Von Steffen Kolberg

Redaktor

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1. Januar 2022 um 04:00

Aktualisiert 23.12.2021

Bordell, Klinik, Beiz: Die mysteriöse Geschichte der Stephansburg

Die Stephansburg steht still und unerreichbar am Hang des Burghölzlis und thront über dem Botanischen Garten. Bordell, Anstalt für «rekonvaleszente» Frauen: Wer sich mit der Geschichte dieses Gebäudes befasst, erfährt auch etwas über den Wandel menschlicher Einstellungen und Praxen in den letzten 150 Jahren – sowohl in moralischer als auch in medizinischer Hinsicht.

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Das Areal der Stephansburg dürfen nur Befugte betreten. (Fotos: Michael Schallschmidt, ausser anders angegeben)

Dieser Beitrag ist zum ersten Mal am 03. August 2021 erschienen. Im Rahmen einer Repost-Woche holen wir die meistgelesenen Artikel 2021 aus unserem Archiv.

Schöne Aussichten gibt es mehr als genug in Zürich: Auf den See, die Berge, die Stadt. Und doch entdeckt man manchmal noch eine Stelle, von der aus der Blick ganz neu und einzigartig ist. Zum Beispiel vom Burghölzli, einem bewaldeten Hügel in Riesbach, welcher der nahegelegenen Psychiatrischen Universitätsklinik ihren Namen gab. Warum er wie die nahe Burgwies eine Burg im Namen trägt, ist unklar.

Entsprechende archäologische Funde gab es jedenfalls nie. Kommt man aus dem Stadtzentrum und bringt genug Zeit mit, kann man sich dem Burghölzli auf einem Spaziergang entlang der Freiestrasse nähern. Sie führt vom Unispital über den Hottingerplatz durch die Gründerzeitviertel von Hottingen und Hirslanden, bevor sich an ihrer allerletzten Kreuzung schräg rechts eine Aussicht öffnet. Der Blick über das Wehrenbachtal fällt direkt auf ein markantes Gebäude an der Flanke des Burghölzlis, die Stephansburg.

Wirtschaft und Bordell, dann Frauen-Anstalt

Was es mit der Stephansburg auf sich hat, ist gar nicht so leicht herauszufinden. Laut der zitierten Archiv-Website diente das Gebäude zunächst als Wohn- und Wirtshaus. Der Tages-Anzeiger-Blog «Aus der Bauzone» wusste 2016 zu berichten, dass es schon nach wenigen Jahren den Besitzer wechselte. In den 1860er Jahren entstand auf der gegenüberliegenden Seite des Hügels die «Irrenanstalt» Burghölzli, die irgendwann in den 1870ern – die Quellen nennen unterschiedliche Jahreszahlen – die Stephansburg übernahm.

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Die Stephansburg in den späten 1930er-jahren. (Bild: Baugeschichtliches Archiv der ETH)

Gina Attinger, Vorstandsmitglied des Quartiervereins Riesbach, schrieb 2015 im Quartiermagazin Kontacht einen Artikel über die Stephansburg. Darin zitiert sie den damaligen Klinikdirektor und «Hirn- und Ameisenforscher» Auguste Forel mit den Worten, der vormalige Verwalter der Klinik habe das Gebäude «einem elsässischen Wirt verpachtet, der unter der Etikette der Wirtschaft ein kleines Bordell darin führte. Dasselbe lag natürlich dem männlichen Wartpersonal sehr bequem und wurde von ihm denn auch fleissig benutzt.»

Forel habe dem Bordellbetrieb 1879 ein Ende gesetzt, und nachdem der Wirt verschwunden sei und das Gebäude nicht mehr habe vermietet werden können, habe der Klinikleiter empfohlen, das Gebäude als «Dependance der Anstalt für rekonvaleszente Frauen» herzurichten. «Dies wurde mir bewilligt und im Jahre 1882 durchgeführt» – so zitiert Attinger aus Forels niedergeschriebenen Erinnerungen.

Der Klinikdirektor nahm mit dieser Entscheidung einen Stimmungswandel gegenüber der Prostitution in der Zürcher Bevölkerung vorweg: Wurde sie bis dahin mehr oder weniger geduldet, gewann die prostitutionsfeindliche Sittlichkeitsbewegung in den kommenden Jahren immer mehr Anhänger:innen. 1897 trat durch eine Volksabstimmung ein generelles Bordellverbot in Zürich in Kraft, das erst lange nach dem zweiten Weltkrieg wieder aufgehoben wurde.

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Die Stephansburg ist heute von einem Wald umringt.

Erste kinderpsychiatrische Einrichtung der Schweiz

Doch wen muss man sich unter den «rekonvaleszenten Frauen» vorstellen, die in den nächsten Jahrzehnten in dem Haus untergebracht wurden? Die Psychiatrische Universitätsklinik gibt an, kein Archivmaterial zur Stephansburg zu haben und verweist an das Kantonale Staatsarchiv.

