. Denn hast du die Tänzer:innen mal an den Punkt gebracht, an dem du richtig aufdrehen kannst, musst du an den:die nächste DJ übergeben. Dass du die Leute mit viel Fingerspitzengefühl langsam von der Bar Richtung Tanzfläche manövriert hast und mit viel Geduld, Track für Track, das Energielevel graduell sorgfältig Stück für Stück angehoben hast, bleibt meist unbemerkt. Dabei hast du genau dann den perfekten Job gemacht.

Als Audrey dann am DJ-Pult stand, begann sie mit einem Track, der sogleich eine ganz andere Stimmung einleitete, und nach drei oder vier Übergängen war die Tanzfläche voll. Das sichtlich gelöste Publikum tanzte sich während Audreys Set schweissnass. In dieser Nacht habe ich gelernt, dass glücklicherweise nicht alles an den Warm-up-DJs hängt. Eine erfahrene DJ kann jederzeit das Ruder rumreissen, trotz misslungener Vorarbeit des Warm-up-DJs.

Dominik André

Dominik André schreibt seit einigen Jahren über DJ-Kultur, Musik-Nerd-Kram und manchmal auch über das Musikgeschäft. 2014 mitbegründete er das Onlinemagazin 45rpm.ch und schrieb eine Zeit lang für das Groove Magazin in Berlin und das Szene- und Eventportal ubwg.ch. Als aktiver DJ und Betreiber des Plattenlabels Subject To Restrictions Discs lebt er mit, um und in Clubs und Plattenläden. Für Tsüri.ch schreibt er regelmässig über Clubkultur und was die hiesige DJ-Szene grade umtreibt.