🍹🎉Tsüri Fäscht🎉🍹

Illustration: Artemisia Astolfi

«Wie ist das denn so mit dir und den Männern?»

Es sind wider Erwarten nur wenige Männer, die beim Anblick unserer alleinerziehenden Kolumnistin einen panischen Blick bekommen sobald sie ihr Kind erwähnt. Viel mehr begegnen ihr solche wie aus ihrem Thailandurlaub, die sie als schillernde Figur auf einen Sockel stellen.
15. Mai 2021
Filmschaffende und freie Autorin

Den mitfühlenden, vorsichtigen Fragen meiner Mitmenschen zum Thema: «Wie ist das denn so mit dir und den Männern?» entnehme ich, dass ich mich als alleinerziehende Mutter zumindest von aussen gesehen in einem per se defizitären Zustand befinde, was die zu erwartenden Erfolgschancen bei der Partnersuche angeht. Zugegeben, es gibt sie, die Männer, die mir erklären, dass sie mich nicht heiraten wollen, bevor sie mich überhaupt gefragt haben, ob ich sie denn heiraten wolle. Aber es ist nicht die Mehrheit, die mir begegnet, wenn ich mal ein Auge auf das andere Geschlecht werfe. Mir stellt sich eine ganz andere Problematik. Gerne würde ich sagen: Eigentlich hat sich nichts geändert, ich bin noch immer derselbe Mensch wie vorher und ich wünsche mir weder dringender noch weniger dringend einen Mann als auch schon früher ohne Kind. Es wäre die Wahrheit. Aber verändert hat sich doch einiges.

In Thailand sitze ich hinter meinem neuen Gastgeber auf dem Moped und düse durch den Dschungel. Er fragt mich: «Where's your family?». Ich deute auf meinen zweijährigen Sohn, der zwischen seinen Beinen klemmt und kaum über das Lenkrad hinaussieht, weil wir dort seine Schwimmflügel zwecks Imitation eines Airbags angebracht haben und antworte: «This is my family». Von da an hängt der Typ jeden Abend auf meiner Veranda rum, erzählt mir, wie viel er verdient und dass er nie eine Frau schlagen würde. Subtext: «Ich würde mich gerne deiner annehmen und bin auch noch eine total tolle Partie».

Mir ist kotzübel, aber vielleicht liegt das gar nicht am Anblick meines verletzten Kindes sondern daran, dass mir mein Begleiter fürsorglich den Arsch knetet und dabei vergessen in die Leere starrend murmelt: ‹It’s gonna be alright›.
Sophie Blöchlinger

Ich täusche Müdigkeit vor und flüchte mich unter meinen klapprigen Ventilator. Als ich frühmorgens in meinem Kimono in die Morgensonne heraustrete, sitzt da bereits der Tauchlehrer aus dem Dorf und erzählt mir beim ersten Kaffee von seinen Heldentaten. Ich tippe auf meinem Handy rum, lasse den Blick abschweifen und lehne jede Einladung ab – aber nonverbale Abweisungen sprich die ungeschriebenen Gesetze des Datings scheinen plötzlich nicht mehr zu funktionieren. Ich befinde mich offenbar in einer völlig neuen Dimension. Der Bungalow-Besitzer und der Tauchlehrer belagern meine Holzhütte, haben ihre Sensoren für das allfällige Interesse oder in meinem Fall Desinteresse ihres Gegenübers eingeklappt und sonnen sich auch bei Regenwetter unbeirrt in ihrem Heldentum, dass sie sich tatsächlich mit einer Frau abgeben würden, die schon ein Kind hat. Mit ihm sprechen sie manchmal sogar, aber nur dann, wenn ich ganz sicher hinschaue.

Eines Abends rennt mein Sohn im Hippie-Restaurant gegen einen Querbalken und hat ein Loch im Kopf. Ich steh im Bikini am Strand und mir läuft das warme Blut meines Kindes die Beine runter. Vorhang auf für den Tauchlehrer! Kurze Zeit später stehen wir in einem verlotterten Häuschen, in dem mein Sohn von der Insel-Krankenschwester «zusammengeschnurpft» wird. Mir ist kotzübel, aber vielleicht liegt das gar nicht am Anblick meines verletzten Kindes sondern daran, dass mir mein Begleiter fürsorglich den Arsch knetet und dabei vergessen in die Leere starrend murmelt: «It’s gonna be alright».

