Von Michael Schallschmidt

Praktikant Redaktion

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20. August 2021 um 09:31

«Brings uf d’Strass»: Wie ein Projekt die Stadt spaltet

Heute geht das Projekt «Brings uf d’Strass» zu Ende. Für die Dauer von fünf Wochen hat das Tiefbauamt der Stadt Zürich drei Quartierstrassen für den Autoverkehr gesperrt, um temporäre Freiräume zu schaffen. Während das Tiefbauamt noch Umfragen durchführt, machten sich Gewerbetreibende und Expert:innen bereits eine Meinung zum Projekt.

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Die Rotwandstrasse war fünf Wochen lang für den Autoverkehr gesperrt. (Bild: Michael Schallschmidt)

Mit dem Ende der Sommerferien in Zürich kommt das Projekt «Brings uf d’Strass» zum Abschluss. Das Tiefbauamt der Stadt Zürich sperrte im Rahmen dieses Projekts die Fritschistrasse sowie Teile der Rotwand- und der Konradstrasse für den Autoverkehr. Zwischen dem 19. Juli und dem 20. August standen diese Strassen der Bevölkerung als nutzbarer Freiraum zur Verfügung und boten öffentliche Werkstätten sowie Spiel- und Verweilmöglichkeiten zur freien Nutzung.

Bereits während der Planung des Projekts suchte das Tiefbauamt den Kontakt mit Anwohner:innen der betroffenen Strassen und den Quartiervereinen. Damit wollte das Tiefbauamt besser auf die Wünsche und Anliegen der Bevölkerung eingehen.

Bei «Brings uf d’Strass» handle es sich um einen Pilotversuch, sagte Roger Muntwyler, Projektleiter Kommunikation des Tiefbauamtes, auf Anfrage im Juli. «Ob ein solches Projekt in den kommenden Jahren nochmals zur Umsetzung kommt, ist am Ende eine politische Entscheidung», so Muntwyler.

Mit «Brings uf d’Strass» betrat die Stadt Zürich jedoch nicht Neuland. Andere Städte führten in der Vergangenheit bereits ähnliche Projekte durch. So verwandelte beispielsweise München im Sommer 2020 insgesamt 14 Strassen in sogenannte «Sommerstrassen». Auf diesen schuf die Stadt München unter anderem verkehrsberuhigte Bereiche, um die Aufenthaltsqualität zu verbessern.

Das Projekt geschah auf Anregung der Münchner Initiative Nachhaltigkeit. Weiterhin führten die Initiant:innen Online-Befragungen durch, welche mehrheitlich positiv ausgefallen seien. Das Projekt wiederholte sich diesen Sommer und werde auch 2022 nochmal stattfinden, wie das Stadtportal von München erst kürzlich bekannt gab.

Wir gingen fast täglich in den Strassen vorbei.

Evelyne Richiger, Leiterin Kommunikation Tiefbauamt

Um auswerten zu können, wie «Brings uf d’Strass» in der Bevölkerung ankam, stellte das Tiefbauamt während des Projektes sogenannte «Zählstellen» in den Quartierstrassen auf. Damit konnten die Stadtbewohner:innen per Knopfdruck ihre Meinung zum Projekt abgeben. «Die ersten Rückmeldungen dieser Zählstellen fielen positiv aus», sagt Evelyne Richiger, Leiterin Kommunikation des Tiefbauamtes.

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Sogenannte Zählkästen standen in allen Strassen, die Teil des Projekts waren.

Um sich nach dem Zustand des Projekts zu erkundigen, seien die Behörden auch immer wieder vor Ort gewesen, sagt Richiger. «Wir gingen fast täglich in den Strassen vorbei.» Das Tiefbauamt könne jedoch erst Ende Oktober eine definitive Bilanz zum Projekt ziehen: «Es gibt noch verschiedene Befragungen in der Bevölkerung und auch weitere Auswertungen, die wir zuerst durchführen müssen», so Richiger.

Gemischte Gefühle an der Rotwandstrasse

Einige der Ladenbesitzer:innen an der Rotwandstrasse, die an der vorübergehend autofreien Rotwandstrasse ihr Geschäft haben, machten sich hingegen schon ihre Meinung zum Projekt. Für Christoph Vetter, Besitzer der Velowerkstatt «Flamme Rouge» zeigt sich begeistert: «Ich finde es super, denn die Strasse ist auf diese Weise viel entspannter», sagt Vetter.

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Christoph Vetter in seiner Velowerkstatt an der Rotwandstrasse.

Weiter biete die Strasse ohne Autoverkehr mehr Platz für seine Kund:innen, um Velos Probe zu fahren. Dies geschehe sonst meistens auf Nebenstrassen oder dem Trottoir, sagt der Velomechaniker. Dank des Projekts habe es während den diesjährigen Sommerferien auch keine Umsatzeinbussen für sein Geschäft gegeben, so Vetter.

Andrea Hinnen, die an der Rotwandstrasse ein Fachgeschäft für Damenmode besitzt, ist da anderer Meinung. Das Projekt sei nicht für die Anliegen der Gewerbetreibenden ausgelegt. «Ich verstehe nicht, wieso das Tiefbauamt diese Strasse ausgewählt hat, wo es doch so viele Erholungszonen in der Nähe gibt», sagt die Textildesignerin.

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Dem Textilgeschäft von Andrea Hinnen fehlte diesen Sommer die Laufkundschaft.

Aufgrund des fehlenden Verkehrs habe ihr Textilgeschäft weniger Umsatz erzielt als sonst, erklärt Hinnen. «Das Projekt hat die Strasse stillgelegt. Leute, die sonst hier mit dem Auto durchfahren oder parken, fehlen jetzt.» Aus diesem Grund sei für sie viel Laufkundschaft verloren gegangen.

Begegnungszonen statt Fahrverbot

«Ich finde die Idee, dass Strassen anders genutzt werden, sehr gut», sagt Alice Hollenstein, Gründerin von «Urban Psychology». Ihr Unternehmen beschäftigt sich unter anderem mit der menschenfreundlichen Entwicklung von Städten. Projekte wie «Brings uf d’Strass» würden zudem auch einen Erlebnisfaktor ermöglichen, der für neue Raumnutzungskonzepte wertvoll sei, sagt Hollenstein weiter.

Autos im gesamten städtischen Raum zu verbieten, sei jedoch nicht die Lösung: «Autofahren soll in der Stadt nicht attraktiv sein, aber möglich», sagt die Forscherin für Raumplanung. Zielführender wäre es, Begegnungszonen zu schaffen in denen für alle Verkehrsteilnehmer:innen ein niedriges Tempolimit gilt, sagt Hollenstein.

Ob «Brings uf d’Strass» ein einmaliges Projekt war oder sich im nächsten Sommer wiederholt, sei noch in Abklärung, wie das Tiefbauamt auf seiner Website schreibt. Vorschläge und Ideen für eine mögliche Wiederholung des Projekts nimmt die Stadt trotzdem bereits entgegen.

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