Grossmutters Sorgen: «Wie sehen dann diese Kinder aus?»

Er war Ausländer, bevor er es wusste. Sein Vater ist der erste Moslem in einem kleinen Dorf im Zürcher Unterland gewesen. Vom anders Aussehen und Aufwachsen als Kind mit Migrationshintergrund: Eine persönliche Erfahrung von Tsüri.ch-Redaktor Timothy Endut.
14. August 2018

Alles glotzt. Alles dreht den Kopf. Dabei sind es doch nur meine Schwester und ich. Wir sind noch Kinder – sie zwei Jahre älter als ich. Süss und unschuldig stehen wir dort, in der Mehrzweckhalle, im Dorfladen, am Turnerchränzli, am «Brot für Alle». Meine Hand in ihrer. «Die Ausländer*innen kommen!» Ich kann es in ihren Augen sehen.

Es ist sinnlos, die latent rassistischen Tendenzen in unserem Land zu leugnen. Sie sind Realität. Wir haben sie erlebt und erleben sie noch immer, meine Schwester und ich. Vor allem in ländlichen Gegenden stösst man noch heute auf verschüchterte, xenophobe Wesen, welche mit bösen Blicken zu schützen versuchen, was sie hochachtungsvoll «die Schweizer Kultur» nennen.

Eine grässliche, unveränderbare Idylle

In genau jener Kultur bin auch ich aufgewachsen. In Stadel. Damals knapp 2’000 Einwohner*innen. Ein Kackdorf am nordwestlichen Ende des Kantons. Eine grässliche Idylle zwischen bewaldeten Hügeln und trockengelegten Sümpfen, zwischen Dorfladen und Turnverein. Ein Ort, an dem die Zeit irgendwo zwischen 1950 und den 68ern stehen geblieben ist. Das Beste daran: keine Ausländer*innen!

Zumindest damals noch nicht. Doch dann hat es 1981 eine junge Schweizerin gewagt, einen Sprachaufenthalt in Brighton in England zu machen. Hat es gewagt, sich dort in einen jungen Malaysier, einen Moslem (!) zu verlieben. Hat es gewagt, ihn nach Hause zu bringen, ihn zu heiraten. Hat es gewagt, Kinder zu zeugen.

Hochzeitsfoto 1985: In der Mitte meine Eltern

Rausgekommen, welch’ Schande, sind meine Schwester und ich. Herrgottnochmal! Mischlinge! Leicht angegilbte, bräunliche Geschöpfe mit mandelförmigen Augen und pechschwarzem Haar: kein akzeptables Aussehen für ein Leben im Bünzlitum. Und doch. Wir waren da. Ob wir es nun wollten oder nicht.

Das fehlende Gefühl von Zugehörigkeit oder gar die aktive Exkludierung geht an keinem Kind unbemerkt vorbei. Einmal zog mir ein Klassenkamerad meiner Schwester auf dem Nachhauseweg eine Eisscholle über den Kopf. Selbes Kind nannte meine Schwester einen Affen, als es im Unterricht um die Evolution des Menschen ging. Da ich damals mit einer Gehirnerschütterung nach hause kam, ging meine Schwester am nächsten Tag los und gab es ihm zurück. Wir hielten zusammen, egal was geschah.

Als Kind war ich mir der «Abartigkeit» meiner Familie noch nicht bewusst. Mir fiel kaum auf, dass wir anders waren. Wenn ich eine fremd-diagnostizierte Andersartigkeit vielleicht erahnte, dann erfüllte es mich mit Stolz statt Scham.

Mit Pfeil und Bogen gegen die Cowboys

Wenn die fremden Blicke an mir nagten, dann dachte ich wohl eher: «Ich bin einfach süss, juhey.» Denn ich war es auch (Beweis im Bild). Wenn ich mich anders fühlte, spürte ich viel eher eine «Wir gegen die Welt»-Attitüde. Meine Familie waren «Wir». Die anderen waren die andern. Vermutlich waren sie ein bisschen seltsam. Aus diesem Gefühl kann Stärke, Selbstsicherheit zu sich und zum eigenen Körper entstehen.

Stadler Fasnacht 1995: Ein Eisbär unter Weissen

Nicht ohne Zufall rannten an der Fasnacht alle mit Revolvern und Cowboyhüten rum – ich stattdessen mit Federpracht, Kriegsbemalung, Pfeil und Bogen. Einmal strich mich meine Mutter weiss an und tarnte mich als Eisbär unter Weissen. Ein andermal strich sie mich schwarz an und ich war Kaminfeger. Ich war immer stolz. Oder gleichgültig.

