Wie sieht die Zukunft des Journalismus aus?

Früher bestand die Zielgruppe aus Leser*innen, dann wurden diese zu User*innen. Früher haben die Journalist*innen gesendet, heute senden und empfangen sie. Wie wird diese Entwicklung weitergehen? Wie sieht die nächste Evolutionsstufe des Journalismus aus? Diese und andere Fragen diskutierten wir am Donnerstag, 19. Oktober im Karl der Grosse.
20. Oktober 2017

Der Medienwandel ist mit der Digitalisierung noch lange nicht abgeschlossen. Früher wurde geblättert, heute wird geklickt. Doch wenn Medien auch in Zukunft bestehen, begeistern und unterhalten wollen, braucht es mehr als nur eine geschickte Digitalstrategie. Bisherige und neue Akteur*innen entwickeln Konzepte, mit denen der Journalismus gerettet und seine Aufgabe als 4. Gewalt im Staat gesichert werden soll. Die Herangehensweisen unterscheiden sich teilweise stark.

Diese Fragen wollte Tsüri.ch diskutieren und lud am Donnerstag zur Diskussion: Hansi Voigt (früherer Chef von 20 Minuten Online und Watson, jetzt WePublish), Christof Moser (Gründer Republik & Project R), Stephanie Grubenmann (New Media Expert, ZHdK) und Simon Jacoby (Tsüri.ch) stellten sich den Fragen von Marguerite Meyer (Swissinfo).

Eine Frage der Finanzierung

Digitalisierung, Medienwandel und Medienfinanzierung dominieren gegenwärtig die Diskussionen zur Zukunft der Medien in der Schweiz. Die fortschrittlichen Akteur*innen verfolgen alle das gleiche Ziel: Die Rettung des Journalismus. Bei der Frage zur Umsetzung gehen die Positionen jedoch auseinander. Die Medienforscherin Stephanie Grubenmann meint, dass «grosse Dampfer» wie die NZZ keinesfalls zu starr seien für einen Wandel. Es brauche lediglich eine gewisse «Offenheit» gegenüber den neuen Möglichkeiten und eine Bereitschaft, diese auch auszuprobieren. Offen und mutig sind die anwesenden Medienunternehmer*innen alle. Stellt sich nur die Frage nach der Finanzierung.

Der Bildschirm gehört voll und ganz dem Inhalt.
Christof Moser

Die Finanzierungsfrage stellt sich auch für Simon Jacoby von Tsüri.ch: «Unser Startkapital ist aufgebraucht, ohne Membereinnahmen, Sponsoren und Native Ads könnten wir nicht überleben». Deshalb habe das Stadtmagazin Anfang Woche erneut ein Crowdfunding gestartet, «damit wir unser Projekt auf stabile wirtschaftliche Beine stellen können», so Jacoby. In anderen Worten: «Je mehr Member, desto freier sind wir in der redaktionellen Arbeit». Die Frage nach Inhalten und deren Unabhängigkeit ist zentral in der Debatte. Gerade auch, weil der Journalismus gegenwärtig um Glaubwürdigkeit bei den Zielgruppen ringt.

Das Bedürfnis nach einem unabhängigen Journalismus haben die Macher*innen der Republik geschickt erkannt und bieten den enttäuschten Bildungsbürger*innen Zuflucht. Dabei befindet sich die Republik in einer bequemen Lage: Durch das Mega-Crowdfunding konnten über drei Millionen Franken gesammelt werden, welche durch Investitionen in Millionenhöhe ergänzt werden. So müssen sich die Leute im Rothaus an der Langstrasse nicht mit Native Ads oder sonstiger Werbung auseinandersetzen. Das ermögliche ein ganz neues Denken bezüglich der Präsentation von Inhalten, meint Christof Moser. «Der Bildschirm gehört voll und ganz dem Inhalt.» Auf Werbebanner und sonstige layouttechnische Einschränkungen könne verzichtet werden.

Wie können wir den Inhalt zum Interesse bringen?
Hansi Voigt

An guten Inhalten fehle es nicht, ist Hansi Voigt überzeugt. Er ortet das Hauptproblem woanders: «Wie können wir den Inhalt zum Interesse bringen?» Diesbezüglich bestände Nachholbedarf. So empfiehlt Voigt, «wir sollten die veraltete mediale Infrastruktur zu einer digitalen Allmend umwandeln, wo Transparenz herrscht und die Algorithmen offenliegen». Voigts Service WePublish will genau dort ansetzen und Medienhäusern eine topmoderne IT-Infrastruktur zur Verfügung stellen.

Was ist guter Journalismus?

Wenn sich das «Wie» gegenwärtig im Wandel befindet, bleibt dann das «Was» immer noch dasselbe? Was ist guter Journalismus und welchen Platz nimmt er in einer Demokratie ein? Stephanie Grubenmann findet, guter Journalismus helfe bei der Meinungsbildung, die Inhalte müssten dafür aber auch bei den Leuten ankommen. Demokratische Relevanz kann man auch erreichen, indem man der Community gut kuratierte Veranstaltungshinweise liefert – ein Service, den Tsüri.ch seinen Membern anbietet. «Gute Geschichten finden immer ihre Leserinnen und Leser», ist Moser überzeugt. «Wir müssen uns aber fragen, in welchen Formen wir in Zukunft erzählen wollen. Eine Zeitung ins Web kippen ist garantiert nicht die Lösung. Wir brauchen neue Modelle, und wir müssen anfangen, neu zu denken!»

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