Wir rutschen immer weiter in die billigeren Absteigen im Dschungel hinein, seit ich nur noch bei weiblichen Gastgeberinnen andocke und meinen nicht existenten Boyfriend in jedem Smalltalk erwähne. Nach fünf Wochen habe ich meine durch den Grossstadtdschungel verursachte Blässe hinter mir gelassen und fühle mich nicht mehr in neun von zehn Bereichen meines Lebens im Defizit. Ich habe 58 Sandburgen gebaut, meinem Kind sowohl durchschlafen als auch Gemüse essen beigebracht (ein Ding der Unmöglichkeit mit einem Vollzeit-Beruf nebenher), mache Yoga während des Mittagsschlafs des Kleinen, trinke Wein und gucke Löcher in die Luft, wenn er abends schläft. Langsam geht’s wieder.

Braungebrannt besuchen wir jeden Abend ein schickes Restaurant und sitzen selbstbewusst an einem Tisch für zwei. Ich komme mit zwei jungen Italienern ins Gespräch. Mit verschmitztem Lächeln fragen sie mich, was denn heute Abend noch so geht und ich antworte lachend: «Na nichts, wir gehen schlafen». Man kann mich auf keine Party abschleppen, denn wir gehen um zehn in unser Häuschen und lesen Gutenachtgeschichte. Ihr Jagdinstinkt brennt lichterloh und die Fullmoon Party am anderen Ende der Insel scheint plötzlich zu verblassen. Am zweiten Abend machen sie mir ein offensichtliches Angebot: «We both find you amazing but we won’t fight for you, you can have us both».

Wir landen zu dritt am Strand und ich versuche den Moment zu geniessen ohne dabei zu vergessen mit einem Fuss den Buggy zu schaukeln, was eine zugegebenermassen grosse Herausforderung für meine Multitasking-Skills ist.
Sophie Blöchlinger

Ich bin höchst amüsiert, sowas ist mir noch nicht mal als Single passiert aber ich verziehe mich erneut bei Sonnenuntergang in meinen familiär geschützten Raum, mit Kind und Buch unterm Arm. Denn das wäre ja wohl schon ein bisschen zu verrückt oder? Am dritten Abend wollen sie erneut wissen, ob es irgendeine Möglichkeit gäbe, mich auf einen Drink am nächtlichen Strand einzuladen. Ich erkläre, dass ich das Milchpulver in der Hütte holen muss, sie den Buggy zum Strand runtertragen und ihn solange schieben müssen, bis mein Sohn im Kinderwagen eingeschlafen ist. Dann gilt es eine Bar zu finden, die nicht zu laute Musik spielt, damit er nicht aufwacht, keine vorbeifahrenden Autos, keine grölenden Touris.

Mein liebes Kind tut mir den Gefallen. Mein Plan geht auf und ihrer schlussendlich auch: Wir landen zu dritt am Strand und ich versuche den Moment zu geniessen ohne dabei zu vergessen mit einem Fuss den Buggy zu schaukeln, was eine zugegebenermassen grosse Herausforderung für meine Multitasking-Skills ist. Am nächsten Tag reisen sie ab und erstellen einen Chat, in dem sie mich nochmals in den Himmel loben und mir für die Erfahrung danken. Chat-Titel: «The Warrior», so nannten sie mich, weil ich so «amazing» und «inspiring» bin, Karriere, Kind, Reisen und so waaaahnsinnig entspannt dabei. Es wärmt mein Herz und ich nehme es gerne an aber ich weiss, es hat nicht viel mit mir zu tun.

Ein paar Wochen später besuchen sie mich in Zürich. Als es an der Tür klingelt drücke ich nur kurz den Buzzer und rufe aus dem Badezimmer, dass in der Küche noch Reste übrig seien und sie gerne auf dem Badezimmerboden mit ihrem Teller Platz nehmen können, während ich meinen Sohn bade. Es wird ein schöner Abend. Aber wir verabschieden uns früh, weil ich in meinem echten Leben keine Stunde Schlaf verpassen will – wohlwissend, dass unsere Welten, zumindest heute, nicht nochmals zueinander finden werden.