Dieses wiederum weist auf die Arbeit eines Forschungsprojekts des Schweizerischen Nationalfonds an der Universität Zürich hin, das sich mit der späteren Nutzung des Gebäudes befasst. Zur Forschungsgruppe am dortigen Center for Medical Humanities gehört der Historiker Emmanuel Neuhaus. Er erklärt: «Rekonvaleszente Frauen waren sogenannte ‹ruhige› Frauen, also Patientinnen der nicht-geschlossenen Abteilung, die nicht gewalttätig oder ähnliches waren.» Weitere Informationen zu dieser Zeit hat aber auch Neuhaus nicht. Seine Forschung beschäftigt sich mit der Nutzung des Gebäudes ab 1921. Dann nämlich wurde die Stephansburg zur Kinderbeobachtungsstation der psychiatrischen Universitätsklinik.

Die Kinder, die in die Stephansburg kamen, galten als ‹schwierige Kinder›.

Emmanuel Neuhaus, Historiker

«Bis dahin mussten Kinder und Jugendliche, bei denen man psychische Störungen diagnostiziert hatte, in der Erwachsenenpsychiatrie untergebracht werden. Das hat man als schädigend, teilweise traumatisierend für die Kinder empfunden. Ab 1916 gab es deshalb in der Aufsichtskommission des Burghölzli Bestrebungen, eine Kinderstation zu schaffen.»

Im ersten Weltkrieg habe der Kanton Zürich aber keine Mittel für eine solche Schaffung gehabt, weshalb sich die Eröffnung in der Stephansburg nochmals um ein paar Jahre verzögerte. «Das Gebäude war aber von Anfang an ein Provisorium», so Neuhaus: «Es war nicht darauf ausgelegt, als Beobachtungsstation genutzt zu werden. Als erste solche Einrichtung in der Schweiz betrat man Neuland. Es gab auch noch keine kinderpsychiatrische Ausbildung im Land, für die Ärzt:innen war es im Grunde Learning by doing. Es ging darum, Erfahrungen zu sammeln und dabei das Fach überhaupt erst zu erschaffen.»

Zürich als Kanton der Heime

Die Kinder, die in die Stephansburg kamen, hätten als «schwierige Kinder» gegolten, erklärt Neuhaus. Es seien solche gewesen, die den Behörden, Eltern oder Schulen aufgefallen waren: «Das waren Kinder aus allen möglichen sozioökonomischen Schichten.» Aber solche aus sogenannten ‹unvollständigen Familien›, also mit ledigen, geschiedenen oder verstorbenen Eltern, waren überproportional vertreten.» Sie seien durchschnittlich drei bis vier Monate auf der Stephansburg geblieben und seien dabei verschiedensten Tests unterzogen worden: «Darunter waren körperliche Untersuchungen, Intelligenztests und zum Beispiel auch der Rorschach-Test», sagt Neuhaus. Wo vorher die Wirts- (und damit auch Bordell-)Räume gewesen waren, sei in dieser Zeit ein Schulzimmer eingerichtet gewesen, in dem das Verhalten der Kinder im Unterricht beobachtet wurde.

Nach Ablauf ihrer Zeit auf der Stephansburg wurde über die Kinder dann ein Gutachten angefertigt: «Das beinhaltete die Vorgeschichte des Kindes und der Familie, eine Diagnose, eine Prognose und eine Empfehlung», erzählt der Forscher: «Diagnostiziert wurden oft Schwachsinn, Psychopathie, Verwahrlosung und im Laufe der Zeit auch immer häufiger Neurosen.

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Wer zur Burg will, muss sich von den meisten Seiten durchs Dickicht bewegen.

Darunter fielen eine grosse Zahl sogenannter abnormer Verhaltensweisen wie zum Beispiel Bettnässen, Trotz, Stehlen oder Nägelkauen. Ungefähr die Hälfte der Kinder konnte am Ende zurück ins Elternhaus gehen, die andere Hälfte wurde fremdplatziert, also in Anstalten und Heimen oder einer Pflegefamilie untergebracht.» Während in manchen anderen Kantonen die Praxis des «Verdingens» von Kindern noch lange dominierte, seien Kinder in Zürich verhältnismässig oft in Heimen untergebracht worden. In den 20er und 30er Jahren seien im Kanton viele Einrichtungen neu gegründet worden, nicht wenige davon mit heilpädagogischen Ansätzen.

1944 wurde die Kinderbeobachtungsstation nach Männedorf verlegt, wo die Kinderstation Brüschhalde bis heute existiert. Wie der Autor des «Tages-Anzeigers» schrieb, wurde die Stephansburg noch einige Jahre weiter als Personalhaus der Klinik genutzt und ging irgendwann – hier verlieren sich die Spuren wieder – in Privatbesitz über.

Heute machen Hinweisschilder an der Auffahrt sehr deutlich, dass das Betreten für Unbefugte verboten ist, das Haus liegt unzugänglich am Hang und ist in Schweigen gehüllt. Dafür lohnt sich der Ausflug ins angrenzende Burghölzli: Hier kann man nicht nur die Aussicht auf den See und das gegenüberliegende Ufer geniessen, man kann auch durch das Dickicht stapfen und dabei auf leerstehende und verwucherte Bauten stossen. Da wäre zum Beispiel das zugesprayte alte Holzfachbauwerk ganz oben am Aussichtspunkt: War es einmal ein Ausflugslokal, gehörte es auch zur nahen Psychiatrischen Universitätsklinik? Vielleicht gibt es hier schon die nächste Geschichte zu erzählen.

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