Wie viel Plastik brauchst du zum Essen?

Im Kreis Fünf öffnet bald ein neuer «Zero Waste» Laden. Es spricht einiges für seinen Erfolg.
01. Januar 2017

Nicht ganz zu Unrecht ist das Arbeitsquartier Zürich-West als Betonwüste verschrien. Fast so, als wär’s den Ansässigen peinlich, geben sie ihren Anlagen blumige Namen: «Technopark», «Westpark», «Kulturpark» oder «Kulturweid». Auch auf den Mittagstellern gibt’s oft wenig Grünes. Man hat die Qual zwischen salzigem Kantinenfood und sterbenslangweiligen Sandwiches von Coop und Migros. Für eine anständige Auswahl an Obst und Gemüse muss man gar zum Limmatplatz pilgern. Das übliche Dilemma halt, wenn man schon eine gewisse Zeit am selben Ort arbeitet. Doch nun soll ein Laden für unverpackte Nahrungsmittel direkt am Turbinenplatz Abwechslung bringen.

Noch ist vom «Foifi» nicht viel zu sehen. Zeitungspapier ziert die Fenster und das Innere gleicht einer Baustelle. Mitbegründer Christof Studer und ich setzen uns und trinken Kaffee, während die Kollegen fleissig weiterschuften. Bis Mitte Februar soll alles fertig sein. Damit ich mir eine Vorstellung vom fertigen Ladenlokal machen kann, reicht er mir ein Holzmodell und erklärt mir anhand dessen die geplanten Sektionen: Nebst einer Wanne für Pflegeartikel und dem Offenverkauf diverser Naturalien und Powerfoods ist auch eine Mitnahme-Theke geplant. Nur eine warme Küche wird es nicht von Beginn an geben. Die grosse Idee dahinter ist Kreislaufwirtschaft, das Gegenmodell zur Wegwerfgesellschaft.

Immer Bio, aber nicht nur vegan

Kunden bringen eigene Behälter mit und dosieren die gewünschten Waren mithilfe von Dispensern, damit möglichst wenig Überschuss entsteht. Diese Vereinfachung erfordert eine gewisse Umstellung, aber die Vorteile werden rasch greifbar: Wo man früher zwanzig verschiedene Reinigungsmittel unbenutzt im Schrank stehen hatte, kann heute dasselbe Resultat mit einer Flasche Essig erreichen werden. Man braucht auch nicht erst eine Sammlung an Gewürzdosen anlegen, wenn man beispielsweise die WOK-Küche erforschen möchte. Kleinstmengen sorgen für Vielfalt.

Christof hat einen Hintergrund im Gartenbau und ist ein grosser Anhänger der Permakultur, also des Konzeptes der dauerhaften und naturnahen Kreisläufe. Er sei überzeugt, dass fast alle Waren über lokale Lieferanten beziehbar sind, meint er im Gespräch. Ausserdem erzeuge Lokalität Vertrauen. Der anhaltende Aufstieg des urbanen Gartenbaus habe neue Kooperativen hervorgebracht, mit denen sich gut handeln lasse. Bekannte im Bündnerland würden zweimal im Jahr wursten. Dies bedeute zweimal Wurstspezialitäten jährlich. Auch wäre die Bewirtschaftung der umliegenden Hausdächer denkbar. In dieser Hinsicht ist Zürich-West Neuland.

Noch ist «Zero Waste» in der Romandie stärker vertreten, doch der Einzug in die Deutschschweiz hat längst begonnen. Man wolle mit anderen Läden in Zürich zusammenarbeiten, denn grosse Bestellmengen gefallen auch den Lieferanten. Überhaupt gehe es um die Stärkung der Gemeinschaft. Es soll sich eine Community bilden, in der neue Lösungen entwickelt und ausgetauscht werden - etwa zu Fragen der Lagerung und Frischhaltung oder zu der Herstellung von eigenem Ketchup. Das «Foifi»-Team möchte die Leute inspirieren. Oft hat man abends keine Ahnung, was man eigentlich zum Znacht will, sagt Christof. Er ist überzeugt, dass Kochen und Essen die Leute zusammenbringt, zuhause wie im Büro.

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In den Medien wird seit zehn Jahren Nachhaltigkeit gepredigt, doch im echten Leben bleibt es meist bei Deckmäntelchen und Lippenbekenntnissen. Politik und Wirtschaft bewegen sich immer erst dann, wenn ihnen Wähler und Kunden davonlaufen. Wenn die Migros beispielsweise Plastiktaschen nicht mehr gratis abgibt, ist das weniger ein Zugeständnis an den Zeitgeist als eine PR-Aktion. Fünf Rappen schrecken niemanden und will man Früchte und Gemüse im Offenverkauf besorgen, kommt man um Kunststoff nicht herum. Man muss die Ware schliesslich wägen, und Fleisch- wie Käsetheken sind längst Regalen gewichen. Bei den Grossverteilern geht der Trend ohnehin Richtung Automatisierung. Da ist mehr Verpackung vorprogrammiert.

Dabei wären neue Konzepte dringend nötig. Die Bio-Bewegung ist mittlerweile fester Bestandteil unseres Einkaufsverständnisses geworden und «Zero-Waste» der nächste logische Schritt. Es könnte unseren Konsum ähnlich positiv verändern wie einst der Veganismus. Eins ist klar: Die grossen Detailhändler können und werden vorerst nicht mitziehen, und darum stehen die Zeichen für Läden wie das «Foifi» günstig.

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