💌 «Züri Briefing» 💌

Illustration: Artemisia Astolfi

Wieder da

Schön, sei sie wieder da, sagt unsere Kolumnistin ihrer Gesprächspartnerin, der Kioskfrau. Ja, das denke ich auch, sagt diese und erzählt, wie junge Menschen in ihrem Innenhof einen Pizzaofen aus Lehm gebaut haben. Was denn das sei, wollte sie wissen. Und ob sie reden würden mit dem Material oder einfach nur bauen, oder was da überhaupt los sei mit ihnen, dem Material, der Zeit, dem Ofen.
04. September 2021
Schriftstellerin

Ich gehe durch Zürich und sehe hinter den Absperrungen der Baustellen Betonmischer Beton mischen, ein eleganter Mann, in orange leuchtendem Anzug, wischt die Strasse vor mir. Er betrachtet sie genau, wischt alles weg, was da nicht hingehört, auf den Gehweg, auf dem Menschen hinter Menschen hinter Menschen in eine Richtung gehen.

Hinter der Scheibe des Kiosk sehe ich die Kioskfrau stehen. Sie sieht mich auch und winkt und schiebt das Fensterchen auf. Sie sei wieder da, sagt sie, auch ohne Tamedia, sagt sie. Das reime sich, und dann lacht sie ein Höhlenlachen, es hallt bis in mich hinein. Sie zeigt mir ihre Hände, die Nägel kurz und ohne Farbe. Sie sei jetzt etwas praktischer geworden, und habe sich ein bisschen umgehört, was so los sei. Und?, frage ich, was sei denn so los?

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Na, Heidi Klum zum Beispiel, die sei zum glücklichsten Menschen der Welt gewählt worden, sagt die Kioskfrau, aber so genau könne man das ja nicht feststellen, wer weswegen wieviel Glück empfinde, wie es dann aussehe im Inneren der Menschen, das wisse man einfach nicht. Aber im Innenhof, in den sie blicke vom Küchenfenster ihrer Wohnung aus, stehe eine grosse Blutbuche und neben der Blutbuche, stehe jetzt ein Pizzaofen und sie habe die jungen Menschen beobachtet aus dem Küchenfenster blickend, die Tag für Tag, diesen Ofen erbaut hätten.

Sie hätte das Gefühl gehabt, diese Menschen würden mit dem Material kommunizieren, es kneten, auf ihm spazieren gehen. Da sei sie hinunter gegangen, irgendwann, zu ihnen und habe sie gefragt, was denn das sei, ob sie reden würden mit dem Material oder einfach nur bauen, oder was da überhaupt los sei mit ihnen, dem Material, der Zeit, dem Ofen. Lehm, habe einer der Menschen gesagt, habe ein Gesicht gehabt wie ein offenes Fenster einer Wohnung am Meer. Lehm sei das Material. Lehm werde bei Baustellen aus dem Boden gehoben, dann werde dort Beton als Fundament eingefüllt, dort wo Lehm war, liege dann Beton. Beton sei ein totes Material und Lehm aber lebendig.

Und weil es sich bewege und weil man auf es reagieren müsse, weil es Zeit und Aufmerksamkeit brauche, werde es ausgehoben und weggetragen und nicht mehr gebraucht. Dabei könnten wir ganze Städte bauen aus Lehm, diesem gelblich, goldig, braunen, anschmiegsamen Material, wenn wir nur die Zeit, den Raum nehmen würden, habe der junge Mensch gesagt oder viel mehr gesungen, und sie sei gerührt gewesen, aber auch etwas seltsam habe sie es gefunden, habe aber gar nicht sagen können warum.

Als sie dann wieder oben gewesen sei und hinunter geschaut habe, habe der junge Mensch mit dem Gesicht wie ein offenes Fenster einer Wohnung am Meer hochgeschaut zu ihr und die Hand gehoben und sie habe auch die Hand gehoben und sie bewegt und habe danach lange ihren Holztisch betrachtet. Schön, sei sie wieder da, sage ich. Ja, das denke ich auch, sagt die Kioskfrau.

Kolumnistin Julia Weber
Schriftstellerin Julia Weber hat im Jahr 2012 den Literaturdienst gegründet und war 2015 Mitbegründerin der Kunstaktionsgruppe «Literatur für das, was passiert» zur Unterstützung von Menschen auf der Flucht. Im Frühjahr 2017 erschien ihr erster Roman «Immer ist alles schön» der vielfach nominiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem internationalen Franz-Tumler-Literaturpreis, der Alfred Döblin Medaille der Universität Mainz, 2017 stand der Roman auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises. 2019 gründete Julia Weber mit sechs weiteren Schriftstellerinnen das feministische Autorinnen Kollektiv «RAUF», welches Aktionen und Veranstaltungen organisiert, um die Sichtbarkeit und Position der Frau innerhalb des Literaturbetriebs zu stärken. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich.

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