Ganz anders verhielt sich das ganze bei meiner Schwester. Ich musste hautnah miterleben, welche Qualen dies in einem Kind auslösen kann. In einem Kind, das sich in der Welt da draussen fremd fühlt. Eines, das der Exotisierung seines Aussehens nicht entfliehen konnte. Eines, das feinfühlig jeden Blick als abwertend interpretieren musste. Ein Kind, das unter stetigem Blicke des Bünzlitums jede Sekunde seines Lebens gewertet und als nicht konform abgestempelt wurde.

Wie man damit umgeht, dafür kann man nichts. Es ist Glückssache. Man ist noch ein Kind. Unreflektiert, naiv. Rein. Man glaubt dem fremdenfeindlichen Blick eines jeden Fremden aus reiner Gutgläubigkeit. Man weiss es nicht besser. Es ist kein Dialog. Es ist ein repressiver Monolog. Eine Litanei. Diktatur. Die Erwachsenen haben ja immer recht. Also weshalb nicht diese verschüchterten, xenophoben Wesen dort auf dem Dorfplatz, in der Schule, im Volg, am Turnerchränzli, beim «Brot für Alle»?

Grossmutters Sorgen

Vor einigen Jahren habe ich meine Schweizer Grossmutter aus einer Laune heraus gefragt, was ihr durch den Kopf gegangen sei, als meine Mutter meinen Vater in die Schweiz brachte. Sie sagte: «Wie sehen dann bloss die Kinder aus?»

Ich schätze ihre schamlose Ehrlichkeit. Denn diese Aussage zeigt Rassismus auf zwei Ebenen. Einerseits spürte sie wohl den Druck ihres Umfeldes: Was würden bloss die anderen denken, wenn sie mit ihren nicht-schweizer Enkelkindern durchs Dorf spazieren muss? Andererseits sorgte sie sich um uns und unser Wohlergehen. Wie nur sollten wir mit unserem Aussehen jemals in dieser Gesellschaft bestehen können?

Meine Schwester und ich auf einer Wanderung im Leukerbad 1993

Die Scham, mit uns rumzulaufen, kam nie auf. Denn wir süssen Kinder hatten die Herzen unserer Grosseltern sofort geschmolzen. Ein weiterer Beweis dafür, dass Xenophobie durch den Kontakt mit dem Fremden leicht vertrieben werden kann. Dass wir uns jedoch nie wohl gefühlt hatten in diesem Kaff, führte logischerweise dazu, dass wir schnellstmöglich geflohen sind.

Das erste Mal mit 18, mit 20 nochmals, immer wieder musste ich zurück, bis ich mit 23 schlussendlich dauerhaft meinen Platz in der gelobten Stadt gefunden hatte. In der Gleichgültigkeit der Menschen hier in Zürich über mein Aussehen und meine Herkunft fand ich einen Ort, an dem ich mich endlich wohl fühle. Ein Ort, an dem ich sein kann, wer ich will. Ein Ort, an dem ich kein Gegenentwurf zum Schweizer sein muss.

Kleinbürgerliche Sportferien in Obersaxen 1992

Aus dem Sichtfeld, ab in die Köpfe

Doch wer denkt, dass heute der Rassismus überwunden sei, täuscht sich. Er musste sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Denn er war nicht mehr salonfähig. Er flüchtete in die Hinterköpfe und schlummert dort, bis er nur hin und wieder durch sprachliche Entgleisungen an die Oberfläche durchbricht. Genau sie zeigen, wie Sprache und Denken noch immer rassistisch unterwandert sind.

Wenn ich abermals «kleiner Asiate» genannt werde. Wenn ich gefragt werde, ob ich als «der Asiate» denn nicht Chinesisch könne. Wenn sie überrascht sind, dass ich als «der Asiate» nicht fleissig, sondern eigentlich sehr faul bin. Wenn ich aufs Land fahre und noch immer angeglotzt werde. Wenn sie schräg schauen, wenn ich mit meiner Mutter oder Grossmutter unterwegs bin. Wenn mein Vater abermals von Schweizer*innen auf Englisch angesprochen wird. Liebe Schweizer*innen! Der Typ hat ein Vokabular, das eures meist bei Weitem übersteigt. Nur stottert er manchmal ein bisschen, wenn ihr ihn nervös macht, indem ihr ihn als Nicht-Schweizer ansprecht.

Allen euch zeige ich mit Stolz den Mittelfinger! Nicht als Schweizer mit Migrationshintergrund, nicht als «der Asiate», nicht als «Mischling», sondern als Mensch.

Alle Bilder: Familien Fotoarchiv

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