Autorin Sophie Blöchlinger
Sophie Blöchlinger wuchs als Scheidungspendlerin zwischen zwei Welten auf. Den Alltag verbrachte sie in Zürich mit ihrer alleinerziehenden Pianisten-Mutter und einem grossen Flügel im Wohnzimmer, die schulfreien Tage im dörflichen Turgi bei Baden bei ihrem Komponisten-Vater, seiner Patchwork Familie und seinen selbstgebauten Musikinstrumenten, die auf drei Haushalte verteilt waren und in denen ebenso viele Stief-Halbgeschwister und Ex-Partner wohnten. Mit 16 verliess sie die Schule, um Spanisch und Französisch zu lernen, servierte Tapas in Barcelona und führte Tourist*innen durch die marokkanische Wüste.

Mit 18 kehrte sie nach Zürich zurück und pendelte erneut zwischen zwei Realitäten, während sie in Durchgangszentren Deutsch unterrichtete, aber vor allem Ausweisungsaufforderungen für die Asylbeantragenden übersetzte und gleichzeitig in überteuerten Privatschulen reichen Brasilianerinnen beibrachte, auf Deutsch bei Chanel einzukaufen. Nach fünf Jahren hingebungsvoller Auseinandersetzung mit Satz- und Literaturanalyse in vier Sprachen, verliess sie die akademische Laufbahn mit einem Bachelorabschluss in Linguistik und einer bestandenen Zwischenprüfung zur Simultanübersetzerin endgültig und erinnerte sich an ihre ursprüngliche Leidenschaft – das Geschichten erzählen.

Nach einem Praktikum bei einer der grössten Spielfilmproduktionen der Schweiz und einem Vormittag im verrauchten Stübchen eines Filmeditors beschloss sie, sich dem Filmschnitt zu widmen. Als gebürtige Pendlerin wurde ihr die Schweiz schnell zu eindimensional, sie zog nach Berlin-Kreuzberg und arbeitete im europäischen Raum als selbstständige Werbe- und Spielfilmeditorin. Mittlerweile lebt Sophie wieder in Zürich und war für den Schweizer Filmpreis in der Kategorie «Beste Montage» nominiert. Um der Atemnot Erleichterung zu verschaffen, die entsteht, wenn sie sich zu lange an einem Ort aufhält, bereist sie mit ihrem Sohn die Welt, wärmt die Babyfläschchen über einem Holzofen in der chilenischen Pampa und besucht ausgedehnte Yogaworkshops an thailändischen Stränden, während ihr Sohn mit den Besitzern einer Kampfgockelfarm Schweinesuppe kocht. Sie hat vor, noch viele Daseinsformen auszuprobieren.
Kolumnen-Serie
Sie glauben, dass diese Welt ein anderer Ort wäre, würde jede:r von uns etwas kritischer mitdenken. Schubladen? Nein Danke. Sie fordern mehr Daseinsberechtigung von ambivalenten Zuständen. Ein bisschen mehr fragen und weniger annehmen. Und neue Kästchen zum ankreuzen auf den Online-Formularen dieser Stadt, in der sie alle leben und lieben. Unsere drei neuen Kolumnistinnen Jessica Sigerist, Gründerin des Sexshops untamed.love, Andrea Pramor und Alex Büchi vom Zentrum für kritisches Denken sowie die Filmschaffende Sophie Blöchlinger werden an dieser Stelle jeden Samstag (mit Ausnahme des Letzten des Monats) ihre ganz persönlichen Geschichten mit dir teilen.

1. Wie soll ich's den Kindern sagen?
2. Zwei gescheiterte Romantikerinnen rechnen ab
3. «Es gibt mich sehr wohl»
4. Meine monogame Freundin
5. Niemand ist Single
6. «Vielleicht braucht es mehr Hinsehen, bevor man schade sagt»
7. «Wie ist das denn so mit dir und den Männern?»
8. Ich bin bi
9. Alternative Beziehungsformen: «Langfristig funktioniert das nicht»
10. Die Sache mit den Erwartungen

Kommentare

Nöd Jetzt!